ChariCheck II

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 23. August 2015 um 17 Uhr 57 Minutenzum Post-Scriptum

 

1. Bevor die heutige "Tagesschau" beginnt, noch ein kleiner Rückblick auf die besonderen Attraktionen des vergangenen Abends:
Im Gang werden eine Reihe von Teebeuteln unterschiedlichster Sorte zusammen mit heissem Wasser angeboten. Schwarzer Tee und Pfefferminze sogar schon vorgebrüht in eigenen Thermokannen. Es steht auch eine Tüte mit Milch da, so dass man sich die ebenfalls dort aufgestellten Müsliflocken mit Nesquick, das ebenfalls dort vorgehalten wird, vermischen und in ein leckersüsses Abendmahl verwandeln kann.
So für den Fernsehabend ausgestattet auf dem Bett ausgestattet, wird die dafür vorgesehene Fernbedienung aktiviert. Freigeschaltet ist aber nur ein hauseigener Klinik-Info-Kanal, KiK-TV, u.a. mit Werbung für eine Home-Care-Firma, Zahnersatzleistungen und einem TV-Film über das Thema Umweltschutz. Wer daran Interesse hat, muss einen Kopfhörer mit dem entsprechenden Klinkenstecker mit dabei haben - was der Fall ist (sic!).
Aus dem gesamten übrigen Programm-Paket ist nur der ARD-Sender "KiKa" freigeschaltet, mit einer der allabendlichen "Bernd-das-Brot" Schleifen: Heute: Bernd wird umgedreht und zu einem - un-freiwilligen - Nerd. Hier zu sehen mit vielen Mitspielern und viel Klamauk. "Brot-und Spiele"? "Bernd-Solo" war besser!

2. Zum Ende des Tages dann doch noch einige Lichtblicke:
Kurz vor 23 Uhr stellt sich die Nachschwester vor. Und wir sind uns alsbald einig, dass es doch auf jeder Station eine Art von "Kaffee-Kasse" gibt, zu der zufriedene Patienten auf eigenen Wunsch einen Beitrag leisten können - auch dann, wenn das natürlich offiziell nicht gestattet sei.
Kurz nach 23 Uhr beginnt dann die Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur, die auf den Rechner gestreamt werden kann. Aufgemacht wird diese durch ein Interview von Britta Bürger mit Bernd Neumann zur Digitalisierung. Titel des Beitrags: Lassen wir unser Filmerbe verrotten?. Ausgangspunkt ist ein Gutachten, das Bernd bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Verwaltungsrates und des Präsidiums der Filmförderungsanstalt (FFA) in Auftrag gegeben hatte und jetzt vorliegt.

3. Der "Tag" dieser Tagesschau beginnt unwesentlich später als 6 Uhr. Um 7 Uhr wird schon das Frühstück gebracht und danach "geklärt", dass alle für diesen Tag vorgesehenen Massnahmen verschoben werden, sollen, solange keine weitere Stellungnahme der Ärzte - "ahh... das Team 3" - vorläge. Ab 8 Uhr werden dann die ersten Eintragungen für diesen Tag wieder aufgenommen.
Das verlangt Disziplin. Die Zeiten sind ungewohnt früh. Und die Nacht war kurz. Das ewige Klappern einer "aus dem Rahmen gefallenen" Badezimmertür nervte die ganze Nacht - allein die Ursache konnte erst am Morgen bei Tageslicht und genauerer Betrachtung herausgefunden werden. Dann sogar mit einem lauten Schrei erwacht, als eine der gestern durchgeführten Untersuchungen nochmals vor dem inneren Auge des Träumenden aufscheint. Gehört hat’s aber keiner. Was nun wieder gut war - oder auch nicht.
In aller Frühe taucht dann zwischen dem Summen der Motoren des Aufzugs, dem des Türöffners und dem Kreischen der Schienen bei der Durchfahrt der ersten ICE-Züge der Name eines "Martin Buttgereit" im Traum auf - wer immer das auch sein mag.
Der Morgen wird kompensiert durch einen Bademantel, der nach dem Duschen übergezogen werden kann und einem sehr reichhaltigen Frühstück. Dabei fallen erneut die Wortschöpfungen auf all diesen Plastikverpackungen für die Zugaben auf, die zu den beiden Brötchen angeboten werden. Die Butter aus dem Hause Uelzena heisst "Butter Genuss", der Frischkäse aus dem Hause Etelser heisst "Rahmfrisch", und das Pflaumenmus aus dem Hause StarCulinar ist mit dem Aufdruck versehen: "CHEF’S SPECIALITY | FIRST CHOICE | PRIME SELECTION" [1].
Viel beeindruckender - und das wirklich im positiven Sinne - dass bei dem Teil der Tomate, die zum Käse dazugelegt war, sogar der grüne Blütenstumpf ausgeschnitten worden war. Oder das gekochte Ei in einer Tasse mit warmen Wasser gereicht wird.

4. Es ist 12 Uhr. Bis dato sind vorbeigekommen: Eine Putzfrau, eine Schwester, die sich auf ihrem elektronischen Tablett die Essenswünsche notiert, eine Schwester, die auf einem "richtigen" Tablett das Mittagessen bringt. C’est tout.
Ergänzend noch der Hinweise auf zwei Personen, die gestern erschienen und bislang nicht erwähnt wurden: Eine Patientenbetreuerin, die schaute kurz herein und sagte alsbald von sich aus: So wie sie aussehen, brauchen sie keine Betreuung. Eine Schwester, die für die Blutabnahme zuständig ist. Und die ihre Sache richtig gut gemacht hat. Und das bei DEN Mengen. Danke!
Bislang weder zu sehen noch irgendeine Nachricht: vom "Ärzte-Team 3".
Der Zwischenstand nach einem vollen Tag vergangen. Die gesamte Zeit ist vergangen mit Dingen, die alle keine stationäre Präsenz erfordert hätten. Und es gibt auch nach einem Tag Aufenthalt keine Info darüber, was als Nächstes passieren wird - oder auch nicht. [2]

5. Da die Datenverbindungen nach wie vor sehr schwankend sind, teilweise sogar abbrechen, wurde der Versuch unternommen, Verbindung mit dem Multi-Media-Service von T-Mobile aufzunehmen. Die Vermittlungsversuche von der Annahmestelle zu den Fachleuten scheitern beim ersten und auch beim zweiten Mal: Nach langen Wartezeiten in der Warteschleife brechen die Verbindungen einfach ab.
Die Bitte beim dritten Anruf um einen Rückruf wurde mit dem Hinweis quittiert, das sei mit einer Wartezeit von bis zu 24 Stunden verbunden. Der Hinweis darauf, dass es hier um einen Journalistenvertrag ginge und diese Nachfrage nicht privater Natur sei, bringt etwas mehr Druck und steigert die Bereitschaft, nach einer anderen Lösung zu suchen. Als es endlich zu einer Verbindung zum Support kommt, kommen wir gerade soweit zu versuchen, ob das "embedded module" auf dem Rechner auf einen der Übertragungsstandards fest eingestellt werden kann. Aber noch während dieses versucht wird, bricht auch diese Verbindung zusammen. C’est tout.  [3] [4]

6. 13 Uhr: Nach wir vor keine neuen Nachrichten vom Ärzte-Team. Stattdessen trifft eine Mail ein mit dem Erfahrungsbericht junger Leute, die nach Griechenland geflogen sind, um sich dort vor Ort um die Unterstützung der Flüchtlinge zu bemühen. Die Autorin, Teil des Teams, nach ihrer Rückkehr:

Als ich zurück in Berlin war und recherchierte, wo ich vor Ort helfen kann, war ich nach wenigen Minuten frustriert angesichts des Durcheinanders an Informationen. Der aktuelle Bedarf ist oft nicht auf dem letzten Stand. Das muss nicht sein: In Zeiten von Tinder, Slack und Co, die mit ausgefeilter User Experience Design und Usability aufwarten, kann es nicht angehen, dass uns Helfen so schwer gemacht wird. Das wollen wir ändern. Darin sind wir gut.

Diesen Bericht zu lesen ist von höherer Bedeutung, als diesen Eintrag weiter zu verfolgen. Hier der Link: http://www.thechanger.org/de/blog-de/von-berlin-nach-samos-fluchtlingshilfe-vor-ort-und-digital-ein-erfahrungsbericht-und-ein-appell/.

7. 15 Uhr: Lasse extra die Zimmertüre offen, damit die vorbeigehenden Ärzte zumindest bei Vorbeigehen dem Patienten zurufen können, das sie ihn "auf keinen Fall vergessen" hätten. Und als dann schliesslich einer vorbekommt, bringt er wieder die ganze eigene Akte mit der Aufschrift auf dem Rücken "KRANK. privat." mit: Um diese dann - nochmals (oder erstmals?) - hier zu öffnen und vor allem jene alle schon in Folie zurechtgelegten Schriftstücke zu ziehen, die aus dem eigenen Hause sind. Das alle geschieht mit Charme und Kompetenz. Und doch denkst Du, Du rastest gleich aus: Du sitzt hier seit einem Tag herum, damit nach mehr als 24 Stunden Wartezeit jene Dokumente zur Sichtung und Begutachtung gezogen werden, die längst alle in ihrem hauseigenen System eingelagert sein sollten. Und den Fachleuten bekannt sein, bevor sie überhaupt zur ersten Visite antreten.

8. 17 Uhr. Es gibt Abendbrot. Gut so. Aber der Mensch lebt doch nicht nur vom Brot allein! [5]

9. 18 Uhr. Es gibt jetzt zumindest eine kleine Ansage: Dass die grosse Ansage erst am Donnerstagmorgen kommen werde und der Termin für einen Eingriff nunmehr von heute auf den Freitag verlegt worden sei. Es wird also - was so nicht zu erwarten war - auch noch am Freitag einen "ChariCheck" geben. Weiterhin von dem Bemühen geprägt, möglichst sachlich und transparent zu berichten. [6]. Bis zum - hoffentlich nicht "bitteren" - Ende.

10. Aus dem "Gute Nacht, Freunde" ist ein "gute Nacht mein Freund" geworden. Den ganzen Abend für ein langes persönliches Gespräch mit einem Freund aus Stuttgart genutzt, der einen "Krankenbesuch" gemacht hat. Ganz ohne Blumen oder anderem Schnickschnack, aber ganz bei sich selbst und für sich selbst. Und so geht dieser Tag dann doch noch gut zu Ende.

P.S.

Es war immer die Entscheidung, sich mit diesen Eintragungen auf jenes Ereignis zu beziehen, dass als das "Wichtigste" dieses Tages ausgewählt wurde.

Für diesen und den Folgetag ist das zweifelsfrei der Aufenthalt für eine Gesundheitsprüfung in der Berliner Charité.

Im Gegensatz zu den tagtäglich während des gesamten Urlaubs vorgenommenen Aufzeichnungen werden diese auch an dieser Stelle publiziert.

Zu privat? Nein.

Auch wenn hier die Person des Autors persönlich betroffen ist, geht es hier nicht um das persönliche "Schicksal", sondern um Eindrücke und Reflexionen, die sich im Verlauf dieses und der Folgetage festgesetzt haben und daher auch hier festgehalten werden.

Dass diese Eindrücke sicherlich auch privater, genauer gesagt, subjektiver Natur sind, ist selbstredend.

Gewählt wird die seit einem Monat begonnen, wenn auch bislang nur an zwei Tagen publizierte Form eines in jeweils 10 Punkten festgehaltenen Tages-Protokolls.

Anmerkungen

[1Es ist hiermit offen"sichtlich", womit es gelingt - oder gelingen soll - die Menschen für dumm zu verkaufen. Wie gut, dass hier das Personal noch nicht mit Etiketten wie "Ich bin Dein Freund und Helfer" herumlaufen muss, sondern bestenfalls darum bemüht ist, es zu sein.

[2Nun gut. Schon am Tag zuvor wurde ja die Bitte ausgesprochen, Geduld warten zu lassen. Das soll geschehen - und hier weiter dokumentiert werden.

[3Besonders ärgerlich an der Sache ist, dass die Leute am Telefon schon ganz offensichtlich darauf getrimmt sind, zu verkaufen, anstatt Service zu leisten. So wurde gleich eingangs kritisch bemerkt, warum es der eigene Vertrag noch ein Journalistenvertrag sei, "das ist ja nun doch sehr selten". Und beim Multi-Media-Service wurde sogleich festgestellt, dass der hier im Einsatz befindliche Rechner, ein hp EliteBook 8470p, nicht aus dem Haus Telekom und das SIM-Karten-Modul noch nicht LTE-fähig sei...

[4Es ist aus Gründen der Fairness festzuhalten, dass der Kollege aus der Technik zumindest zurückruft und eine kurze Nachricht auf der Box hinterlässt, da zeitweise offensichtlich überhaupt keine Verbindung möglich ist.

[5Stattdessen kommt diese Geschichte über den hochgeschätzten Roger Willemsen rein, an den gerade eine eigene Mail in einem anderen Zusammenhang in Vorbereitung war, als bei MEEDIA zu lesen ist: "TV Movie entschuldigt sich bei Roger Willemsen für geschmackloses Krebs-Clickbaiting"

[6Auch wenn das immer schwerer fällt, nachvollziehen zu können, warum man sich drei Tage vor einem Eingriff im Krankenhaus nicht nur aufhalten, sondern dort auch übernachten muss. Das mag meiner Versicherung erklären, wer will... WS.


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