Zu viel des Guten?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 12. April 2016 um 21 Uhr 17 Minuten

 


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Die Ansage dieses Screenshots von der Firefox-Seite an diesem Morgen ist symptomatisch: mache es Dir in Deinem Leben leichter, indem Du Dir aus den vielen Möglichkeiten, dieses zu tun, das für Dich Richtige auswählst.

Ist das wirklich so? Oder gilt bei dieser überbordenden Anzahl an Möglichkeiten nicht (auch) der Satz: "Wer die Wahl hat, hat die Qual"?


Nach einer Woche in der "Bay Area" ist klar, warum die Entscheidung nicht für das Zusammenraffen der vielen offenstehenden Möglichkeiten gefallen ist, sondern für das Wenige, das einem dann letztendlich das Wichtigste war: Das Wiedersehen mit Freunden. Und nicht die zunächst avisierten Besuche bei Dolby, Google, Oracle, Springer, oder den T-Labs.

Die Folge dieser Entscheidung war, auch die Möglichkeit zu haben, aus den geführten Gesprächen all das herausholen und aufarbeiten zu können, was sich in deren Verlauf an Ansichten und Einsichten eingestellt hatte.

Das Gespräch mit Freunden und das Wissen umeinander, auf dem diese basieren, führt dazu, dass die vorgebrachten Geschichten und dargestellten Gewerke für einen selber ein ganz spezifische Bedeutung haben. Eine Bedeutung, die weit über das hinausgeht als das, was einem die Power-Point-Folie aus einem dieser Unternehmen hätte an Einsichten vermitteln können.


Hinzu kommt die Entscheidung, alle Planungen für diesen Aufenthalt erst hier vor Ort zu konkretisieren. Und diese dann auch step-by-step umzusetzen. Immer mit der jeweiligen Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse und Vorlieben der Menschen, mit denen dann eine Begegnung stattfinden wird.

Eben -und erst - dadurch hat dieser Aufenthalt eine Menge an Einsichten vermitteln können, die für die weitere Praxis von unmittelbarer Bedeutung sein werden: Was die Ausgestaltung der eigenen Webseite betrifft bis hin zu der Entscheidung, wann es wichtig sei, zwischen dem US-amerikanischen Englisch und dem "richtigen" Englisch zu unterscheiden, und wann nicht.


Während im Deutschen die Duden-Bibliothek auch auf dem Rechner gegen Gebühr ihre guten Dienste tut, wird es nun möglich, im Englischen mit der "Orwell"-Chrome-Extension zu arbeiten oder mit dem Hemingway-Editor: A Proofreading Tool for Writers.

Mit Hilfe dieses Editors werden die Sätze "crisp and clear". Oder, wie es die Entwickler proklamieren: "Hemingway App makes your writing bold and clear."

Es wird alles eliminiert, was das Herz der Literaturliebhaber wahrscheinlich erfreuen könnte. Stattdessen "freuen" sich die Suchmaschinen. Aber Dank ihres Wirkens dann auch all jene LeserInnen, die sich den Text in einer anderen Sprache aneignen wollen als jener, in der er verfasst wurde.

Die Begegnung mit den Freunden ist aufgrund eigener lebenslanger Praxis in der praktizierten deutschen, der englischen und der französischen Sprache möglich. Aber was ist mit all jenen Menschen (und Maschinen - sic!), die zunächst ein Interesse an schriftlich dokumentierten eigenen Aussagen haben, um darüber dann (gegebenenfalls) auch erst den Menschen kennenzulernen?


Es ist klar, dass - vielleicht neben dem Spanischen und dem Chinesen, den beiden wichtigsten "second languages" hier vor Ort - das Englische ein absolutes "must" ist. Egal, wo jemand herkommen, wie sie oder er aussieht, mit welchen leisen oder lauten Akzent die Person auch sprechen mag: Hauptsache, man ist nicht maulfaul, man vermag die Menschen anzusprechen und dabei zumindest das amerikanisch eingefärbte "r" laut und röhrend mittönen zu lassen.

Der Zugang zur US-amerikanischen Staatsbürgerschaft geht über die Sprache. Und das Vermögen, sich in und mit dieser Sprache zu verständigen - und damit zugleich Verständnisbereitschaft zu signalisieren.


Und wer sich in der scientific community etablieren, in und mit ihr über-leben will, hat gar keine andere Möglichkeit, als sich des Englischen auch im Schriftlichen ausreichend zu bemächtigen. Und das ist ein langer Weg, um sich diese Sprache wirklich zu eigen zu machen: So wie es Firefox vorschlägt musst Du nicht nur über das ausreichende Basiswissen verfügen, sondern möglichst viele von den darauf aufbauenden "Sonderfunktionen" zumindest kennengelernt haben, um dann entscheiden zu können, welche von diesen für das eigene Kommunikations-Verhalten die am besten geeignetste ist.


Das bedeutet im Klartext: Wenn es wirklich das Ziel wäre, in englischer Sprache - auch für ein US-amerikanisches Publikum - zu schreiben, dann geht der Weg nicht über einen längeren Aufenthalt in dieser Gegend vorbei.

Und es ist gut, dafür auch Freunde zu haben, die einem bei dieser Entscheidung und deren möglichen Umsetzung zur Seite stehen würden. Es gibt keine einzige Power-Point-Präsentation, die diesen Beistand ersetzen könnte.

Danke.

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Gesprächs-Skizze, die im Verlauf des Dialoges mit einem Freund entstand...

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