CeBIT_2016: Ein deutsches Wolken-Kuckucks-Heim?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 27. Mai 2016 um 22 Uhr 35 Minutenzum Post-Scriptum

 

Um verständlich zu machen, worum es hier geht, sei zunächst verwiesen auf zwei Zeitungsartikel in der WELT vom
- 4. Mai 2011 "China gründet Internetbehörde"
- 15. April 2014 "Huawei, der unchinesischste Konzern Chinas"

Und seit Montag, dem 14. März 2016, ist in den CeBIT-News über die Telekom-Cloud zu lesen:

"Das Internet der Dinge ist anfassbar geworden. 79 Prozent der Unternehmen sind der Meinung, dass sie mehr in die Digitalisierung investieren sollten. Zugleich sind unsere Kunden seit dem NSA-Skandal aber auch verunsichert, gerade was das Thema Datensicherheit angeht," erläuterte Telekom-Vorstand Tim Höttges auf der Cebit in Hannover. "Deshalb brauchen wir eine deutsche Antwort, eine Cloud-Lösung, mit der wir uns von anderen Anbietern abheben."

Die Antwort der Telekom ist die Open Telekom Cloud. Mit ihr steigt das Unternehmen in ein Marktsegment ein, das bislang vor allem von amerikanischen Wettbewerbern bedient wurde. Für das Unterfangen hat sich die Telekom einen starken Partner mit ins Boot geholt: den Technologiekonzern Huawei. Dieser die steuert Hardware- und Lösungskompetenz bei, während T-Systems, die Geschäftskundensparte der Telekom, das Rechenzentrum, den Betrieb und das Cloud-Management übernimmt. Abgerundet wird das neue Angebot durch das Netz der Telekom, das für zuverlässige Verfügbarkeit steht.

Am Abend des gleichen Tages erklärt der deutsche Minister für Wirtschaft und Energie, dass es in einigen Jahren dazu kommen müsse, dass Deutschland / Europa wieder der weltweit wichtigste Standort für die digitale Wirtschaft werden solle. [1]

Wer, bitteschön, macht hier wem was vor? Der Wirtschaftsminister gibt in seiner Eröffnungsrede - die keine solche ist, da die Messe nach seinen Worten ja schon seit einem Tag schon faktisch eröffnet sei - seiner Hoffnung Ausdruck, dass die sich an die CeBIT anschliessende Hannover-Messe mit dem Partner USA nicht mit einem selbstfahrenden Google-Auto eröffnet werden möge.
Zugleich aber hat sich mit der Telekom eines "seiner" Betriebe, an der "der Staat" immer noch einen wichtigen wirtschaftlichen Anteil hält, längst von Firmen wie Siemens und Alcatel (-Lucent) verabschiedet, um sich nunmehr auch in einem so strategisch wie politisch wichtigen Punkt mit der Firma Huawei zu verbünden [2].

Dass dem so sein wird, zeichnete sich seit Jahren ab. Und über die Gründe kann auf Nachfrage gerne individuell weiter eingegangen werden. All das ist weder neu noch überraschend [3]. Aber dass gerade ein solcher am Morgen erläuterter Schritt am Abend dafür herhalten muss, um damit die angestrebte Stärkung des deutschen / europäischen Marktes zu begründen, das gibt zu denken. Und Anlass zu der Frage, wie weit hier eigentlich von "der Politik" wirklich über das nachgedacht wurde, was da heute so alles verkündet wurde.

Man sollte diesen ersten Eröffnungs-Tag nicht vor dem Abend loben.Und zunächst nochmals diese Rede und das heute vorgelegte Dokument studieren:

PDF - 3 MB
Digitale Strategie des BMWi bis 2025

Morgen, am 17. März, werden vom BMWi-Staatsekretär Machnig nach der Eröffnung des sogenannten "Trusted Cloud-Portal"s die ersten "Zertifikate einer Datenschutz-Zertifizierung von Cloud-Diensten nach TCDP übergeben. Auf dem neuen Trusted Cloud Portal", so das BMWiweiter, "können Anbieter von Cloud-Services in Zukunft eine Listung ihrer Dienstleistung als Trusted Cloud Service online beantragen. Nach erfolgreicher Prüfung des Cloud Services entlang der Kriterien eines Trusted Cloud Labels (Transparenz, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Rechtskonformität) kann der betreffende Service auf dem Trusted Cloud Portal gelistet werden."

Und dann: Soll eine Digital-Agentur gegründet werden. Mit diesem Ziel:

Neben einer stärkeren Institutionalisierung der Digitalen Agenda geht es bei der Digitalagentur insbesondere auch um den nachhaltigen Aufbau von Digitalisierungs-kompetenz in ökonomischer, rechtlicher und technischer Dimension. Mit Blick auf die teils evolutionären, teils revolutionären Wirkungen der Digitalisierung und Vernetzung soll die dynamisch verlaufende Entwicklung wissenschaftlich analysiert und kontinuierlich begleitet werden (Technologiefolgeabschätzung). Mit dieser Wissens- und Erfahrungsbasis für die digitale Transformation wäre die Behörde als wirtschaftlich neutraler Thinktank für eine Politikberatung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Digitalisierung prädestiniert..

Wenn dies das Ziel der Strategie bis ins Jahr 2025 sein soll, wann wird dann die schon zur 25. CeBIT gestellte Frage: "Was kommt nach der Digitalisierung?" zur Geltung kommen?

Wenn "wir" es offensichtlich glauben, verantworten zu können, dass immer mehr der konzerngebundenen IKT-Kompetenzen nicht mehr vor Ort vorgehalten werden können, sondern aus West wie Ost eingekauft werden, dann sollten "wir" zumindest das noch verbleibende geistige Kapital bündeln, vernetzen und in diesem internationalen Wettbewerb nachhaltig zur Geltung bringen.

Dieses ist eine der ganz wenigen Chancen, die das "Volk der Dichter und Denker" noch mobilisieren könnte, um sich für die Zukunft in der sogenannten "digitalen Welt" fit zu machen: Nicht nur über die Technikfolgen nachzudenken, sondern über diese hinauszudenken: "Byond Vision" [4] .

P.S.

Am 18. März trifft eine Mail von F.L[...]@telekom.de ein, in der dafür geworben wird, dass die "Open Telekom Cloud mit Gold ausgezeichnet" worden sei:

Der TÜV Austria Deutschland hat die Open Telekom Cloud mit zwei Zertifikaten für das Cloud Security Managementsystem ausgezeichnet und der T-Systems den „Gold Award“ für Sicherheit verliehen. Das gab die Deutsche Telekom am Freitag im Rahmen der CeBIT 2016 in Hannover bekannt. Die Auszeichnung erfolgt nach den Zertifizierungsprogrammen CSA STAR und TÜV Trusted Cloud Service und bescheinigt den Betrieb eines Informationssicherheits-Managementsystems nach definierten Qualitätskriterien. „Unsere Kunden wollen eine Cloud, der man vertraut“, sagt Anette Bronder, Geschäftsführerin der Digital Division von T-Systems. „Und sie vertrauen der Cloud nur, wenn sie sicher ist. Wir freuen uns sehr, dass der TÜV unser Engagement für sicheres Cloud Computing aus Deutschland mit diese Zertifizierung anerkennt.“

Am Montag hatte die Deutsche Telekom gemeinsam mit Technologiepartner Huawei die Open Telekom Cloud zum Start der Fachmesse für Digitalisierung CeBIT in Betrieb genommen. Die neue Public Cloud kombiniert flexibel verfügbare IT-Ressourcen mit Service und strengem deutschen Datenschutz. "Damit ergänzen wir unser bisheriges Angebot von Private-Cloud-Diensten entscheidend um eine Cloud, die einfach über das öffentliche Internet verfügbar ist", erläuterte Telekom-Vorstand Tim Höttges. "Für unsere Kunden, ob große Unternehmen oder aus dem Mittelstand ein wichtiger Service für ihre Digitalisierung - für uns ein zentraler Baustein auf dem Weg, die Nr. 1 für Cloud-Services für Geschäftskunden in Europa zu werden." Mit SAP hatte sich noch am selben Tag der erste Partner für die Open Telekom Cloud ausgesprochen.

Soweit, so gut. Allein, das Hochnotpeinliche an dieser Aussendung ist, dass im Verzeichnis der Mail-Empfänger die Adressen des gesamten Verteilers sichtbar sind (sic!). WS.

Anmerkungen

[1Der genaue Wortlaut wird zitiert werden, solange nicht nur das Over-Voice im Stream zu vernehmen ist, sondern auch der Wortlaut selber authentisch zitiert werden kann.

[2Und das Ganze dann ausgerechnet auch noch auf der Bühne mit dem Schlagen eines chinesischen Gongs zum Leben zu erwecken...

[3Siehe dazu die Presseerklärung vom 23. Oktober 2015: "Deutsche Telekom presents the Open Telekom Cloud"

[4Womit zugleich der Titel des dritten Buches einer Trilogie ausgestellt wird, die in Vorbereitung ist. Eine allererste Leseprobe dazu gibt es in dem gerade bei Springer erschienenen Buch über Digitale Souveränität. Siehe dazu: "Digitale Souveränität?".


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