Buchmesse: Protokoll

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 15 Uhr 56 Minuten

 

Vom Druckwert zum Reprint

Das Messe-Tor ist geöffnet, wie immer in diesen Tagen. Die Schlangen sind wie immer gross, aber werden gut gemeistert. Am Presse-Schalter werden keine Tickets mehr ausgedruckt, sondern einfache weisse DIN-A4-Bögen, auf denen das Abbild einer Eintrittskarte samt einem Barcode zu sehen ist.

Und siehe da: Auch damit ist der Eintritt auf das Messegelände problemlos möglich. Und später kann man sich dann an irgendwelchen Schaltern auch durchsichtige Plastikanhänger besorgen und in diese die aus dem Papier ausgeschnittene Ticket-Vorlage hineinschieben – vorausgesetzt, man hat eine Schere zur Hand um sich diesen Ausdruck entsprechend zurecht zuschneiden.

Warum das hier so breit erzählt wird? Weil sich in der „Kleinigkeit“ einer solchen Veränderung das Abbild einer grossen Veränderung abzeichnet: So wie diese Einlasstickets ihre Symbolkraft als originale EinlassKARTEN verlieren, wird auch alsbald das BUCH seine repräsentative Kraft als ein für das Lesen aufbereitetes Druckwerk verlieren.

Wir sind dabei, uns schon beim Bahnfahren oder beim Fliegen daran zu gewöhnen, dass das Ticket aus dem büro- oder hauseigenen Drucker kommt. Wir reisen nicht mehr mit einem Billett und unser Flugschein hat sich in ein „eTIX“ verwandelt. Wir lernen, dass dieses Dokument nur noch der Stellvertreter eines Originals ist, dessen Beweislast als Dokument irgendwo in den Hemisphären der EDV verankert ist.

Umso mehr kommt Freude auf, wenn es nach all diesen Zeichen eines massiven Werte- und Bedeutungswandels nach wie vor noch Dinge gibt, in denen der Wert der Worte und Bilder, der Texte und Zeichen zwischen zwei Buchdeckeln in einer klaren und handhabbaren Bezüglichkeit zur Verfügung gestellt wird.

Suchen und Finden

Wo denn die Pressestelle jetzt sei? Nein, die gäbe es nicht mehr wie bisher in der Halle 6.2. Dafür sei jetzt ein neuer Raum mit Namen „open space“ gebaut worden.
Und zur Veranstaltung mit dem Verlegertreffen, die sich für die Europeana interessieren würden? Die Halle 8.1 bitte.

Veränderungen, so weit des Auge blickt, die Veranstalter scheinen keinen Ausstellungsplatz mehr an dem bisherigen Ort belassen zu haben. Zumindest gilt das für das Zentrum Bild, das bisher wirklich als eine solches Zentrum in der Halle 4.1 mit einem klaren Profil angezeigt und erkennbar war: Jetzt ist es irgendwo an eine neue, sehr viel weniger attraktive Platzierung verlegt worden.

Die Halle 8.1 bitte? Alle Schilder und Hinweiszeichen geben Orientierung in Bezug auf die Halle 8.0 an. Aber 8.1? No way! Es bedarf einer wahrlich langen Zeit des Irrwanderns, bevor schliesslich klar wird, dass sich hinter der Zahl 8.1 eine Galerie verbirgt, die an der einen Seite der Halle 8 angebracht ist.

Schliesslich ist der Treppenaufgang zu dieser Galerie gefunden. Und ganz am Ende findet sich eine offene Tür und ein Raum, in der ein gutes Dutzend Leute miteinander reden.

Public versus Private

Es macht wenig Sinn, hier im Detail über diese Veranstaltung „When Publisher meet Europeana“ zu berichten, wenngleich es auch durchaus interessant ist zu erfahren, wie Seitens von MitarbeiterInnen der Europäischen Kommission versucht wird, die aus den Verlagshäusern eingeladenen Vertreter davon zu überzeugen, aus ihren Beständen ihre Metadaten für eine frei zugängliche Publikation in den elektronischen Analen einer Europeana bereitzustellen.


© all rights reserved

Bereitstellen? Ja gerne! Aber zu welchem Gegenwert? Während die Vertreterin des öffentlichen Interesses nicht müde wird, die Vorzüge und Vorteile eines miteinander Teilens und Mitteilens zu würdigen und zu lobpreisen, ist auf Seiten der Anwesenden immer deutlicher am Minenspiel zu erkennen, dass man hier von ganz anderen Fragestellungen ausgeht, die da lauten: „Where is the meat?“

Und so endet das Ganze wie das Hornberger Schiessen: es gibt ein wohlfeiles Einverständnis darüber, von welch hohem Wert das noch weiter ausgeführte Projekt einer elektronischen Europeana-Edition sein könnte. Und wie gut es sei, dass die jährlichen Fördermittel von 5 Millionen Euro noch für eine ganze Reihe von Jahren bereitgestellt werden. Wohlwissend, dass man mit solchen Summen zwar „user generated content“-Projekte wie das zum Ersten Weltkrieg an den Start bringen könne, dass ein solches Budget aber weder vorne noch hinten ausreiche, um die Errungenschaften einer solchen Arbeit auch adäquat vermarkten zu können. Schon aus diesem Grunde sei es viel zu weit hergeholt, solche Bemühungen in ihrer Gesamtheit als eine Konkurrenzveranstaltung zu den Verlagen zu sehen. Zitat: „We are not trying to stop money being earned

David & Goliath

Während in der Halle 4.1 die Publikationen der Europäischen Kommission in vielen Regalen am laufenden Meter ausgestellt und teilweise auch zur kostenfreien Mitnahme angeboten wurden,
© all rights reserved
während der Messestand von Random House aus manchen Blickwinkeln wie eine "feste Burg" als augenfälliger Eindruck im Gedächtnic hängen bleibt, ist der Stand der Firma Google nicht weiter als ein hellweisses Geviert mit Tischen und Stühlen, denen ein Vorhof mit kleinen Steelen vorgeschaltet ist, auf denen Laptops stehen.


© all rights reserved

An denen werden die Vorzüge des Google-Books-Projektes anhand der in den USA bereits eingestellten Beispielen erläutert – solange man sich nicht als Journalist zu erkennen gibt. Um zu verstehen, wie in diesen Publikationen mit den Bildrechten umgegangen wird – denn die Urheber der Bilder sind in diesen in keiner Weise erkennbar und/oder nachweisbar – ist es nötig, ein zweites Mal diesen Stand in Begleitung einer gestandenen Fachfrau zu besuchen, damit zumindest ihr das Vorgehen und die Philosophie des „Verlegers“ Google erläutert wird.

Der Versuch, einen Kontakt mit einer Person zu erhalten, die auch auf Pressanfragen zumindest reagieren darf, gelingt schliesslich: Zum Zeitpunkt der Abreise.

Das Hochamt

Zum Mittag haben dann der Europäische Verlegerverband und die Europäische Kommission gemeinsam zu einem Empfang geladen. Und nach einem Grusswort des Vorsitzenden wurde das Wort der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, zuständig für die „Digital Agenda“, Neelie Kroes [1] erteilt.

Wichtiger noch als ihre Rede selber war das, was sie zwischen diesen ihren Zeilen hat durchblicken lassen:
—  Wie wichtig es ihr sei, dass die alternde Gesellschaft – und damit auch sie selber – die Chance haben werde, in Würde und unter dem Einsatz der digitalen Medien ihren „Lebensabend“ zu verbringen.
—  Dass sie aus ihrer ersten Amtszeit gelernt habe, mit Rückschlägen und Niederlagen umzugehen und dass es in dieser zweiten – und wohl letzten – Amtszeit weit schwieriger sei, sie noch von ihrem Wege abzubringen [2]
—  Dass mit der zunehmenden Digitalisierung die Aufgabe des Verlegers sich zwar ändern, aber alles andere sich auch minimieren lassen würde. Er/Sie sei es, die auswählen, valorisieren und für Identität von Text und Bild bürgen würden. Und es sei ihr klar, dass die meisten dieser Einrichtungen als sogenannte SME’s , als kleine oder allenfalls mittelständische Unternehmen zu gelten haben.
—  Und dass es wichtig sei, in Europa vor allen diese VerlegerInnen in jenen Ländern zu unterstützen, die aus den “small language zones” kommen würden.
—  Dass die Europeana-Initiative weiter unterstützt wird und dass vor allem die so schwierige Frage nach den Urheberrechten, insbesondere der sogenannten Orphan Works [3] auch weiterhin nicht ausser Acht gelassen werde. Und dass die Frage nach den Rechten sich nicht nur auf die Texte sondern auch auf die Fotos bezogen werden solle. [4]

Wie so üblich, wird die Frau mit einer ganzen Entourage von Leuten in den Saal hinein- und auch wieder herausgeführt. Daher ist die einzige Möglichkeit, mit ihr zu reden: Sie öffentlich beim Wort zu nehmen und zu fragen, sie auf ihr Fragezeichen am Revers hin anzusprechen und auf diesem Wege auch antworten zu lassen.


© all rights reserved

Und so geht es – einmal mehr - um die Frage, ob wir die Zukunft, die sie so gerne und so nachhaltig mit zu gestalten suche, wirklich schon dadurch definiert haben, dass wir sie zu digitalisieren bemüht sind.

Und es ist erfreulich zu hören und miterleben zu können, dass sie zu den wenigen gehört, die bereit sind, sich dieser Frage zu stellen. [5] Und dies in einer Ausführlichkeit, die die Protokollchefs zum Schwitzen bringt…

The worst visit

Der unfruchtbarste Standbesuch von allen war der beim Haufe - Verlag. Auf die Anfrage nach den Support-Funktionen bei den Lexware-Produkten, die Teil dieser Verlagsgruppe sind, kam wieder und immer wieder die gleiche Antwort: „Wenden Sie sich an die Hotline“. Keine, aber auch nicht die geringst Bereitschaft, die gestellten Fragen auf- und anzunehmen, aufzuschreiben und an eine mögliche Kontaktperson weiterzuleiten, geschweige denn, irgendeinen Namen eines oder einer Sachkundigen preiszugeben – oder gar eines oder einer Verantwortlichen. Auch nach mehr als 10 Minuten des Bittens und Bettelns kommt nichts anderes zurück als das wie ein Mantra wiederholte Verweisen auf eine Hotlinenummer, die mit fast zwei Euro pro Minute zu Buche schlägt.

Wenn es noch eines Anlasses bedurft hätte, um nach mehr als zehn Jahren mehr als motiviert zu sein, diesem Hause den Rücken zu kehren – als Nutzer, als Rezensent, als Beta-Tester – dann ist er hiermit geschaffen worden.

The best visit

Das war der Aufenthalt am Stand des Schott-Verlages. Dort gab es nicht nur die üblichen Podiumstische mit Namenskärtchen für die kleinere und grössere Gesprächsrunde, sondern auch einen Flügel - und sogar ein ganzes Drumset, das zur Freund der Anwesenden auch von einer Autorin bespielt wurde.


© all rights reserved

Eine junge Frau mit einer reifen Leistung: Sie illustriert und spielt, sie erläutert und regt an, sie inszeniert erst ihr Publikum und dann sich selbst. Und das alles auf eine so fröhliche Art und Weise, dass man gerne für einen Moment zu vergessen bereit ist darüber nachzudenken, wie viel Arbeit es gekostet haben mag, in so frühen Jahren schon an diesen Punkt gekommen zu sein.

The Open Space

Als am Abend kurzfristig die Entscheidung fällt, Frankfurt am Main nach nur einem Tag schon wieder zu verlassen, ist vieles, viel zu vieles nicht in das Blickfeld des Betrachters geraten.

Das Innere der neu auf der grossen Agora errichtete Halle bleibt ein Geheimnis, das nur – nach und nach – durch die Berichte von befreundeten Besuchern gelüftet wird.

Dort soll angeblich das sinnbildlich passieren, was bereits zu Eingang dieses Berichtes beschrieben wurde, die Dominanz des im Netz generierten Originals wird als Kopie, als Print-Out, dem Leser – hier als interaktiver Nutzer getarnt – wieder zur Verfügung gestellt: SMS-Nachrichten, einst nichts anderes als ein technisches Verifikationsprotokoll waren, werden revisualisiert und zur Lektüre zur Verfügung gestellt, so wie einst am Ticker die dort generierten Telexstreifen – aber jetzt in Klarschrift. [6]


© all rights reserved

Und, so berichtet das persönliche Handyfoto einer Besucherin, sogar die CeBIT solle dort einen Info-Stand aufgebaut haben…

Summa Summarum

Auch wenn es eine Reihe von nicht zu vermeidenden Umständen gab, in diesem Jahr die Messe nur an einem Tag zu besuchen und eine Reihe der an diesem Ort geplanten Gespräche nicht durchführen zu können, diese Messe ist und bleibt eines der grossen Höhepunkte eines ganzen Jahres.

Und das liegt vor allem an den Menschen, die sie planen und organisieren, die sich buchen und die sie besuchen: Books, it’s a people’s business.

Anmerkungen

[2This is my second term in office. I got my training in the first term.”

[3Siehe hier die Unterstützung des sogenannten ARROW – Projektes.

[4Zitate: “We must address copyright! | There is a right to be recognized for the work. | But pan-european licensing is not standardized | The ‘Premiere Leage Case’ will open the way to some more solutions. | This is music in my ears!

[5Mehr dazu auf Anfrage. WS.

[6Als der Text fertig war, wird nochmals im Netz nachgeschaut und dazu der folgende Eintrag exemplarisch ausgewählt: Aus dem Booklove - Messeblog. Sowie ein Blick auf die Seite des Künstlers Christopher P. Baker.


 An dieser Stelle wird der Text von 12617 Zeichen mit folgender VG Wort Zählmarke erfasst:
cdf0f4cf2e10a0370f72ca8b51f690