Bremen? Ein Gedicht!

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 31. Mai 2016 um 16 Uhr 39 Minuten

 

Alfred Brendel liest beim 17. Internationalen Literaturfestival www.poetry-on-the-road.com Bremen [1]


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10:30 Uhr: POETRY IM BREMER DOM (in der Ostkrypta)

Lesung mit:
Alfred Brendel, Österreich

Begrüßung:
Bernhard Bitter, Dombauherr

Moderation:
Michael Augustin, Radio Bremen

In Kooperation mit dem
St. Petri Dom

Liebe Leserin, lieber Leser!

Nachfolgender Text wurde „in einem Rutsch“ im Regionalzug von Bremen nach Hannover geschrieben, nachdem sich der Wunsch, diese Strecke gemeinsam mit Alfred Brendel zurücklegen zu können, nicht erfüllt hatte.

Dass dieser Wunsch sich nicht hat realisieren lassen liegt daran, dass der Autor dieser Zeilen es nicht vermocht hatte, diesen Wunsch auch in dem dafür geeigneten Moment und an der richtigen Stelle zum Ausdruck zu bringen.

Das Bemühen, kein „gate-crasher“ zu sein, nicht einmal als solcher aufzutreten, hat dazu geführt, selbst eine – wenn auch nur heimlich erhoffte – Gelegenheit nicht ergreifen zu können. Dennoch sei ihm verziehen, dem Autor dieser Zeilen, ist es doch eben nicht seine Art, sich wie ein „Groupie“ an die Fersen des Vortragenden zu hängen. Selbst wenn dessen Buch jetzt keine Widmung aus seiner Hand trägt und auch das mit Liebe und Bedacht für ihn ausgewählte Geschenk nicht überreicht werden konnte.

Aber, es bedurfte dennoch eines Aus-Wegs, mit dieser Enttäuschung fertig zu werden. Also wurde der nächste Zug nach Hannover gewählt in der Hoffnung, ihm vielleicht doch noch darin zu begegnen.

Und da das nicht geschieht, wird die Zeit im Wagon genutzt, um dieses Gespräch, das nun nicht stattgefunden hat, ersatzweise mit sich selber zu führen: den Ansprechpartner des Autors immer an seiner Seite, in seinem Hinterkopf und in den zehn Fingen, die über die QWERZ-Tasten gleiten.

Der Text, der auf dieser Strecke entsteht, wird schon kurz darauf unzensiert und unredigiert ins Netz gestellt. Das mag gefährlich sein und vielleicht nicht klug, Aber vielleicht ist er dennoch gut genug, um gerade in seiner Spontaniität und Vorläufigkeit zum Ausdruck zu bringen, worum es „im Grunde“ geht.

Lesen Sie selbst – und lassen Sie sich ebenso überraschen wie der Autor dieser Zeilen, der zu Beginn auch noch nicht wusste, was bis zum Ende dieses Textes zu lesen sein würde.

Wunsdorf , im RE 8, am 28. Mai 2016

Sehr geehrter Herr Brendel,

Sie haben heute aus ihrem Gedichtband Spiegelbild und schwarzer Spuk gelesen, den Sie im Jahr 2003 veröffentlicht haben.

Da es mir nicht vergönnt war, mit Ihnen gemeinsam nach Berlin zurück zu fahren, will ich zumindest diese mir nun noch verbleibende Möglichkeit des Schreibens nutzen, um mich mit ihnen angesichts meines Lese-Publikums – als virtueller Persönlichkeit - zu unterhalten.

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Dieses Gespräch ist natürlich nun den Umständen geschuldet von recht einseitiger Natur. Aber die von Ihnen verlesenen Texte haben gezeigt, dass die eigene Persönlichkeit immer mehrere Personen in sich birgt. Daher also der Versuch, eben diese an dieser Stelle zum Sprechen zu bringen: gleichberechtigt und doch zugleich widersprüchlich, im Clinch mit der von ihnen daselbst zitierten Dialektik - und zugleich als Teil dieser.

Wobei wir schon bei einem jener Themen sind, die sich in ihren Texten wie ein roter Faden durchziehen: Die Widersprüche im Kleinen - auch wenn sie das ganze Leben ausmachen – und im Grossen – selbst wenn Sie über das eigene kleine Leben hinauszeigen mögen.

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Als Sie heute den ersten Applaus nach Ihrer Lesung überstanden hatten – ja, Sie haben diesen stehend empfangen, hier in Bremen - und nicht in Paris oder Salzburg, wie in einem Ihrer Texte vermeldet – wandten Sie sich nochmals direkt an uns, an „Ihr“ Publikum.

Und sprachen eine kleine Zugabe: Die Rede war davon, dass einst Herr Einstein an die Himmelspforte klopft, dort auch eingelassen wird, dass er sodann dort zu seinem Erstaunen der Tatsache gewahr wird, dass Gott doch würfeln würde – worauf er sich erkundigt, wie er denn von dort aus zur Hölle gelangen würde.

Damit hatten Sie die Lacher auf Ihrer Seite. Einen zweiten Applaus sicher. Und zugleich die Gewissheit, dass die Unsicherheit über die Zukunft unserer Existenz, im Mantel des verbalen Schabernacks verkleidet, sich nur jenen als Chance offenbaren würde, die heute schon jenseits der Verblendungen der Darstellungs-Kunst zu leben bereit sind.

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"Willkommen im Club", sagen Sie in ihren Texten, und sprechen vom Fressen und gefressen werden. Nicht nur ihre Texte sind gepfeffert, sondern wir selber sollten es sein, wenn wir diesem Club beitreten.

Ihrem Club? Wir, die Freunde der Einverleibung und des einverleibt werdens?

In Ihrem Bild ist der Jäger die Beute des Krokodils, das sich die Verspeisung desselben so lange – zu lange – ausmalt, so dass diese die Bedrohung überlebende Beute am anderen Ende der Fluchtlinie letztendlich dem Löwen zufällt. Auch das klingt lustig, weil wir zunächst mit dem Jäger gehofft hatten, uns wie er dem lüsternden Traum des Krokodils entziehen zu können. Und so, wie sie es aufschreiben, sind sie einer von denen, die dem Jäger ein solches Entkommen gewünscht hätten.

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Wer aber sind Sie in dieser Geschichte der Jäger, das Krokodil, der Löwe? Nein, mein Hand zögert nicht, beim Schreiben dieses, die Tasten schlagend, zu fragen. Auch wenn meine Finger sicherlich nicht mit der gleichen Behendigkeit über die Tasten des Rechners gleiten mögen wie die Ihren über die Tasten Ihres Flügels.

Denn der Kopf, der sie steuert, wollte nicht glauben, dass es für den Jäger überhaupt noch ein Entrinnen gäbe, in dem Moment, wo er zum Gejagten wird, wo er sich seiner Flinte beraubt sieht und des Grund und Bodens, auf denm er sich zu bewegen versteht.

In Ihren Texten ist immer wieder von Fressen und Gefressen werden die Rede. Selbst in der Liebe. Über die sie schreiben, und von der wir mehr über Sie erfahren, als wie Sie es vielleicht selber beabsichtigt haben – oder doch?

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Ihnen zuzuhören ist ein grosses Abenteuer. Auch wenn wir Sie schon so viele Male an einem der vielen schwarzen Instrumente haben sitzen sehen. Das hier ist etwas ganz Anderes. Denn jetzt sind Sie plötzlich selber der Schöpfer u n d der Interpret. Ja, man möchte fast meinen, diese Texte sind wie eine Befreiung für Sie, eine Chance, endlich den cordon sanitaire verlassen zu können, der Ihnen die Kunst der Interpretation – bei aller Kunst-Fertigkeit – immer mit aufgebürdet hat.

In diesen Texten sind sie plötzlich frei. Und entdecken sich selber: bis hin an die Grenzen des Machbaren, des Vorstellbaren, bis hin zum Unsagbaren, dem sie dann doch eine Chance geben wollen. Und dafür schreiben sie das eigene Wort auf, viele Annotationen anstatt einer Notation.

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Sie machen gar nicht erst den Versuch, mit den Worten musikalisch zu sein zu wollen, sondern sie schreiben, sie ver-schreiben sich Ihnen selbst. Wohl wissend, dass es ihnen dennoch damit nicht gelingen wird, die Kunst der Fuge noch einmal neu zu erfinden, sondern – bestenfalls – sich selbst.

Diese "KdF" ist, wie sie ganz zu Anfang mit Referenz auf ihren Meister, Bach, sagten: "göttlich". Und Sie seien, wie wir alle hier, ganz und gar irdisch. Und je länger Sie ihre Texte vorlesen, lernen wir, dass wir uns damit jetzt zufrieden – aber nicht geschlagen – geben müssen.

Damit haben Sie – zu Beginn wie zum Ende Ihres Vortrages – eine Brücke gebaut, die uns zu Ihnen und ihren Gewerken einen neuen Zugang anbietet. Hinweg von der Göttlichkeit, die Sie einst als Pianist in den besten, intimsten Momenten Ihres Vortrages wohl selber gespürt haben mögen: Eine Erfahrung, die noch so unendlich viel mehr wert ist als aller Applaus, der einem am Ende (s)eines Vortrages entgegenbrausen mag.

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Der Mensch möge versuchen, in sich selber zu ruhen, und nicht in dem brandenden Wogen des Jubels seines Publikums. Das ist Ihre Nachricht. Die selbst dann Bestand haben mag, wenn sich einige meiner Musikerfreunde einst im Konzert mit Freunde von der Bühne auf ihr Publikum geworfen haben, um von diesem im besten Sinne dieser Worte „auf Händen getragen“ zu weden – ohne dabei zu Schaden kommen.

Das Vertrauen auf sein Publikum, so lernen wir, ist ein Vertrauen zu sich selber. Zu sich selber. auch als gespaltene Persönlichkeit, die gelernt hat, dass sie eben nicht von den Engeln der Vernunft beschützt wird, sondern nur von der Erfahrung, sich selbst auch in den eigenen Teufeleien wieder erkannt zu haben.

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Als Godot kommt, in einem ihrer Texte, ist er nicht der, auf den „man“ gewartet hat. Und als er geht, erkennt man ihn in seiner wahren Gestalt: an seinem Schweif, den er hinter sich her schleppt, als er seinem Herren folgte... was für ein Abgang. Sie bieten eine Auflösung dessen an, was sich selbst ein Meister Becket nicht zugetraut hat. Ihre Worte gehen weiter als die Spannungen, die andere mit ihren Spannungen auszulösen vermögen.

Aber auflösen, auflösen tun sie diese damit auch nicht. Ihre Texte sind Pirouetten um eine Welt, die sich auch ohne uns drehen würde, und die Ihnen in schwindelfreier Erkenntnis sagen, was Sie sich selber nicht einmal als Pianist erträumt hätten.

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Mit diesen Texten in dieser Krypta sind Sie gekommen und gegangen, ohne dass es eine Möglichkeit der zwischen den Zeilen suggerierten Annäherung gegeben hätte. Ihnen in diesem ebenso realen Umfeld dieser achthundertjährigen Krypta begegnet zu sein, ohne mit Ihnen diesen von ihnen angestossenen Dialog geführt zu haben, war ebenso faszinierend wie bedrückend zugleich. Denn Sie waren – im doppelten Sinne – Interpret Ihrer selbst: nicht nur von DEM Brendel, sondern von DEN Brendels, die sich in den pfiffigen Dialogen in ihren Texten begegneten. Und damit auch dem Publikum in einer neuen Art und Weise offenbarten.

Nicht, dass es darum gegangen wäre, die Vorhänge zu lüften, mit denen Sie ihre eigene Bühne so elegant wie eloquent verhangen haben. Sondern weil es schön gewesen wäre, Sie auf Ihrem Weg vom Himmel in die Hölle noch ein wenig aufzuhalten um mit Ihnen einen jener Momente im Dialog zu geniessen, für die selbst ein Faustus bereit gewesen wäre, sein Leben als Einsatz draufzugeben.

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Jetzt, wo dieser Text fertiggestellt und ins Netz gestellt ist, werden Sie schon in Berlin angekommen sein, in dem Sie die Strecke zurück-gelegt haben, die mich an diesem Morgen von dort nach Bremen geführt hatte.

Diese Reise zwischen diesen beiden Städten ist auch ein Pendeln zwischen zwei Welten. Jeder Teil von uns hat seine Wahrheit – und seine Heimat.

In dem wir zwischen ihnen reisen, kommen wir uns immer wieder näher: "Poetry-on-the road" - einsam und gemeinsam.

Anmerkungen

[1

Lesung des weltberühmten Pianisten, Schriftstellers und Lyrikers Alfred Brendel

Alfred Brendel, 1931 in Wiesenberg /Mähren, Österreich ... gilt als einer der bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts. Er studierte Klavier, Komposition und Dirigieren in Zagreb und Graz und beschloss seine Klavierstudien bei Edwin Fischer, Paul Baumgartner und Eduard Steuermann. Er lebt seit 1971 in London. Seit 1955 war Alfred Brendel ein regelmäßiger Gast der großen internationalen Konzertsäle und Festivals sowie der führenden europäischen und amerikanischen Orchester unter namhaften Dirigenten. Sein letztes Konzert gab Alfred Brendel am 18. Dezember 2008 an der Seite der Wiener Philharmoniker. Seitdem tritt er regelmäßig mit Lesungen, Meisterkursen und Vorträgen zu Themen wie „Humor in der Musik“ und „Licht- und Schattenseiten der Interpretation“ auf. Weitere Vorträge widmen sich jeweils Franz Liszt und den letzten Klaviersonaten von Beethoven und Schubert. Seit vielen Jahren tritt Alfred Brendel auch als Schriftsteller hervor. Seine gesammelten Gedichte sind bei Hanser unter dem Titel „Spiegelbild und schwarzer Spuk“ veröffentlicht. Neben weiteren Büchern erschien zuletzt beim gleichen Verlag „Wunderglaube und Mißtonleiter. Aufsätze und Vorträge“

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