Hänge es auf: All-Tags-Geschichten

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 30. April 2018 um 12 Uhr 13 Minutenzum Post-Scriptum

 

http://www.sueddeutsche.de/bayern/k...An diesem Tag wird es zu keinem Besuch irgendeiner Veranstaltung kommen, nicht einmal der seit gestern in Berlin angelaufenen gamesweekberlin.com/ . Stattdessen sind es die vielen kleinen Dinge eines All-Tags, die den Ablauf dieser ersten Stunden heute bestimmt - und dafür gesorgt haben, dass es an diesem Tag zunächst keinen Punkt, kein Thema, kein Ereignis gibt, das sich für die Reflexion auf diesen Seiten absolut in den Vordergrund gedrängt hätte.

Dieser Tag beginnt mit einem frühen Arzt-Termin und dem Aufsuchen einer Apotheke, die ein individuell zurechtgemischtes Präparat nach Bestellung bereithält. Und das zu einem Preis, der dem einer guten Konzertkarte nahekommt. Auf dem Rückweg einen weiteren Arzt-Praxen-Besuch um persönliche einen neuen Termin auszumachen, nachdem dieses per Telefon kaum noch möglich ist.

Danach wird es noch banaler: der Aufenthalt in einem Elektro-Geschäft, das nach vielen vielen Jahren zum Ende des Monats geschlossen werden wird. Es schliesst sich ein Besuch in einer freien KFZ-Werkstatt an, um Ausschau zu halten nach einem weiteren "Moped". Das Gespräch mit dem Personal bleibt in einem fröhlichen Fachsimpeln hängen, das mit dem Meister macht klar, dass auch dort der Tag kommen wird, an dem sie das Gelände verkaufen und den Laden zumachen werden.

Der nächste Stopp ist ein kleiner Fahrradladen, um dort einen Satz Rückspiegel für das eigene Rad einzukaufen. Dort erklärt beim Betreten der Betreiber einer jungen Frau, was er alles an ihrem Rad habe machen müssen, ohne dass sie ihn dafür beauftragt hätte. Wenn er es nicht getan hätte, so sagt er in stotterndem Englisch, wäre sie (er) ihres (seines) Lebens nicht mehr froh geworden: Dass sie wegen einem Mangel an Sicherheit einen Unfall erleiden würde und dabei zu Schaden kommen, das hätte er einfach nicht verantworten können... sagt es, nicht wissend, ob die Frau ihn überhaupt verstanden habe. Stattdessen rechnet er ihr diese extra Arbeitszeit für diese Extra-Reparatur nicht mit 30, sondern nur mit 5 Euro zusätzlich ab.

Und so geht es weiter: das Betanken des Motorrades und dann der Kaffee vor einer Edeka-Filiale gegenüber, die in zwei Tagen ihre Neueröffnung vorbereitet. Dort erst ein Gespräch mit dem Coffe-Circle-Mann aus Berlin-Wedding, dann mit dem neuen Filial-Leiter. Und dann mit dem Monteur, der auf dem Hublift an der zur Hauptstrasse gerichteten Seite das neue Firmen-Schild angebracht hat.

Der Mann berichtet, wie es ist, in einem Familienbetrieb mit fünf Leuten zu arbeiten, wo "die Chefin morgens noch die Rühreier für die ganze Mannschaft" zubereitet, und wo jetzt ein 70jähriger Rentner eingestellt wurde: "Bei dem weiss man zumindest, dass die Schraube, wenn er sie reingedreht hat, auch fest sitzt." Es schliesst sich eine längere Unterredung darüber an, warum es nicht gelingt, noch junges neues Personal zu finden, die der Betrieb doch so dringend braucht, um weitermachen zu können. "Bei mehr als 100 Überstunden habe ich aufgehört zu zählen... " sagt er, ohne dabei wirklich klagen zu wollen, sondern um zu sagen, dass es mehr als genug Arbeit gäbe. Aber keine Leute, die bereit und in der Lage wären, sie zu machen [1].

Es folgen noch ein Reihe weiterer Begegnungen dieser Art: mit einem Tankwart, bzw. dem Personal an der Kasse, mit dem mobilen Hausmeister aus der Nachbarschaft, der sich jetzt auch ein altes Motorrad zugelegt hat, mit dem Postbooten, der gerade mit seinem gelben Elektrorad angerauscht kommt als die Haustüre aufgeschlossen wird und der dafür im Gegenzug die Post fürs eigene Büro nicht in den Kasten wirft, sondern bis an die Türe bringt, und mit einer Nachbarin, die es sich jetzt leisten kann, seit dem Umzug der Firma in der Mittagspause sogar kurz in die Wohnung zurückzukehren...

... es ist inzwischen Mittag. Weder das Büro noch die Einladungen - siehe oben - haben in diesen ersten Stunden des Tages die sonst immer als Nummer Eins gesetzte Prio gehabt.

Und das ist dann doch wieder etwas so Ungewöhnliches, dass es Wert ist, auch einmal erzählt zu werden.

Abgeschlossen werden soll dieser Bericht von diesem Tag mit einem Leserbrief, der ab 22:38 Uhr unter der Überschrift "Ja und Nein" auf der meta.tagesschau.de-Seite erscheint.

Darin geht es um Stellungnahmen [2] und Kommentare zu der öffentlich demonstrierten Entscheidung des neuen Bayerischen Ministerpräsidenten, dass in jeder öffentlichen Einrichtung wieder deutlich sichtbar ein Kreuz ausgehängt werden solle. Darin heisst es:

Als Christ freue ich mich über jedes Kreuz, welches in öffentlichen Einrichtungen hängt. Und ich habe nich in guter Erinnerung, dass mit uns in der Grundschule vor Beginn des Unterrichtes gebetet wurde. Schade, dass es nicht so ist.
Auch bin ich der Meinung, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, denn glaube ich an die Bibel, dann wird die Entwicklung durch den kommenden Islam in der Offenbarung aufgezeigt. Christentum und Islam passen also nicht zueinander. Und doch steht auch in der Bibel, dass man den Namen seines Herren nicht missbrauchen soll, denn er wird es nicht ungestraft lassen. Und genau hier sehe ich das Problem. Das Kreuz des Herrn Jesu, der Liebe gepredigt hat, wird missbraucht für rechte Politik. Ich glaube nicht, dass ein Herr Seehofer und ein Herr Söder von Herzen zu Gott für ihre Politik beten. Und genau das macht für mich das Kreuz in der Außendarstellung in diesem Fall gleich mit einem Minarett, welches ich in Deutschland grundsätzlich ablehne.

Und so bleiben am Ende dieses Tages zwei Bilder hängen, in denen in beiden Fällen Zeichen gesetzt und wieder in der Öffentlichkeit ins Blickfeld gerückt wurden. Zeichen, die - jedes auf seine Art und Weise - Identität signalisieren sollen:

"... für kulturelle Identität im Freistaat"

© all rights reserved

"... wenn man auf etwas besonders Stolz ist, dann schreibt man da seinen Namen drauf!" [3]

© all rights reserved

P.S.

Es scheint so, als ob die hier angesprochenen Geschichten in ihrer Wirkung doch über den Moment des Ereignisses hinausweisen.

Zumindest im Deutschlandfunk vom 26. April 2018 ist bereits von einer "Kreuz-Debatte" die Rede. In einem Interview, das Benedikt Schulz in der Sendung "Tag für Tag" mit der Theologin Frau Prof. Dr. theol. Ursula Nothelle-Wildfeuer von der Universität Freiburg führt, kritisiert diese die "politische Instrumentalisierung des Kreuzes in Bayern. Es sei ein Glaubensymbol und kein Zeichen für eine Werteordnung": "Söder macht das Kreuz zum Bayern-Logo".

In der Montagsausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 30. April 2018 nimmt Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, in einem Gespräch mit Matthias Drobinski und Jakob Wetzel so deutlich Stellung, dass diese wierderum an diesem Morgen in den Nachrichten des Deutschlandfunks zitiert wird: "Das Kreuz lässt sich nicht von oben verordnen" .

In der Gesprächsreihe "Kontrovers" hat der Deutschlandfunk unter der Fragestellung: Kreuz, Heimat, Leitkultur. Wieviel Identitätsstiftung braucht das Land? am 30. April 2018 in der Moderation von Christiane Kaess folgende Gäste eingeladen:


— Linda Teuteberg, migrationspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im bundestaag
— Erwin Huber, CSU, ehem. Parteivorsitzender und bayerischer Landtagsabgeordneter
— Burkhard Hose, Studierendenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde Würzburg

Anmerkungen

[1"In der Berufsschule haben sie jetzt einen Lehrling", so berichtet er, "der es in den drei Jahren nicht einmal geschafft hat, pünktlich zu sein" - und den sie jetzt durch die Prüfung winken werden, einfach, weil sie ihn dort nicht mehr sehen wollen...

[2

[3Aus dem EDEKA TV-Spot "Stolz".


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