Neue Institutionen, alte Bedenken, Neues Denken

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 26. Mai 2017 um 00 Uhr 02 Minutenzum Post-Scriptum

 

Nachfolgender Text begleitet eine Entwicklung bis hin zur avisierten Gründung eines Deutschen Internet Instituts, die mit diesen Mitteilungen aus dem Hause der Minsterin für Bildung und Forschung (BMBF) eingeleitet bzw. begleitet wurden:

- Den Digitalen Wandel umfassend erforschen vom 16. September 2015 [1]

- Fünf Konsortien erarbeiten Konzept für Deutsches Internet-Institut vom 2. Juni 2016

- Das Deutsche Internet-Institut entsteht in Berlin vom 23. Mai 2017.

Auch wenn die Entscheidung der Jury für das Berlin-Brandenburger Konsortium zwar mit einer deutlichen Mehrheit, aber nicht einstimmig gefallen ist, soll nachfolgend nicht darüber diskutiert - oder gar spekuliert werden - wie es dazu gekommen ist.

Entscheidend ist es vielmehr zu sehen, dass sich hier in der Region eine grosses Konsortium mit vielen sehr unterschiedlichen Einrichtungen - und Persönlichkeiten - offensichtlich in einem mehr als zweijährigen Prozess aneinander gerieben hat. Aber eben dadurch zusammen gekommen ist, so dass die Pluralität und die Komplexität der Aufgabe in dieser Zusammensetzung gut widergespiegelt werden können.

Um somit auch den poltischen Entscheidungsprozess mit zu beeinflussen: "... eine Einrichtung, die ihre Erkenntnisse an Gesellschaft, Wirtschaft und Politik weitergibt", so Prof. Dr. Wanka auf der Pressekonferenz am 23. Mai 2017 in Berlin.

Mehr noch, so die Erwartung des Autors: angesichts der "Vielfalt" der nicht weniger als vier Ministerien, die sich in dieser Legislaturperiode erstmals dem Thema der Digitalsierung voll und ganz angenommen haben, bedarf es dringlichst eines methodoligisch versierten und mental profilierten "Soundingboard"s, das in der Lage ist, die zur Voraussetzung gemachte wissenschaftliche Exzellenz zu koppeln mit einer Interoperabilitätskompetenz, die sich nicht nur den aktuellen Herausforderungen stellt, sondern auch jenen Perspektiven und Problemen, die zur Zeit gerne noch als "Science Fiction" entwickelt - aber zugleich damit auch abgetan - werden.

Es ist noch nicht so lange her, dass der Autor vor den deutschen Spitzenkräften eines der "Big Four" zu einem Gastvortrag zu dem Thema: Was kommt nach der Digitalisierung eingeladen wurde.

Und es begab sich zum Schluss dieser Veranstaltung, dass ihm als "Doktor der Wirtschaftswissenschaften" dafür ausdrücklich gedankt wurde. Nach der fröhlichen "Gegendarstellung", dass der Autor zwar das Abitur an einem wirtschaftswissenschaftlichen Zweig eines Gymnasiums abgelegt, aber in Philosophie promoviert habe, kommt es zu der geradezu befreit klingenden Antwort: "Ach wie gut, dass Sie das sagen: Jetzt weiss ich, warum ich noch nicht alles aus ihrem Vortrag verstanden habe."

Es ist das grosse Privileg - aber zugleich auch eine grosse Herausforderung der Mitglieder dieses neu zu gründenden Institutes - die historische Bedeutung der Entwicklung der Digitalisierung begreifbar und für eine menschenwürdige Zukunft umsetzbar zu machen: von einer digitalen Charta [2] bis hin zur Beantwortung oder Verneinung der Frage nach einer "digitalen Leitkultur" [3] [4].

Dazu stehen ihm nicht nur die finanziellen Mittel zur Verfügung. Schon in der Jury sassen eine Reihe von Kapazitäten, die sowohl zum Thema der Geschichte dieser Entwicklung, als auch dessen Zukunft eine Menge beizutragen hätten. [5]

Dieses neue Institut [6] hat das Privileg, sich gleich mit einem doppelten "Kennzeichen D" zu schmücken: "Digital" und "Deutschland".

Als Michael Rotert die erste e-Mail aus den USA empfing, da lautete die Adresse seines Mailserver-Accounts: "rotert@germany". Das war am 3. August 1984 [7]. Und rund 50 Jahre, nachdem man estmals auf der Bahnstrecke Hamburg - Berlin vom Zug aus hat telefonieren können, wird von Christian Schwarz-Schilling mit ISDN erstmals in Deutschland die digitalisierte Festnetztelefonie in Betrieb genommen [8].... kurz und gut: in jenen Jahren war Deutschland die international führende Kompetenz und Referenz bei der Digitalisierung der IT-Welt.

O tempora o mores: Auch heute noch ist aus diesen staatlichen Institutionen heraus der Wille zu spüren, sich beim Sprung in die IP-Welt nicht ganz und gar abhängen zu lassen. Und auch mit der Gründung eines solchen Instituts soll dieser Pan unter Beweis gestellt werden... indem neue Plan-Stellen geschaffen werden. Das mag gut sein und not-wendig. Aber ist das nicht schon Ausdruck der schieren Not, sich nicht vollständig von den internationalen Entwicklungen abhängen zu lassen? Es ist davon die Rede, dass man exzellent aufgestellt sein will und international wettbewerbsfähig. Aber eines der wenigen Assets, die Deutschland unter diesen gewandelten Verhältnissen in diesem internationalen Wettbewerb noch zu bieten hat, ist sein Bestehen auf einer Datenhoheit im "eigenen" Netz.

Quod erat demonstrandum: Seit diesem Jahr 2017 bieten sowohl Microsoft als auch Amazon "rein deutsche" Cloud-Lösungen an. Am 12.-13. Juni wird in Ludwigshafen erstmals der bisher als IT-Gipfel-Treffen organisierte Dialogprozess als sogenannter Digital-Gipfel fortgesetzt. Und am 19. September diesen Jahres soll es sogar im Rahmen des Münchner Kreises ein Gespräch zur Frage nach einem "eigenen Weg für Deutschland" geben (sic!).

Aber: Dem "Adels"-Prädikant "Deutsch" ist aber schon vor vielen Jahren das "Veredlungs"-Prädikat "Humboldt" vorangeschritten, auch wenn in der offiziellen Agenda dieses Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft mit Blick auf die Gründung dieser Einrichtung im Jahr 2011 von dem Geburtshelfer Google keine Rede mehr ist [9]. Vielmehr ist in der Presseerklärung im Lichte der Entscheidung des BMBF zu lesen:
"Durch das Deutsche Internet-Institut erhält die Forschung zur Digitalisierung in Deutschland erneuten Aufschwung. In den vergangenen fünf Jahren hat das HIIG maßgeblich daran mitgewirkt, dass Deutschland im Bereich der interdisziplinären Internetforschung ein wichtiger internationaler Akteur ist. "

Kompliment an den Marionettenspieler Google und das zunächst als Google-Uni verschrieene Humboldt-Institut:
Der Marsch durch die Institutionen ist gelungen.

Was bedeutet das für das weitere Handeln?
- "Don’t cry about the sippend milk".
- "Fix the digital Humpty-Dumpty"
- "Enable migration strategies from Ecosystems to Onthologies"
- "Design the Times Beyond Digitalization"

Zu all diesen Themen gibt es weitere Überlegungen, Ausführungen, Konzepte und Vorschläge - auf Anruf [10] - und Abruf.

WS.

P.S.

Es gibt gleich zwei Anknüpfungspunkte, die zufällig an das Kakadu-Wochenprogramm vom Deutschlandfunks Kultur in dieser Woche an die Aktivitäten des BMBF anknüpfen:
- eine Sendung über das Wissenschaftsjahr 2017: Meere und Ozeane vom 15. Mai 2017
- eine Sendung über Alexander von Humboldt vom 26. Mai 2017

Anmerkungen

[1Samt einer Bekanntmachung der Richtlinien für ein "Deutsches Internet-Institut" vom 17. September 2015.

[2Nicht zu verwechseln mit der Charta der digitalen Vernetzung

[3Dieser Begriff ist bislang im deutschsprachigen Raum nicht besetzt und wird daher an dieser Stelle von dem Autor für sich und seine MitstreiterInnen in Anspruch genommen.

[4Siehe dazu als eine der ganz wenigen Publikationen zu dieserm Thema das Werk von Constanze Baum, Thomas Stäcke et altera zum Thema: Digital Humanities.

[5Hier nur als pars pro toto ein kurzer Exkurs auf den inzwischen verstorbenen Ossi Urchs, der immer wieder gefordert hatte, das Thema der Digitalisierung neu und "grundsätzlich anders" zu denken. So sein Plädoyer für Haltungen und Regeln, die es erst zu erfinden gäbe, wie etwa die einer "digitalen Diskretion". Nachzuhören im Gespräch mit Gunnar Sohn, mit Hannes Schleeh und seinem "alter ego" Tim Cole auf: http://www.urchs.de/4/ossi/2013/10/neues-zur-digitalen-aufklarung.html.

[6"neu"? Es hat mehr als 25 Jahre gebraucht, bis dass sich in der Bundesrepublik Deutschland auf politischer Ebene die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass man sich hier endlich auf dieses "Neuland" zu begeben habe: Frau Dr. Angela Merkel im Rahmen einer Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama am 19. Juni 2013: "Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung natürlich, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen."

[7Das Jahr, dessen Buchtitel sich gerade jetzt wieder in den USA wie geschnitten Brot verkaufen lässt...

[8Und unter aktiver Mitwirkung des Autors konnte das ISDN-Capi-Protokoll 1993 erstmals in der europäischen Version von Windows 3.11 for Workgroups zum Einsatz gebracht werden - zu einem Zeitpunkt als in den USA das Thema der Digitalisierung der Telefonie noch kaum eine Relevanz hatte...

[9"Das HIIG wurde 2011 von der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), der Universität der Künste Berlin (UdK) und vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) gegründet mit dem Hans-Bredow-Institut Hamburg als integrierter Kooperationspartner. Die ForschungsdirektorInnen des Instituts sind Prof. Dr. Jeanette Hofmann, Prof. Dr. Dr. h.c. Ingolf Pernice, Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer und Prof. Dr. Wolfgang Schulz."

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