IQ-Herbstforum #9

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 17. Oktober 2017 um 10 Uhr 49 Minuten

 

Hier nochmals die vollständige Einladung zur Teilnahme am diesjährigen Herbstforum, das unter dem Motto steht:
"Mit Qualität gegen Lügen und Hass im Netz"

Das neunte IQ-Herbstforum befasst sich am 16. Oktober beim Deutschlandradio in Berlin mit redaktionellen Strategien gegen Lügen und Hass im Netz. Propaganda, gezielte Falschmeldungen, persönliche Diskreditierungen und Hassbotschaften sind zwar nichts Neues. Schon immer versuchen ihre Urheber, die Medien für entsprechende Manipulationen zu instrumentalisieren.

Heute machen es ihnen Digitalisierung und soziale Netzwerke leicht, Lügen und Hass an ein Millionenpublikum zu transportieren. Mit Folgen – für die gesellschaftliche Kommunikation, für das Vertrauen in demokratische Prozesse, für die Glaubwürdigkeit der Medien. Wie gelingt es professionellen Journalistinnen und Journalisten, wirksam gegen Lügen und Hass vorzugehen und sich selbst den Manipulationen zu entziehen? In Impulsreferaten, Interviews, Präsentationen und Panel-Diskussionen werden sich Moderator Werner Lauff und fachkundige Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Praxis mit dem Thema befassen.

Programm: Download Programm IQ-Herbstforum

Anmeldung: Download Anmeldeformular

Kontakt/Anmeldung: Erika Hobe, Tel. 0228/20172-18

Bisherige Herbstforen: Dokumentationen der bisherigen Foren

Hier ein kurzer Überblick über das Programm (Stand 9. 10. 2017)

11.00 Uhr Eröffnung mit Grußwort
- Andreas-Peter Weber, Programmdirektor Deutschlandradio

Hören Sie - später - selbst, der Text ist kurz genug, um kurz nachgehört zu werden. Aber er ist leider abgelesen und wird nicht ohne Nervosität vorgetragen. Warum nur, ist der Mann hier nicht unter "seinesgleichen"? Ihn selber zu fragen ist nicht möglich, da er gleich zu Beginn des ersten Vortrages wieder den Saal verlässt.

11.15 Uhr Trau, schau, wem: Vertrauen ist gut …
Impulsreferat
- Prof. Dr. Tanjev Schultz, Universität Mainz [1]

Der Spiegel-Titel - Der Angriff auf die Medien wird zum Medienthema - über "Die unheimliche Macht" schafft keine Klarheit, ordnet nichts.

Aber was eigentlich ist Vertrauen? Und was ist Medien-Vertrauen?

Im Jahr 2015 sagt der Stern: 44 Prozent der Deutschen teilen den "Lügenpresse" Vorwurf der Pegida. Wenige Monate später sind es in einer WDR-Umfrage etwas mehr als 20%.

In der in Media-Perspektiven veröffentlichten Studie - nicht von ARD oder ZDf bezahlt - kommt man zu diesen Ergebnissen: Der Anteil jener, die Misstrauen haben, steigt der Anteil in wenigen Jahren - zwischen 2008 und 2016 - von 9 auf 22 Prozent. Aber: auch das Zutrauen wächst in der gleichen Zeit: von 29 auf 42%.

Es findet ein "Zerreissen der Mitte" statt.

Es sind über 20% der Befragten der Meinung, dass Medien und Politik Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren. "Shocking", sagt der Referent.

Frage: Ist wirklich nur jene Kritik an "den Medien", die rationaler ist, "richtige Kritik"? Was ist der Unterschied zwischen den "Zynikern" und den "Skeptikern" (und den "Medienfans")? Lässt sich diese Unterscheidung durch Statistik untersuchen - und sogar definieren?

Antwort: Die Zyniker haben eine schlechte Meinung von "den Medien", klar - die schleppen Probleme mit sich herum und bereiten Probleme, und deshalb sollte man ihnen nicht hinterherlaufen. Aber wir müssen uns um jene kümmern, die skeptisch reagieren; sagt der Referent.

Und schliesst mit der ernüchternen These: Auch mit mehr Transparenz, Faktencheck und dergleichen kann man diese Problem nicht lösen. Dennoch: "Mühe sollte man sich schon geben".

Frage: Warum ist die Frage nach der Vernunft der Massstab für die Untersuchung?
Antwort: "Ich bin Kantianer und hoffnungsloser Optimist".

11.45 Uhr Fakten schaffen:
Initiativen gegen Fakes

Interviews mit

- Rike Woelk, ARD-Faktenfinder, Hamburg

Zunächst nur angelegt bis zur Bundestagswahl. Wird jetzt über zwei Jahre weitergeführt, durch Patrick Gensing und weitere Freie. Es geht ganz klar um das Narrativ von Rechts, dass angeblich die Eliten die Flüchtlinge hier ins Land geholt hätten. Auch wenn des DIE Fake-News, die die Wahlen hätte erschüttern können, nicht gegeben hat.

Wir überprüfen vor allem die in den sozialen Netzwerken gemachten Äusserungen. "Wir gucken uns das alles erst einmal an". Bevor wir uns diesem Thema und dessen Thesen zuwenden. Die Messlatte für Relevanz, mehr als 1000 "likes" . Viele Infos kommen von den Landesrundfunkanstalten, auch Hinweise für die Bearbeitung dieser "Meldungen". Wir haben viele Spezialisten mit dabei. Die Ergebnisse werden als Artikel zusammengefasst. Auch mit Erklärvideos. Oder mit einem Format "Stimmt das..." Und mit vielen Tutorials. Und ggf. wird das auch bei tagesschau.de ausgespielt.

Welche Wirkung? Die Themen, die wir aufgreifen, sind die Meldungen, die die Menschen auch am meisten interessieren. Unsere Ergebnisse kommen bei unserem Publikum an, und auch bei unseren Kollegen. Und das ist für uns ein Erfolg, der ankommt. Vor allem bei jenen, die verunsichert sind, aber (noch) keine Zyniker.

- Jutta Kramm, Fact-Checking Ressort Correct!v, Berlin

"Die Fake-News sind nicht der Fehler, sondern das was zuvor war."

"Es geht um das ’Gift der kleinen Lügen’ ", so ihr Satz am ersten Tag nach der Bundestagswahl in einer ersten Zusammenfassung. "Wir haben mit vielen Bot-Experten gesprochen. Aber die grossen Bot-Netze, die bereit gewesen wären, einzugreifen, die haben nichts gemacht. Das ist eine Info, das ist keine Entwarnung."

"Wir arbeiten mit journalistischem und gesundem Menschenverstand." "Was trendet sich, wo finden sich Themen?" Wir bekommen eine Liste mit Hinweisen von Facebook-Usern, die solche "Fehler" melden. Zu Behauptungen wie: "Bei MacDonald wird Menschenfleisch gegessen"... gibt es von uns keine Checks.

"Wir bekommen gar kein Geld von Facebook. Bis Oktober hat die Zusammenarbeit sehr schlecht funktioniert. Aber seitdem geht das ganz gut. Wir machen das auf freiwilliger Basis". Und unsere Bewertung geht zurück an Facebook als sogenannter "related content" .

Welche Wirkung? Facebook habe am Wochenende erklärt, dass die Reichweiten um 80% reduziert worden seien (im englischsprachigen Raum). Aber die Reaktionen auf offensichtliche Fake-"News" müssen sehr viel schneller werden.
Der medienpädagogische Effekt habe (s)eine eigene Qualität. Zum Beispiel, in dem man den Weg der Recherche beschreibt.
Es ist wichtig dafür zu sorgen, dass sich diese Echokammern nicht verbreitern. "Wir haben unseren Teil dazu getan, dass das Ganze nicht überhand nimmt".

Anschließend Diskussion mit [2]

- Stefan Niggemeier, Übermedien, Berlin

Die Arbeit dieser Damen ist sehr wichtig. "Verfication and social listening". Ja, das ist gut: Auch zunächst einmal zuzuhören, ist relevant. Diese "Leute" habe vielleicht auch Dinge zu sagen, die wir bisher nicht wahrgenommen haben.
Aber: Ist es unser Aufgaben, Facebook besser zu machen? Wir müssen daran arbeiten, die Menschen noch besser informieren zu können. Denn auch wir Journalisten leben in einer "Blase". Und wollen wir wirklich, dass Facebook anfängt, Zensur auszuüben?

Russische Bots kann man heute auch in Deutschland für kleines Geld kaufen, auch um in den Wahlkampf einzugreifen. Aber das muss nicht unbedingt Putin dahinter sein.

- Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl, European Journalism Observatory EJO, Lugano

"Ich spreche lieber von Desinformation als von Fake-News. Die Wahrheits-Darstellung geht immer mehr zu Lasten des Journalismus, da die Marketing-Strategien aus anderen Quellen immer mächtiger werden."

"Vieles, was im Wahlkampf gelaufen ist, das haben wir noch gar nicht richtig erkannt." RT und die russische Propaganda hat ein grosses Interesse, zusätzlichen Unfrieden zu stiften.

Lutz Hagen von der TU-Dresden stellt in einer Studie zum Thema Medien in der Schule fest, was nur Niggemeier aufgegriffen hat, aber nicht die sogenannten "grossen Medien". Gerade auch die befragten jungen Lehrer*innen sehen diese Wichtigkeit, aber dann stellt sich heraus, dass sie selber von diesem Thema so gut (so schlecht) wie keine Ahnung haben.

Das Interesse von Facebook ist nach wie vor und vor allem traffic - und nicht Journalismus.

- Mario Sixtus, ZDF-Autor, Berlin

"Immer, wenn ich von den Psychologen kommen, bin ich ganz geschockt. Wir sind mit einem echt fehlerhaften Hirn unterwegs. Aber einmal Gelerntes wegwerfen und was Neues zu wagen, das kann das Hirn eher schlecht. Man saust eher mit einem Bestätigungsvakuum durch die Welt". Wir müssen in dieser Debatte auf das Individuum zurückgehen. Auch die Brexit-Entscheidung wurde durch Lügen vorbereitet. Heute ist das bekannt. Aber die Briten wollen immer noch raus aus der EU. Im Gegensatz zu allen Stimmen der Ökonomen. "Die hängen einem Irrglauben an".

In den USA gab und gibt es eine "Fake-News-Industrie", die heute auch grosse Aggregatoren gefunden haben, die es hier noch nicht gibt. Aber die Medien hier haben das noch gar nicht so richtig auf dem Schirm. Wahrheiten sind heute schon oft ein soziales Konstrukt. Das sind keine Filter-Blasen mehr. Sondern Weltbilder von "Stämmen" / Tribes.

14.15 Uhr Agieren und reagieren:
Redaktionelle Antworten auf Hassbotschaften
Impuls von
- Ellen Wesemüller, Neue deutsche Medienmacher, Berlin
anschließend Diskussion mit
- Dr. Wiebke Loosen, Hans-Bredow-Institut, Hamburg
- Heinrich Maria Löbbers, Sächsische Zeitung, Dresden
- Alexander Völkel, Nordstadtblogger, Dortmund
- Prof. Dr. Andreas Vogel, Autor #wortgewalt(ig), Köln

16.00 Uhr Schlusswort und Ausblick
- Ulrike Kaiser, IQ-Sprecherin

Tagesmoderation
- Werner Lauff, Publizist und Medienberater, Landsberg am Lech
"Fakt-Checker sind eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung."

Kommentar-Splitter, während der Diskussion aufgezeichnet und dieser kursorischen Vorläufigkeit belassen:

"Das Thema ist viel grösser als wir" sagt eine Frau vom Sender am Publikumsmikro. Wir machen uns Sorgen. Aber wir haben keine Antworten - geschweige denn Strategien. Zumal diese Entwicklungen "durch alle Schichten gehen", so wie Sixtus es feststellt.

"Diese Leute haben die gleichen Informationen". Und es gibt immer mehr Menschen, die sagen: "Trotzdem". Und das sind auch gebildete Leute, mit einem College-Abschluss.

Aber diese Haltung gilt auch für uns, die wir uns als aufgeklärte, gebildete Vermittler sehen, als Moderatoren der Wahrheit. Was müssen wir tun: die Filterblasen infiltrieren? Selbst als Lehrer und Vermittler in die Schulen gehen? Akzeptieren, wie wenig man als Journalist (noch) ausrichten kann?

Die Menschen, die nicht Germanistik studiert oder Abitur gemacht haben, sollten andere Möglichkeiten haben, als dieses "Arschlochmedien" (Sixtus) wie die BILD-Zeitung. Aber es gibt keine Idee für das grosse Rad, an dem man noch drehen könnte.

Heute ist jeder Journalist geworden. Bedeutet "teilen" im Netz auch wirklich noch "mit-teilen"? Gibt es eine Alternative zu der Befriedigung, Teil eines virtuellen Mobs im Netz zu sein? Ja: Der Bundestagswahlkampf ist doch schon viel besser gelaufen, als was wir alle befürchtet haben.

Wie baut man heute wieder Beziehungen auf zu "den Medien", die ein neues Vertrauenspotenzial anbieten wollen. Sollen sie selber Netze auswerfen, um "diese Menschen" wieder einzufangen.

Was also, sollen "wir als Journalisten" machen? Können nicht auch Journalisten zu einem Harz 4 Fall werden - und dann auch in einer solchen Echokammer verschwinden?

Wir, das Volk der "Dichter und Denker" sind in den zwanziger Jahren schon einmal gescheitert - werden wir, die "Journalisten und Professoren" in diesen Jahren am Volk scheitern, dem wir uns nicht mehr verständlich machen können? Weil es "uns" gar nicht mehr verstehen will, nicht einmal zuhören?

Die "HÖRZU", "Deutschlands erstes TV-Magazin" wird immer noch von einer knappen Million Leuten pro Ausgabe gekauft - und gelesen. Springer hat auch diesen Traditions-Titel 2013 verkauft, für den einst, anno 1946, ein Antrag bei der britischen Besatzungsbehörde gestellt werden musste.

Wir, die Deutschen, die den Krieg überlebt hatten, mussten zur Demokratie (um-)erzogen werden. Und diese Freiheit(en), von denen unsere (Gross-)Eltern erst wieder Gebrauch machen durften, sind dabei, heute in ihr Gegenteil umzuschlagen. Weil auch wir, die "Journalisten und Philosophen" in einer Blase gelebt haben.

Diese fruchtbare Blase ist dabei zu platzen. Und der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch...

WS.

Anmerkungen

[1tanjev.schultz@uni-mainz.de

[2mit einem Ton der von den Mikroports zunächst nicht abgenommen wird, das nervt, sind wir nicht in einem Sende(r)-Haus???


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