Preview: 24hBerlin

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 20 Uhr 54 Minuten

 

0.

Das ist wirklich selten: Ein Bericht über ein Medienereignis, das noch gar nicht stattgefunden hat. Und doch schon von allen Grössen und Grosskopfeten der Stadt Berlin, seines des Senders, von Produktion und Regie als Konzept vorgestellt wird.

Alles nur Hühner die gackern, bevor sie ihre Eier gelegt haben? Oder vielleicht doch ein reizvoller medien"politischer" Kontrapunkt zu den Reflektionen über die Media Night zu Beginn dieser Woche [1] ?


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 [2]

Das Projekt nennt sich 24hBerlin und ist eines jener Epigonen-Projekte, das sich an das Erfolgsimage der US-amerikanischen TV-Serie 24 anhängt.
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I.

Bei der Vorbereitung auf den Besuch dieser Veranstaltung wurde allen wichtigen beteiligten Partnern auf die Website geschaut um herauszufinden, was jeder von ihnen für dieses Projekt beizutragen hat.

Einen sehr ausführlichen Einblick erfährt man auf den Online-Seiten des Senders rbb.

Wer bei der Produktionsgesellschaft zero one film=24hBerlin] "24hBerlin" eingibt, erhält als Antwort den folgenden Hinweis:

Berlin - ein Tag im Leben
„24 Stunden Berlin“ erzählt einen Tag im Leben der Großstadt, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, 70 Jahre nach Beginn des 2. Weltkriegs. Einen Tag lang gedreht, genau ein Jahr später einen Tag lang gesendet, rund um die Uhr, im rbb-Fernsehen und auf ARTE europaweit. 24 Stunden, die den Alltag der Stadt erkunden. Ein Blick hinter die Kulissen, ein Portrait, ein weltweit einmaliges Ereignis. Vor allem aber die Selbstauskunft einer so zerrissenen wie kraftvollen Stadt.

Wer dagegen an diesem Tag auf der Website von ARTE - entweder bei den allgemeinen Fragen oder aber bei der Suche nach einem bestimmten Programm das Stichwort "24hBerlin" eingibt, bekommt die Nachricht:
"Ihre Anfrage ergab insgesamt 0 Treffer "

Auf der Seite des Medienbaords Berlin Brandenburg ist das Ergebnis das Gleiche: Der Eintrag von "24hBerlin" führt zu der Antwort:
"Nichts gefunden!"

Wer bei TRIAD auf die Seite schaut, bekommt zumindest einen Lauftitel mit dem Text
"24h Berlin: Auftaktveranstaltung am 6. Juni 2008 im Radialsystem V"
angeboten und sodann einen Link auf die oben auf der linken Seite abgebildete Webseite.

2.

Aber noch im Verlauf dieses Tages soll alles viel viel besser werden, so die Ansage von der Bühne. Schliesslich würde alsbald die Seite www.24hberlin.tv freigeschaltet werden.

Dass dem wirklich so sei, konnte bis zur Fertigstellung des Berichtes nicht wirklich festgestellt werden. Aber nachdem im Verlauf der PK deutlich gemacht wurde, dass auch der Online-Auftitt ein wichtiges Teil in diesem Puzzle darstellen würde - sei es um weitere Beteiligung anzurechen, sei es aber auch, das Projekt über den Tag hinaus dokumentieren zu wollen - wird man sich sicherlich gerade an diese Punkt nicht auf die faule Haut legen: Und dann sicherlich auf das erste Presse-Echo auf diese Veranstaltung hin ausführlich dokumentieren.

3.

Daher an dieser Stelle ein ganz anders gearteter Blick auf diese - von allen Beteiligten als durch und durch gelungen empfundene - Veranstaltung.


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Das obere Bild ist der siebenten Auflage des Bandes: "Brandenburgs Kurfürsten. Preussens Könige, Deutsche Kaiser" aus der Edition Rieger entnommen. Sie gibt eine Radierung von Bartholomäus Hübner nach G.W.Hofmann aus dem Jahr 1788 wieder und zeigt "Friedrichs des Zweiten Ankunft im Elisium". Dort sind bereits alle seine Vorfahren versammelt, aber auch viele "Geistes"-Grössen und Generale von Seinesgleichen: von Alexander dem Grossen bis Ludwig den XVI, von Friedrich Wilhelm von Seydlitz bis Hans Joachim von Zieten.

Und das untere Bild zeigt all jene, die sich für dieses "multimedial angelegte[...] Fermsehprojekt, das bislang einmalig" sei, engagieren. Und - so die These - um einen Platz in der Politik und Mediengeschichte unseres Landes ringen. Stichwort: "digitale[s] Archiv für die Zukunft". [3]

Und die nachfolgenden beiden Bilder machen diese Momente deutlich, in dem es darum geht, sich mit Hilfe der digitalen Bewegt-Bild-Medien und ihrer Macher "für die Ewigkeit" in Szene zu setzen, sei es kollektiv...


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... oder individuell:


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4.

Auf die Frage, wer und was denn die dramaturgische Klammer dieses Vorhabens sei, kam die Antwort: "Klaus Wowereit". Und auf die Anfrage nach der Auswahl des Termins kamen die vielfältigsten Argumente und Beweggründe zum Vorschein, nicht aber der Hinweis auf die unmittelbar danach folgenden Bundestagswahlen.

Es wäre wohl auch ein Irrtum, dieses Projekt zu direkt in diese politischen Zusammenhänge einbinden und durch diese instrumentalisieren zu wollen. Interessanter sind da schon Hinweise und Bezüge wie: Der Rückblick auf die 20 Jahre seit dem Mauerfall [4]. Und wie wäre es mit einem Ausblick auf das Berlin der "Zwanziger Jahre" diese neuen Jahrhunderts?!

Es wäre schön, wenn es gelänge, bei alle den "geplant und spontan" am 5. September 2008 realisierten Aufnahmen immer auch diese historische wie zukunftsweisede Dimension zumindest mit im Blick haben zu können.

5.

Also vielleicht kein Elisium, aber eben doch die Frage, was nach der Ausstrahlung mit dem ganzen Material geschieht. Da diese Frage auf der Webseite noch nicht beantwortet wird, hier ein weiteres Zitat aus der Projektbroschüre:

"Rund 80 Kamerateams [...] haben Müllfahrer und Polizisten, Clubbetreiber und Modemacher, Unternehmer und den Regierenden Bürgermeister über den Tag begleitet und ein[en] Tag in ihrem Leben eingefangen. Ein einzigartiges Materialarchiv ist entstanden, ein digitaler Grundstock für die nachwachsenden Generationen. [...]
Was werden unsere Kinder oder Enkelkinder mit diesem Material machen? [...]
_ Gemeinsam mit der Deutschen Kinemathek und Technikpartnern soll ein interaktives Archiv angelegt werden, das dazu dienen soll, diese und viele andere Fragen zu beantworten. So verlängert sich das Projekt in die Zukunft, wird zum Initiator eines digitalen Gedächtnisses einer Metropole - zu zerrissen wie faszinierend - im Wandel!"

Also doch: nach vierundzwanzigstündigem Honigsaugen soll sich das Ganze nach zwölfmonatiger Gärung als im IP-Netz verströmende multimediale Ambrosia verbreiten. Und selbst dann, wenn der Bürgermeister mit seinen zweimal zwölf Aposten den "be.Berlin-Tripp" ins digitale Elisium angetreten haben wird, werden jene, die sich nicht von einem Bootsfahrer über die Styx haben verfrachten lassen als Selbstfahrer die Chance haben, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Charon, der Bootsfahrer, war schliesslich zeitlebens blind. Und hat dennoch Friedrich den Zweiten erfolgreich ins Jenseits befördert - oder eben gerade deswegen?

So bleibt also nur noch zu hoffen, dass der Zugang zum digitalen Archiv zumindest barrierefrei sein wird.

WS.

Anmerkungen

[2Hier auf dem Screenshot links das hier besprochene Projekt und auf der rechten Seite eines der vielen anderen Epigonenprojekte, das sich ebenfalls 24 HOURS nennt und einen Blog repräsentiert, der sich die "Freizeit- und Tourismusbranche der Schweiz" zum Thema gemacht hat.

[3Unter der Überschrift "Die Idee" heisst es dazu in dem aufwendig gemachten Projektkatalog: "Ein Projekt, das Stadt- und Mediengeschichte schreiben wird: am 5. September 2009 schaut die ganze Stadt sich und die Welt Berlin beim Leben zu."

[4Und es wäre zum Beispiel spannend einige jener Videoaufnahmen zu zeigen, die mit den ersten schon zehn Jahre zuvor in die DDR eingschmuggelten U-matic und 1-Zoll-Geräten gemacht werden konnten


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