Dinge, die tadellos funktionierten: Ein Essay ohne IFA

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 16. September 2025 um 00h32min

 

So, jetzt ist es so weit: Ich bin meine Mutter.

Das dachte ich, als ich auf das Kochfeld des neuen Herds blickte. Nichts ergab irgendeinen Sinn. Was bedeuten die Zahlen? Wo soll ich drücken? […]

So fühlen sich vermutlich meine Eltern, wenn auf dem Computer ein unbekanntes Fenster aufploppt oder das Handy nach dem Passwort für etwas verlangt, von dem sie noch nie gehört haben. Eben ging man noch ganz selbstverständlich mit etwas um, plötzlich erscheint es einem fremd, geradezu feindselig.

Im Februar 2022 postete ich ein Foto des Herdbedienfelds auf Twitter, und 7.000 Likes später wusste ich, dass ich einer Sache auf der Spur war. Statt mit Knebeln, den klassischen Drehstellern an der Front von Küchen- und anderen Geräten, wird die Temperatur an dem neuen Herd über ein futzeliges Touchfeld eingestellt, das erst beim dritten Anlauf reagiert, unmittelbar neben den heißen Töpfen platziert ist und sich bei Kontakt mit selbigen (oder Wasser) piepsend abschaltet. Zudem ist es mit der völlig rätselhaften Zeichenfolge „0 ‌1 ‌3 ‌5 8 ‌10 14 ‌A“ beschriftet.

Der Herd ist aber nicht nur schlecht. Dank Induktion reagiert er schnell und verbraucht wenig Strom. Aber die Bedienung?

Dass Waren besser und schlechter zugleich werden, habe ich in meinem Bekanntenkreis noch nicht gehört. Die Behauptung hingegen, früher sei alles besser gewesen, ist moderne Folklore. Wie Zombies suchen Probleme, die in Allerweltsprodukten schon gelöst waren, unseren Alltag heim. Dinge, die tadellos funktioniert haben, werden mit der nächsten Produktgeneration aus scheinbar unerfindlichen Gründen wieder schlechter.

Dieses Unbehagen am Konsum ist nicht nur mein individueller Eindruck. Überall in der westlichen Welt sitzen Verbraucher und Verbraucherinnen verzagt vor ihren Anschaffungen. Und es betrifft nicht nur physische Dinge. Auch Produkte, die ausschließlich online existieren, verkommen. Der Autor Cory Doctorow beschreibt unter dem Titel „Enshittification“ (in etwa „Scheißifizierung“) die offenbar zwangsläufige Verschlechterung von Social-Media-Plattformen.“

So beginnt der Essay von Gabriel Yoran, der am Sonntagmorgen, dem 7. September 2025 im Deutschlandfunk zu hören war [1]. Sein Titel:

Was war noch der Fortschritt?
Notizen aus der verkrempelten Welt

Ein Zufall, dass er gerade inmitten der IFA auf Sendung gekommen ist?

Irgendetwas stimmt nicht in unserer Welt. Ständig wird uns versprochen, dass die Dinge besser werden. In Wahrheit werden sie – von Toastern bis hin zu Smartphones – vor allem komplizierter. Was ist das nur für ein merkwürdiges Fortschrittsversprechen?

Anmerkungen

[1

Der dieser Sendung zugrunde liegende Text entstammt Gabriel Yorans Buch „Die Verkrempelung der Welt“, erschienen im Suhrkamp Verlag

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