Gestern gesehen: Heute besprochen

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 1. September 2015 um 15 Uhr 10 Minutenzum Post-Scriptum

 

Hier einige Reflektionen zu dem Erlebten, zu nächtlicher Stunde noch aufgeschrieben. Aber nach dem Privileg, an dieser Aufführung teilhaben zu dürfen, sollen die am Schluss auf der Bühne von den Schauspielern angebotenen "Free Hugs" zumindest auf dieser verbalen Ebene zurückgegeben werden.

Dabei war zunächst nicht klar, was hiernach geschrieben werden würde. Ein Loblied zu singen wäre sicherlich gut, aber zu "billig". Denn was hier dieses Ensemble von 3 Schauspielerinnen und drei Schauspielern auf die Bühne bringt, ist eine Ensemble-Leistung der ganz besonderen Art und in einer ganz besonderen Weise, die so ihresgleichen sucht.

Das ganze Team hat sich aufgemacht, um ihren Autor zu suchen. Und indem sie ihn spielen, besuchen sie ihn. In dem sie sein Personal verkörpern machen sie real, was uns sonst nur noch in den Journalen, auf der Mattscheibe, auf dem Screen erscheint.

Das macht so eine Theater-Aufführung zu etwas ganz Besonderen, das sich duch nichts, wahrlich NICHTS ersetzen lässt. Auch wenn es schwergefallen ist, sich nach so vielen Jahren der "Abstinenz" erst wieder an die Rituale eines solchen Theaterbesuchs zu gewöhnen [1]

Also wird im Folgenden nicht der grosse Kübel wohlfeilen Lobes ausgekippt, weder auf die Protagonisten, noch über die Maske, das Bühnenbild und die Musik, sondern einfach "nur" beschrieben, wie sich die auf der Bühne erlebte Geschichte beim Autor vor dessem inneren Auge entfaltet hat.

Hier also, anstatt einer Theaterkritik, eine Sammlung von Eindrücken aus der zweiten Aufführung von "Nathan der Weise" in der Regie von Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater in Berlin:

Nathan der Naseweise

1. Zwei Menschen begegnen sich auf der Bühne - und beginnen sich zu lieben. Da treten andere Menschen aus dem Hintergrund hinzu, trennen die beiden voneinander und bestäuben jeden der beiden mit einem weissem Puder. Wieder allein gelassen, lassen sie auch sie sich einander allein. Und rufen, stattdessen und jeder für sich, Gott an.

2. Gott aber existiert in diesem Stück nicht. Es gibt "nur" jene, die sich als Vertreter des Glaubens an Gott identifizieren lassen - und als solche indentifiziert werden. Sie tragen als Zeichen ihrer Rolle als Repräsentanten der jeweiligen Glaubensrichtung die weisse Farbe in ihren Gesichtern. Ausser dem orthodoxen Patriarch , der ist stattdessen in seinem grossen weissen Ornat - oder ist es nur ein Oberhemd? - zu sehen.

3. Was existiert, dass ist die Geschichte der Personen, und der Länder, aus denen sie kommen und in die es sie verschlagen hat. Und diese Geschichten beginnen immer wichtiger zu werden als der Glaube, aus dem heraus die handelnden Personen motiviert waren, zu handeln.

4. Der Klosterbruder ist derjenige, der sich am längsten vor seiner eigenen Geschichte versteckt, bis dass er sich schliesslich den Zuweisungen der Glaubensträger verweigert. Zuvor aber, bei seinem ersten Auftritt, trägt er sogar einen alten geöffneten schwarzen Schirm, mit dem er sich vor dem weissen Puder der religiösen Gewalt zu schützen bemüht.

5. Und Nathan: Ist auch nur ein Mensch. Seine sprichwörtliche Weisheit hat er nicht mit Löffeln gefressen, sondern ist aus der Not geboren. Nachdem seine Frau und seine sieben Kinder von den Christen verbrannt worden waren. Er "beichtet" schliesslich dem Klosterbruder seine Geschichte. Dem mächtigen Sultan dagegen bindet er einen Bären auf, indem er ihm (s)ein Märchen erzählt.

6. Erzählt wird diese Geschichte nicht (nur) durch den / die hier genannten Protagonisten, sondern als ein Ensemble von Menschen, die es schon gab, bevor es die Religionen gegeben hatte. Versetzt in eine Zeit, als die Bilder gerade erst zu laufen gelernt hatten. Dass all diese Menschen Schauspieler sind und nicht wie wir, das wird spätestens am Schluss klar: Als sie sich dem Publikum stellen. Selbst beim Applaus verbleiben sie in ihrer Rolle und bieten - "lehm"verschmiert [2] wie sie sind - dem Publikum "Free Hugs" an.

7. Wir aber bleiben die Zaun-Gäste einer Parabel, die uns weismachen will, dass sich im Leben letztendlich doch alles zum Guten wende, und das, ohne dass dabei die Protagonisten "vom Glauben abfallen" müssten. Diese müssen vielmehr "nur" an sich selber glauben - und herausfinden, wem man was glauben kann. Und warum. Gelingt das, dann wird sich doch alles noch zum Guten wenden.

8. Der Einzige, der ohne Familienanschluss war bleibt, ist der "christliche" Patriarch. Ein "Urvater" ohne Schwestern und Brüder. Der einst siebenfache Vater einer jüdischen Familie dagegen muss im Verlauf des Stückes auch noch seine Ziehtochter aufgeben. Und dabei erfahren, dass auch er Teil einer überwältigen home-story ist, die uns schlussendlich auch im Zuschauerraum wie ein trojanisches Pferd erreicht, durch all das gut gewachsene dramaturgische Gestrüpp der Irrungen und Wirrungen hindurch.

9. Und so wirkt dieser Nathan in dieser Inszenierung auf uns - zumindest aber auf den Autor dieses Textes - fast besserwisserisch, altklug, ja vorwitzig. Er geizt nicht mit der Wahrheit - ausser ... sich selbst gegenüber, Und ... wann immer es ihm nützt. Ist er also wirklich weise, oder naseweis? Ist er klug, was nicht weise ist? Ist er clever, was noch nicht souverän ist? [3]. Der Souverän ist der "Zufall", der, wenn die Kulissen der Existenz beiseite geräumt werden, auf das schauen lässt, was die Welt im Innersten zusammenhält [4].

10. Letztendlich ist die Frage nach der "richtigen" Religion falsch gestellt. Geht es doch darum zu fragen, welchen Wert sie überhaupt haben kann, wenn man sich ihrer nicht bedient. Auch der Ruf nach Weisheit führt nicht weiter, wenn es so scheint, als sei sie zu Nichts nutze. Zum "guten Schluss" macht das Ensemble der Ur-Söhne und -Töchter des darstellenden Spiels von sich - erneut - eines von diesen "Selfies". Um sich zu vergewissern, dass es ihrer auch noch in der digitalen Welt bedarf?!

Ist also mit dieser Inszenierung der endgültige Anfang vom Ende der Aufklärung markiert worden. Oder bedeutet das nicht nachlassende Markieren der Ur-Zeit-Menschen mit den Mitteln der Sprache des Stummfilms einfach nur einen Zeitraum von gut und gerne drei Stunden, in denen man endlich mal wieder gerne ins Theater gegangen ist?

WS.

P.S.

Es ist gelungen, diese Aufführung ohne Kamera und ohne Mikro zu besuchen, nichts und keine Aussage zu dokumentieren, kein Interviews zu machen und gar nicht erst zu versuchen, an diesem Abend irgendeine "Reporter-Rolle" zu spielen, sondern nur das zu sein, wobei man sich selber am Nächsten ist: Mitglied einer zufällig zusammengesetzten abendlichen Theater-"Gemeinde" .

Anmerkungen

[1... und selbst die Dramaturgin nicht zu verurteilen, die vor vollem Saal einen Text von einem auf Holzpaletten errichteten Stehpult abliest, ganz so, als würde sie von einer Kanzel einen Gottesdienst abhalten

In dem Wort "Dramaturgin", so ein Besucher, mit dem aufgrund der verspäteten Anfangszeit ein Gespräch aufgenommen wurde, in diesem Wort würde doch auch der Begriff des "Drama"s drinestecken - allein, von irgendwelcher Dramatik sei während ihres Vortrages nicht, aber auch gar nicht rübergekommen... er sei fast eingeschlafen.

[2... das muss eine grosse und langewierige Herausforderung gewesen sein, diesen dem Erdschlamm nachgebildeten Stoff so zu optimieren, dass er für die gesamte Zeit des Anhaftens dennoch modellierbar und "bespielbar" bleibt (sic!).

[3Friedrich Martin von Bodenstadt, der Mitte des 19. Jahrunderts lebte und u.a. Intendant in Meiningen war, soll gesagt haben: "Der Weise kann des Mächtigen Gunst entbehren, doch nicht der Mächtige des Weisen Lehren."
Von ihm soll auch der Satz stammen: "Der weise Mann ist selten klug, und der kluge selten weise." (sic!)

[4... und im anglo-amerikanischen Sprachraum so gerne und so gut als "serenditpty" beschrieben wird.


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