Über das Unsagbare schreiben

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 25. Juli 2016 um 22 Uhr 37 Minuten

 

DIESER NACHFOLGENDE TEXT HAT SCHON IN STATU NASCENDI DISKUSSIONEN AUSGELÖST. DAZU GEHÖRTE AUCH DIE FRAGE, WARUM ES ZU BEGINN SO EINES HISTORISCHEN EXKURSES BEDÜRFE, BEVOR ER DANN "ZUR SACHE" KOMME, DIE DOCH UNS ALLEN SO AUF DEN NÄGELN BRENNE UND NACH ANTWORTEN RUFT.

Die Kurz-Antwort lautet: Texte wie auch der nachfolgende erheben den Anspruch, auch noch in einem Jahr, ja, in zehn Jahren verstanden werden zu können. Und daher wird selbst ein so brennend aktueller Anlass in einen Rahmen eingebettet, der vielleicht hilft, das Geschehen wie das des Amokläufers in München in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Selbst dann, wenn ein solches Tun auch dann noch für Viele von uns in der Zukunft unerklärlich bleiben mag.

0.

"21. Juli 1816. Deutschland. Wie wir vernehmen, wird aus Frankfurt unter dem 9. Julius berichtet, daß der Bundestag mit dem nächsten Monathe beginnen (...) soll. (...) So viel ist gewiß, daß der Preussische Gesandte Hr. v. Hänlein, sich kürzlich eine große Wohnung gemiethet hat."

So lasen sich Zeitungsmeldungen an dem Tag, an dem Paul Julius Reuter - unter dem Namen Israel Beer Josaphat - als Sohn eines Rabbiners in Kassel geboren wurde: Gerüchte, gestützt auf Beobachtungen von Unbekannten, zwölf Tage alt. Selbst als am 9. November 1859, 43 Jahre später, in Deutschland Reuters erste Nachricht gedruckt wurde, klangen viele Berichte noch ähnlich. Seine Meldung bildete da einen scharfen Kontrast:

"London, 8. November. ‚Reuter’s Office‘ veröffentlicht, Kaiser Alexander und der Prinz-Regent seien zu Breslau übereingekommen, weder die Revolution der Verträge von 1815 auf einem Congresse zuzulassen, noch an einem solchen ohne England theilzunehmen."

So beginnt das "Kalenderblatt" des Deutschlandfunks vom 21. Juli 2016 aus Anlass des 200. Geburtstags von Paul Julius Reuter.

1.

Die damit einst einhergehende Revolutionierung des Nachrichtenwesens war eine doppelte: eine technische - und eine inhaltliche.

Nicht nur, dass die Inhalte wesentlich schneller übermittelt werden konnten, sie wurde auch immer präziser und entfernten sich immer mehr von dem, was in dem o.g. Beitrag noch als "Gerücht" benannt wird.

Mit der Entwicklung der Agenturen entwickelte sich auch ein eigener Qualitätsmassstab dessen, was eine "Nachricht" zu sein hat und was nicht. Klarheit, Sachlichkeit, Überprüfbarkeit, Vermittelbarkeit... all das sind Kriterien, die uns heute selbstverständlich erscheinen und an denen sich die Branche - von innen wie von aussen - immer wieder messen lassen muss.

2.

In einem Nachklapp zum vorausgegangenen eigenen Beitrag vom 22. Juli 2016 ist davon die Rede, wie diese Autorität einer Nachricht und der ihnen zu Grunde liegenden Fakten zunehmend in Frage gestellt oder überhaupt nicht mehr anerkannt wird, ja, "den Leuten" vollkommen egal zu sein scheint; Hauptsache, sie sehen sich in ihrem eigenen Rechts-Empfinden bestätigt.

Und es wird in einschlägigen Kreisen immer mehr - und teilweise immer verzweifelter - darüber gefachsimpelt, wie es sein kann, dass ein klare nachrichtliche Aussage, dass ein gutes Argument, scheinbar keine Reichweite mehr hat - und das, obwohl nunmehr die technischen Voraussetzungen für eine schnelle und technisch einwandfreie Erreichbarkeit gegeben sind.

Hohe Reichweite, aber immer mehr abnehmende Erreichweite.

3.

All diese Diskussionen und daraus abgeleiteten Handlungsalternativen - von Ausgrenzung über Verachtung bis hin zur kritischen Analyse - basieren aber immer noch auf der Voraussetzung, dass es eine, wie auch immer zu bewertende, Fakten-Lage gibt. Also eine für alle eindeutige Zahlen- und / oder Daten-Referenz, auch wenn diese sodann einer unterschiedlichen Bewertung anheim fallen mag. Auch wenn diese im Verlauf dieser Diskussionen - wenn es dann dazu kommt - dazu führt, dass wir plötzlich mit ganz unterschiedlichen Sichtweisen dessen konfrontiert sind, was aus der Sicht der jeweiligen Partei, der jeweiligen Meinungsträger als "Wahrheit" zur Darstellung gebracht wird.

4.

Wahrheit braucht Zeit. Informationen einen Zeitstrahl. Was aber, wenn nicht einmal diese vorliegen, die linearen Medien aber dennoch auf Sendung sind?

Am Freitag-Abend des 22. Juli 2016 war das der Fall. Seit ca. 18 Uhr fand im Münchner Norden in/vor einem Einkaufszentrum etwas statt, womit keiner gerechnet, was keiner vorhergesehen hatte: Menschen wurden von einem (oder mehreren?) wahllos umherschiessenden Menschen bedroht, verwundet, getötet.

War man darauf wirklich vorbereitet? Ja: theoretisch schon. Aber dass es dann wirklich diese Menschen geben wird, die wild um sich zu schiessen beginnen und wahllos töten um des Tötens willen, das hat dann doch etwas von einer "neuen Qualität", wie dies in der Berichterstattung genannt wird, die fassungslos macht.

Aber nicht wortlos machen darf. Und so wir geredet über das, wozu es keine Bilder gibt, keine Informationen, keine gesicherten Aussagen. Die Reporter sind allein dadurch gefordert, einem Informationsbedürfnis zu entsprechen zu sollen, weil sie vor Ort sind.

Und die Experten, so wie zum Beispiel der Terrorismus-Experte im ARD-Fernsehen, reden über das, was man bisher gelernt habe. Und weitet dann diese Sicht aus: Hätten die Täter bislang immer noch eine bestimmte Menschengruppe vor Augen und als Ziel gehabt, die für eine bestimmte Art von Verhalten oder eine bestimmte Meinung / Haltung mit tödlichen Schüssen zu "bestrafen" sei, habe selbst dies nunmehr keine Gültigkeit mehr.

Dem Reporter vor Ort fehlen die Informationen, den Experten im Studio die Darstellungskraft, das Unvorstellbare noch erklären zu können.

5.

Diese Herausforderungen zu akzeptieren bedeutet zugleich eine permanente wie logische Herausforderung derer, deren Aufgabe es ist, darüber zu berichten. Hier und jetzt auf einem Zeitstrahl zu reiten, der ständig nach Neuigkeiten ruft, die nicht hic et nunc bereitgestellt und durchgestellt werden können.

Im Gegensatz zu den US-amerikanischen KollegInnen mit ihren "Breaking News" Formaten ist es bisher zumeist immer noch möglich gewesen, selber in einzelnen "Brennpunkt"-Formaten gutes vorproduziertes Material bereitzuhalten und dieses sodann mit ausreichend qualifizierte und kommunikationsfähigen GesprächsteilnehmerInnen zu besprechen, zu aktualisieren und einzuordnen

An diesem Abend aber musst alles live, aus dem Stand und mit bereits vorgehaltenen Bordmitteln auf den Sender gebracht werden. Genau so, wie die Kliniken ihr gesamtes Personal im Katastrophen-Modus in kürzester Zeit auf die Beine stellten, mussten auch die Radio- und Fernsehleute von einem Pre-Weekend-Mode in einem Apokalypse-Modus umschalten.

6.

Leichter gesagt, als getan. Und im Nachherein leichter verurteilt, als selber getan.

Daher sei, wenn überhaupt, eher Kritik an jenen Figuren geäussert, die es aus dem Rückspiegel alles anders und aus ihrer Sicht auch "besser" gemacht hätten als an jenen, die unmittelbar und mittelbar "auf Sendung" waren.

Hinzu kommt, dass eben diese Redaktionen wie die der "tagesschau.de" u.v.a. damit zu kämpfen haben würden, dass, egal was sie machen, immer mit der Schelte und Ablehnung von Teilen des Publikums zu kämpfen haben werden.

Dennoch - und gerade deswegen - sollte es erlaubt sein, darüber auch öffentlich nachzudenken, wie wir mit solchen Herausforderungen in Zukunft besser, anders, ja, vielleicht sogar noch souveräner umgehen können.

7.

Diese Frage nach der Souveränität ist zunächst nicht nur eine fachliche Frage - wobei hier das Lob vor allem jenen gilt, denen glaubhaft anzumerken ist, dass und wie es ihnen gelingt, bei allen technischen und dramaturgischen Unzulänglichkeiten, immer noch "gut rüberzukommen" - sondern auch ein Frage nach Routine, Persönlichkeit, Umsicht, Reaktionsfähigkeit und Authentizität.

Hier geht es nicht länger nur um die eine oder andere gute Kamereinstellung, hier geht es um eine gute persönlichen Einstellung zu dem was man noch nicht zweifelsfrei weiss und was man dennoch einer konkreten Öffentlichkeit unmittelbar zu vermitteln hat.

Diese Herausforderung ist eine doppelte: Redaktion und ihre Protagonisten wissen nicht, oder zu wenig, von dem, worüber sie Bericht erstatten könnten. Und sie können sich selbst auf das Wenige, was sie wissen, keinen Reim machen.

8.

Anders gesagt: eine Redaktion wie die der ARD in Hamburg ist zwar darauf aus, mit sachlichen Aussagen und einer nachweislich begründbaren Faktenlage das Publikum zu informieren. Aber in einem Fall wie diesem kann das Interesse der Bevölkerung an zeitnaher Unterrichtung, Erklärung - ja, sagen wir es ruhig, sogar an Aufklärung - nicht hinreichend geleistet werden.

Überspitzt gesagt: Nicht die Nachrichtenlage ist pervers, sondern die Erwartungshaltung, mit denen ihr Agenturen zu leben haben. Der Wunsch nach einem möglichst unmittelbaren Zugriff auf einen bestimmten Moment des Weltgeschehens muss von den Redaktionen aufgegriffen werden - und diese werden dann angegriffen, wenn sie diesem Wunsch nicht wirklich entsprechen können.

Dieses mag auch an der einen oder anderen Stelle als das Versagen der einen oder anderen Person erscheinen, die da vor der Kamera / dem Mikrofon nicht in der Lage ist, ihr Erklärstück abzuliefern.

Das dahinter liegende Problem ist aber keines mangelnder Kompetenz im Nachrichtenwesen, sondern unzureichender Kompetenz in all dem, was gesagt, vermutet, postuliert wird, ohne dass es dafür Beweise gibt.

9.

Gerade in Zeiten, in denen jede Person über die ihnen neu zur Verfügung gestellten Möglichkeiten der sogenannten "sozialen" Medien in der Lage ist, ihre eigene Wahrheit zur Geltung zu bringen, ist offensichtlich zugleich der Bedarf gestiegen, aus all dem, was uns da um die Ohren fliegt und vor die Augen gebracht wird, die "Wahrheit" herauszulesen, herauszufiltern. Gerade die Fragen an die Social-Media-Redakteure im Verlauf der Sendung haben gezeigt, welch schwierige aber auch verantwortungsvolle Aufgabe damit erfüllt werden muss - und kann.

Heute ist nicht mehr das Warten auf die Wahrheit angesagt, sondern jeder hat die Möglichkeit, seine eigene Interpretation dessen, was sie Wahrheit sein könnte, frank und frei "ins Netz zu stellen". Und so entwickelt sich ein eigener - in der Tag auch "sozialer" - Dialograum jenseits von dem Streben nach verifizierter Information, der eine ganz eigene Dynamik entfaltet. Eine Dynamik, die ihrerseits Einfluss auch auch jene Menschen und Redaktionen hat, die dann für die Verbreitung der Nachrichten zuständig sind.

Wie sonst lässt sich erklären, dass lange Zeit von mehr als einem Täter ausgegangen werden konnte, dass immer wieder von "Langwaffen" die Rede war, die es nie gegeben hatte, und es das stundenlang durchmoderierte Selbstverständnis gab, dass es sich hier um einen Terror-Anschlag handeln würde?

10.

Im Gegensatz zum deutschen Sprachgebrauch, in dem das Wort "kon|di|ti|o|nẹll 〈Adj.〉 die Kondition (bes. eines Sportlers) betreffend" bedeutet der gleiche Begriff im Französischen als "Conditionnel Présent" eine Möglichkeitsform aus, die dazu verwendet wird, "Vermutungen, Wünsche, Möglichkeiten, Ratschläge und höfliche Anfragen zu formulieren". Und, mehr noch, die es erlaubt, mit dieser Sprachhaltung ganz klar zu signalisieren, dass all die in dieser Form getätigten Äusserungen Bemühungen erkennen lassen, sich einer möglichen Wahrheit zu nähern, diese aber nicht als gesetzt zu behaupten.

Uns ist eine solche Sprach-Haltung weitgehend unbekannt. Sie ist zumindest keine im öffentlichen Dialog zum Einsatz gebrachte Diskursform, die es erlauben würde, Hypothesen von vorn herein als solche kenntlich zu machen.

Vielmehr laufen wir Gefahr, allzu schnell das nächstliegend Wahrscheinliche nach und nach auch als Basis für weitere darauf aufbauende Fragestellungen anzunehmen. Durch den sich darauf aufbauenden Dialog mit Fachleuten und Experten laufen wir allzu schnell Gefahr, auch die diesem Gespräch zu Grunde liegende Annahme nach und nach als "Tatsache" zu akzeptieren.


Im Nachgang zu diesem Text die folgenden Reaktionen und Hinweise, die jede(r) auf seine Weise, das Thema nochmals auf den Punkt bringt:

A

Zur Fragen, ob die Öffentlich-Rechtlichen nun schweigen sollen, bis man gesicherte Erkenntnisse hat oder durchsenden, auch wenn diese noch nicht vorliegen, gibt es diesen tweet:

B

Mathias Blumencron (@mtblumencron) twitterte um 11:49 AM on Sa., Juli 23, 2016: Exzellenter Kommentar von Michael Hanfeld über das TV-mediale Herumgestochere am Abend des Schreckens https://t.co/a86R85yNJE

Hier ist der Link zu diesem FAZ-Artikel vom 23. Juli 2016:
"Wir wollen ja nicht spekulieren"
der nach der Veröffentlichung dieses Textes ebenfalls auf das Problem der aktuellen Berichterstattung ohne ausreichende aktuelle Informationen eingeht, wenn auch mit einer ganz anderen Grundhaltung eines - sorry Michael Hanfeld - Besserwissers, der den Vorteil, nicht selber in einer solchen Situation gestanden zu haben, eher zum Vorteil seiner Eigendarstellung nutzt, als dass aus seinem Beitrag eine konkrete Empfehlung abgeleitet werden könnte.

Ausser, dass er, in Klammern gesetzt, seinem Artikel diese Zeile hinzusetzt: "(Über seinen Vernunft-Begriff müssen wir mit Kleber einmal reden.) " [1]

C

Zur Frage, was ein aktueller Kommentar leisten kann, der - wie auch dieser Text - ein schon vergangenes Ereignis aufgreift, um daran und darin die aktuelle Situation zu spiegeln, hier die überzeugenden Antwort aus der Kommentarspalte der Sonntagsausgabe der Süddeutschen Zeitung, online nachzulesen ab dem 22. Juli 2016, 21:35 Uhr:

Unwirklich Von Carolin Emcke.

D

Wie (gut!) das geht, auch und gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, auch dazu als pars pro toto ein rückblickendes Interview mit dem Redaktionsleiter von B5aktuell, die in der Nacht von Freitag auf Samstag unter seiner Regie "durchgesendet" haben - und das mit Sinn und Verstand.

Das Interview wurde ausgestrahlt im Medienmagazin des Senders am Sonntag, den 24. Juli ab 14:05 Uhr, und kann über diesen LINK nachgehört werden. [2]

E

Neben dem Unsagbaren gibt es leider auch noch das unsägliche Online-Pamphlet eines herausgebenden Herren mit Namen Jochen Kopp, der einen Autor namens Gerhard Wisnewski [3] am 25. Juli 2016 einen Artikel mit unter dem Titel schreiben lässt: "Das unverschämte Reporterglück des Richard G.."

Anmerkungen

[1Über eine solche Haltung sollten wir auch noch einmal reden, verehrter, lieber Mathias Blumencron, "Exzellenz" sieht aus Sicht des Herausgebers und Autors dieser Zeilen anders aus. WS.

[2Aus der gleichen Abteilung am Vormittag dieses Sonntags dieser Beitrag, HIER heruntergeladen oder über diesen LINK nachgehört werden kann.

[3Sein Profil wird auf der Verlagsseite wie folgt zur Darstellung gebracht: "Der Journalist und Schriftsteller arbeitete für zahlreiche Mainstream-Medien, bevor er durch viele aufsehenerregende Bestseller auf sich aufmerksam machte. Heute gilt er als führender Vertreter einer neuen Gegenöffentlichkeit und laut Spiegel als Pionier »des aktuellen Gegenzeitgeistes«. Seit 2008 veröffentlicht er seinen kritischen Jahresrückblick verheimlicht – vertuscht – vergessen. Er wurde mit dem José-Lutzenberger-Preis für Zivilcourage und Whistleblowing zur Bewahrung von Natur und sozialem Frieden ausgezeichnet."


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