No Show: Berlinale (I)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 14. Februar 2016 um 16 Uhr 49 Minuten

 

An diesem Tag wird es keine Beteiligung an der 66. Berlinale geben. Aber dafür die so wertvollen Berlinale 2016 - Panorama und Forum - Kurzkritiken von Gabriele Leidloff und Max-Peter Heyne [1]

PANORAMA

Aloys ****
Regie, Buch: Tobias Nölle, Darsteller: Georg Friedrich, Tilde von Overbeck
Schweiz/Frankreich 2015, 91 Min., Deutsch, Schweizerdeutsch
Ein kauziger, menschenscheuer Privatdetektiv, dessen Vater verstorben ist, wird auf einmal selber von einer Unbekannten verfolgt und observiert. Bald erkennt der verklemmte und gehemmte Einzelgänger, dass er es mit einer Seelenverwandten zu tun hat.
Die schräge Geschichte zweier kommunikationsgestörter Außenseiter ist über weite Strecken sehr einfallsreich und amüsant erzählt, wobei die leicht surrealen visuellen Stilübungen das Sehvergnügen noch steigern. Zudem verfügt die schweizerische Produktion mit Georg Friedrich („Über uns das All“, „Knallhart“, „Stereo“) über einen versierten Hauptdarsteller, der den gehemmten, aber gutherzigen Privatschnüffler glaubwürdig mit dem nötigen Schuss Verschrobenheit versieht. MPH

Curumim ****
Regie, Buch: Marcos Prado
Brasilien 2016, 106 Min., Portugiesisch, Indonesisch, Italienisch, Englisch
Das Leben von Marco „Curumim“ Archer änderte sich schlagartig, als die Polizei auf dem internationalen Flughafen von Jakarta 13,5 Kilo Kokain in seinem Drachensegler sicherstellte. Zunächst gelang ihm die Flucht. 16 Tage hielt er sich in Indonesien versteckt, bevor er verhaftet und zum Tode verurteilt wurde. Elf Jahre später, am 17. Januar 2015 wurde er wegen Drogenhandels hingerichtet. Mit einer versteckten Kamera hielt Marco seinen Gefängnisalltag fest und bat Regisseur Marcos Prado um Unterstützung für diese Dokumentation. Interviews mit Freunden, Fotografien, Briefe und Telefongespräche geben eindrucksvoll Einblick in sein Leben.
Dieser Film stellt eigentlich die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Todesstrafe am Beispiel Indonesiens. Gekonnt konterkariert der Regisseur mit seinem lebenslustigen, charismatischen und furchtlosen Protagonisten und seiner Dealergang die Tragik des Themas. Durch das facettenreiche, fulminant montierte Material gelingt den Zuschauern ein ungewöhnlicher Blick. GL

Don’t Blink – Robert Frank ****
Regie: Laura Israel
USA/Frankreich 2015, 82 Min., Englisch
Vor der Filmkamera von Laura Israel, seiner langjährigen Mitarbeiterin und Cutterin, lässt Robert Frank sein Leben und Werk selbstbewusst und selbstironisch Revue passieren. Man erlebt einen Künstler in Aktion, einen Zeitzeugen, der sich an die Jahre mit Jack Kerouac und Allen Ginsberg erinnert, mit denen er Filme im Tonfall der Beatgeneration realisierte. Robert Frank erweist sich als Querdenker und Anarchist in allen Lebenslagen.
Die ungebrochene Kreativität und Vitalität des inzwischen 91-jährigen, seine liebenswerte Eigenwilligkeit und die ausdrucksstarken Fotografien aus der Fülle seines Archivs machen die unkonventionelle Dokumentation besonders sehenswert. Das Leben des gebürtigen Schweizers und sein umfassendes Oeuvre inklusive der autobiografisch inspirierten Filme geben einen spannenden Einblick in das New York der späten 50er- und 60er Jahre sowie der amerikanischen Mentalität durch die Dekaden. GL

El Rey Del Once **
Regie, Buch: Daniel Burman, Darsteller: Alan Sabbagh, Julieta Zylberberg, Usher Barilka, Elvira Onetto
Argentinien 2015, 80 Min., Spanisch
Nach vielen Jahren kehrt der Geschäftsmann Ariel von New York nach Buenos Aires und damit in sein heimatliches, jüdisches Milieu zurück, in dem sein Vater eine wichtige Persönlichkeit ist. Der lässt sich aber nicht blicken, sondern meldet sich nur über Mobiltelefon, um seinem Sohn kleine Aufträge zu erteilen. Ariel lernt darüber die Geheimnisse innerhalb der Community kennen und reflektiert seine Herkunft.
Eine nette, bisweilen aufschlussreiche Betrachtung des jüdischen Milieus von Buenos Aires, die aber in Substanz und Tiefe nicht an den Spielfilm „El abrazo partido“ desselben Regisseurs heranreicht, der bei der Berlinale 2004 mit einem Silbernen Bären preisgekrönt wurde. Die vielen kleinen Episoden sind zwar bruchlos und elegant aneinandergereiht, hinterlassen aber keinen intensiven Eindruck, der auf mehr verweisen würde als dass es eben auch unter jüdischen Migranten und deren Nachfolgern viele Bruchstellen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft gibt. Das ist als Erkenntnis zu dünn. Herausragend ist einzig die Leistung des Hauptdarstellers, der die Anspannung und Nervosität des Heimkehrers mit äußerster Präzision spielt. MPH

Hotel Dallas ****
Regie, Buch: Sherng-Lee Huang, Livia Ungur, Darsteller: Livia Ungur, Patrick Duffy, Răzvan Doroftei, Serena Sgârdea, Serena Sgârdea
Rumänien/USA 2016, 75 Min., Rumänisch, Englisch
Im kommunistischen Rumänien der Achtzigerjahre ist die US-Fernsehserie Dallas das einzige Fenster zur kapitalistischen Welt und die Bevölkerung klebt kollektiv am Bildschirm. Auch Ilie und seine Tochter Livia sind Fans. Der Vater findet im skrupellosen Ölbaron J. R. Ewing ein Vorbild für seine eigenen krummen Geschäfte, während Livia sich in den Darsteller des Bobby, Patrick Duffy, verliebt. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems baut Ilie das Hotel Dallas, mit dem er Steuermillionen veruntreut, während es Livia ins Land der Freiheit in die USA zieht. Jahre später kehrt sie in die Heimat zurück, um ihrem Jugendschwarm Duffy auf einer Reise quer durch Rumänien zu zeigen, wie der „Dallas-Kapitalismus“ das postkommunistische Land geprägt hat.
Ein vielschichtig surreales Essay mit autobiografischem Hintergrund über Ost und West, Freiheit und Macht, Hoffnung, Illusion, Mythen und die Unendlichkeit. In ihrem facettenreichen Langfilmdebüt gelingt dem Regiepaar eine geschickte Verflechtung stilistischer Mittel – Farbe/Schwarz-Weiß, die Kamera als Protagonist, Musicalsequenzen, dokumentarische Szenen. Als Spiegel der politischen Ereignisse vor und nach der Revolution in Rumänien unter dem Einfluss der TV-Serie „Dallas“ werden Zeitsprünge und philosophische Ebenen eingezogen. GL

Indignation ***
Regie, Buch: James Schamus, nach dem gleichnamigen Roman von Philip Roth, Darsteller: Logan Lerman, Sarah Gadon, Tracy Letts, Linda Edmond, Danny Burstein
USA 2015, 109 Min., Englisch
USA 1951, die Hysterie der McCarthy-Ära prägt die Stimmung, jungen Männern droht der Militärdienst in Korea. Umso erleichterter ist der aus New Jersey stammende Marcus Metzner, als er einen Studienplatz in Ohio bekommt. Die Aufnahme ins College bewahrt ihn vor der Rekrutierung. Doch im College ist der Alltag nicht leicht. Konkurrenzkämpfe, Klassenunterschiede, Liebesabenteuer und Marcus’ Weigerung, als bekennender Atheist im christlich geführten College wenigstens die Synagoge zu besuchen bringen ihm wiederholte Vorladungen beim Dekan ein. In Indignation werden die Gespräche mit dem Dekan zu Rededuellen, in denen ein junger Mann seine moralischen und politischen Ideale selbstbewusst vertritt. Das Regiedebüt von James Schamus, einem der wichtigsten unabhängigen Filmproduzenten der USA, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Philip Roth.
Zu spannungslos und konventionell inszenierte Verfilmung für ein großes Zielpublikum, die in typischer Weise die kritische Haltung des Romans verwässert. Die Dramaturgie ist mit schwülstiger Filmmusik unterlegt. Bis auf den Hauptdarsteller überzeichnen die Schauspieler ihre Figuren. Roth‘ zeitbasierte Romanvorlage vernetzt gekonnt auf verschiedenen thematischen Ebenen die politischen Repressalien der McCarthy-Ära der 50er- und 60er- Jahre in den USA: Antisemitismus, Psychiatrie, angelsächsische Prägung einzelner Bundesstaaten und die daraus folgende Pädagogik. GL

La Route d’Istanbul / Road To Istanbul ****
Regie: Rachid Bouchareb, Darsteller: Astrid Whettnall, Pauline Burlet, Patricia Ide, Abel Jafri
Algerien/Frankreich/Belgien 2016, 97 Min., Französisch, Englisch, Türkisch
Elisabeth lebt mit ihrer 20-jährigen Tochter Elodie in einem idyllischen Haus in der belgischen Provinz. Sie macht sich zunächst wenig Sorgen, als Elodie nicht nach Hause kommt. Als die Polizei ihr mitteilt, dass ihr Kind das Land verlassen hat, um sich in Syrien dem Islamischen Staat anzuschließen, fällt sie aus allen Wolken. Ein Abschiedsvideo offenbart, dass Elodie ein Parallelleben geführt hat, von dem ihre Mutter nichts ahnte. Da von offizieller Seite keine Hilfe zu erwarten ist, bricht sie auf, um über die türkische Grenze nach Syrien zu gelangen und Elodie nach Hause zu holen. Rachid Bouchareb verhandelt ein Thema von brennender Aktualität. Die Reise der Mutter aus westlicher Ordnung heraus hin zu Chaos und Gewalt in den Krisengebieten ist ein Spiegelbild ihrer inneren Verzweiflung.
Am Beispiel seiner Hauptfigur versucht der Regisseur dem Betrachter nachvollziehbar ein Verständnis für die Eltern radikalisierter Kinder aufzuzeigen. Mit emphatischen Darstellern sehr authentisch inszeniert. GL

Les Premiers, Les Derniers / The First, the Last *
Regie, Buch: Bouli Lanners, Darsteller: Albert Dupontel, Bouli Lanners, Suzanne Clément, Michael Lonsdale, David Murgia
Frankreich/Belgien 2016, 98 Min., Französisch
In einer nicht näher bezeichneten, nahen Zukunft leben nur noch wenige Menschen in einer von Ruinen und versteppten Landschaften gekennzeichneten Zivilisation. Ein Typ einsamer Wolf, sein kranker Freund sowie einige Gauner und Mafioso versuchen, das Beste aus der tristen Situation zu machen.
Dem belgischen Regisseur und Hauptdarsteller Bouli Lanners gelingt es nicht, der aus vielen Science-Fiction-Dramen sattsam bekannten Ausgangssituation irgendwelche neuen Aspekte abzuringen. Zwar laufen in der Steppe belgischer Provinz einige interessante Figuren herum, aber keine von ihnen kann wirklich die Sympathien der Zuschauer erringen, da sie wie die Handlung insgesamt meist müde und ziellos vor sich hin schlingern. Die Westernmotive und Gewalteinsprengsel hat man schon dutzendfach origineller gesehen, sodass die trüben, farblosen Kamerabilder in dieser merkwürdig uninspirierten Produktion auch den Gesamteindruck prägen. MPH

Mapplethorpe: Look at the Pictures ****
Regie: Fenton Bailey, Randy Barbato
USA/Deutschland 2016, 108 Min., Englisch
Er war ein Katalysator, aber auch ein Skandalmagnet. Sehr früh schon hatte Robert Mapplethorpe ein Ziel, das er bedingungslos verfolgte: nicht nur Künstler, sondern auch ein Kunststar zu sein. Der Zeitpunkt ist günstig, es ist das Manhattan von Warhols Factory, des Studio 54 und einer nach den Stonewall-Unruhen hedonistisch ausgelebten Sexualität. Bereits seine erste Einzelausstellung (1976) breitet seine Themen aus: erotische Darstellungen, Blumen und Porträts. Berühmt-berüchtigt wird er durch eine Serie von Sex-Fotos aus dem schwulen SM-Milieu und Nacktaufnahmen von Schwarzen. In der Dokumentation Mapplethorpe: Look at the Pictures von Fenton Bailey und Randy Barbato, die für ihren neuen Film unbeschränkten Zugang zu Mapplethorpes Archiven bekamen, spricht der Künstler in neu entdeckten Interviews offen über sich selbst. Zugleich zeichnen die Aussagen von Freunden, Lovern, Familienmitgliedern, Berühmtheiten und Modellen ein durchaus kritisches Bild dieser komplexen Schlüsselfigur der Fotografie des 20. Jahrhunderts.
In den 70er und 80er Jahren, in welchen weder die Homosexualität noch die Kunst der Fotografie gesellschaftlich anerkannt waren, provozierte der Fotograf Mapplethorpe, der nie einer werden wollte und den das Handwerk nicht interessierte, mit seiner libidinös skulptural puristischen Ästhetik das amerikanische Publikum. Ehrgeizig, sexsüchtig, rastlos gelang ihm eine rasante Karriere. Seine Selbstinszenierung als satanischer Prinz wird durch die Herkunft nachvollziehbar. Statements und Interviews mit den Geschwistern und Zeitgenossen aus persönlichem Umkreis vermitteln eindrucksvoll, direkt und fokussiert den Umbruch und die Zügellosigkeit dieser Epoche. GL

Der Ost-Komplex ****
Regie, Buch: Jochen Hick
Deutschland 2016, 90 Min., Deutsch
Der Film konzentriert sich auf das Schicksal von Mario Röllig, der 1987 wegen versuchter „Republikflucht“ in Ostberlin inhaftiert und nach einigen Monaten von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Rölligs Leben geriet Mitte der neunziger Jahre durch private Schicksalsschläge aus dem Lot, unter anderem wegen der zufälligen Begegnung mit dem Mann, dem er bei den Verhören im Stasiknast gegenüber saß.
Eine Abrechnung mit der DDR und ihrem Unrechtssystem? Ja, aber nicht nur und vor allem wesentlich interessanter und facettenreicher, als es die Inhaltsangabe vermuten lässt. Regisseur und Teddy-Award-Gewinner (2003 für Allein unter Heteros) Jochen Hick hat klar erkannt, dass die Auskunftsfreudigkeit und das Charisma seines sensiblen und intelligenten Protagonisten einen langen Dokumentarfilm trägt. Außerdem erlebt der Zuschauer durch den traumatisierten, bekennenden Schwulen und antisozialistischen Agitator Röllig einen aufschlussreichen Slalom durch die sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Milieus, die in Deutschland vorhanden sind. Einiger stilistischer Mätzchen hätte es da gar nicht bedurft. MPH

Remainder *****
Regie: Omer Fast, Buch: Omer Fast, nach dem Roman von Tom McCarthy, Darsteller: Tom Sturridge, Cush Jumbo, Ed Speleers, Danny Webb, Nicholas Farrell
Großbritannien/Deutschland 2015, 104 Min., Englisch
Ein Mann, ein schwarzer Rollkoffer, eine Straße. Plötzlich fällt etwas vom Himmel, trifft den Mann am Kopf und schickt ihn ins Koma. Kurz nachdem er aufwacht, ist er um 8,5 Millionen Pfund reicher – Schweigegeld, sagt sein Anwalt. Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall hat der namenlose Protagonist, gespielt von Tom Sturridge, ohnehin nicht mehr. Durch die große Geldsumme zu allem befähigt und sämtlicher Skrupel beraubt, stellt er einen fähigen Helfershelfer ein, der vage und rare „Rückblenden“ für ihn mit Schauspielern nachstellen lässt. Doch langsam schleichen sich immer gewalttätigere Bilder in die surreale Welt der Hauptfigur. Der erste Langfilm des israelischen Videokünstlers Omer Fast – eine Adaption des Debütromans von Tom McCarthy, mit dem Fast auch gemeinsam das Drehbuch schrieb – ist ein somnambul-brutales Vexierspiel von Wahrheit und Traum.
Der Regisseur verbindet das obsessive Inszenieren der Visionen des Protagonisten mit einer fiktiven Verschiebung der Realitätsebenen. Einfallsreiche Illustrierung des psychophysischen Phänomens der Erinnerungslosigkeit. Hervorragend besetzt und gespielt. GL

Shelley **
Regie: Ali Abbasi, Darsteller: Ellen Dorrit Petersen, Cosmina Stratan, Peter Christoffersen, Björn Andrésen, Marianne Mortensen
Dänemark/Schweden 2016, 92 Min., Dänisch, Englisch, Norwegisch, Schwedisch, Rumänisch
Das dänische Paar Louise und Kasper führt ein zurückgezogenes, naturverbundenes Leben. Ihr Haus liegt einsam im Wald an einem See, es gibt weder Strom noch Handyempfang. Daran muss sich Elena, die junge Haushaltshilfe aus Rumänien, erst einmal gewöhnen. Im Haus gibt es nur ein Telefon, das sie manchmal benutzt, um ihren kleinen Sohn anzurufen, der weit weg bei ihren Eltern aufwächst. Louise ist sehr schwach, sie hat eine Fehlgeburt hinter sich und kann keine Kinder mehr bekommen. Damit ihr größter Wunsch, Mutter zu sein, doch noch in Erfüllung geht, schließt sie einen Pakt mit Elena: Sie soll als Leihmutter ihr Kind austragen und dafür gut bezahlt werden. Elena willigt ein. Doch als der fremde Embryo in ihrem Körper viel zu schnell heranwächst, wird klar, dass dies keine normale Schwangerschaft ist. Die Spannungen wachsen, zwischen den Frauen kommt es zum erbitterten Kräftemessen. Und mit der Geburt ist der Horror noch lange nicht vorbei. Dunkle Kräfte werden in diesem Genrestück freigesetzt, das mit seinem Titel auf den Horror-Klassiker Mary Shelley’s Frankenstein anspielt.
Unoriginelle Gruselgeschichte, die sich ständig in Andeutungen ergeht, die aber klischeehaft bleiben (knarzende Türen, dunkle Kellertreppen, gemeuchelte Haustiere, nächtliche Trips durch die wilde Landschaft). Lässt den Zuschauer ratlos zurück, warum das Thema überhaupt gewählt wurde, wenn im Vergleich zu „Rosemarie Baby“ oder „Die Saat des Grauens“ nichts Neues hinzugefügt wird. MPH

Shepherds and Butchers *****
Regie: Oliver Schmitz, Buch: Brian Cox, nach dem Roman von Chris Marnewick, Darsteller: Steve Coogan, Andrea Riseborough, Garion Dowds
Südafrika/USA/Deutschland 2016, 106 Min., Englisch
Südafrika 1987. Eine Regennacht in der Nähe von Pretoria. Ein junger Weißer jagt mit seinem Auto durch die Straßen, fühlt sich von einem Kleinbus bedrängt. Als beide Fahrzeuge halten und die Bustür sich öffnet, schießt er auf die Insassen. Die Opfer: sieben schwarze Mitglieder eines Football Clubs. Der Täter kommt vor Gericht, das Todesurteil scheint unabwendbar. Leon Labuschagne, 19 Jahre alt, Wärter im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses in dem er in den letzten beiden Jahren mehr als 160 Todesurteile mit vollstrecken musste. Sein Verteidiger steht auf scheinbar verlorenem Posten. Doch er beginnt zu recherchieren, fragt nach, welche Umstände im Leben des Familienvaters und aktiven Kirchenmitglieds ihn zu dem Amoklauf getrieben haben. Oliver Schmitz legt in seinem Film die traumatischen Erfahrungen eines zum Henkerdienst gezwungenen Polizeiangestellten bloß. Das Nachdenken über individuelle und gesellschaftliche Schuld, Gewalt und Gegengewalt mündet in ein eindrückliches Plädoyer gegen die Todesstrafe.
Ein klassisches Gerichtsdrama, mit freudschen Bezügen rhetorisch spannungsreich in Szene gesetzt, beeindruckend realistisch dargestellt. Auf der Basis historischer Ereignisse des Jahres 1987 in Pretoria entwirft der Spielfilm ein schonungsloses Dokument des unerbittlichen Apartheidregimes und der gesellschaftspolitischen Zustände Südafrikas in diesen Jahrzehnten. Nichts für zarte Gemüter. GL

Starve Your Dog ***
Regie, Buch: Hicham Lasri. Darsteller: Jirari Ben Aissa, Latifa Ahrrare, Fehd Benchemsi, Adil Abatourab, Fairouz Amiri
Marokko 2015, 94 Min., Arabisch, Französisch
Casablanca. Eine verarmte Frau fleht vor der Kamera um ein Erdbeben, das göttliche Gerechtigkeit über das ausgehungerte Land bringen soll. Ein Mann fackelt sein Handy ab. Eine tanzende Spaziergängerin hebt ihren Rock gegen Geld. In einem provisorischen Fernsehstudio bringen Stunden der Untätigkeit die Techniker eines Filmteams gegeneinander auf. Bis plötzlich Driss Basri auftaucht, der gefürchtete Innenminister König Hassans II., der unter dem Terrorregime zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zu verantworten hatte. Basri starb 2007 im Pariser Exil. Hicham Lasris neuer experimenteller Kino-Essay schreibt die Fakten um und setzt Basri 15 Jahre unter Hausarrest, bevor er ihn dunkle Geheimnisse der jüngsten Geschichte Marokkos enthüllen lässt. Seine Bekenntnisse entfachen den Widerstand der TV-Crew und verdichten sich zu fulminanten visuellen Assoziationen.
Etwas sperrig erzählte Parabel zur umstrittenen Politik Marokkos. Nach zunächst unfreiwillig absurd wirkenden Tableaus zeigt der Handlungsverlauf einen Studiofilmdreh mit parallelen Entwicklungen als Film im Film. Der Regisseur mischt theatralische Elemente mit einer unkonventionellen Kameraführung und einem sehr eigenwilligen dramaturgischen Stil. GL

Sufat Chol / Sand Storm ***
Regie, Buch: Elite Zexer, Darsteller: Lamis Ammar, Ruba Blal-Asfour, Haitham Omari, Khadija Alakel, Jalal Masarwa
Israel 2015, 88 Min., Arabisch
Die halbwüchsige Layla lebt mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter unter arabischen Beduinen in der israelischen Wüste und muss erleben, dass ihr leiblicher Vater nicht nur eine zweite, deutlich jüngere Frau ehelicht, sondern die erste Ehefrau auch noch in die Verbannung schickt, als es wegen Laylas Aufmüpfigkeit zwischen den früheren Eheleuten zum Streit kommt.
Obgleich die Frauen in dieser Geschichte die intelligenteren und stärkeren Charaktere sind, erweisen sich die Traditionen und Verhaltensmuster zwischen den Geschlechtern als so zählebig, dass sie gegenüber den etablierten Formen männlicher Dominanz meist unterlegen sind. Dank der differenzierten Charakterzeichnung bei allen Figuren und der nuancierten schauspielerischen Leistungen – vor allem der Hauptdarstellerin – wirkt der Film trotz seiner traurigen Botschaft nicht trist. Außerdem zeichnet sich bereits ab, dass die hier geschilderten Geschlechterverhältnisse nicht mehr lange ihre Gültigkeit bewahren können. MPH

Uncle Howard ***
Regie, Buch: Aaron Bruckner
Großbritannien/USA 2016, 97 Min., Englisch
Man müsste meinen, dass über die Zeit der wilden siebziger und achtziger Jahre in New Yorker Künstlerkreisen mittlerweile alles gezeigt worden ist. Zumal in jedem Jahr mindestens ein Dokumentarfilm im Panorama vorhanden ist, in dem die Blütezeit der Warhol-Factory den Hintergrund bildet. Doch der Pool an Stories aus dem Village oder der Upper East Side scheint unerschöpflich. In dieser Dokumentation nähert sich der Filmemacher Aaron Brookner dem kurzen Leben seines 1989 an AIDS verstorbenen Onkels an: Howard Brookner, Sohn emigrierter Juden, schlug entgegen den Wünschen seiner großbürgerlichen Familie nicht die Anwaltslaufbahn ein, sondern drehte als Regisseur großartige Filmporträts über den Beat-Generation-Kultautor William S. Burroughs und Theaterikone Robert Wilson. Entsprechend lebt Brookners Film von der Mischung aus sehr persönlichen Erinnerungen und interessanten Interviews früherer Weggefährten seines kreativen Onkels (z.B. Jim Jarmush, James Grauerholz) und Szenen aus dessen eigenen Filmen. Eine bisweilen verklärend-sentimentale, aber immer sehenswerte Reminiszenz an eine vergangene, in kreativer Hinsicht goldene Epoche. MPH

While the Women Are Sleeping *****
Regie: Wayne Wang, Darsteller: Beat Takeshi, Hidetoshi Nishijima, Shioli Kutsuna, Sayuri Oyamada, Lily Franky
Japan 2016, 103 Min., Japanisch
Kenji und Aya verbringen ein paar Sommertage in einem Hotel. Während sie ihrer eigenen Wege geht, sucht er nach Inspiration für seinen neuen Roman. Ein seltsames Paar unter den Gästen weckt seine Neugier. Sahara, den Beat Takeshi alias Takeshi Kitano charismatisch und mit einer tief verankerten Ruhe der Zuversicht spielt, hält die junge Miki tagtäglich in Videoaufnahmen fest. Während die Frauen schlafen, wird am nächtlichen Swimmingpool über Mikis Leben und ihren Tod verhandelt. Verführung, Betrug, Mord, Schlaflosigkeit und Erscheinungen sind die Spielelemente in Wayne Wangs meisterhaften Filmfassung, der gleichnamigen Kurzgeschichte des spanischen Schriftstellers Javier Marías, die einen verzaubernden Blick auf die Bedeutung der Liebe wirft.
Dramaturgisch so geschickt gebaut, dass die filmische Realität ohne erkennbare Struktur in ihre Fiktion übergeht. Wenn es gelingt, dem irritierten, nervösen Hauptdarsteller zu folgen, wird der Betrachter spannungsreich aufgefordert, sein eigenes Drehbuch zu schreiben. Ausgesprochen japanischer Provenienz. GL

Zona Norte ***
Regie, Buch: Monika Treut
Deutschland 2016, 90 Min., Portugiesisch, Englisch
Fünfzehn Jahre nachdem Monika Treut in ihrem Film Kriegerin des Lichts die Menschenrechtlerin Yvonne Bezerra de Mello bei ihrer Arbeit mit Straßenkindern porträtierte, kehrt sie nach Rio de Janeiro zurück, um die Entwicklung und Nachhaltigkeit des alternativen Schulprojekts Uerê zu dokumentieren. Täglich versorgt de Mello in ihrer Einrichtung mittlerweile etwa 250 Kinder mit Essen und bietet ihnen ein liebevolles, sicheres und effektives Lernumfeld. Ihre alternative Pädagogik ermöglicht den Kindern, die aus massiven Gewalterfahrungen resultierenden Lernprobleme zu überwinden. Doch inzwischen haben die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele und der massive Militäreinsatz gegen die Bewohner der Favelas bürgerkriegsähnliche Zustände provoziert. In Zona Norte begibt sich Monika Treut auf die Suche nach den Protagonisten von damals. Die Schüler, die sie 2001 in ihrem Film porträtierte, schienen keine Zukunft zu haben, doch die Wiederbegegnung zeigt, dass de Mellos Projekt den Kindern langfristig bessere Perspektiven eröffnet.
Die Regisseurin porträtiert ihre charismatischen Protagonistinnen abermals mit persönlichem Blick und gewährt somit authentische Einblicke in die Verhältnisse. Sie zeichnet darüber hinaus die gesellschaftspolitische Lage der Stadt und des Landes auf – Missstände, Militärpräsenz, Unmut der Bevölkerung, Demonstrationen, Resignation und Immobilienspekulationen – insbesondere angesichts der sportlichen Großveranstaltungen WM und Olympiade. GL

FORUM

Akher ayam el madina (In the Last Days of the City) ***
Regie: Tamer El Said, Darsteller: Khalid Abdalla, Laila Samy, Hanan Youssef, Maryam Saleh, Hayder Helo
Ägypten/Deutschland/Großbritannien/Vereinigte Arabische Emirate 2016, 118 Min., Arabisch
Downtown Kairo ist ein Organismus, der im Winter 2009/10 noch zu leben scheint, aber selbst jenen immer fremder wird, die dort geboren sind. Auf der Suche nach Motiven für einen Film streift Khalid durch Kairo, während die Stadt und sein Privatleben allmählich zerfallen. Erinnerungen an bessere Zeiten, Gespräche mit Freunden, eine Hommage an eine Metropole in Aufruhr. Ein fast geräuschloser Film, in dem die Geschichte die Zeit überholt.
Etwas langatmig und beliebig, quer assoziiert, lässt uns der Regisseur durch sein Alter Ego an seinem Filmvorhaben und sein damit unmittelbar verbundenes Privatleben teilhaben. Im Fokus steht eine melancholische Sehnsucht die Stadt Kairo vor der Eskalation der Anti-Mubarak-Proteste durch sein zwischen 2007-2010 gedrehtes Material erinnern zu können: in bruchstückhaften Episoden und im Dialog mit Freunden aus anderen arabischen Großstädten zur Zeit der Umbrüche. GL

Fei cui zhi cheng / City of Jade ***
Regie: Midi Z
Taiwan/Myanmar 2016, 99 Min., Burmesisch
Vor dem Hintergrund andauernder Kampfhandlungen der burmesischen Armee mit der Kachin Independence Army folgt der Regisseur seinem Bruder in die titelgebende Jadestadt. Weil die Bergbauunternehmen vor den Kämpfen geflohen sind, suchen in den Minen nun junge Männer auf eigene Faust ihr Glück. Opium lässt sie die riskante Arbeit leichter ertragen.
Elegisch eindringlich bebilderte Schicksale der Jademinenarbeiter in Burma. Der Filmemacher verwebt die Familiengeschichte, in der sein Bruder reich, opiumsüchtig und verurteilt wurde, mit den politischen Verhältnissen des Landes. GL

How Heavy This Hammer **
Regie: Kazik Radwanski, Darsteller: Erwin Van Cootthem, Kate Ashley, Seth Kirsh, Andrew Latter
Kanada 2015, 75 Min., Englisch
Direct Cinema anno 2015: Schnörkellos und ohne besondere Dramatik in der Dramaturgie, dabei auf Augenhöhe und meist in Halbnah- oder Großaufnahmen schildert der Regisseur das Leben eines mehrfachen Familienvaters im kleinbürgerlichen Milieu in einer kanadischen Großstadt: beim aussichtslosen Kampf gegen sein Übergewicht, seine Launenhaftigkeit und die schwindende Autorität gegenüber seinen beiden kleinen Söhnen. Wer darin eine Parabel auf die sich rapide ändernde Rolle von Männern und Vätern in der postindustriellen Gesellschaft westlicher Länder sehen mag, liegt sicher nicht verkehrt. Die Alltagsbeobachtungen sind präzise und treffsicher – doch eine transzendierende Ebene stellt sich nicht ein. MPH

Kate Plays Christine ****
Regie: Robert Greene, Darsteller: Kate Lyn Sheil
USA 2016, 113 Min., Englisch
Christine Chubbuck war eine 29-jährige Nachrichtensprecherin, die 1974 mit ihrem Selbstmord vor laufender Kamera berühmt wurde.
Kate ist eine Schauspielerin, die Christine verkörpern soll. Recherche, nachgestellte Szenen. Rekonstruktion und Vorbereitung gehen ineinander über, ein Film und seine Entstehung zugleich.
Der Regisseur lässt die Hauptdarstellerin die psychologischen Beweggründe der Moderatorin mithilfe von Interviews und Fragmenten aus ihrem Leben reflektieren und treibt das Nachinszenieren bis zur bestmöglichen Identifikation. Eine einfalls- und ideenreiche Collage, geschickt inszeniert, mit elegantem Schnitt. GL

Manazil bela abwab (Houses without Doors) ***
Regie, Buch: Avo Kaprealian
Syrien/Libanon 2016, 90 Min., Arabisch/Armenisch/Französisch
Inmitten des syrischen Bürgerkriegs filmt der syrisch-armenische Regisseur das Geschehen auf den Straßen Aleppos aus den Fenstern seines Wohnblocks heraus und verknüpft sein eigenes Material mit Tonaufnahmen und Filmbildern vom Völkermord an den Armeniern, von denen viele Exilanten vor hundert Jahren ihr Heil in Syrien suchten.
Der stilistisch experimentell gestaltete Dokumentarfilm fängt das Grauen eines völlig außer Kontrolle geratenen Krieges in flüchtigen, subjektiven Bildern wie in einem filmischen Tagebuch ein, die manch bange Erwartung erfüllen, dann wieder unterlaufen. Der Regisseur durchbricht die kulminierende Wut und Ratlosigkeit angesichts des Schreckens vor der eigenen Haustür, indem er heterogenes Material aus ganz anderen Quellen (wie drittklassigen Actionfilmen oder TV-Reportagen) einflicht. MPH

Tempestad **
Regie, Buch: Tatiana Huezo
Mexiko 2016, 105 Min., Spanisch
Eine Frau landet in einem von Drogenkartellen betriebenen Gefängnis, eine andere verliert ihre Tochter: Über Bilder einer Reise durch Mexiko verbinden sich die zwei Berichte zur Erzählung eines Landes im Griff der organisierten Kriminalität. Ein Land in einem unsichtbaren Krieg, mit unsichtbaren Fronten. Man sieht die Protagonistin nie, hört nur ihre Stimme.
Mit arbiträren Impressionen von Landschaftsaufnahmen und mexikanischem Alltag, die Text und Bild dissoziieren, versucht die Regisseurin den Betrachter in die Schicksale der Frauen zu verwickeln. Poetisch, aber zu redundant in der Erzählstruktur. GL

Yarden / The Yard **
Regie: Måns Månsson, Darsteller: Anders Mossling, Axel Roos, Hilal Shoman
Schweden/Deutschland 2016, 80 Min., Schwedisch/Arabisch
Ein alternder Dichter katapultiert sich aus dem intellektuellen Leben und landet in einer gigantischen Autoumladestation. Zu einer filmischen Elegie verknappt zeigt Yarden das Abrutschen eines Mannes in die kalte Arbeitswelt des entfesselten Kapitalismus. Es gibt keine Schuldigen, nur Menschen, die Spielregeln besser beherrschen.
Eine lakonische Parabel über die Wahl zwischen Gut und Böse und das Menschliche in uns. Der sympathische Protagonist kämpft wortkarg um die Bewahrung seiner Integrität. GL

Anmerkungen

[1Von ***** (sehr empfehlenswert) bis * (nicht empfehlenswert)


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