Die zehn Gebote. Die erste Vorübung

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 3. August 2015 um 00 Uhr 44 Minutenzum Post-Scriptum

 

1. Es bedarf schon eines besonderen Anlasses, dorthin fahren zu wollen, wo sonst „keiner“ hin will. Was so nicht stimmt: Genauer gesagt, eine Insel anzuschippern, die (noch) nicht von den TUI’s und LIDL’s dieser Welt zu Enklave erklärt wurde. Um hierher zu kommen, bedarf es zumindest eines Fluges (bis Teneriffa) und einer Fahrt mit einem Fährschiff (bis El Hierro). Und das alles ist unter einem vollem Reisetag nicht zu machen.

2. Man darf nicht davon ausgehen, dass sich alle Reisetermine wie Perlen an einer Kette aneinander anreihen und so passend koordiniert werden können. Es bedarf genügend Zeit für den Übergang, um auch Unvorhergesehenes geschehn zu lassen, ohne dass es einen in Aufregung gesetzt. Ist man aber bereit, sich darauf einzustellen, auch Wartezeit als Ruhe- und damit schon als Erholungszeiten zu werten und zu nutzen, ist auch ein voller Tag für eine solche Anreise nicht zu lang.

3. Es ist unglaublich, aber wahr: Gerade mal fünf Flugstunden von Deutschland weg, ist nach der Landung zwischen Vulkanen und Betonburgen eine andere Welt zu entdecken. Vordergründig ist sie mit den gleichen Brands und Bedeutungsmustern zugepflastert, wie wir sie aus unseren grossen Städten kennen. Doch es reicht, sich auch nur wenige Meter von den Haupttrampelpfaden des touristischen „Hier werden sie nach Strich und Faden ausgenommen“ hinwegzubewegen, und sie finden kleine Oasen des Wohlergehens, mit einer guten Küche, mehr als nur „netten“ Leuten, und einer W-LAN-Versorgung, die wie selbstverständlich mit all dem Anderen einhergeht. Und wenn Sie als Gast diesen Leuten gefallen, gibt es sogar zu Kaffee noch ein grosses Stück Torte mit Schlagsahne als Gratisgabe obendrauf.

4. Dieser Sitzplatz vor der „Croissanterie“, in der ein grosses Croissant in der Auslage zu finden ist und keiner französisch spricht, ist dennoch mindestens so gut wie an einer der grossen Avenuen in Paris. Was da alles an Leuten vorbeikommt. Viele Badegäste, die gegen Mittag den Strand verlassen, viel Einheimische, die ihren Geschäften nachgehen, immer wieder Leute, die von Bier bis Salat alles anliefern, was die Läden drum herum so brauchen, ab und zu Leute, die auf ein und zweisitzigen Motorwägen die Fussgängerpassage unsicher machen. Und ein Polizist mit einer knallgelben Weste und einem Handy, das an dem Oberarm festgebunden ist.

5. Da bei diesen hohen Temperaturen die Kleiderordnung kaum noch eine Rolle zu spielen scheint – und dennoch nicht unterschätzt werden sollte – fällt auf, wie viele der Passanten sich auf die eine oder andere Weise haben tätowieren lassen. Die Hälfte…. Vielleicht dann doch nicht. Ein Drittel… auf jeden Fall. Hinzu kommen vielfältige Zeichen des Piercings und eine Reihe von anderen Möglichkeiten der Eingriffe in die Körperlichkeit, die von Dauer sind und auf einen persönlichen Entschluss zurückgehen.

6. Was fehlt all diesen Menschen, dass sie sich all diese nachhaltigen Zeichen auf ihren Körper applizieren lassen? Es geht ganz offensichtlich nicht länger nur um Kleidung und Kleider-Ordnung (oder die Entscheidung, ihr ganz bewusst nicht zu entsprechen) es geht um die Ausstellung des Körpers selber, als Körperkleid. Das mitzuerleben ist ebenso interessant wie befremdend. Nach mehreren Stunden des Defilees von Personen aller Art – auch sie schwarzen Uhren- und Schmuckverkäufer nicht zu vergessen, ist der Gesamteindruck ebenso klar wie bedrückend. Keine und keiner gleicht der/dem Anderen. Ausser in dem Umstand, dass nur sehr wenigen von diesem Menschen, die da an einem vorbeigingen, wirklich als hübsch, als attraktive, als interessant hätten angenommen werden können. Das, was am ehesten noch den Blick auf sie zog, waren die jeweiligen Tattoos, das was sie für sich selbst aussagten und das, was sie in Verbindung auf die Person aussagten, die sie trugen.

7. Am nachhaltigsten in Erinnerung war eines jener Tattoos an Hals und Nacken einer der Gäste am Nachbartisch. Seine Halspartie war mit einer Textfolge von vier chinesischen Zeichen „verziert“ – und keiner, der gewusst hätte, welche Bedeutung diese in sich tragen, während sich an diesem Körper mit sich herumgetragen werden. Und immer wieder die Frage, die sich nach stundenlangem Beobachten nicht hat lösen lassen: Was tun wir Europäer da eigentlich, durch welche Zeichen und Symbole „bereichern“ wir da die Sinngebung unseres Lebens? Warum benötigen wir diese? Was bedeutet diese „Verfremdung“? Wodurch gewinnt sie für uns eine solche Attraktivität, auch (oder gerade?) weil sie nicht aus dem eigenen Kulturraum stammt?

8. Flash-back: Auch auf dem Weg zum Bahnhof in Berlin: pralle Sonne. Und dort, auf dem Rinnstein vor dem Eingang, liegt quer auf der Strasse der Körper eines noch jungen, schlanken schwarzen Menschen; geschlossenen Augen, offener Hose und einem zerrissenen T-Shirt. Und alle, wir alle, auch der Autor auf dem Weg zu seinem vorreservierten Zugsitz, wir gehen alle an ihm vorbei. Und vergessen ihn schleunigst wieder – aber eben wohl doch nicht! Dieses Bild dieses Menschen und der Nicht-Reaktion von uns Allen bleibt im Gedächtnis haften, auch jetzt noch, vierundzwanzig Stunden danach. Als die schwarzen Schmuckwaren-Strassen-Verkäufer vor den Tischen aufkreuzen … und selbst auf der sicheren Überfahrt übers Meer will einem dieses Bild nicht vor dem geistigen Auge verblassen.

9. Dabei sind die Sicherheitsprobleme auf dem Fährschiff wie diesen nur eingebildete: wenn zu sehen ist, wie viele Schwerlastzüge mit hoch qualifizierten Manövern in den ihre Hänger in den Bauch des Schiffes manövrieren. Wenn mitzuerleben ist, dass es dem Personal nicht gelingt, den Fahrgästen, die zu Fuss unterwegs sind, alle ihr Gepäck abzunehmen, sodass sie dieses schlussendlich selber viele schmale Steine Treppen hinauf schleppen und hinunter bugsieren müssen. Und wenn die Sicherheitshinweisfilme so leise und so kontrastarm abgespielt werden, dass es unmöglich ist zu verstehen, was sie den Reisenden zu erklären haben. Trains and Boats and Plains… jeder hier geht davon aus, das Nichts passieren kann und also auch nichts anderes passieren wird, als eine erfolgreiche Ankunft am nächsten Hafen, auf dem nächsten Flughafen.

10. Also ist auch der Urlaub heute etwas „Normales“ – das Abenteuer beschränkt sich auf das Turbulenzschütteln im Flieger und die paar quer laufenden Wellen, die auch den großen Kahn zeitweise ins Schlingern und Schaukeln versetzen. Gewisse, manchmal ist das Schreiben nicht möglich, da das Licht selbst auf dem matten Monitor zu sehr reflektiert oder der schwitzende Körper selbst die Finger so sehr anfeuchtet, dass ein sicheres Tippen fast nicht mehr möglich ist. Bei all diesen Erfahrungen sind wir aber nicht wirklich gefährdet noch wirklich auf der Flucht. Vielmehr leisten wir uns den Luxus einer wohlgeplanten Aus-Flucht mit eingeplanter Rückkehr – in die Heimat.

P.S.

Bleibt nur noch jenes perfide Wort eines Ministers in einer der Nachrichtensendungen im Bayerischen Rundfunk, der darüber spricht, welche der Flüchtlinge angesichts des Mangels an Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung und der leeren Kassen in Deutschland alsbald wieder „in ihre Heimat“ zurückgebracht werden sollten … „in ihre Heimat“ … welche Heimat, bitte, Herr Minister, welche „Heimat“?


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