NAB-Show (II) The knitty gritty

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 26. April 2016 um 22 Uhr 50 Minuten

 

1.

Die Teilnehmer an dieser Show unterscheiden sich zwischen jenen, die schon in Chicago oder an anderen Orten dabei waren, und jenen, die diese Show erstmals – und seitdem immer wieder – in Las Vegas aufgesucht haben. Der Anteil der Letzteren wird immer grösser, ebenso der Anteil der Frauen, ebenso der Anteil der internationalen Gäste [1]

2.

Und auch der virtuellen Teilnehmer? Es ist in der Tat richtig und wichtig, dass „in der Vergangenheit“ der Messebesuch vor allem den dort vorgestellten „Neuheiten“ galt. Und die Teilnahme an den zahlreichen Pressekonferenzen scheint nahe zu legen, dass das heute noch genau so der Fall wäre. Zumal wenn dann immer wieder Fragen aufkommen wie die nach den echten Neuigkeiten, den „exiting news“ . Andererseits ist die Kenntnisnahme dieser Neuigkeiten – im Prinzip – heute auch schon weitgehend durch das um mit dem Internet möglich geworden. Was fehlt, ist die Möglichkeit, das neue Teil „hands on“ auf seine Handhabbarkeit prüfen und erproben zu können. Und, was vor allem nach wie vor feht, ist die Möglichkeit, sich auch persönlich austauschen zu können: Über all diese neuen Gerätschaften und ihre Eigenschaften ebenso wie auch über ganz andere Fragestellungen, die im persönlichen Austausch sehr viel effizienter und nachhaltiger ausgetauscht werden können.

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Umso erstaunlicher, dass die „Pressbetreuung“ immer mehr auf einen reinen Dienstleistungsbetrieb zurückgeschraubt worden ist. Es gibt nach wie vor einen Presseraum, in dem Rechner und Drucker, ein Internetzugang, Getränke und ab und zu auch Speisen zur Verfügung gestellt werden. Aber auf Fragen, ob man für diese Drucker auch einen virtuellen Treiber bekommen könne, um diesen auch von dem eigenen Laptop ansprechen zu können, musste das gesamte anwesende – nunmehr auf zwei Personen reduzierte Personal – schon passen [2]

Es gibt keinen Presseprecher mehr, keine Pressekonferenzen, zu denen er selber einladen würde. Keine Stellungnahmen des Verbandes. Das Ganze ist eine Art von betreutem Selbstbedienungsladen geworden, in dem jeder versuchen muss, so gut klarzukommen, wie es ihm eben möglich erscheint.

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Entscheidend verändert hat sich auch der Weg dieser Informationsbeschaffung. Bisher war dieses vor allem und zuvörderst der Ausstellungskatalog. Im Wesentlichen eine Mischung von Ausstellerverzeichnissen und Lageplänen auf der einen Seite – gemischt mit Werbung – und auf den anderen Seiten vor allem einer qualifizierten Darstellung der einzelnen Konferenzprogramme, ihrer Themen und der Teilnehmer und ihrer Profile. Vor allem dieser Teil ist ganz und gar zusammengedampft und auf ein Mindestmass zurückgeschraubt worden [3] – schliesslich sei das Ganze nun ja auch in aller Ausführlichkeit als App auf dem Smartphone einzusehen… soweit die Theorie. In der Praxis bedeutet das aber, das von den Gästen und Pressleuten vorausgesetzt wird, dass sich ein mobiles Endgerät der (eher) neuesten Generation mit sich führen und bereit sind, dieses dafür zum Einsatz zu bringen. Mehr noch, die Geräte müssen nicht nur aktuell und leistungsfähig sein, sondern setzen als Betriebssystem Android oder IOs voraus. Alle anderen Varianten, auch Telefone aus dem Hause Nokia und/oder Microsoft, sind damit ausgeschlossen.
Der einst umfangreiche Katalog konnte von jedem eingesehen werden, der der englischen Sprache mächtig war (und vielleicht einer Brille bedurfte ) – heute ist diese Nutzergruppe wesentlich weiter eingeschränkt und bedarf zusätzlicher Unterstützung: Nicht ohne Grund sind an vielen Konferenzorten nunmehr auch Tische aufgestellt oder Plätze eingerichtet, an denen die mobilen Endgeräte via Kaltstrom- oder USB-Leitung aufgeladen werden können.

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Papier, das existiert allenfalls noch in etwas verstärkter Form als Visitenkarten, die nach wie vor an allen Orten ausgetauscht werden. Es scheint, dass alle Versuche, auch diesen swap.file direkt zwischen den Endgeräten zu tauschen, bislang nicht wirklich eine Lösung zustande gebracht haben, die ein wirklich so breite und umfassende Verbreitung gefunden haben, wie diese nach wie vor für die Visitenkarte gilt.

Dass die aktuelle Version der eigenen Visitenkarte auf der Rückseite nun auch mit zwei QR-Quick-Response-Codes ausgestattet ist, steht nicht im Widerspruch mit dieser Behauptung. Richtig ist es allerdings auch festzuhalten, dass bei jedem Standbesuch die Aussteller darauf Wert legen, den auf dem eigenen Badge aufgebrachten QR-Code einzuscannen. So können auf einfache Weise die Daten der Besucherin / des Besuchers fixiert werden und zugleich ihre Anzahl statistische einwandfrei erhoben werden [4]

6.

Was die äussere Form der Veranstaltung betrifft, verläuft alles inzwischen in noch sehr viel mehr geordneten Formen ab als früher. Einerseits sind die Zu- und Abgänge noch besser ausgeschildert, aber eben auch noch sehr viel stärker eingezäunt. Die Ausgänge sind als „EXIT“ markiert, die Eingänge sind als „ENTRANCE“ und werden nunmehr auch von Wachpersonal besetzt, dass in diesem Jahr auch mit Hunden ausgestattet ist, die die Gepäckstücke beschnüffeln sollen.

Am ersten Ausstellungstag dürfen um 9 Uhr nur die Aussteller das Hallen-Gelände betreten, Gäste erst ab 10 Uhr. Für Veranstaltungen wie die Presskonferenz von Blackmagic hatte das unvorhersehbare Folgen, da all die eingeladenen Gäste von Aussen um das Gelände herumgeführt werden mussten [5].

Und die immer noch den rüstigen Veteranen besetzen Informationsstände werden zunehmend ergänzt – teilweise auch ersetzt – durch grosse touch-based interaktive Infotafeln, die auf die Eingabe der entsprechenden Suchbegriffe versuchen, so „intelligent“ als möglich zu antworten.

7.

Versuche der eigenen Dokumentation wurden weniger heftig als früher unterbunden. An vielen Ton-Schalt-Pulten waren die Techniker sogar bereit, ein XLR-Schnittstelle für einen entsprechenden Mitschnitt bereitzustellen und auszupegeln. Das gilt allerdings nicht für jene Konsolen-betreiber, die sich in den Messehallen selber eingerichtet hatten. In dem von hp gesponserten Studio in der Nähe des Eingangs zum unteren Teil der South-Hall war so etwas wie eine „Splittbox“ nicht einmal bekannt, ganz zu schweigen von der Bereitschaft, sich gegebenenfalls mit der dahinterstehenden Anfrage vertraut machen zu wollen.

Erstaunlich auch, mit welche unterschiedlichen Gerätschaften die Ton- und (Bewegt-)Bild-Aufnahmen gemacht wurden. Neben ganzen Aufnahmeteams stellten sich Leute mit einem Presse-Badge ein, die den Interviewpartnern einfach ihr Smartphone vor den Mund hielten. Und wie auch immer die Quellen gefasst worden sein mögen, dass Pressezentrum verwandelte sich zeitweise in einer ganze Vielzahl von kleinen laptopbasierten „Studios“, in denen die Dokumente jeweils sendefertig aufbereitet wurden. Auf der Rückseite hatte sich eine ganze „nofilmshool“ etabliert um so allen Beteiligten einen Arbeitsplatz bieten zu können.

Für die Aufbereitung der Dokumentationen mit den über 50 Interviews des Teams der DigitalCinemaSociety.org wurde gegenüber dem Messegelände für verdammt teures Geld im „Courtyard“ eine Suite gemietet, in der das gesamte während dieser Tage aufgenommene Material sogleich rund-um-die-Uhr bearbeitet und zur Ausspielung im Netz vorbereitet wurde. Eine Dokumentation, die Ihresgleichen sucht.
Für die eigenen Interviews wurde ein iXm-Mikro von der Firma Yellowtec eingesetzt. Dieses hatte sich gleich am ersten Tag des Einsatzes so richtig „aufgehängt“. Das Geräte liess sich auf Gedeih‘ und Verderb nicht mehr ausschalten. Es gab auch keine Erfahrungen, was damit jetzt zu geschehen habe, da sich diese Teil bisher ganz und gar problemlos verhalten hatte. Am ersten Tag am Ausstellerstand in der unteren Nord-Halle um Rat gefragt, der nicht teuer war: Es reichte mit der „berühmten“ Büroklammer an einer nicht offensichtlichen Stelle einen „Reset“-Schalter zu betätigen. Und alles war wieder im Reinen [6]

8.

Mag sein, dass in diesem Jahr bei dem Versuch, die Transportkosten im Griff zu behalten, die Firma „UBER“ einen positiven Einfluss hatte. Auch am Stand der herkömmlichen Vegas-Taxis war ein grosses Schild montiert worden, auf dem empfohlen wurde:“share the ride, share the costs“.

Wem daran gelegen war, seinen Wagen in unmittelbarer Nähe zum Ausstellungsgelände zu parken, konnte mit Kosten in Höhe von $ 40 pro Messetag rechnen, die von den in der Umgebung befindlichen Hotels für die Nutzung ihrer Parkplätze erhoben wurden.

Es gibt aber auch für diese Herausforderungen ein Reihe von „workarounds“ für Insider, die aber an dieser Stelle nicht öffentlich gemacht werden, auf Anfrage aber als Empfehlungen gerne weitergereicht werden.

Wer vor hat, mehr als einmal nach Las Vegas zu fahren, dem/der ist auf lange Sicht die Nutzung eines eigenen Wagens vorzuschlagen, auch wenn die ersten Erfahrungen zunächst einmal die Bereitschaft für eine grössere Lernkurve voraussetzen.

Fun-Fahrzeuge für den Personentransport wie Tretroller oder Scateboards sind inzwischen wieder so gut wie vollständig von Bildfläche verschwunden. Ob das auch an die vielen nach wie vor überall ausgelegten Teppichmengen liegt, die eine zügigen Fortbewegung auf solchen „Rollis“ erschweren? [7]

9.

Und da wir gerade bei den „to do’s“ und „don’t do’s“ sind hier auch noch dieses:
Wer die Wahl hat und nicht an bestimmte Kleidungs“vorschriften“ seiner Firma oder Institution gebunden ist, sollte diese Chance nutzen, sich mit etwas Sorgfalt auf seinen „eigenen Auftritt“ vorzubereiten. Und das bedeutet eben nicht, sich damit „in Schale werfen“ zu müssen. Jeans, ein T-Shirt, das für sich selber spricht, ein Jackett reichen oft aus. Vielleicht sogar Sneakers, wenn man sie zu tragen versteht und sich darin wohlfühlt.

Gleiches gilt auch für die Rede-Regeln. Von den vielen hier nur diese: Versuche den Mund aufzumachen und auch auf alle ein kleinen Anfrage, wie es einem heute gehe und dergleichen mehr, zu antworten. Selbst wenn das zu Anfang noch etwas hilflos oder holprig rüberkommt. Und das nicht nur, weil das eine Konversations-Konvention ist. Sondern weil diese vielen kleinen Kontaktgespräche immer auch ein Möglichkeit sind, sich in diesen Dialogen zu üben – und „etwas“ über den Anderen, die Andere zu erfahren.

Im fortgeschrittenen Zustand eines solchen Dialoges kann es dann sogar passieren, dass auf beiden Seiten an unterschiedlichen Zeichen, Signalen, Befindlichkeiten entdeckt wird, dass hinter dieser Etikette des sich freundlichen Anredens tatsächlich eine Persönlichkeit steckt, mit der es Freude macht, zu reden, weil man aneinander Freude hat. Das ist ein sehr feiner Grad der Entdeckung und des Sich-Entdecken-Lassens, der noch weit unterhalb dessen liegt, was man im Deutschen gerne „Flirten“ nennt. Sondern es ist sozusagen der gemeinsame Versuch, aus der „Pflicht zur Freundlichkeit“ eine Art „Kür“ werden zu lassen – im besten Fall sogar ein kurzes Pas de deux.

10.

Bar- und Nachtklubbesuche sind in diesem Jahr völlig unterblieben. Die Freunde haben als Dank für ihr Entgegenkommen bei der Bereitstellung eines Parkplatzes ein Vielzahl von Fünfeuroscheinen erhalten, die sich die Tabledancer eindeutig lieber zustecken lassen, als damit in etwa vergleichbaren Fünfdollarscheine.

Die Hotelsuche und –Buchung war unproblematisch. Ausser, dass die Aussage der Agentur, dass in dieser Buchung alle Nebenkosten mit enthalten seien (erneut) nicht gestimmt haben. Nach den vorliegenden Berichten und Erfahrungen treten solche Probleme öfters auch, die u.a. dadurch entstehen, dass die Buchungen der Agentur ihrerseits über einen Wiederverkäufer stattfinden und dieses diese Kosten nicht mit weitergegeben hat [8].

Anmerkungen

[1Unter denen das Motto dieses Jahres, „unleash“ in vielen Fällen erst hat bekannt gemacht wenden müssen, da diese das Wort von der „Selbstbefreiung“ oft nicht nicht einmal gehört hatten, ganz zu schweigen im Rahmen wie dem einer Broadcasting-Show.

[2Wobei nicht die Hilfsbereitschaft des Personals in Abrede gestellt werden soll: Als für eine Frage wie diese keine Lösung in Sicht war, wurde der Vorschlag angenommen, das besagte Dokument dem Presseverantworlichen zuzusenden, damit dieser es sodann, auf seinem Rechner empfangen, ausdrucken und aushändigen kann.

[3Würde man nachfragen, warum dem so sei, wird sicherlich geantwortet werden, dass das der Übersichtlichkeit und Handhabbarkeit zu Gute gekommen sei.

[4Was dazu führt, dass an manchen Ständen ganz offen darum gebuhlt werden, solche einen QR-Code von dem Vorbeigehenden zu erhaschen, um so die an dem jeweiligen Stand identifizierten Anwesenden erhöhen zu können.

[5Noch komplizierte war die Lage bei der Showstoppers-Presse-Veranstaltung die zunächst für das Encore angekündigt war und dann im Wynn durchgeführt wurde. Das sind nicht einfach mal eben nur zwei Hotels, die nebeneinanderliegen, sondern ganze Gebäudekomplexe, die zu „erobern“ mit jeweils vielen Gehminuten und logistischen Anstrengungen verbunden sind.

[6Damit war die Entscheidung getroffen, auch ein eigenes Gerät aus dieser Serie zu erwerben.

[7Auf mehrfache Nachfrage, wie das denn aussähe, wurde u.a. mit dieses Bild vorgezeigt, das dann u.a. mit Sätzen wie diesem kommentiert wurde: "...voll FETT dein Foto! ;-) "
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[8Ein (Skype-)Anruf und sich daran anschliessender Mail-Kontakt lässt aber schliessen, dass man sich dort dieses Problems annehmen und nach Vorlage des Nachweises der extra gezahlten Beträge diese dem Buchenden wieder erstattet werden werden.


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