Heute vor 75 Jahren...

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 30. September 2015 um 12 Uhr 52 Minutenzum Post-Scriptum

 

Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.

Heute vor 5 Jahren publizierte Stephan Wackwitz - er spricht gleich im ersten Satz von sich selbst als einem einst mit zwanzig Jahren "vermutlich nicht ganz" unbegabten, sehr beeindruckbaren und vollkommen wirren Menschen - einen Text zur Walter Benjamin Rezeption [1]. Aus Anlass des zu jenem Zeitpunkt 70. Todestages des Philosophen, den er einst durch sein eigenes Handeln an sich selbst selber bestimmt hatte. Als Flüchtling. In Port Bou [2].

In diesem Aufsatz wird eine Parallele von Benjamins missglückten wissenschaftlichen Bemühungen zu jenen Goethes gezogen, dessen "Farbenlehre", "die schon zur Entstehungszeit grottenfalsch war", auch wenn im dies an dessem "künstlerischen und literarischen Rang bis heute" nicht nehmen würde.

Und weiter: "Benjamins Werk ist die "Farbenlehre" des zwanzigsten Jahrhunderts. Wenn man sich (wofür wissenschaftlich fast alles spricht) entschließt, seine Bücher als Germanistik, Architektursoziologie, Medienthorie, Geschichtsphilosophie nicht mehr allzu ernstzunehmen, dann erst kann man seiner Genialität als Schriftsteller gerecht werden.

Dann erweist sich der literarische Essay – der paradoxe Fall einer illegitimen Gattung, für die es trotzdem Regeln gibt – als das Zentrum seines Werks. Das "Passagenwerk" wird erkennbar als Vorläufer von Kempowskis "Echolot" und anderer Formen der Dokumentarliteratur und künstlerischen Recherche, seine Literaturkritiken als das raffiniert über Bande gespielte Projekt einer intellektuellen Autobiographie."

Diese beiden Hinweise sind von Bedeutung. Über das Echolot und dessen gemeinsame Lektüre war in diesem Jahr auch in dieser Publikation bereits die Rede [3]. Von der Qualität und "durchschlagenden Bedeutungslosigkeit" des Essays als Ausdrucksform wird demnächst noch an anderer Stelle die Rede sein.

WS.

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P.S.

In der Folgewoche gibt es gleich mehrere Hinweis auf aktuelle Artikel, die in diesem Jahr aus diesem Anlass verfasst wurden. Hier - als pars pro toto - ein Hinweis auf das Geschehen im Neuen Deutschland vom 26. September 2015. Vielen Dank!

Anmerkungen

[1"Rettet Walter Benjamin vor seinen Fans!" im Feuilleton von DIE WELT vom 26.September 2010.
In diesem Zusammenhang einen Dank an das Haus Springer, diesen Text bis dato auch weiterhin im Netz vorzuhalten - und das kostenfrei.

[2Wackwitz: "Adorno hat vermutet, Benjamins Selbstmord in Port Bou habe die spanischen Zollbehörden so erschüttert, dass sie den Rest der Emigrantengruppe dann doch einreisen und in die amerikanische Freiheit entkommen ließen."

[3Siehe den Beitrag vom 30. April 2015: "Lesung: Walter Kempowski // Abgesang ’45"