Confusion/Diffusion: Was ist "Ein audiovisueller Essay"?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 14. September 2015 um 18 Uhr 49 Minuten

 

Bei diesem Text geht es dem Autor so wie - man verzeihe den Vergleich - Keith Jarrett vor Beginn des heute legendären KÖLN CONCERT anno 1975:
Alles, was auch nur im Entferntesten mit dem zu tun hat, was es zu schreiben gäbe, wird aus dem Kopf verbannt, stattdessen werden weisse Bildschirme entflammt, das Keyboard ist mit dem System verbunden, die zehn Finger werden auf ihre Buchstaben-Tasten-Positionen gelegt ... und ruhen dort aus, bis ES zu schreiben beginnt.

Die nachfolgenden Zeilen beziehen sich auf das Erlebnis einer Film-Aufführung in der Akademie der Künste, zu der ein Freund eingeladen hatte und dessen Empfehlungen es bisher immer Wert waren, angenommen zu werden. Egal, ob man dann danach der gleichen Meinung war über das Erlebte, oder auch nicht [1].

In diesem Fall aber waren wir uns schnell einig: Wir beide waren der Meinung, dass hier mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln Grosses geleistet wurde. Es geht dabei um die Wiederholung einer erstmals zu Beginn des Jahres gezeigten cinematografischen Bühnen-Aufführung [2] mit dem Titel "Confusion/Diffusion". In der Ankündigung auch "Performance" genannte. [3]

Worum es inhaltlich dabei geht, wer alles an der Vorbereitung beteiligt und auf der Bühne präsent war, das möge man bitte der entsprechenden Website der Akademie der Künste entnehmen. Auf eben dieser Seite wird auch ein kurzer Ausschnitt aus dem AV-Track dieser Arbeit gezeigt. Das ist löblich - und doch zugleich irreführend: Denn, was einem im Verlauf dieser Darbietung begegnet, dass ist kein Film, sondern eine Theater-Aufführung: Mit Musikern, einer Sprecherin, mit Lautsprechern und einer Leinwand.

In Abwandlung des alten Sony-Spruchs: "It’s not a trick, it’s a Floridis/Meerapfel" passiert in diesem Theaterraum am Hanseatenweg etwas ganz Besonderes: Die Leinwand verwandelt sich wieder in eine Retro-Projektions-Wand eines Stumm-Films. Und bringt uns eben durch diesen "Trick" all das, was dort an Beobachtungen vorgeführt wird, besonders nahe. Denn die Menschen und Bilder auf der Leinwand und die auf der Bühne sind ein Ensemble: Zwei Musiker, besagter Floros Floridis mit seiner Klarinette und Matthias Bauer am Bass und die Stimme von Lena Stolze, die sich wahrlich hören lassen kann - auch da waren sich der Autor und sein Freund sofort einig.

Dadurch, dass neben den dem Film unterlegten Einspielungen, die ja auch auf der Website zu hören sind, die Musiker und die Stimme live vor uns auftraten, bekam das Ganze einen völlig anderen Charakter, Film, Musik und Stimme entwickelten sich zu einem quasi dreidimensionales Ensemble, das dazu führt, dass nicht der Film die Geschichte erzählt, sondern der/die Anwesende sich selber eine Geschichte suchen muss: Und er-finden kann.

Damit hat in dem Zusammenspiel all dieser Elemente dieser "Performance" eine Performance zu Wege gebracht, die der eines 3D-Films nahe kommt [4] Hier werden nicht zwei Filmbilder kontinuierlich ausgesendet, die dann durch eine 3D-Brille wieder zusammengesetzt werden müssen, sondern hier wechseln sich fortwährend Bilder aus zwei Ländern, Deutschland und Griechenland, ab, die dann nicht mehr vor, sondern erst hinter den Augen wieder zusammengesetzt werden müssen.

Dieser "3D" genannte Effekt ist kein technischer, sondern ein dramaturgischer, der sowohl im Verlauf der Aufführung, aber auch schon zuvor am Schnittplatz zur Geltung gebracht wurde.

Auch wenn es an dieser Stelle zu weit führen würde, dieses im Einzelnen - von Einzelszene zu Einzelszene nachzuweisen - so geht im Verlauf der "Performance" das Konzept dieser verkehrten Duplizität der Szenenbilder sehr viel weiter, als hier auf der Leinwand das "Lidl"-Logo sowohl in Berlin als auch in Athen wieder aufzufinden ist. Uns begegnen kurz hintereinander Menschen, die das Gleiche tun, und doch in ganz verschiedenen Kulturen leben, und wir bekommen repräsentative Gebäude vorgestellt, zum Beispiel die Parlamentsgebäude beider Länder, die sich bei aller Unterschiedlichkeit doch durchaus ähnlich zu sein scheinen.

Das Spannende an dieser Aufführung ist, dass sie den Betrachter in jedem Moment dazu auffordert, sich selber einen Reim auf das zu machen, was er/sie da gerade erlebt. Und vielleicht ist es mit dieser Bilder-Korrespondenz von zwei polyvalenten landeskundlichen Ansichten so, wie mit der schier unerfüllbaren Forderung Brechts am Ende des Guten Menschen von Sezuan, nach einem guten Schluss zu suchen, den noch keiner von uns kennt - "Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!" - und der möglicherweise auch systemisch gar nicht möglich ist. [5]

Aber gerade das macht der Film besser als das ganze Kompromissgerangel der Politik in dieser Angelegenheit. Er macht keine Kompromisse, er lässt die Bilder sprechen, er ist aufrichtig, authentisch, aber nie überheblich. Er hebt die Widersprüche nicht auf, aber er macht uns nach dieser Aufführung mündiger, und fordert uns auf, mit den eigenen Reaktionen auf unsere Wahrnehmung der unterschiedlichsten medialen Quellen in Zukunft etwas anders umzugehen.

Das Tolle an dieser nochmals zum Leben erweckten Ensemble-Arbeit ist, dass sie zitiert und kommentiert, dass dennoch beides für sich selbst steht und doch von uns zugleich wahrgenommen werden kann. Die Rezeption ist gleichsam pluridisziplinär. Und dass das möglich ist, zugleich wahr-nehmen zu können und ein Sucher nach der Wahrheit zu bleiben, ohne an diesem Widerspruch zu scheitern, das ist eine hohe Qualität.

Die Politik wird sich - letztendlich - erneut auf einen Kompromiss einigen müssen, um diesen dann - auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner vereint - als einen Erfolg vertreten zu können. Nachdem wir aber diese Bilder in diesem Setting vorgeführt bekommen haben, begreifen wir, dass es neben diesem Reich der Notwendigkeit immer noch ein Reich der Freiheit gibt.

Und in dieses Reich hat uns diese Inszenierung einen Blick werfen lassen - der, wie die deutschen Bumerangs auf der Biennale in Venedig, entweder den Schöpfern wieder zufliegen, oder aber von den Besuchern am Fusse des Gebäudes aufgesammelt werden können - oder als Souvenirs verkauft. [6].

Anmerkungen

[1... wobei der sich daraus ergebende Diskurs über das "auch nicht" gelegentlich sogar noch spannender wurde als jene Dialoge, in deren Verlauf man sich alsbald einige war.

[2Im Nachgang wäre es natürlich spannend zu erfahren, mit welchen Eindrücken die Premierengäste die Aufführung verlassen haben - aber das Nachzuschauen oder darüber Nachforschungen anzustellen wurde ganz bewusst unterlassen. WS.

[3Und jetzt, nachdem der Titel zu diesem Text schon geschrieben war, fällt auch der Untertitel zu dieser Inszenierung ins Auge, der da lautet: "Ein audiovisueller Essay mit Live-Performance".

[4Und der Autor darf das sagen, nachdem er gut ein Jahrzehnt lang die Kino-Industrie auf dem Weg zur Digitalisierung und Neupositionierung aktiv begleitet und Mitte des letzten Jahrzehnts die Digital Cinema Society mit aus der Taufe gehoben hat.

[5Hier ein kurzer aus der Ferne aufgezeichneter Mitschnitt über ihre Arbeit, der im Anschluss an die Präsentation des Films gezeigt wurde:

[6Zum Nachhören hier ein Auszug aus einem Beitrag des SWR 2 vom 7. Mai 2015 über den Deutschen Pavillon: Im Zeichen des Bumerangs:


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