Manfred Durniok †

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 18. Dezember 2016 um 13 Uhr 57 Minuten

 

Im Gedenken an einen Freund hier und heute der "Nachdruck" eines Nachrufs auf Manfred Durniok, verstorben am 7. März 2003 in Berlin, von Kirsten Wenzel aus dem Berliner "Tagesspiegel" vom 30.05.2003 [1]

Meine Arbeit ist meine Familie, meine Firma ist mein Kind. -Aber bei der Weihnachtsfeier der Firma fühlte er sich nicht wohl. Tage nach der Trauerfeier steht an seinem Grab ein Mädchen aus Japan.

Sie waren alle da, als er im März zu Sankt Mathias unter die Erde kam. Der ehemalige Bürgermeister, der Zeitungsvorstand, der Chef der Senatskanzlei, der chinesische Botschafter, der ehemalige Intendant des ZDF, der Schauspieler Klaus Maria Brandauer, zwei Prinzen von Preußen und sogar Markus Wolf. Sie zählten noch einmal seine Verdienste auf, die lange Liste der Ehrungen: ein Oscar, sieben Bundesfilmpreise, den British Academy Award, den Goldenen Kikito, die Ehrenbürgerschaft von Peking, das Bundesverdienstkreuz.

400 Filme hat Manfred Durniok produziert: Mephisto, Oberst Redl und Hotel Shanghai waren die erfolgreichsten. Dazu mehrere hundert internationale Produktionen, die meisten mit asiatischen Filmgesellschaften, eigene Regiearbeiten und Bücher, schließlich „Der Garten der Vollendung des Mondes“ in Marzahn, besser bekannt als „Chinesischer Garten“. Die Oase aus Bambus und Pagoden neben den Plattenbauten, das war seine Idee. Er reiste so oft zwischen Berlin und Peking hin und her und verhandelte, bis sie Wirklichkeit wurde. Bis die bronzene Tafel mit seinem Namen neben dem Eingangstor hing.

Zum Leichenschmaus servierte man Sushi, Ente süßsauer und Frühlingsrollen. Wie war er eigentlich jenseits seiner Taten?, fragte sich die Runde. Was war sein Wesen, an wem hing sein Herz? Sorgfältig gekleidet und von erlesener Höflichkeit, die stets Nähe und Distanz zugleich vermittelte, so erinnert sich der ehemalige ZDF-Intendant. Distanz, ein wichtiges Wort für Manfred Durniok. Und: kein lautes Wort, kein schriller Ton. „Über Privates haben wir nicht gesprochen“, sagt der Vetter, der nächststehende Verwandte, der ihn seit seiner Geburt kannte. In seiner Rede vor der Trauergesellschaft fand der ehemalige ZDF-Intendant eine schöne Umschreibung für die Tatsache, dass eigentlich niemand Manfred Durniok persönlich kannte: „Buddha ähnlich ruhte er in sich selbst, blieb dem schnell Dahineilenden ein Rätsel.“

Er hatte keine Familie. Einige unbekannte, schöne Asiatinnen warfen bei der Beerdigung Rosen in sein Grab. Er war ein attraktiver Mann, selbstbewusst, charmant, reizvoll unnahbar. Und er war im Filmgeschäft. Als kleiner Junge hatte er nach einem Luftangriff in einem zerbombten Haus eine Kiste voller Bücher über China gefunden, mit Bildern von einer heilen, harmonischen, fremdartigen Welt. Als er groß und reich und Produzent war, wurde er zum Wegbereiter des asiatischen Films in Europa. In den Hotels von Peking und Hongkong, wo er sich manchmal wochenlang aufhielt, fühlte er sich mehr zu Hause als in Berlin. Zwei Hongkonger Hotelzimmer ließ er sich in seiner Wohnung detailgetreu nachbauen, mit roten Steinlöwen und einem riesigen Weinregal. Er ließ dunklen vietnamesischen Marmor nach Berlin bringen, fuhr mit einer chinesischen Dschunke über die Havel.

Meine Arbeit ist meine Familie, und meine Firma ist mein Kind. Das war so ein Satz, den fand er passend für sich. Den sagte er häufiger. Über der Firma stand sein Name: Manfred Durniok Filmproduktion, wieder so eine große Metalltafel, gleich am Eingang. Aber in der Firma ging es nicht familiär zu. Man war per Sie, bei der Weihnachtsfeier stockte das Gespräch, der Chef fühlte sich unwohl, war im Kreis seiner Mitarbeiter Zentrum und Außenseiter zugleich. Mit dem Satz wollte er eigentlich sagen: Ich habe mich gegen eine Familie entschieden. Oder noch einfacher: Ich habe keine. Mein Werk ist mein Ziel, auch eine Art Unsterblichkeit.

Unsterblichkeit ist besser als Tod. Tod ist kein gutes Thema, nicht für einen, der mit 13 auf einen Schlag Mutter und Vater und irgendwie auch seine Wurzeln verlor. Darüber nachzudenken, hatte er keine Zeit, er musste schaffen. - Was soll denn mit der Firma mal werden, wenn Sie nicht mehr sind, Herr Durniok? Schreiben Sie bitte ein Testament, drei Zeilen auf einem Schmierpapier genügen. Eine Stiftung wär doch das Beste. - Bei solchen Sätzen hörte er gerne weg, obwohl sie doch ganz in seinem Sinne waren. Mit allem was er tat, mit den Filmen, dem Garten, den Büchern, wollte er sich verewigen. Er ließ seine Assistentin Bücher zum Stiftungsrecht bestellen, aber er las sie nicht. Er schwieg. Die Zeit danach: ein dunkles schwarzes Loch, in das niemand hineinsehen kann.

Der Tod hat Manfred Durniok überrascht. Er starb allein im Krankenhaus: ein plötzlicher Herzinfarkt. „Keine Skandale, keine Affären, keine Kabalen“, sagt der ehemalige Intendant in seiner Trauerrede, Manfred Durniok hat sein Leben perfekt im Griff gehabt. Einige Tage nach der offiziellen Feier steht ein junges Mädchen an seinem Grab, 15 Jahre alt, mit Turnschuhen und ausgewaschenen Jeans. Sie ist mit ihrer Mutter aus Tokio angereist. Sie hat Manfred Durnioks Haaransatz, seine europäische lange Nase, seinen Mund. Niemand in Berlin, in Deutschland hat von ihr gewusst. Einmal fand Durnioks Assistentin eine Kinderzeichnung in seiner Reisemappe, hegte einen vagen Verdacht, mehr nicht.

Das japanische Mädchen wird alles erben. Die Oscar-Statue auf dem Fernseher, die Berlinale Bären auf dem Couchtisch, die Flugzeugsitze im Vorführraum, die Firma, die Rechte an den rund 400 Filmen, die Durniok selbst produziert hat, plus Lizenzrechte an 500 weiteren Streifen. Das japanische Mädchen liebt Spaghetti. Weil der Vater es immer ins italienische Restaurant eingeladen hat, wenn er in Tokio war, zweimal im Jahr. Er kam nicht zu ihr nach Hause, über das Jahr schickte er Geld. Sie sollte bei ihrer Mutter leben, in vertrauter Umgebung, weit weg vom Trubel des Filmgeschäfts.

In Berlin weinte sie an seinem Grab. Sie schaute sich den chinesischen Garten an und ging mit unbewegtem Gesicht durch seine Wohnung, mehr ein asiatisches Museum auf drei Etagen als ein Zuhause. Sie beschloss, das Vermächtnis des Mannes anzunehmen, der nicht wollte, dass sie ihn Vater nannte. In den Sommerferien will sie beginnen, Deutsch zu lernen.


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Anmerkungen

[1In der bitteren Erkenntnis, dass es ein Fehler war, zu wenige der inzwischen abgeschalteten Seiten der "manfreddurniokfilmproduktion.de" nicht in den eigenen Cache übernommen zu haben und in der Hoffnung, dass sich weder die Autorin noch die Redaktion wegen dieser unbotmässichen Inanspruchnahme des Zitatrechtes echauffieren werden.


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