Schreiben über das Unsägliche

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 30. März 2015 um 23 Uhr 04 Minuten

 

AACHENER NACHRICHTEN:
"Dass ein junger Mann mit offenbar labiler Persönlichkeit mehr oder weniger gut durch alle Aufnahmeverfahren kommt, am Ende alleine im Cockpit einer großen Maschine sitzt und über Leben und Tod so vieler Menschen entscheiden kann, offenbart Schwächen im System. Einem System, in dem technischer Drill und auch Kostendruck mehr zählt als Menschlichkeit?"

BERLINER ZEITUNG:
"Wissenschaftliche Perfektion, technische Höchstleistung und sogar höchste Sicherheitsvorkehrungen helfen nicht, wenn ein Einzelner entschlossen ist, sich selbst und mit sich andere umzubringen. Wir versuchen, die Welt zu erklären, zu regeln, zu beherrschen. Vergebens. Diese Tat, ihre Willkür, ihre Unvorhersehbarkeit, entzieht sich unseren Bewältigungsversuchen."

DARMSTÄDTER ECHO:
"Dass ein Pilot einer der renommiertesten Fluggesellschaften der Welt eine Maschine offenbar bewusst zum Absturz bringt, dürfte außerhalb des Vorstellungsvermögens der meisten Menschen gelegen haben. Mit dem Todesflug in den französischen Alpen ist das wichtigste Kapital der Lufthansa, das Vertrauen der Passagiere in die Integrität und die Professionalität ihrer Piloten und in die Sicherheit ihrer Maschinen, schwer beschädigt worden"

DENNIK N aus Bratislava:
"Wenn der Co-Pilot tatsächlich aus persönlichen Gründen oder aufgrund einer psychischen Störung gehandelt hat, ist das eine schlimmere Nachricht, als wenn die Katastrophe durch einen Terroranschlag verursacht worden wäre. Ein Attentat muss vorbereitet werden und die Geheimdienste haben dadurch eine Chance, es zu vereiteln. Gegen jemanden aber, der sich plötzlich zu einer Tat entschließt, ist jedes Sicherheitssystem machtlos"

EL MUNDO aus Madrid:
"Das Flugzeug ist noch immer das sicherste Transportmittel"... "In der Luftfahrt werden die Regeln ständig überprüft und angepasst. Ziel ist es, auch für die unwahrscheinlichsten Szenarien Vorkehrungen zu treffen. Nach dieser Tragödie allerdings beklagen viele Experten, dass bei allem technischen Fortschritt eine Weiterentwicklung des Piloten-Trainings auf der Strecke geblieben ist. Hier hat es seit den 70er Jahren kaum Änderungen gegeben. Außerdem müssen ganz offensichtlich die medizinischen und psychologischen Tests der Piloten verbessert werden, und zwar zum Zeitpunkt des Erwerbs der Fluglizenz als auch bei späteren regelmäßigen Prüfungen, die derzeit alles andere als streng sind"

GAZET VAN ANTWERPEN:
"Die Fluggesellschaft Lufthansa und ihre Tochter Germanwings haben einen tadellosen Ruf" ... "Wenn bei einer solchen Gesellschaft eine Selbstmordaktion stattfinden kann, ist das auch anderswo möglich. Menschliches und technisches Versagen lassen sich nirgends und nie vollständig ausschließen. Aber wir können und müssen Lehren ziehen, und das gilt nun auch für die Sicherheitsmaßnahmen und -verfahren an den Cockpit-Türen. Erste Fluggesellschaften schreiben nun vor, dass immer zwei Personen im Cockpit anwesend sein müssen. Warum sollten die anderen nicht dem Beispiel folgen? Der Aufwand ist gering, und es würde die Passagiere beruhigen"

KIELER NACHRICHTEN:
"Ständiger zweiter Mann oder zweite Frau im Cockpit, regelmäßige psychologische Untersuchungen der Piloten, vielleicht auch noch strengere Aufnahmeprüfungen. Das alles wird nichts daran ändern, dass das Fliegen seit dem Absturz unberechenbarer erscheint. Technik lässt sich verbessern, das Wetter noch genauer vorhersagen, die Pilotenausbildung noch mehr intensivieren, aber die Psyche des Menschen bleibt uns in ihren größten Tiefen wohl verborgen"

KÖLNER STADT-ANZEIGER:
"Die verschlossene Cockpit-Tür steht auch für eine Denkblockade bei Flugzeugkonstrukteuren und Airlines. In ihren Bedrohungsszenarien haben sie neben Terroranschlägen auch die Möglichkeit durchgespielt, dass Lebensmüde sich einer Maschine im Flug bemächtigen. Aber dass es sich dabei um ein Mitglied der Crew, gar einen der Piloten, handeln könnte - das war offensichtlich unvorstellbar."

LIBERATION aus Paris:
"tragische Umkehr der Geschichte": "... denn die Verriegelung der Cockpittür, die dieses Drama möglich gemacht hat, wurde nach den Anschlägen vom 11. September eigens als Sicherheitsmaßnahme eingeführt. Trotz aller Fortschritte der Technologie kann nicht verhindert werden, dass der Mensch in Verbindung mit der Maschine das letzte Wort behält. Diese Vorstellung ist beruhigend und beängstigend zugleich. Außerdem hat man jetzt erfahren, dass Piloten nach Erwerb ihres Diploms keine psychologischen Tests mehr bestehen müssen. Dies sollte man schleunigst überdenken"

NORDWEST-ZEITUNG aus Oldenburg:
"Alle wussten wenig und mussten doch so viel sagen und unendlich viel Sendezeit füllen. Und sie wollten schon im Augenblick des Unfalls die Erklärung parat haben, wie es dazu kommen konnte. Billigfluggesellschaften wurden unter Generalverdacht gestellt, das Alter des Airbus 320 von Germanwings wurde skeptisch beleuchtet. Selbst ein Terroranschlag musste für die krudesten Theorien herhalten. Alles falsch. Aber niemand machte einen Punkt, alle redeten immer weiter"

SCHWERINER VOLKSZEITUNG:
"Wie kann es sein, dass zeitweise nur eine Person allein im Cockpit sein darf, ohne jedwede Kontrolle und noch dazu mit der Möglichkeit, den Zugang für andere unmöglich zu machen? Nicht nur US-Sicherheitsexperten wundern sich über diese Praxis. Schließlich gilt in den Staaten die Zwei-Personen-Regel für Cockpits, gerade, um derartige Selbstmord-Täter, ob nun mit terroristischem Hintergrund oder ohne, besser ausschließen zu können. Hier müssen die Regeln überprüft werden und auch die technischen Sicherheitsvorkehrungen"

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG aus München:
"So wie es aussieht, hat der Copilot den Absturz bewusst herbeigeführt. Er hat wohl die im Sinne des Wortes mörderische Kursabweichung programmiert und dafür gesorgt, dass niemand mehr eingreifen konnte. Ein Mensch hat 149 andere Menschen umgebracht, weil er selbst nicht mehr leben wollte. Dass einer Aberdutzende in den Tod reißt, ihre Gegenwart und Zukunft auslöscht, macht nicht nur fassungslos, sondern wütend. Es war Absicht. Dies ist die schlimmste Erkenntnis, die man in einer solchen Lage gewinnen kann"

THE NEW YORK TIMES:
"In den Maschinen amerikanischer Airlines müssen sich immer zwei Menschen im Cockpit aufhalten. Muss ein Pilot die Kabine verlassen, kann er für diese Zeit etwa durch einen Flugbegleiter ersetzt werden. Eine solche Regelung ist sinnvoll, und alle Fluggesellschaften sollten sie einführen. Im Notfall könnte ein Flugbegleiter versuchen, die Tür zu öffnen oder den Kapitän zurückzuholen. Die Anwesenheit einer zusätzlichen Person im Cockpit wäre nicht nur im Falle von Sabotage nützlich, sondern auch, wenn der am Steuerknüppel sitzende Pilot aus anderen Gründen ausfällt, etwa durch einen Herzinfarkt"

Die VOLKSSTIMME aus Magdeburg:
"Wenn die Möglichkeit eingeräumt wird, dass ein einzelnes Crewmitglied so leicht die absolute Kontrolle über ein Flugzeug übernehmen kann, wird niemand ausschließen können, dass sie irgendwann von einem psychisch gestörten Menschen genutzt wird. In der Fixierung auf terroristische Anschläge von außen scheint den Sicherheitsexperten der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen zu sein. Die Terrorgefahr hat zu vielen unsinnigen Maßnahmen geführt. Skandalös ist die Cockpitsicherung. Sie hat seit der Einführung mehr Passagieren das Leben gekostet als der Terror, vor dem sie schützen sollte"

DIE WELT aus Berlin:
"Andreas L. aus Montabaur ist nicht der erste Pilot, der seine Maschine wie ein Kamikaze abstürzen ließ. Es gab eine Handvoll spektakulärer Selbstmordattentate von Piloten. Ihre Taten führen auch in der Erinnerung jedes Flugängstlichen ein unseliges Dasein: Sie sind der leibhaftige Albtraum eines jeden, der darunter leidet, sein Leben einem Piloten und einer Maschine anzuvertrauen. Statistiken sind geduldig, Angst ist es nicht. Welche Remeduren auch beschlossen werden: Solange Menschen die Befehlsgewalt über Maschinen haben, wird ein doppeltes Risiko bleiben. Des Menschen Wille ist, manchmal, sein Höllenreich"

XINJING BAO aus Peking:
"... ob es künftig nicht die Möglichkeit geben sollte, vom Boden aus auf die Steuerung eines Flugzeugs einzuwirken. Bislang liegt die gesamte Verantwortung für eine Passagiermaschine bei den Piloten. Im Falle eines groben Fehlverhaltens des Piloten – sei es aus krimineller Absicht oder aus medizinischen Gründen – gibt es bislang kaum eine wirksame Handhabe."

Zitiert wurde unter Zuhilfename der folgenden Presseschau-Artikel des Deutschlandfunks:
— http://www.deutschlandfunk.de/presseschau-aus-deutschen-zeitungen.433.de.html
— http://www.deutschlandfunk.de/internationale-presseschau.435.de.html

Als kommentierender Gegenpol zu diesen Presse-Kommentaren:

- Ein Gespräch von Nina Landhofer mit Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des Philosophie Magazins, als einem der Beiträge des MedienMagazins des Bayerischen Rundfunks vom 29. März 2015 auf B5 aktuell [1]

http://www.br.de/radio/b5-aktuell/sendungen/medienmagazin/flugzeugkatastrophe-interview-wolfram-eilenberger100.html

- Ein Artikel des 1990 geborenen Daniel Schüler aus FIRSTLIFE mit seinem Vor-Ort-Bericht aus Montabaur, der Hoffnung macht, dass der Journalismus doch noch eine Zukunft haben könnte...

Anmerkungen

[1Das aber schon ab heute online nach - bzw. vor-gehört werden kann.


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