Rainer: Replay. Recap. Revival.

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 29. April 2015 um 16 Uhr 56 Minuten

 

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Heute wird im sogenannten "Großen Haus" der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Premiere des Films FASSBINDER von Annekatrin Hendel über "Leben und Werk von Rainer Werner Fassbinder stattfinden.

Er war, so die Ankündigung, "das "enfant terrible" des deutschen Films und hat wie kein anderer polarisiert. Er wurde geliebt, gehasst, bewundert, verachtet. Die Welt kennt Rainer Werner Fassbinder als eines der letzten Allroundgenies des Films. Aber wie war Fassbinder als Mensch? Der Dokumentarfilm „FASSBINDER“ von Annekatrin Hendel erzählt ein deutsches Künstlerleben, das mit einer unfassbaren selbstzerstörerischen Dynamik geführt wurde, und zeigt eine faszinierende Biografie von 37 Jahren Selbstverbrennung.

Die Fragen, die gestellt wurden, lauten:
— Wie ging Fassbinder um mit seinen fordernden Kollegen, Freunden, Rivalen, Liebesabenteuern?
— Den ständigen Machtkämpfen, seiner offen zur Schau gestellten Homosexualität, den Exzessen und dem Verschleiß seiner selbst und derjenigen, die mit ihm arbeiteten?
— Woher nahm der „Bürgerschreck“ den Glauben an sich, die Frechheit, den Willen und die Kraft, sich durchzusetzen?

Der Film, so heisst es, solle in Anwesenheit u.a. von Margit Carstensen, Irm Hermann, Juliane Lorenz, Hanna Schygulla, Harry Baer, Hubert Gilli, Fritz Müller-Scherz und Thomas Schühly gezeigt werden.

Und in Anwesenheit des Herausgebers und Autors dieser Zeilen.

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Beim Eintreffen unten im Rang rechts sind nur noch wenige Plätze frei. Und an diesen sind Zettel mit der Aufschrift "Reserviert" befestigt. "Kommen Sie", sagt ein älterer Herr mit Hut, der mit seiner Lebensgefährtin auf einem eben dieser Sitze Platz genommen hat. "Kommen Sie: Für Sie ist hier noch ein Platz frei."

Was wusste er davon, dass es einen guten Grund gibt, diese Einladung anzunehmen: Als der Regieassistent von Rainer Werner Fassbinder am Theater der Freien und Hansestadt Bremen. Als jemand, der erlebt hat, warum und wie er zum Film kam. Und als jemand, der sich dessem Wunsch widersetzt hatte, auch diesen Schritt mit ihm gemeinsam zu tun.

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Insofern ist es nicht möglich, wirklich unabhängig und vorurteilsfrei über diesen Film zu schreiben. Auch wenn es ganz sicher ein gelungenes Unterfangen war, sich all der Zeitzeugenschaften anzunehmen und im Archiv nach neuem noch nicht öffentlich bekanntem Material zu suchen und dieses angeboten zu bekommen.

Letztendlich war der Abend von dem Film ebenso geprägt wie von dem Wiedersehen mit Hanna, die nunmehr auch nach Berlin zurückgekehrt ist, mit Irm, mit der sich bis heute kein Band der Sympathie hat flechten lassen und mit Margit, die sich am stärksten verändert hat und dann dennoch im Verlauf der persönlichen Ansprache wieder jenen Blick, jene Haltung anbot, der für die Arbeit damals in Bremen so prägend gewesen war.

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Wie stark diese Eindrücke aus jener Zeit in Bremen gewesen sein mussten, zeigten eigentlich aber erst die Träume an, die in der Nacht nach diesem Ereignis folgten. Und das, obgleich an diesem Abend erneut deutlich wurde, warum es in den bremer Jahren keine wirkliche Annäherung an die Truppe rund um den Regisseur gegeben hatte.

Der Film lässt einen nachvollziehen, dass der- oder diejenige, der/die nicht bereit war, die immanenten Abhängigkeiten der Crew zu akzeptieren, die einen Verbleib in der Gruppe gerechtfertigt hätten, in diesem Umfeld keine Zukunft hatte.

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Es ist auch heute noch beeindruckend - und doch erschreckend zugleich - zu erleben, wie sich bis heute diese Abhängigkeit manifestiert, wenn sie denn akzeptiert wurde.

Ob man sich denn nicht ausgenutzt gefühlt hätte, wurde Margit im Anschluss im Foyer in einem Interview gefragt. Und sie fragt zurück, was diese Frage solle? Sei es denn nicht eine der vornehmsten Aufgaben in der Schauspielerei, dass man mit all seinen Qualitäten genutzt werden würde?

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Sofort schiessen Bilder hoch aus der Zeit der gemeinsamen Probenarbeit in Bremen - auch jenseits der als Assistent betreuten Inszenierungen von "Pioniere in Ingolstadt" oder "Bremer Freiheit" - und es stellt sich ein deutliches Eigenverständnis her, warum die Arbeit mit Rainer Werner Fassbinder - trotz seines klaren Wunsches - nicht fortgesetzt werden konnte.

Es hat damals durchaus heftige Auseinandersetzungen darum gegeben, warum die gemeinsame Arbeit am Theater nicht mit den Mitteln des Filmes hätte fortgesetzt werden sollen. Und die sehr früh formulierte Einsicht und Weitsicht über die Folgen dessen, warum er die Arbeit mit der Kamera dem Inszenieren am Theater vorziehen würde, hat sich denn auch im Verlauf unserer beider Lebensgeschichten mehr als nur bestätigt.

Ja, es stimmt was der Film erzählt und zeigt: Rainer hat sich selbst ebenso vernutzt wie all die Anderen, die seine Nähe suchten, sein Genie erkannten, seine Protektion brauchten.

Ihnen heute wieder zu begegnen, ist - im Film wie im Foyer - nicht leicht gefallen.

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Und darüber zu schreiben, ist noch schwerer.

Daher wird für den persönlichen Teil dieser Aussage das Zitat eines Auszugs aus der twitter-Seite @carpecarmen vorgezogen. Und der Umstand, für diesen Film nicht befragt worden zu sein, wird eher als ein Vorzug erfahren. Die wenigen persönlichen Begegnungen dieses Abends waren weit wichtiger, auch wenn ihr Wert an dieser Stelle nicht zu keiner weiteren öffentlichen Ausstellung kommen wird.

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Auf die Frage, wer denn dann in den eigenen jungen Jahren die weitere Zusammenarbeit an der Bühne vor allem geprägt habe, lautete die Antwort - auch an diesem Abend: George Tabori.

Dabei gab es vieles, was für beide gelten mag: Die hohe Bedeutung der Arbeit in und mit einer Gruppe. Das Schreiben im Verbund mit dem Inszenieren. Das Wissen um die eigene Bedeutung und die seiner Arbeit. Und: Die gemeinsamen Abstiege in die Urgründe der eigenen Befindlichkeit.

9.

Beide Regisseure wussten um ihren Tod im Voraus.

Und es ist heute ein Glück, sich nach dem Überleben beider an einem Abend wie diesem vergewissern zu können, dass sie mit ihrem Einfluss das eigene Leben zum Vorteil geprägt haben.

Und so wird es nach einem Tag wie diesem und einer Nacht wie dieser noch aufregender sein zu erfahren, welche weiteren Plätze dieses Leben noch für einen reserviert haben wird.

10.

Lassen wir aber zu guter Letzt die Autorin des Films, Annekathrin Hendel, selber zu Wort kommen: Im Corso-Gespräch mit Adalbert Siniawski im Deutschlandfunk, am Nachmittag, des 29. April 2015:


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