IBC 2016: Der Beste zum Schluss ANG LEE

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 29. Dezember 2016 um 11 Uhr 26 Minutenzum Post-Scriptum

 

Bereits die für die NAB-Show angekündigte Begegnung mit Ang Lee war eine sehr beeindruckende Veranstaltung, angekündigt unter dem Titel: "Pushing the Limits of Cinema"

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v.l.n.r.: Tim Squyres, Ang Lee, Ben Gervais

(c) Mark Forman

An dieser Stelle sei neben diesem Foto von Mark Forman [1] nochmals das Interview dieser Präsentation eingeblendet. Dieser Kommentar wird nach dem 12. September 2016 jenen Seiten zugeordnet, in denen über die NAB-Show gesprochen wurde:

Nachfolgend werden seine Textpassagen nochmals als Audio-File herausgelöst und ansatzweise schriftlich herausgestellt - obwohl auch die Beiträge von Tim Squyres und "production systems supervisor" Ben Gervais sowie allen weiteren Protagonisten wahrlich nicht überhört werden sollten:

Er ging in seinem Beitrag zunächst auf die Produktion von "Life of Pi" ein. Und darauf, dass er bis zu diesem Zeitpunkt den Film als "Film" verteidigt habe.

Und dann sagt er plötzlich den Satz: "I trusted movie more than live itself".

Und er sagt, dass man nur im Dunkel des Kinos in der Lage sei, die tieferen Schichten des Lebens zu entdecken und zu erfahren.

Sein Ziel sei es heute, eine Geschichte zu erzählen, "beyond story-telling".

Damit kann man dann nicht nur das Kino untersuchen, sondern auch die Gesellschaft.

"Every day is a difficult day, we don’t really know what we are doing" sagt er - und das allen Ernstes. Je mehr Erfahrung man im Filmemachen gemacht habe, desto schwieriger sei es, sich etwas Neuem zuzuwenden.

Das es heute möglich sei, mit "120 frames/second: stroke-free-images" herzustellen, sei ein Quantensprung in der Geschichte des Filmes. Und doch sei das Ganze dorthin noch "a long journey" , ein noch sehr weiter Weg.

Für ihn sei die Ästhetik dafür da, um zu kompensieren, was wir nicht haben; das sei "terryfying and exiting at the same time".

Spätestens mit 14 habe er aufgehört zu beten, aber jetzt würde er es immer wieder tun, um mit seinem "Movie God" zu reden [2]

In den alten Tagen des Films gab es eine klare Trennung zwischen Pre-Production "planen", Production "filmen", und Post-Production "schneiden". Das sei heute vorbei, alles ist überlappend, miteinander verschränkt.

Das macht die Sache komplizierter, aber auch spannender zugleich.

"Ich weigere mich daran zu gewöhnen, dass wir für die Technik arbeiten. Nein, sie soll uns zu Diensten sein".

"Und so kann es sogar sein, dass ich das aus meiner Sicht schlechte Spiel einer Schauspielerin in 60p besser verstehen kann, wenn ich sie in 120 p sehe."

Will sagen, dass man nicht einfach mit einer mathematischen Gleichung herkommen kann und behaupten, dass mit jeder Neuerung oder Beschleunigung auch alles entsprechend besser - oder auch schlechter - werden würde: Es wird anders. Und dieses "Andere" gilt es mit jeder neuen Entwicklung erst wieder neu zu entdecken und zu studieren, bevor man weiss, wofür man es eigentlich einsetzen kann.

Und hier kommt Ang Lee’s Plädoyer für das Kino als einem Geheimnis, dem man durch seine Arbeit - immer wieder neu - auf die Spur zu kommen versucht. Nicht nur er sei ein Künstler für den dieses gelte, auch all die Anderen seien es - und auch "die Technik" sei davon nicht ausgenommen.

In diesem Teil des Gesprächs geht es um die Frage, wie der Produktionsprozess zu organisieren sei, die Verantwortlichkeiten darin zu verteilen sind, und darum, dass man nur diejenigen unter Druck setzen könne, die sich unter Druck setzen lassen.

Hier die Antwort auf die Frage, wann "genug" "genug" sei: indem er die Frage nach der Weiterentwicklung der Technologie auf den Kopf stellt und fragt: was haben wir gelernt, damit Neues zu tun?

Dieser neue "Standard", eine Mischung aus 120 frames-per-second 3D at 4K resolution and in High Dynamic Range, sei und bleibe eine grosse Herausforderung. Aber der grosse Vorteil diese Produktionsweise sei es, mit dem so gewonnenen Material auch all die anderen Nutzungs-Spektren bedienen zu können: bis zum iPhone.

Jetzt eine Frage, auf die auch Ang Lee noch keine Antwort parat hat: ob er sich schon mit den Herausforderungen einer 360°-Produktion beschäftigt habe? Seine erste Antwort: "Lassen Sie mich erst die hier beschriebenen Aufgaben und Probleme lösen ... ich bin derjenige, der sich für Sie umschaut und das Ergebnis dessen zeigt" - aber er bleibt nicht bei dieser Position stehen: Hören Sie selbst!

Und jetzt... geht es um die Schauspielerei, darum, welche Veränderungen diese neuen technischen Möglichkeiten mit sich bringen und was dafür für die Schauspieler noch schwieriger wird.

In seiner Antwort wird klar, was eingangs so seltsam klang, als die Rede davon war, dass er dem Kino näher sei als dem Leben. Jetzt, so Lee, reiche es nicht mehr aus, eine Rolle gut spielen zu können. man müsse nicht nur für sie "da"-sein, man müsse sie s e i n .


Das Wichtigste an diesem Gespräch ist der Umstand, dass Lee als alles andere auftrat, als ein Keynote-Speaker. Gerade seine Bescheidenheit, sein Verweis auf die Beiträge seiner "Gefährten" machten die besondere Qualität seiner Aussagen aus.

Allein schon deshalb wird es spannend sein zu erleben, wie er sich in dieser Rolle als Dialogpartner gegenüber einem Publikum zu stellen hat, das von ihm einen Monolog erwartet, am liebsten eine "Predigt", in deren Verlauf ein Schlüssel überreicht wird, mit dem es gelingen könnte, die Zukunft aufzuschliessen.


Nachdem vor drei Monaten eine ausführliche Anfrage an das IBC-Team gerichtet worden war, kam am Sonntag, 11. September 2016 auf die vierte Anfrage die Antwort der Agentur Bubblesqueak, die besagt: "Hello Wolf, Unfortunately Mr Lee will not be doing any one to one interviews at the show. Many thanks."

P.S.

Dass auf die mehrfachen Anspielungen von Ang Lee auf seinen "Film-Gott" so viel Aufmerksamkeit gelegt wird, mag auch damit zusammenhängen, dass im Jahr 2007 der Buch-Text "Das Licht geht aus im Licht-Spiel-Haus" publiziert wurde -

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Siegert: "Das Licht geht aus im Licht-Spiel-Haus"

hier nochmals als PDF-File zum nachlesen - der mit der Zeile endet:

"Als Gott am Ende des sechsten Tages die Welt erschaffen hatte, setzte er sich am Sonntag auf die Wolke Sieben: und er fand das Kino."

Aus: Kloock, Daniela (Hrsg.) Zukunft Kino. The End of the Reel World. Schüren, Marburg, 2007, S. 273
ISBN: 978-3-89472-483-2

Anmerkungen

[1Mark Forman Productions, Corp. New York

[2Eine Figur, die im Verlauf seiner Einlassungen immer wieder auftaucht und die ihn - aus Sicht des Autors dieser Zeilen - viel eher als Chinesen, denn als Amerikaner kenntlich und verständlich macht. WS.


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