Angermünde, an einem Samstag

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 6. März 2016 um 22 Uhr 16 Minuten

 

Heute vor einer Woche gab es nach einer Woche Klinikaufenthalt die erste Möglichkeit für einen "Ausflug": mit dem Sammeltaxi für zwei Stunden in des benachbarte Angermünde.

Hier ein Auszug aus dem Tagebuch-Eintrag, der am Ende dieses SamsTages erstellt wurde [1]:

Nein, ich nehme nicht das eigene Auto, sondern lasse mich zum Preis von 6 Euro einmal in das Städtchen fahren – und wieder zurück. Und habe, dort angekommen, zwei Stunden Zeit zum Einkaufen, zur Belebung der regionalen Wirtschaft. Dieser Verantwortung komme ich gerne nach, nachdem ich mich zur ein wenig umgehört habe, was und wer wo zu finden ist.

Die Änderungsschneiderin, die es früher mal in dem 13tausend Seelen Städtchen gab, habe inzwischen geschlossen, es gebe da nur noch die Vietnamesen an der Ecke der Einkaufsstraße, bevor man, dann links abbiegend, zur Post komme. Im Geschäft gegenüber werden auch Änderungsarbeiten angenommen, aber nicht sofort erledigt.

In beiden Geschäften gibt es so ziemlich alles, was der Mensch so braucht. Auch Schlafanzüge? Ja, auch Schlafanzüge. Im "Asia Shop" aber nicht mehr in der richtigen Größe, für 12 Euro 95. Beim Vietnamesen gegenüber gibt es den gleichen Schlafanzug – so richtig „Alter-Herren-Stil“ – auch in der richtigen Größe, zum Preis von 12 Euro. Aber keine hinten geschlossenen Hausschuhe. Diese wiederum gibt es in der Auslage im Laden gegenüber, gefüttert mit „ECHTE(r) SCHURWOLLE“ zum Preis von 15 Euro 99.

So, dass wäre schon mal geschafft. Alle weiteren Kleinigkeiten des alltäglichen Bedarfs finden sich dann um die Ecke auf dem Weg zur Post auf der rechten Seite. „Pfennigland“ heißt dieser Laden, und auch hier all die Dinge des alltäglichen Bedarfs, vom Seifenhalter über die Einlegesohlen bis zum Wasserkocher. Einer ist noch dabei, der nicht aus Kunststoff ist, sondern aus Alu ist. Zum „Sonder“?Preis von 9 Euro 99 im Angebot.

Auf dem Weg dahin vorbei an der Bäckerei Striegler. Dort gibt es noch „Baiser“ aus eigener Herstellung und "Schweinsohren", die nur in Butter ausgebacken werden.

Auf der gegenüberliegenden Seite wird bei Tabak Wenzel die Wochenendausgabe der Märkischen Oderzeitung gekauft, allerdings erst nach einem längeren Durchsuchen mehrerer Ausgaben, da einigen von ihnen die Wochenendbeilage fehlte. Und dann wird noch viel Geld in kleine Schnapsflaschen mit hiesigen Bränden investiert, die sich gut als Geschenk eignen und in diesen Formaten im Koffer auch mit in die USA genommen werden können [2].

Auf dem Rückweg dann noch vorbei am Blumen- und Gemüse-Laden um 9 Tulpen in drei unterschiedlichen Farbtönen einzukaufen, und am Vodafone-Shop. Ob es bei ihnen Daten-SIM-Karten gäbe, so die Frage, da er Empfang des Vodafone-Signals in meiner Umgebung besser sei als der des Telekom-Signals. Theoretisch ja, so die Antwort, aber sie würden nicht vor nächster Woche eintreffen.

All das war in zwei Stunden gut zu erledigen. Für einen längeren Aufenthalt im Kaffee oder der Eisdiele blieb keine Zeit mehr. Schließlich galt es, sich pünktlich wieder am Sammelplatz einzufinden. Und - siehe da – es waren auch alle anderen Gäste genau zur richtigen Zeit auch wieder an der richtigen Stelle versammelt. Eine der diesen Gästen hat auch irgendwo einen Fischhändler entdeckt, bei dem sie eingelegte Rollmöpse verkostet und dann auch erworben hatte.

Soweit der oberflächliche Teil der Geschichte.

Der etwas weitreichende Teil sollte von den Menschen sprechen, denen ich in diesen Geschäften begegnet bin, als Kunden oder auch hinter den jeweiligen Verkaufstresen. Und er müsste Zeugnis darüber ablegen, in den Geschäften überall freundlich und zuvorkommend aufgenommen und bedient zu werden. Nicht überschwänglich und nicht anbiedernd, aber durchaus „freundlich“, im positiven Sinne dieses Wortes, das sich so leicht schreiben und doch so schwer umsetzen lässt.

Was aber noch viel beeindruckender ist, ist der Umstand, wie weit dieses kleine Städtchen bereits in asiatischer Hand ist. Nicht nur, dass die Hausschuhe im „ASIA SHOP“ gekauft wurden und der Eigentümer gegenüber ein Vietnamese war, nicht nur, weil es auch Straßenrestaurants mit chinesischer Küche gab, sondern die meisten anderen Geschäfte – auch das „NKD“, wo es einen Skipullover für 4 Euro 95 zu kaufen gab – waren im Wesentlichen bestückt mit Importwaren. Auch wen auf den zum Verkauf angebotenen Hausschuhen „GERMANY“ aufgedruckt war oder wenn der Wasserkocher sich auf der Verpackung mit einem CE-Logo schmücken durfte.

Ein Umstand, den ich bislang so weder erlebt, noch wirklich bedacht hatte: nach der Okkupation der DDR-Bevölkerung durch „den Westen“ ist dieser inzwischen längst verdrängt – ober besser gesagt nochmals überformt - worden durch „den fernen Osten“. Und zwar in einem Umfang, der mir bislang so überhaupt nicht klar gewesen ist.

Bei uns „im Westen“ kommt zwar auch schon das Meiste aus den Ländern des fernen Ostens, aber das Ganze wird immer noch auf vielfältige Weise durch den Abglanz „unserer“ Zivilisation kaschiert. Hier, in diesem Städtchen wie Angermünde, ist die Lage viel eindeutiger, ja brutaler (auch wenn das so überhaupt nicht wahrgenommen werden wird).

Identität, das findet sich doch in der Bäckerei, den lokalen Nachrichten oder im Fischgeschäft. Aber nachdem der zweitklassige Westramsch nochmals seine Wiederbelebung in den DDR-Nachfolgezeiten erfahren hatte, nachdem dieses nach und nach von so „innovativen“ Angeboten eines Hauses wie IKEA verdrängt wurde, nunmehr längst die Plaste-und-Elaste-Kultur – nein, nicht mehr aus Schopkau (hieß das so – ich habe hier kein Internet und kann es derzeit nicht überprüfen) – aus "Fern-Ost" Einzug gehalten. Erst jetzt wird mir klar, warum so eine Markenname wie der von Trigema sich gegen eine KIK-Ladenkette mit dem Argument „wir produzieren nur in Deutschland“ durchzusetzen versucht.

Wenn das hier die „blühenden Landschaften“ sein sollen, die uns einst die Politik versprochen hat, dann ist aber schon seit Langem klar, dass hier allzu viel Kunstdünger eingesetzt wurde, um noch das Letzte aus dem „Deutschen Boden“ herauszuholen. Und das sei so gesagt, ohne damit Gefahr laufen zu wollen, gleich wieder einer Blut- und-Boden-Mentalität nahezukommen.

Die in den besichtigten Läden ausgestellten Produkte – teils, wie schon gesagt, mit Worten wie „Germany“ als Brand-Ersatz ausgestattet – werden nicht länger mit dem „Made in China“ beworben, sondern mit einem Ausdruck wie „Designed in Western-Europe“.

Unsere Identität: spiegelt sie sich immer weniger in den Waren und Gegenständen wieder, die wir verwenden, sondern „nur“ noch in deren Design? Nicht mehr lange, so die These dieses Textes, und selbst diese Domäne der europäischen Dominanz wird immer mehr aus den Fugen geraten. Noch mögen wir uns darauf verlassen wollen, dass Kreativität und konzeptionelle Raffinesse ein Privileg des europäischen Geistes darstellen. Aber spätestens mit der Einführung der BA- & MA-Studiengänge sind wir dabei, auch dieses Privileg nachhaltig zu torpedieren.

Ja, wir sind jetzt „europäischer“ als früher, selbst das Mahnmal von Verdun ist jetzt zu einem Mahnmal für französische UND deutsche Soldaten geworden.

Aber die so lange ersehnte starke deutsche D-Mark hatte, in der ehemaligen DDR gerade eingeführt, dort nur wenige Zeit Bestand gehabt, bevor sie – so gewonnen, schon zerronnen – in den EURO hat getauscht werden müssen. Was aber ist seitdem von diesem Europa in der ehemaligen DDR wirklich angekommen, ist es nicht wie ein Trojanisches Pferd, dass inzwischen mehr und mehr von Kräften aus Süd-Ost-Asien bestückt worden ist?
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Im Gegensatz zu mir ist der Fahrer auf seinem Weg nach Angermünde nicht den „Erich-Mielke-Schleichweg“ gefahren - eine Art Plattenweg, der in 12 Kilometern bis zur Autobahn führt - sondern viele neue schön geteerte schmale Straßen, die sich durch die idyllische Landschaft schlängeln, durch „Wald und Feld“ – im besten Sinne dieses schon fast geflügelten Wortes.

Jeder Winkel hat sich so gut als möglich wieder herausgeputzt. Und jetzt, wo so einigermassen wieder alles hergerichtet ist, stellt sich heraus, dass trotz all dieser Investitionen der wirtschaftliche Erfolg in Grenzen stecken bleibt, die es nahelegen, nach einem neuen "billigen Jakob" zu suchen, und ihm die Chance gegen, sich nunmehr in das so wieder fein gemachte Bett zu legen.

Kein westliches "Lotterbett", kein mittelalterliches "Streckbett", sondern ein edles Bettgestell mit einer verdammt einfachen Schaumstoffmatratze.

Anmerkungen

[1... und in dem sich, ganz anders als sonst hier auf "DaybyDay" auch Sätze vorkommen, in denen ein "ich" vorkommt.

[2Der für den eigenen Bedarf erworbene Kräuterlikör erfüllt aber die Erwartungen nicht wirklich, auch wenn er im Etikett mehr als vollmundig daherkommt. Es ist – dafür, dass er als Likör daherkommen will, einfach zu „wässrig“ und zu milde. Jedenfalls für den eigenen Geschmack.


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