Einem geschenkten "Gaul"...

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 8. November 2015 um 20 Uhr 57 Minuten

 

Dies ist eine kurze Abhandlung über ein Buch, das allen Teilnehmern der Verbandstagung des Deutschen Journalistenverbandes am letzten Tag zur Mitnahme auf die Rückreise angeboten wurde. Originalverpackt und free-of-charge.

Ausschlaggebend für diesen "Mitnahmeeffekt" war allerdings weder der Name des Autors:

HG. BUTZKO

noch der Titel:

VERARSCHEN KANN ICH MICH ALLEINE

noch der Untertitel:

WIDERWORTE UDN EINSPRÜCHE ZUR LAGE DER NATION

sondern der Name des Verlages

WESTEND aus Frankfurt am Main.

Dieser Verlag ist seit nunmehr 10 Jahren auf dem Markt. Und aus der Zeit - noch vor - seiner Gründung bekannt mit einem Projekt, das sich „Ein-Buch-Verlag“ nannte. Und das damit sehr nahe an einer schon zuvor gehegten eigenen Idee angelegt war, einen Verlag zu gründen, der pro Jahr nur ein einziges Buch herausbringen würde.

"Hintergrundinformationen für die eigene Beurteilung gesellschaftlicher Prozesse und Orientierung beziehungsweise solides Wissen für das Alltagsleben stehen im Mittelpunkt. " So er Anspruch des Verlagen heute.

Und dann DAS hier?!

Es ist unglaublich, aber wahr, was sich da Verlag und der Autor geleistet haben: Diese haben sich offenbar vorgenommen, dass der Autor das, was er "VERARSCHEN" nennt, nicht nur sich selber, sondern auch (s)einem Publikum angedeihen zu lassen.

Und das geht ganz gehörig daneben. Zumal dann, wenn man den Autor nicht bereits zuvor auf der Bühne oder in einem seiner Programm-Mitschnitte hat kennenlernen können. Es mag ja sein, dass er da gut ankommt, dass die werbende Erwähnung auf die Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises anno 2014 ihren guten Grund hat... aber ein Buch ist eben keine Bühne und keine CD [1]

Dieses Buch ist ein Sammelsurium von Anmerkungen und Einlassungen... eben nicht ZUR LAGE DER NATION, sondern zu vielen Einzelaufnahmen und Annahmen, die da aus- und durchkommentiert werden - ohne Anfang oder Ende...

... ohne Sinn und Verstand? Der tiefere Sinn, mit dem die Widersinnigkeit der Verhältnisse, die an vielen Beispielen vorgeführt wird, ist nicht erkennbar. Und der Verstand, mit dem versucht wird, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, entbehrt jeglicher Dialektik, derer es bedurft hätte, aus den zitieren Sprüchen jene Widersprüche abzuleiten, die in der Lage hätten sein können, Wirkung zu zeigen.

Ja, vielleicht mag aus aus Sicht des Lektorates tatsächlich mutig sein, den ersten Textabschnitte des Buches mit dem Satz zu beginnen: "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll". Und wer mehr davon nachlesen will, dem bietet der Verlag auf seiner Webseite auch eine Leseprobe an.

Gerne hätte ein nachfolgender echter Verriss sich auf weitere Passagen bezogen, als diese hier online zur Verfügung stehenden. Dem widersetzt sich aber der Autor auf Seite 248 - "... bin ich doch mal gespannt, wie viele Kritiker überhaupt bis hierher gelesen haben" - mit dem Hinweis, dass er ausdrücklich "KEINE Genehmigung" erteile, "meine Pointen, Gags und Gedanken" in einer Rezension, also auch dieser hier, zu zitieren.

Ob das nun ein Scherz ist, was da steht, oder die bittere Wahrheit?

Machen wir die Probe aufs Exempel: Dieses Risiko soll mit folgendem Beispiel-Satz ganz bewusst eingegangen werden. Ein Zitat-Satz, auf den nach der Meinung des Rezensenten der Autor weder den Anspruch für sich erheben kann, eine Pointe verfasst zu haben, noch einen Gag - und von einen Gedanken ganz zu schweigen.

Das Zitat entstammt aus der Mitte des Buches und ist auf der Seite 150 mit jeweils drei Sternchen von dem vorstehenden und den nachfolgenden Text abgetrennt. Es lautet:

* * Mir fällt auf, ich habe ja noch gar nix zu Sigmar Gabriel gesagt. Und damit wäre wohl auch alles zu ihm gesagt. * * *

Nach einem solchen Satz vergeht einem in der Tat die Freude, freiwillig und ohne Honorar noch länger dieses Buch zu besprechen.

Dieser hier aufscheinende Anspruch, sich mit einer Figur wie der eines Karl Kraus’ zu messen, ist so masslos, so überheblich, oder - falls das Zitat "Mir fällt zu Hitler nichts ein" nicht bekannt sein sollte - so dumm, dass festzustellen ist, dass dieses Buch nicht mal eines Verrisses Wert ist.

Karl Kraus hat über den Abbruch seines "Fackel"-Projektes 1934 geschrieben, dass er in seinen Betrachtungen ZUR LAGE DER NATION an einen Punkt gekommen sei; in der "Gewalt kein Objekt der Polemik, Irrsinn kein Gegenstand der Satire" mehr sein könne.

Dessen eingedenk, ist der bittere Rest - nur noch - Schweigen.

WS

Anmerkungen

[1Und auch die diesem Buch beigelegte Postkarte mit den Tournee-Terminen für die Saison 2015-2016 hilft da nicht wirklich weiter.


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