Medientage München (II)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 22. Oktober 2015 um 17 Uhr 38 Minuten

 

Dieser zweite Tag ist neu belegt/belebt mit dem Thementag: Media Woman Connect.

Dazu gibt es im mittwöchentlichen TAZ-Kommentar von Silke Burmester - zuletzt persönlich erlebt als Rednerin auf der ProQuote-Abendveranstaltung am 26. September in Berlin - vom 14. Oktober diese nachfolgend zitierte Schlussbemerkung:

Dass Frauen jenseits von Gruner+Jahr etwas anderes wollen, als mit Stricknadeln zu hantieren, ist sogar in Bayern angekommen. Zwar haben die Veranstalter der Münchner Medientage über Jahre ihr Bestes gegeben, um Weiber draußen zu halten, irgendwann aber war die BR-Medien-Kollegin Sissi Pitzer mitsamt ihres Gemeckers quasi vor deren Tür festgewachsen, sodass dieses Jahr auf den Münchner Männertagen der erste Thementag „Media Women Connect“ stattfindet. Ein Programm rund um die Themen von Frauen, die nicht länger als Strickliesel behandelt werden möchten und kapiert haben, dass Vernetzung hilfreich ist. Dafür ein dickes „Danke, Sissi!“ gen Süden (und das bei dem Namen …). Und ich möchte anregen, dass die Brigitte doch mal ein anderes Handarbeitsthema als Stricken wählt. Knüpfen zum Beispiel. Netze knüpfen, um sich „vernetzen“ zu können, ist, wie die Münchener Medientage zeigen, für viele Frauen ein attraktives Thema.

Wir Männer werden uns - hoffentlich - dieser seit langem überfälligen Herausforderung gerne stellen. [1]

Hier ein kurze Einblick in das ambitionierte Vormittags-Programm: "KONTROVERSE – KARRIERE – KOLLEGINNEN" auf dem Aktionsforum im ICM-Foyer (EG):

Vitamin-Anstoß

Um 9.00 Uhr startet der Aktionstag mit dem Frauennetzwerk-Frühstück "Vitamin-Anstoß", gesponsert von Sky.

Gitta Blatt, Executive Vice President Human Resources bei Sky, spricht über Karriere in einer vernetzten Welt. Anke Domscheit-Berg, Publizistin und Expertin für die Digitale Gesellschaft, hält die Keynote. Anschließend geht es um die "Do’s & Don’ts des Netzwerkens" mit Monika Scheddin, Autorin von "Erfolgsstrategie Networking" und Gründerin der WOMANs Business Akademie, sowie Christiane Wolff, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Serviceplan Gruppe und Bloggerin. Sie geben "Impulse für Anziehungskraft", die an Büffet und Stehtisch gleich in die Tat umgesetzt werden können. Denn: "Wer nicht netzwerkt, vergibt Chancen", so ihr Credo. Damit nicht nur das Vitamin B, sondern auch die restliche Stärkung für alle reicht, bitte bis zum 16. Oktober unter vitaminanstoss@medientage.de für das Frühstück anmelden!
(Der Zutritt ist nur mit einem gültigen Messe- oder Kongress-Ticket möglich!)
 [2]

Kurz nach 9 Uhr wird diese ganz besondere Versammlung eröffnet von Sissi Pitzer und Angelika Knop. Es sind bereits zu diesem Zeitpunkt gut und gerne mehr als 100 Frauen anwesend. Angemeldet haben sich mehr als 200 - und vielleicht eine handvoll Männer (zu denen auch der Autor gehört).

"Einmal kurz knuddeln bitte..." - das ist alles, was als erster Lohn für die Bemühungen von der Bühne abgefragt wird, um erstmals den Anspruch der Frauen unter Beweis zu stellen, die in diesem Jahr gerade mal mit 22% vertreten sind.

Und dann kommt auch schon der erste Sponsor zu Wort: SKY - und ins Bild. "Wir wollen Sie unterstützen, die Medientage farbiger zu gestalten." Super Recruting Strategy. Echt. Denn auch in diesem Sender ist die Bewerberquote immer noch zu 90% männlich. Die Personalchefin, Frau Blatt, zuvor bei AOL und Premiere, sagt, dass es als Frau anderer Konzepte bedarf, um erfolgreich zu sein. Das Thema Führung ist heute eher eine Frage nach dem Mut zur Verantwortung und nicht mehr "nur" eine Macht-Frage. Es gehe um Netzwerke - auch für Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Und dafür sei auch diese Begegnung gut. UND: Es bedarf eines männlichen Mentors auf der Vorstandsebene, der diese Bemühungen unterstützt.

Danach spricht Anke Domscheit-Berg. Sie macht deutlich, dass am TV-Vorabendprogramm der Abstand zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten kaum noch auszumachen ist. Und sie fragt sich, warum wir gegen Junk-Food protestieren, aber nicht gegen den Junk, der durch den TV-Kanal verschickt wird.
Auch in den ARD-Kinderfilmen seien kaum mehr als 25% Mädchen zu sehen. Und diese sähen dann meist so aus, wie in der Vorlage von „Germany’s Top Modell“. Gleiches gelte in den Talkshows: Dort finden wir zumeist Männer, weil sie die Ahnung haben und dann die Frauen, die die Betroffenen darzustellen haben.
Die Prägung der „Welt“ durch „die Medien“ist beispielhaft. Immer noch ist zumeist Gewalt die Lösung. Dabei kommt die Kunst des Filmemachens doch durch das Wort vom "Können". Aber was ist, wenn sich die Talente nicht in dieser Welt darstellen lassen können? Lexi Alexander, deutsche Regisseurin in den USA: „Arme Kinder, sollten sich gar nicht erst bewerben.“ Warum wohl haben denn die deutschen TV-Formate im Ausland nicht den gewünschten Erfolg“. Weil die Frauen keine Möglichkeit haben, sich zu bewähren. So, wie in den 20er Jahren.
Studien belegen: Selbst bei völlig gleichen Vorlagen ist die Zuordnung zu einer männlichen Stimme oder zu einem männlichen Namen weit eher erfolgreich.
Die Folge: Ein Chilling-Effekt“ und eine deutliche Art von „Selbstzensur“, die es zu überwinden gilt.

Als Dritte im Bunde kommen Monika Scheddin und Christiane Wolff auf die Bühne.
Ihre Losung: Netzwerken ist auch ein: "sich verkaufen“, ein "Geben und Bekommen“.
Das Ziel sei die Freiheit, sich den Job aussuchen zu können, aus mindestens 3 Alternativen.
Aufgeräumt wird mit dem Vor-Urteil, dass Kompetenz erfolgsfördernd sei. Ja: Kompetenz hilft, im Job zu bleiben, aber nicht, ihn zu bekommen.
Wichtig sei auch, dass man Spass und Freude nicht erwarten dürfe, sondern selber mitgebracht werden müsse.
Auch die Zusammenarbeit mit der Konkurrenz: Sei zu fördern. Gerade das würde zu neuen Ideen und Anregungen führen.
Und, nach all dem Netzwerken in den sozialen Medien, die persönliche Begegnung ist nach wie vor ganz ganz wichtig. Also: rechtzeitig kommen, und Zeit haben, auch bleiben zu können. Am besten sogar schon zuhause essen, damit mehr Zeit ist für die Gespräche. Und für die Frage: "Was kann ich für sie tun"?

Chefredakteurinnen und Regisseurinnen

Ab 10:30 Uhr stehen bei MEDIA WOMEN CONNECT im Viertel- oder Halbstunden-Takt spannende Frauen auf der Bühne, unter ihnen:
- die Chefredakteurinnen Bettina Bäumlisberger (Münchner Merkur) und Alexandra Föderl-Schmid (Der Standard, Wien)- Regisseurin Doris Dörrie, Filmproduzentin Uschi Reich
- Alexandra Borchardt und Angela Kesselring, bei der SZ verantwortlich für "Plan W"
- Anke Domscheit-Berg liest aus ihrem Buch "Ein bisschen gleich ist nicht genug"
- Coach und Buchautorin Claudia Kimich erklärt, wie man im Verhandlungstango zu mehr Gehalt oder Honorar kommt.
Es geht um die (mangelnde) Vertretung von Frauen auf Podien, in Führungspositionen – und was sich ändern sollte.

Anlässlich dieses Angebotes muss dann selbst die Teilnahme an der Veranstaltung zu dem so wichtigen Titel wie dem mit der Frage nach dem Wert des Journalismus noch ein wenig auf stand-by gerückt werden.

Die TeilnehmerInnen...
- Ilse Aigner, Bayerische Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie
- Andreas Scherer, Erster Vorsitzender Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV)
- Petteri Putkiranta, Senior Vice President Helsingin Sanomat
- Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin "Der Standard", Wien
- Ulrich Gathmann, Geschäftsführer Nordwest Medien
- Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Medien, FAZ
- Martin Wunnike, Vorsitzender Geschäftsführung Mittelbayerischer Verlag

Was auffallend ist, vielleicht auch bedenklich genannt werden kann, ist der Umstand, dass fast alle nachfolgenden Veranstaltungen unter der Federführung eines Unternehmens oder Verbandes aus der IKT- und/oder Medienwelt ausgerichtete werden.
Hier eine Auflistung solcher Veranstalter an diesem einen Tag:

- AVID: Smart Media Asset Management: [...]
Und es ist erfreulich, in dieser Gruppe zu hören, dass es hier nicht darum geht, die neuen Technologien vorzuführen, sondern es geht um die Frage, welche Rolle die Rolle der Infrastruktur und die der Telkos sein wird.
Was wird sich ändern: "Mutiger an die Produktion herangehen". "Mehr Content-Sharing. Und eine bessere Verteilung der Produkte." "Mehr Kreativität auf Produktionsseite". "Network-Thinking. Gegen das Silo-Denken. Das gehört jetzt der Vergangenheit an. Nicht mehr A oder Z sein, sondern A bis Z. Rein in dieses neuen Denken: Collaboration." "Mehr: Enabling der Innovation."
- BDZV / VBZV: Native Advertising für Verlage – [...]
- Capgemini: Predictive Analysis schlägt journalistisches Gespür?
- DDI: Vielfalt der Vielfalt? Meinungs- und wirtschaftliche Konzentration im Netz
- Google: Apps, News und Programmatic – Wie Verlage mit Google Geld verdienen
- KPMG: Technologiekompetenz als Wettbewerbsvorteil für Medienunternehmen
- MEDIA BROADCAST: Terrestrik Reloaded: DVB-T2 zwischen Trial and Launch
- PWC: German Entertainment and Media Outlook 2015-2019: [...]
- PWC: Bedrohungsszenarien und Schutzkonzepte für audiovisuellen Premium-Content
- SKY: Umfeldqualität versus Reichweite. Wer gewinnt[...]
- TNS-Infratest: Agenda-Setting 2.0: Die neue Öffentlichkeit
- VBW: Fachkräfte in der digitalen Medienwirtschaft
- VG Media:Faire Rahmenbedingungen für die Medienvielfalt in Deutschland und Europa
- VPRT: Die Radio-Agenda: Steht das duale Rundfunksystem vor dem Kollaps?
- VBL: Wie kann der lokale Hörfunk an der digitalen Entwicklung teilnehmen?
- XING: Netzwerke, die Meinung machen –


Angelika Knop moderiert ...

...u.a. Rowan Barnet: Moments von twitter: News, Sport, Entertainment, Fun... das sind kuratierte Inhalte, erstellt in Kooperation mit Medienhäusern: von Vice News bis BusFeed, von NewYorkTimes bis GettyImages.
In Zukunft wird es auch "promoted Moments" geben.
Auch die Video-Vermittlung kann monetarisiert werden.
Die Frage nach "Freund oder Feind" ist wirklich eine von gestern. Es gibt einfach keine bessere Zeit, Journalist zu sein. Man muss die Chancen sehen, sonst hat man schon halb verloren. "Ich bin da schon ein "Glas-halb-voll-Mensch".
Es gibt 500 Millionen Tweets auf der Plattform.

... u.a. Gerrit Rabenstein: von Google Digital News Initiative. Das ist eine HTML-5-Variante. AMP als Standard macht das schneller. Und jetzt soll die Innovation gefördert werden. Der Innovationsfonds von 150 Millionen ist seit heute auch offen für Bewerbungen. Die Liste von den Dingen, wo wir nicht die beste Idee haben, ist ziemlich lang.

... u.a. mit Mathias Müller von Blomencron von der FAZ: ihm ist immer noch ein Ansatz von twitter und Google lieber als das Media-Imperium von Facebook. "Was aber noch nicht heisst, dass wir mit Google ins Bett steigen werden." "Aber wir wissen, dass wir für den Leser wertvoll sind. Aber dass für ein Taschengeld von anderen gekauft werden können."
Was wird Jeff Besos mit der Washington Post machen. Und Amazon als Vertriebspartner zu haben, das kommt der Zeitung schon immanent zu Gute.
Es wird in Zukunft einen Wettbewerb der Excellecen geben, zumindest in gewissen Bereichen.
Wenn wir nur noch wie Herbstlaub durch den Markt rauschen, dann haben wir unsere Seele verloren.

... u.a mit Julian Reichel, dem Chefredakteur von Bild.de: "Mark Zuberberg will, dass Facebook das Internet ist" und dass die Nutzer schon gar keinen Browser mehr kennen. Ich habe schlicht und einfach keine Angst vor Facebook. Aber manchmal denken wir ein wenig zu viel über diese Techniken nach und sollten uns mehr wieder um das Thema des Journalismus kümmern.


Aus dem Umfeld der Öffentlich-Rechtlichen findet sich am Ende des Tages ein Panel von
- GRIMME Institut Forschungskolleg: Kreativität oder Big Data – [3]

Stefan Zilch erzählt über seine Arbeit bei Spotify und wie sie heute in der Lage sind, das Verhalten ihrer Nutzer zu "tracken". "Die meisten wissen gar nicht, was sie hören wollen". Und da können wir nachhelfen.
"Discover Weekly"... ist eine Playlist aus dem Hörverhalten der letzten Woche. "Musik die Du wahrscheinlich magst, aber die Du noch nie gehört hast."
Spotify funktioniert für Indie’s viel besser als sonst draussen. Denn bei uns hören die Leute bis zu zwei Alben pro Tag.

Dr. Heinz Sommer vom HR... spricht von der grossen Kraft des Radios im Lokalen. Radio ist und bleibt Point to Multipoint. Und wird das auch für lange Zeit bleiben. "Wir machen Programm, was den Leuten in Hessen gefällt." Nach seiner Beobachtung kann Amazon sogar das Geschäft der Buchhändler befördern. Der Wandel des Medienmarktes ist keine Bedrohung: "Das ist eine sehr deutsche Haltung."
Die Gefahr von Big Data liegt darin, dass nur noch das produziert wird, was das Publikum auch haben / sehen will.
"Aber Spotify zu hören ist für mich nicht verwerflich."

Boris Lochthofen (Regio Cast): Der Versuch, etwas über die Nutzung zu erfahren, ist alles andere als neu. Das galt auch schon vor der Zeit des Internets. Aber heute können wir Echtzeitdaten bekommen in der Kommunikation über Streams. Denn aus der Werbevermarktung wird eine Kontaktvermarktung. Einst ging es um Wahrscheinlichkeit. Heute kann man die Kontaktgüte messen! Diese Echtzeitdaten sagen uns, ob ein Musikstück angekommen ist, oder ein Moderator.
Auch das Bestseller-Thema gab es schon immer. Aber Kreativität kann sich auch in Mathematik ausdrücken. "Das Schwarzbrot der Medienbranche wird datengeneriert sein."

Prof. Dr. Claudia Loebbecke: Mit IP gibt es neue Nutzungs- und Auswertungsmöglichkeiten. "Und das geht auch nicht wieder weg" Heute weiss der Werbetreiber besser, wer seine Botschaft konsumiert. Und in Zukunft wird er nicht dafür zahlen, was konsumiert wird. Ihre These: DAS LIKE-MEDIUM IST EINE GEFAHR FÜR DIE JOURNALISTISCHE VIELFALT:
Droht also eine Art Marktversagen? Die Idee, etwas "nach oben" zu bringen, ist nicht neu. Aber keiner ist gezwungen, diese Spotify-Liste zu hören.

Anmerkungen

[1Wenn Wünschen helfen würde... hier der Hinweis auf die aktuelle Ausgabe des BLM-Magazins TENDENZ 3.15 zum Thema: "Frauen in den Medien":

© all rights reserved

PDF - 2.8 MB
TENDENZ 3.15: Frauen in den Medien

[2... und demnach auch für Männer möglich :-)

[3_ sowie je eines vom Deutschlandradio (LAB) und vom BR (B5)


14145 Zeichen