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WS_2026-02-21
Samstag 21. Februar 2026, von
Nach vielen Jahrzehnten nicht persönlich mit dabei zu sein, ist schwer. Umso wichtiger, auch am Ende dieser Veranstaltung einige besondere Momente herauszuheben und festzuhalten.
Dazu gehören:
Die Berlinale Notesvon Tricia Tuttle vom 14. Februar 2026 "Über das Sprechen, das Kino und die Politik" [1] [2]
Das Gespräch von Katrin Heise mit Tom Tykwer im Berlinale Hub vom 16. Februar 2026: Lola rennt wieder:
Die TEDDY AWARDS [3].
Über die 40. TEDDY-Award-Verleihung vom Freitag, den 20. Februar 2026 in der Volksbühne Berlin, berichtet Gesa Ufer in der Dlf-Kultur-Sendung Fazit im Gespräch mit Britta Bürger: 40 Jahre queeres Kino bei der Berlinale: Die Teddys 2026 sind verliehen
Im "Vollbild"-Programm im Deutschlandfunk Kultur gibt es am 21. Februar 2026, 15:20 Uhr, also am frühen Nachmittag vor der abendlichen Gala, diesen Beitrag von Christian Berndt:
Das Sehen der Anderen: der internationale Blick auf die Berlinale
Zu guter Letzt dieser Beitrag des Berlinale-Partners ZDF:
https://www.zdf.de/play/reportagen/aspekte-106/berlinale-wettbewerb-highlights-backstage-filmfestival-100
Trotz dieses sehenswerten Beitrags samt seines Kurzportraits von Regisseur İlker Çatak [[Wie der Kampf um Kunstfreiheit eine Familie zermürbt und seinem Team
Eine der vielen Fehlstellen, sowohl auf der offiziellen Berlinale-Webseite als auch in diesem Beitrag: Die Abschlussrede von Wim Wenders bei der Berlinale 2026. Diese findet sich nur in internationalen Publikationen wie Varitey oder hier in Deadline, die wir an dieser Stelle mit Verweis auf den Beitrag von Melanie Goodfellow vom February 21, 2026 2:04pm wie folgt übernehmen:
The Paris, Texas; Wings of Desire and Buena Vista Social Club director and Berlin resident had reportedly been relishing the opportunity to head up the jury at the Berlinale, a festival he has long association with.
But Wenders’ term as jury president went awry at the opening press conference when he declared filmmakers had to “stay out of politics” in answer to a question on the festival’s failure to publicly declare support for Palestinians in the wake of Israel’s deadly military campaign in Gaza, sparked in turn by the October 7 2023 terror attacks.
As Wenders came on stage for Saturday night’s ceremony, host Désirée Nosbusch asked him: “Ten days ago, during our opening ceremony, you said, ‘I’m looking forward to this Berlinale. It’s a little bit of a holiday, watching movies. I think this was not quite the holiday you imagined, right?”
Wenders replied: “It didn’t work out… things turned out differently… especially in the beginning, the weather was a bit stormy.”
Nosbusch responded: “And sometimes it becomes a bit slippery when the weather is bad…”
Wenders concurred but added his jury – comprising Nepalese director Min Bahadur Bham, Korean actor Bae Doona, Indian producer and archivist Shivendra Singh Dungarpur, U.S. director Reinaldo Marcus Green, Japanese director HIKARI and Polish producer Ewa Puszczyńska – “could deal with anything”.
Prior to announcing the jury’s winners, Wenders said emphatically, “First we have to talk” and then launched into a speech suggesting activists and filmmakers should not be at odds, but rather complementary as eyes on the injustices of the world.
Read Wenders’ full speech below:
“What is the common language at the Berlinale. How do we express ourselves, apart from words, about how we feel about the world, this beautiful, insanely complicated, terrifying and out of control world we live in now. It’s the language of cinema that this jury from seven countries had in common.
It was the predominant language of the Berlinale for seven decades. It was always accompanied by the language of critics and journalists. The language of politics has also always been present as Berlin always was and still is an enormously politicized place. And since we live in the 21st Century, there is the language of the internet, a quick and fast worldwide digital language.
Lately we observe a dispute over which language should have the sovereignty of interpretation at this festival.
Our language, cinema, is highly differentiated and there are as many approaches to this language as there are filmmakers. The ones you saw already before are part of them. What the works of most filmmakers have in common is compassion. In all 22 films we saw this was their predominant attitude. It will reflect strongly in all the films that will receive an award tonight.
The language of cinema is empathetic. The language of social media is effective. We need to talk about that artificial discrepancy that happens here in Berlin. Activists are fighting, mainly on the internet, for humanitarian causes, namely the dignity and protection of human life. These are our causes as well, as the Berlinale films clearly show.
Most of us filmmakers applaud you. All of us applaud you. You do necessary and courageous work. But does it need to be in competition with us? Do our languages need to clash. Our tools, our stories, faces, places, words, emotions, our approaches can be critical, satirical, comical, but will always be complex and complicated.
Our most effective instrument is called in German, I love this word, ‘anschauung’. It’s difficult to translate it into English, a sort of a visual, sensual and existential immersion. But even if our languages are so different, we need each other, activists, friends of the suppressed, agitators against the suppressors.
If we treat each other as allies, as different but complementary languages, our shared causes have a better chance to resist the ever-changing wind of consumption, of abstraction and over saturation. Let us not discard or under-estimate each other’s reach and possibility.
Cinema is more resistant to oblivion, and certainly longer living than the short-lived attention span that the internet offers, while our urgency, no, while your urgency reaches places our films cannot. This should not be a competition, but a partnership. Tilda Swinton has said something beautiful in a magnificent speech on receiving the Golden Bear her last year. Being for something does not, ever, ever imply being anti anyone else. This is some, something so simple that is always easily overlooked… but now let’s go and have some ‘anschauung’.”
I.
Anstatt einer eigenen Abmoderation dieser Woche und dieses letzten Berlinale-Abends hier der Link zu dem Beitrag "Mythos Babelsberg" [4].
Ein Ort, der mit viel eigener Zeit, mit viel Engagement und beruflichen Verpflichtungen verbunden war, bis hin zum ersten Verkauf an die Générale des Eaux, später Vivendi in Paris und darüber hinaus.
II.
Hier die Stellungnahme von Daniel Kehlmann: „In so einem Land will man nicht leben“ im Deutschlandfunk Kultur in der Sendung "Lesart" vom 27. Februar 2026:
[1]
Es gibt viele Arten von Kunst und ebenso viele Arten, politisch zu sein. Die individuellen Herangehensweisen unterscheiden sich dabei erheblich.
Bei der Berlinale wurde der Ruf nach freier Meinungsäußerung laut. Und freie Meinungsäußerung findet hier statt. Doch zunehmend wird von Filmschaffenden im Festival erwartet, jede an sie gerichtete Frage zu beantworten. Sie werden kritisiert, wenn sie nicht antworten. Sie werden kritisiert, wenn sie antworten und ihre Antwort einem nicht gefällt. Und sie werden kritisiert, wenn sie komplexe Gedanken nicht in einen kurzen Soundbite verdichten können, sobald ihnen ein Mikrofon vorgehalten wird, obwohl sie eigentlich in einem ganz anderen Zusammenhang sprechen wollten.
Es ist schwer auszuhalten, dass die Berlinale sowie die vielen Hundert Filmschaffenden und Mitarbeitenden, die dieses Festivals ausmachen, in der Online- und Mediendebatte zu etwas verdichtet werden, das wir nicht immer wiedererkennen. In den kommenden zehn Tagen sprechen Filmschaffende ununterbrochen: Sie sprechen durch ihre Filme, sie sprechen über ihre Filme – und manchmal sprechen sie auch über geopolitische Themen, die mit ihren Werken verbunden sein können oder auch nicht. Die Berlinale macht dies zu einem großen, vielschichtigen Festival. Einem Festival, das Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen und auf vielfältige Weise schätzen.
Im diesjährigen Programm sind 278 Filme zu sehen. Sie bringen eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven mit. Es gibt Filme über Genozid, über sexuelle Gewalt im Krieg, über Korruption, patriarchale Gewalt, Kolonialismus und missbräuchliche Staatsmacht. Unter den Filmschaffenden hier sind Menschen, die selbst Gewalt und Genozid erfahren haben und die aufgrund ihrer Arbeit oder ihrer politischen Haltung Gefängnis, Exil oder sogar ihr Leben riskieren. Sie kommen nach Berlin und teilen ihre Werke mit großer Courage. Das geschieht genau jetzt. Verstärken wir diese Stimmen ausreichend?Gleichzeitig gibt es Filmschaffende, die mit anderen politischen Anliegen zur Berlinale kommen: Sie fragen, wie wir über Kunst als Kunst sprechen können und wie wir Kinos erhalten, damit unabhängige Filme auch weiterhin Orte haben, an denen sie gesehen und diskutiert werden können. In einer Medienlandschaft, die von Krisen dominiert wird, bleibt immer weniger Raum für ernsthafte Gespräche über Film oder Kultur – es sei denn, sie lassen sich auch in eine News-Logik einordnen.
Manche Filme artikulieren Politik mit kleinem „p“: Sie untersuchen Machtstrukturen im Alltag – wer und was sichtbar oder unsichtbar ist, wer ein- oder ausgeschlossen wird. Andere befassen sich mit Politik mit großem „P“: mit Regierungen, staatlichen Entscheidungen und den Institutionen von Macht und Rechtsprechung. Beides sind bewusste Entscheidungen. Macht anzusprechen kann in klar erkennbarer Weise geschehen, aber ebenso in leiseren, persönlichen Formen. In der Geschichte der Berlinale haben viele Künstlerinnen und Künstler die Menschenrechte ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt. Andere haben Filme geschaffen, die wir als stille radikale politische Gesten verstehen – Werke, die sich auf kleine, fragile Momente von Fürsorge, Schönheit und Liebe konzentrieren oder auf Menschen, die für die meisten von uns unsichtbar bleiben, auf Menschen, die allein sind. Durch ihre Filme helfen sie uns, Verbindungen zu unserer gemeinsamen Menschlichkeit zu schaffen. Und in einer zerbrochenen Welt ist das kostbar.
Was viele Filmschaffende bei der Berlinale eint, ist ein tief verwurzelter Respekt vor der Würde jedes Menschen. Wir glauben nicht, dass es unter den hier vertretenen Filmschaffenden jemanden gibt, dem gleichgültig wäre, was in dieser Welt geschieht – jemanden, der die Rechte, das Leben oder das immense Leid der Menschen in Gaza und im Westjordanland, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan, im Iran, in der Ukraine, in Minneapolis und an einer erschreckend großen Zahl weiterer Orte nicht ernst nähme.
Künstlerinnen und Künstler sind frei, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung so auszuüben, wie sie selbst entscheiden. Es sollte nicht erwartet werden, dass sie sich zu allen grundlegenden Debatten über eine bisherige oder die aktuelle Festivalpraxis äußern, über welche sie selbst keine Kontrolle haben. Ebenso sollte nicht vorausgesetzt werden, dass sie zu jedem politischen Thema Stellung nehmen, das an sie herangetragen wird. Es sei denn, sie möchten es.
Wir setzen unsere Arbeit fort, weil wir das Kino lieben – und weil wir hoffen und glauben, dass Filme etwas verändern können, selbst wenn es der langsame, fast glaziale Prozess ist, Menschen zu berühren und zu verändern, Herz oder Verstand, einen nach dem anderen.
Wir danken unserem Team, unseren Gästen, unseren Jurys, unseren Filmschaffenden und den vielen, die sich mit der Berlinale befassen, für einen kühlen Kopf in heißen Zeiten.
[2] Siehe dazu auch: Susanne Burg am 18. Februar 2026, ab 17:08 Uhr zu diesem Thema im Deutschlandfunk Kultur:
Ein offener Brief und eine altbekannte Kritik
[3]
„Als Panorama 1980 startete, gab es nur wenige queere Filme. Mitbegründer Manfred Salzgeber brachte sie nach Berlin und gab ihnen eine Bühne. Das zog Filmemacher*innen an und schon 1987 war der Anteil starker queerer Filme im Gesamtprogramm hoch genug für einen eigenen Preis – den TEDDY AWARD. Seine Aufgabe: queere Filme in den Fokus einer gleichgültigen Mehrheit zu rücken, deren Homophobie sich in Marginalisierung ausdrückte. Aber Film lebt von Aufmerksamkeit – und wir erzeugten sie.
[4] Buch und Regie von "Kaminer Inside: Filmstadt Babelsberg": Nadja Kölling
Produktionsleitung & Redaktion ZDF/3sat: Jörg Schmidt & Bettina von Pfeil
