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BP: Was kommt nach ... dem Monitor?
Samstag 2. Mai 2026, von
Nachdem er in der digitalen Welt mit seinen NFTs heftig abgeräumt hat, verlässt einer der dadurch inzwischen sehr reich gewordenen Künstler Mike Winkelmann (aka Beeple) eben diese und stellt derzeit in der Neuen Nationalgalerie in Berlin andere ’Grosskopfeten’ seinesgleichen vor, deren wirklichkeitsnah nachgebildete 3D-Köpfe auf Roboterhunden montiert und in Bewegung gebracht wurden:
Anlässlich des Gallery Weekend Berlin präsentiert die Neue Nationalgalerie eine interaktive Installation des Künstlers Beeple (Mike Winkelmann). Die Arbeit markiert eine neue Phase in Beeples Schaffen und erweitert sein Engagement mit künstlicher Intelligenz und digitaler Kunst zu einer vollständig immersiven physisch-digitalen Umgebung. Durch Tierfiguren mit den Köpfen bekannter Persönlichkeiten entwirft Beeple eine soziopolitische Allegorie zeitgenössischer Machtstrukturen. Mit dieser Präsentation wird Beeples Werk erstmals in Deutschland gezeigt.
„Regular Animals“ besteht aus autonomen Robotik-Hunden, die sich frei innerhalb eines definierten Bereichs bewegen. Jede Roboterfigur ist mit einem hyperrealistischen Silikonkopf ausgestattet, der nach weltweit bekannten Persönlichkeiten modelliert ist, darunter Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Andy Warhol, Pablo Picasso und Beeple selbst. Während die Roboter den Raum durchstreifen, erfassen sie Bilder ihrer Umgebung über integrierte Kameras. Diese Bilder werden von KI-Systemen verarbeitet, die die Daten gemäß dem kulturellen, künstlerischen oder ideologischen „Stil“ jeder Figur neu interpretieren.
Die Roboter erzeugen physisch gedruckte Bilder – die aus ihrem Hinterteil ausgestoßen werden – und verwandeln algorithmische Interpretation in greifbare Ergebnisse. Die Drucke werden kostenlos an die Besuchenden verteilt. Durch dieses bewusst buchstäbliche System von Beobachtung, Verdauung und Ausgabe liefert Beeple einen pointierten Kommentar dazu, wie zeitgenössische Wahrnehmung von Algorithmen und Technologieplattformen geprägt wird.
Mark Zuckerberg und Elon Musk besitzen Algorithmen, die kontrollieren, was wir sehen, und darüber entscheiden, wie wir die Welt wahrnehmen. Und wenn sie eine Veränderung herbeiführen wollen, müssen sie weder bei der UNO lobbyieren noch vor den Kongress gehen – sie nehmen einfach eine Umgestaltung vor.
[...]Nam June Paik und Andy Warhol als Referenzen
Begleitend zu „Regular Animals“ wird Nam June Paiks „Andy Warhol Robot“ (1994) gezeigt, der einen historischen Gegenpunkt zu Beeples Arbeit bietet. Paik, einer der frühesten Pioniere der Video- und Medienkunst, baute die humanoide Roboterfigur aus Fernsehgeräten, Filmkameras und Tonbandspulen zusammen und integrierte bewegte Bilder von Warhols Werken in ihren Körper. Beide Künstler beziehen sich auf Andy Warhol als zentrale Referenzfigur, da er wie kaum ein anderer die Verbindung von Kunst, Massenmedien, Celebrity-Kultur und serieller Reproduktion verkörperte – ein Bezugsrahmen, über den Nam June Paik und Beeple jeweils untersuchen, wie technologische Systeme Autorschaft, Bildproduktion und kulturelle Macht in ihren jeweiligen Epochen prägen. Während Paik Massenmedien in skulpturale Form verwandelte, erweitert Beeple dieses Erbe in das Zeitalter von KI, Algorithmen und dezentralen Netzwerken – und zeigt die Kontinuität künstlerischer Auseinandersetzung mit Technologie und Massenmedien auf.
Carsten Probst in der Sendung "Fazit" im Deutschlandfunk Kultur am 28. April 2026, ab 23:35 Uhr über „Regular Animals“ von Kryptostar Beeple in der Neuen Nationalgalerie
Bereits zuvor am 26. April 2026 hier ein Auszug aud dem radio3 Atelier Talk – Die Sendung mit der Kunst und der Wissenschaft, moderiert von Siham El-Maimouni zum Thema: Wir sind die Roboter - Sind sich Mensch und Maschine ähnlicher als wir glauben? [1]
Marie Kaiser am 29.04.2026 auf rbb24: Beeple bringt Musk, Bezos und Picasso nach Berlin - als Roboterhunde [2]
[1] Talk Deutschland 2026 +++ Sind Roboter bloße Maschinen - oder entwickeln sie Formen von Wahrnehmung und vielleicht sogar eine Art Selbst? Darüber spricht Moderatorin Siham El-Maimouni im radio3-Ateliertalk mit Mike Winkelmann (aka Beeple, Künstler), Käthe Wenzel (Künstlerin) und Prof. Dr. Verena Hafner (Robotikforscherin von der Humboldt-Universität).
Beeples „Regular Animals“ zeigt robotische Hundewesen mit prominenten Gesichtern wie dem von Elon Musk oder Mark Zuckerberg, die ihre Umgebung scannen und Bilder algorithmisch verarbeiten und ausgeben - eine Allegorie auf Wahrnehmung und Macht im digitalen Zeitalter.
Verena Hafner erforscht, wie Roboter ihre Umwelt wahrnehmen, lernen und sich anpassen - und ob daraus ein „Selbstmodell“ entstehen kann. Käthe Wenzel entwirft mit ihren „Bone Bots“ hybride Wesen zwischen Tier, Maschine und spekulativer Biologie. Ein Gespräch über Mensch und Maschine - und die Frage, wie ähnlich uns Roboter eigentlich sind.
[2] Ein leises Piepsen, ruckartige Bewegungen und dann tapsen sieben "Regular Animals" plötzlich ungelenk durch einen kleinen Laufstall in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die Roboterhunde sind klein wie Cocker-Spaniel, haben aber so gar nichts Niedliches an sich. Ihre Plastikkörper sind fleischfarben und haarlos. Ihre Köpfe sind auf unheimliche Weise menschlich. Es sind lebensechte Köpfe von Tech-Milliardären wie Mark Zuckerberg, Jeff Bezos oder Kunstikonen wie Andy Warhol oder Pablo Picasso.
Die Gesichter aus einem Silikonmaterial sind irritierend präzise gearbeitet: Jedes Haar in Andy Warhols wilder Mähne und jede Sommersprosse in Mark Zuckerbergs blassem Gesicht sitzen an der richtigen Stelle.
"Hyperflesh" nennt sich dieses Verfahren. Picasso läuft mit ehrwürdiger Großkünstlermine herum. Amazon-Gründer Jeff Bezos wackelt lustig hin und her, als hätte er gerade einen besonders schlechten Witz erzählt. Elon Musk ist der Unheimlichste der Unheimlichen mit eingefrorenen mimikfreien Gesicht.
Vom NFT-Hype zur physischen Kunst
Viele kennen Mike Winkelmann, der sich den Künstlernamen Beeple gegeben hat, als Digitalkünstler. Sein NFT-Kunstwerk "Everydays. The First 5000 Days", das 2021 beim Auktionshaus Christie’s für rund 69 Millionen Dollar versteigert wurde, machte ihn über Nacht zu einem der teuersten lebenden Künstler.
Jetzt geht er einen anderen Weg: weg vom Bildschirm, hin zu Objekten im Raum. Mit "Regular Animals" zeigt der US-Amerikaner jetzt in der Neuen Nationalgalerie erstmals in Deutschland seine Roboterhunde, die uns physisch auf den Pelz rücken.
Lebendige Skulpturen
"Durch die Kombination von Robotik und Künstlicher Intelligenz werden in Zukunft mehr solcher lebendigen Skulpturen entstehen", sagt Beeple in der Neuen Nationalgalerie. "Sie werden mit der Welt interagieren und unvorhergesehene Dinge tun." Und das passiert bei der Deutschlandpremiere der "Regular Animals" am Dienstagabend auch prompt. Der Roboterhund mit dem Kopf des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un läuft bei der Eröffnung stoisch gegen die Absperrbänder und scheint aufs Publikum losgehen zu wollen. Das sorgt für einige Lacher.
Wer bestimmt über unser Weltbild?
Auf den ersten Blick wirken die Figuren lächerlich. Doch das Lachen bleibt schnell im Hals stecken, denn Beeple macht mit seinen Roboterhunden Machtstrukturen sichtbar. Früher seien es Künstler wie Andy Warhol oder Picasso gewesen, die unseren Blick auf die Welt geprägt hätten. Heute seien es Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok oder X und ihre Betreiber, davon ist Beeple überzeugt: "Unser Weltbild wird von Tech-Milliardären beeinflusst, die mächtige Algorithmen kontrollieren. Sie entscheiden, was wir sehen und was nicht. Und sie müssen dafür nicht vor die UNO treten oder vor den Kongress. Sie können einfach morgens aufwachen und den Algorithmus verändern."
Wieviel Macht sie über uns haben, demonstrieren die Roboterhunde dann auch dem Berliner Publikum. Die "Regular Animals" beobachten die Welt durch eingebaute Kameras vorn in der Brust und gehen dann in den "Poop Mode". Statt Hundehaufen kommen aus ihren Hinterteilen Fotos als Ausdrucke. Mit Künstlicher Intelligenz bearbeitet sehen sie aus wie kubistische Figuren, wenn der Picasso-Hund seine Weltsicht ausdruckt, wie Siebdrucke wenn es der Warhol-Hund ist und wie eine Momentaufnahme aus dem Metaverse beim Zuckerberg-Hund.
Während man zusieht, wird man selbst Teil der Inszenierung. Und ertappt sich dabei, den Maschinen Eigenschaften zuzuschreiben: Charakter, Absicht, vielleicht sogar Gefühle. Und das, obwohl diese Maschinen gerade mal schlau genug sind, um nicht zusammenzustoßen.
Elon Musk und Kim Jong Un sind Teil des Rudels Roboterhunde von Beeple (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Elon Musk und Kim Jong Un sind Teil des Rudels Roboterhunde von Beeple (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Die Seltsamkeiten der Zukunft voraussehen
"Man hört Leute immer sagen, dass Künstliche Intelligenz keine Seele habe. Natürlich hat sie keine Seele. Sie ist ein Computerprogramm", stellt Beeple nüchtern fest. "Wenn sich die KI weiterentwickelt, werden wir ihr in Zukunft immer mehr menschliche Eigenschaften und Emotionen zuschreiben. Mit meinen Skulpturen versuche ich, die Seltsamkeiten, die auf uns zukommen, vorauszusehen."
Im Gespräch in der Neuen Nationalgalerie wirkt der Mann, der zeitweise der drittteuerste Künstler der Welt war, erstaunlich bodenständig. Beeple erzählt, dass er nie eine Kunstschule besucht habe, und von seinem ersten Computer, den ihm seine Eltern in der vierten Klasse gekauft haben, die an diesem Abend auch im Publikum sitzen.
"Das war für mich der entscheidende Moment", sagt Beeple. "Anfangs wollte ich Videospiele entwickeln, habe dann aber schnell gemerkt, dass ich eigentlich digitale Kunst machen will. Also entschied ich mich, mir einen Brotjob als Webdesigner zu suchen und meine eigentliche Energie in digitale Kunst zu stecken. Denn ich habe damals gedacht, dass ich damit niemals Geld verdienen kann."
»Unser Weltbild wird von Tech-Milliardären beeinflusst, die mächtige Algorithmen kontrollieren. Sie entscheiden, was wir sehen und was nicht. « Beeple, us-amerikanischer Digitalkünstler
Mittlerweile verdient Beeple damit nicht nur Millionen, sondern wird nach langer Skepsis auch von etablierten Kunstinstitutionen anerkannt, die seine Arbeiten lange als technische Spielereien abgetan haben. Mit den "Regular Animals" gelingt es ihm, große Fragen nach Macht, Technologie und Kontrolle nicht nur zu stellen, sondern erfahrbar zu machen - körperlich, direkt, irritierend nah.
Vielleicht sind die "Regular Animals" vor allem eine Versuchsanordnung - für Maschinen und für uns. Noch mögen sie unbeholfen wirken, doch während wir über sie lachen, zeigen sie längst, wie leicht wir uns täuschen lassen: wie schnell wir Maschinen Gefühle zuschreiben – und wie selbstverständlich wir akzeptieren, dass andere längst bestimmen, was wir sehen. Und vielleicht ist das das Verstörendste an diesem Abend: Dass diese Zukunft nicht irgendwann kommt, sondern längst begonnen hat – und uns schon ansieht.