Die Deutschen Massen-Mörder

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 17. März 2017 um 21 Uhr 16 Minuten

 

Dieser Eintrag wird veröffentlicht in der Hoffnung, dass sein Autor, Bernd Ulrich, sich damit einverstanden erklärt, dass sein "Kalenderblatt"-Eintrag vom 17. März 2017 an dieser Stelle in voller Länge wiedergegeben wird [1]

Es ist einer jener kurzen Texte, von denen kein Wort überflüssig ist, um in der gebotenen Kürze dieses Formates zu sagen - und in Erinnerung zu rufen - was sich nach den vorangegangenen Euthanasiemorden [2] nun über diese hinaus in Deutschland abgespielt hat: Die systematische Ermordung von Menschen, deren eigene Lebensweise und Gottesvorstellung nicht mit der "Leitkultur" jener Jahre vereinbar war.

Am 17. März 1942 erreichte der erste Deportationszug das gerade errichtete NS-Todeslager Belzec in der Nähe Lublins im besetzen Polen.

Mit diesem Satz wird der Beitrag angekündigt, der dann mit diesem Tagebuch-Eintrag von Joseph Goebbels vom 27. März 1942 eingeleitet wird [3]:

"Aus dem Generalgouvernement werden jetzt, bei Lublin beginnend, die Juden nach dem Osten abgeschoben. Es wird hier ein ziemlich barbarisches und nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig."

Das war vor 75 Jahren.

Was für eine lange, was für eine kurze Zeit, die zwischen diesen Ereignissen und uns zurückliegt.

Bernd Ulrich weiter:

Der fanatische Antisemit Joseph Goebbels war wie immer gut informiert. Trotz höchster Geheimhaltungsstufe, sein Tagebuch-Eintrag vom 27. März 1942 belegt es, wusste er von der "Aktion Reinhardt". Dieses geheime Codewort hatte die Mordaktion nach dem Vornamen des hohen SS-Offiziers Reinhard Heydrich erhalten. Er war zugleich Chef des Reichssicherheitshauptamtes sowie seit Ende September 1941 stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. Im Frühjahr 1942 hatte der Polizei- und

SS-Offizier Odilo Globocnic die Leitung der "Aktion Reinhardt" übernommen. Für deren Durchführung waren mittlerweile, versteckt in den Wäldern Ostpolens, kleine Todeslager mit Gleisanschluss errichtet worden – und zwar in Belzec, Sobibor und Treblinka.

Unter den SS-Schergen galt Globocnic als besonders eifriger Massenmörder. Rudolf Höß, der einstige Kommandant von Auschwitz, berichtete über seinen SS-Kameraden:

"Während ich mich mit Eichmann immer herumschlug, um die Judentransporte nach Auschwitz abzubremsen, konnte Globocnic nicht genug bekommen, denn er wollte unbedingt mit seinen Vernichtungen und seinen erfassten Werten an der Spitze stehen."

Die Maschinerie des Tötens

Am 17. März 1942 traf auf einem nur der Tarnung dienenden Bahnhof beim neu errichteten Todeslager Belzec im Südosten des Distrikts Lublin der erste Deportationszug ein. In ihm befanden sich exakt 6.786 Juden, - Männer, Frauen, Kinder jeden Alters -, aller Würde schon im Lubliner Getto beraubt, aus dem heraus sie in die mit Stacheldraht verschlossenen Güter- und Viehwaggons für den Transport zusammengepfercht worden waren. Sie gehörten zu den über 430.000 Menschen, die nach Zählung der SS allein in Belzec bis Ende Dezember 1942 ermordet, das heißt, unmittelbar nach ihrer Ankunft erschlagen, erschossen und hauptsächlich in erstmals errichteten, stationären Gaskammern mit Motorabgasen um ihre Leben gebracht wurden.

Volkhardt Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora, bringt es für die drei Todeslager der "Aktion Reinhardt" auf den Punkt:

"Diese Lager der ’Aktion Reinhardt’ stehen wirklich für das krasse Töten. Dort kommen die Züge an, dort werden die Juden des sogenannten Generalgouvernements ermordet, aber auch etwa 50.000 Roma. Auch jüdische Deutsche werden dorthin transportiert. Dort steigt man aus dem Zug, wird in die Gaskammern getrieben, wird ermordet, wird verbrannt – das ist der Vorgang. Es ist eine reine Maschinerie des Tötens."

Vor allem das Mord-Personal, das in den Jahren 1940/41 bei der Tötung von über 70.000 geistig und körperlich Behinderten in Deutschland mitgeholfen hatte, kam in der "Aktion Reinhardt" zum Einsatz. So amtierte etwa der im Mord mit Kohlenmonoxid besonders erfahrene Kriminalpolizist und SS-Offizier Christian Wirth, tätig unter anderem in der Tötungsanstalt Hadamar, als erster Lagerkommandant in Belzec und wurde schließlich kurzzeitig "Inspekteur" aller drei Tötungslager. Die relativ wenigen SS-Männer konnten ihre Untaten nur mithilfe sogenannter Arbeitsjuden begehen. Es waren todgeweihte Menschen, die vor ihrer eigenen Ermordung mithelfen mussten, die Deportierten auszuplündern, ihre Leichen zu verscharren und später – aus Angst vor Entdeckung – die Toten wieder auszugraben und zu verbrennen.

Ihre Berichte, die sie weitergeben konnten, führten im August und im Oktober 1943 zu Aufständen in Treblinka und Sobibor.

Die Trawniki-Männer

Unverzichtbar waren aber vor allem die von der SS aus dem Heer der kriegsgefangenen Rotarmisten rekrutierten Männer, meist Ukrainer, Balten oder auch Wolgadeutsche, die nach dem Ort ihrer schnellen Ausbildung, südöstlich von Lublin gelegen, "Trawniki" genannt wurden. Die Historikerin Angelika Benz:

"In den Vernichtungslagern der ’Aktion Reinhardt’ zumindest – also Belzec, Sobibor und Treblinka – haben die Trawnikis den größten Teil der Wachmannschaften gestellt. Immer eben bewacht und angeleitet von der SS, aber zahlenmäßig waren es immer einige Hundert Trawniki-Männer, und dann 20 bis 40 SS-Männer."

Erst durch den Prozess gegen Iwan Demjanjuk – einer von etwa 5.000 Trawniki-Männern – rückte zwischen 2009 und 2011 wieder ins Bewusstsein der Deutschen, was mit der Tarnbezeichnung "Aktion Reinhardt" nur unvollständig beschrieben ist: Über zwei Millionen Menschen wurden in eineinhalb Jahren ermordet.

Anmerkungen

[1Aber wir sind guter Dinge, da auf der hier zitierten Seite Verlinkungsangebote u.a. zu twitter- und facebook-Nutzern angeboten werden. Und wir auf diese Weise sicherstellen und sicher sein können, dass ein Text wie dieser über die staatlich verordnete Halbwertszeit eines Rundfunkbeitrags hinaus präsent bleibt: Als mahnende Herausforderung an uns alle. WS.

[2Der Autor hat sich selber im Zusammenhang der Ausschreibung des sogenannten T4-Denkmals für dieses Thema engagiert.

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