nOSTalgie @ IFA

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonntag Letzte Bearbeitung: 7. September 2025 um 22h17min

 

Dieser in der Nachfolge geplante Text mit Bezug auf dieses am Samstagabend erstellten Ausstellungsfotos ...

... wird einer der schwersten - weil voraussichtlich einer der persönlichsten, in dem es auch einmal erlaubt sein wird, das Wörtchen "ich" zu gebrauchen.

Dieses Bild entstand im dritten Stock an einer der Wände jenes Gebäudekomplexes, das bis vor einem Jahrzehnt bei uns als das Kunsthaus Tacheles bekannt war.

Nicht jedoch dieser Kollegin, die ich dort beim Eintreffen zum Besuch der Veranstaltung EXHIBITION Takeover antraf.

Was für ein Moment: Sie kannte die Vorgeschichte dieses Ortes nicht, den ich nun das erste Mal nach seiner Gentrifizierung auf Einladung der IFA wieder betreten hatte.

Und so kamen wir ins Gespräch.

Über meine DDR-Geschichte, die sich auch in den Bildern der dort ausgestellten Fotografin wiederfindet, bis zurück auf meine Beschäftigung mit Brechts gescheiterten Plänen einer "Commune"-Inszenierung und der "Courage"- Verfilmung.

Die Urauffführung der Verfilmung von Mutter Courage und ihre Kinder – an deren Zustandekommen Wekwerth, der mich ans BE engagieren wollte und Palitzsch, mitdem ich dann im Schauspielhaus Frankfurt gearbeitet hatte, mit diesen beiden "die einzig mögliche Form gefunden, Bertolt Brecht, genauer gesagt, dieses Stück auf die Leinwand zu transportieren" [1] - fand letztendlich in diesem Haus im Jahr 1961 statt.

Aber auch aus Sicht des IFA-Managements hätte dieses Haus durchaus eine Bedeutung haben können, denn:

Das Gebäude wurde ab 1928 von der AEG genutzt und fortan von der Inhaberin, der Berliner Commerz- und Privatbank, als Haus der Technik bezeichnet. Die AEG nutzte die Räumlichkeiten, um Produkte vorzustellen und Kunden zu beraten. Das vorherige Schau- und Verkaufsgebäude der AEG in der Luisenstraße 35 war am 15. September 1927 bei einem Brand zerstört worden. Die neuen Räumlichkeiten wurden mit einer Fläche von 10.500 m² und 20 Schaufenstern genutzt.

All dies hatte schon im Vorfeld vielerlei Bedenken ausgelöst, auch wenn dies im Bericht vom Vortag IFA und Fotografie noch nicht zum Ausdruck gekommen sein mag: Auf der einen Seite gibt sich die IFA als kulturbeflissen, auf der anderen Seite stehen all diese Bilder inmitten der Geschichte dieses Hauses, die aber – zumal den auswärtigen Gästen – kaum noch bekannt sein mag. Wird das aufgehen, "Helga und Hipphopp"- auch wenn an diesem Abend eher Dub, House u.v.a.m. zu hören war?

Mir war es auf jeden Fall recht und lieb, an diesem Abend inmitten all dieser Bilder, Erinnerungen und historischen Bezüge eine Kollegin und verständige Gesprächspartnerin gefunden zu haben, mit der ich mehr teilen konnte, als unsere aktuellen IFA-Erfahrungen.

Anmerkungen

[1Manfred Jelinski in: Deutsche Filmkunst 1961, S. 112; zitiert nach: Joachim Lang: Episches Theater als Film: Bühnenstücke Bertolt Brechts in den audiovisuellen Medien, Königshausen & Neumann 2006, S. 265


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