Der Doyen der Datev †

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 26. August 2016 um 10 Uhr 24 Minutenzum Post-Scriptum

 

Dr. h.c. Dipl.-Volkswirt Heinz Sebiger, zuletzt Ehrenvorstandsvorsitzender der von ihm mitgegründeten DATEV e.G. wusste, was ein Doyen ist [1].

Und er verstand den Sinn dieser Aussagen, als wir im Gespräch auf diesen Satz kamen - Anlass dafür war ein Artikel, der zum 40-jährigen Bestehen des Hauses geschrieben werden sollte.

Das letzte Mal hörte und sah ich ihn aus Anlass der Feier zum 50-jährigen Bestehen der DATEV, die ihn jetzt in der nachfolgend wiedergegebenen Aussendung mit diesen Worten geehrt hat:

Nürnberg, 25. August 2016: Der Mitgründer und Ehrenvorstandsvorsitzende der DATEV eG, Dipl.-Volkswirt und Steuerberater Dr. h.c. Heinz Sebiger ist in der Nacht auf Donnerstag im Alter von 93 Jahren verstorben. Sebiger hatte die Genossenschaft 1966 gegründet und von einer kleinen Selbsthilfeorganisation zu einem der größten Softwarehäuser und IT-Dienstleister in Deutschland aufgebaut. Als er nach 30 Jahren den Vorstandsvorsitz an seinen Nachfolger Prof. Dieter Kempf übergab, zählte die Genossenschaft im Geschäftsjahr 1996 bereits über 4.700 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von einer knappen Milliarde DM (989 Millionen DM). Sebiger gilt als einer der drei deutschen IT-Pioniere neben Konrad Zuse und Heinz Nixdorf.

"Mit Heinz Sebiger verlieren die DATEV, der steuerberatende Berufsstand und die IT-Branche einen ihrer großen Pioniere. Mit seinem Weitblick, seinem Mut und seiner Entschlossenheit hat Heinz Sebiger es geschafft, vor 50 Jahren den Grundstein für ein sehr erfolgreiches Unternehmen zu legen und mit einer anschließenden stürmischen Entwicklung der genossenschaftlichen Idee in einem bis dahin neuen Marktumfeld zum Durchbruch zu verhelfen", so Dr. Robert Mayr, Vorstandsvorsitzender der DATEV. "Wir sind unendlich traurig, dass unser Gründervater nun nicht mehr unter uns ist. Er wird nicht nur seiner Familie, sondern auch allen Mitgliedern und Mitarbeitern der DATEV sehr fehlen.“

Auch wenn von Cloud-Technologien Mitte der 1960er Jahre noch lange nicht die Rede war, so hatte Sebiger mit der Idee der zentralen Datenverarbeitung den Weg dafür bereitet: Um die Effizienz von Buchhaltern deutlich zu erhöhen, hatte der damalige Steuerbevollmächtigte die Idee, die elektronische Verarbeitung von Buchführungsdaten in einem eigenen berufsständischen Rechenzentrum zu bündeln und durch eine Genossenschaft selbst zu verantworten. Zu Sebigers Lebenswerk gehört auch sein steter Kampf gegen den Steuerdschungel. Immer wieder erinnerte er die jeweiligen Bundesregierungen an deren Versprechen, Steuergesetze zu vereinfachen und zu professionalisieren.

Neben seiner Verantwortung für die Genossenschaft hatte Sebiger zahlreiche Ehrenämter inne: Als Präsident der Steuerbevollmächtigtenkammer Nürnberg und der heutigen Steuerberaterkammer, denen er zusammen 30 Jahre lang vorstand und deren Ehrenpräsident er war. Von 1975 bis 1995 gehörte er dem Präsidium der Bundessteuerberaterkammer an. Im Jahr 1980 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden, 1988 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Die Universität Erlangen-Nürnberg verlieh Sebiger 1986 die Ehrendoktorwürde, und 1997 wurde er zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Nürnberg ernannt. Außerdem erhielt er als Auszeichnungen die Ehrennadel in Gold des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes sowie den Ehrenring in Gold der Bundessteuerberaterkammer, der 2007 erstmals für ein Lebenswerk vergeben wurde. 2008 erhielt der Japanfreund und -kenner den Orden der Aufgehenden Sonne am Band im Namen des japanischen Kaisers für seine Verdienste um die IT-Unterstützung des Steuerberater-Berufsstands in Japan..

Auf der 50 Jahr-Feier hatte er sich selber nochmals erhoben und aus diesem Anlass zu allen Gästen gesprochen: Hier das Ende dieser Ausführungen, ein langer, ein lebenslanger Applaus und einige Sätze des Dankes und der Anerkennung des an diesem Tag offiziell scheidenden Nachfolgers, Professor Dieter Kempf.

Zu diesem Zeitpunkt war bereits ein gut gemachter neuer Image-Film aus der Taufe gehoben, der mit dem Satz beginnt: "Kein Start-up - und dennoch innovativ..."

Und zum gleichen Zeitpunkt wird ein Interview mit Dr. Sebiger über die Anfänge der DATEV freigegeben, in dessem Verlauf er "seine" DATEV duchaus mit einem Start-up - eines ganz besonderen Typs - vergleicht:

Zum guten Schluss wird anstatt auf das eigene Material nochmals auf dieses Interview zurückgegriffen und eine eigene, gekürzte Version dessen erstellt, was er in dessem Verlauf gesagt hatte.

Alle, die an der Vorbereitung und Durchführung dieses Interviews beteiligt waren - wohl auch er selber - wussten, dass es in dieser Form sein letztes sein würde.

WS.

P.S.

Auf der Seite 91 des "DATEV-Poesiealbums" schreibt ein "Anonymer Teilnehmer" seine "DATEV-Geschichte" wie folgt auf:


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Anmerkungen

[1... für die Leser*innen, für die das nicht gilt, hier der entsprechende Duden-Eintrag: "dienstältester diplomatischer Vertreter u. meist Sprecher eines diplomatischen Korps"


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