Live im Blog: Die Leipziger Autorenrunde

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 27. März 2015 um 15 Uhr 19 Minuten

 

Toll: Dieser Bericht kommt heute - direkt und ungeschminkt (und vielleicht auch noch mit dem einen oder anderen "Dreckfuhler") - von der 3. Leipziger Autorenrunde auf der Buchmesse Leipzig.

Und das sei hier ruhig mal erzählt: mit einer perfekten Logistik. Abfahrt mit der S-Bahn um 7:28 Uhr und Ankunft am Messegelände um 9:35 Uhr. Das ist unschlagbar gut: Trotz allem Gedrängel, leichten Verspätungen und anderer Missliebigkeiten, die alle schnell wieder vergessen sind.

Und auch vor Ort klappt alles: Selbst die Kontrolle am Eingang ist bestimmt - aber echt freundlich.

Die erste Ansage, die sich nicht vorstellt, also muss es der Chef sein, Herr Zille ;.)

"Wir freuen uns, dass dieses Format von Ihnen so gut angenommen wird."
Die drei Wünsche: die Funken sollen sprühen, auch die Messe soll noch etwas bieten können, jenseits der Runde, und die Stimmung der Begeisterung möge auch auf die Beteiligten.

Es folgt Herr Wattig mit der Begrüssung und den "house keeping remarks" [es gibt auch eine vegetarische Variante.../ es gibt einen WLAN Zugang./ es ’lar15

Vom Tisch 11, an dem viel zu viel Leute sitzen, auf den Tisch 12 verwiesen wurde. _ Dort sitzt Matthias Mattig, der u.a. auch Gründer des Selbstpublisher - Verbandes ist. Der Titel seiner Ausführungen lautet: "trends im self-publishing" - was gibt es Neues im Bereich des Selbst-Publishing?
Zunächst werden die beiden grossen Anbieter vorgestellt:
— Tolino Media hat sich für diese Klientel geöffnet. Dort werden 70% vom Erlös an den Autor ausgeschüttet. Gleiche Software, die auch ab April 2015 bei Neo-Books zum Einsatz komen wird. Gut laufende Titel sollen dann auch in den Buchhandel gebracht werden (und das ist besser als Books On Demand...). Dadurch werden die unabhängigen Autoren mehr umworben. Neben Apple, Google, und Amazon...
— Amazon KDP-Select- Programm erlaubt auch die Aufnahme in den Kindle Leihbibliothek. Aber man verliert ca. 50% des Marktes. Aber es gibt Extra-Boni für die ersten 150 Autoren in Höhe von Euro 7.500 pro Monat (sic!). Aber wenn man dort ist, ist man noch lange nicht woanders bekannt. Und es gibt Extra-Deals für den Kindel-Markt. Neu: Ab Jetzt wird der Brutto-Preis zum Verkauf eingestellt. Und die Kategoriensysteme habe sich etwas erweitert. In Zukunft soll das neue internationale System "Thema" zum Einsatz gebracht werden.
— Apple: Haben einen offenen Brief an die Indie-Autoren versandt. Denn iBooks sei auf allen neuen Apple-Geräten vorinstalliert. Die 1 Million Neukunden pro Woche, die sich aber vor allem die kostenlosen Titel herausgesucht haben. Die ISBN-Nummer muss mitgebracht werden (85,- Euro).
— Distributoren: BOD hat komplette Autorenpakete angekündigt, und das werden auch andere tun und nachziehen.
— Die Besteuerung der Bücher ändert sich, je nach Herkunftsland des Käufers. Also werden Google-Books jetzt teurer (19% statt 3%) [1]
— Bisher gab es nur create-space. Ab jetzt kann man sich als Autor auch direkt an den Buchhandel wenden. Aber die Buchändler bestellen nur, wenn es vom potenziellen Käufer angefragt wird.
- Neue Plattformen: Bisher nur Loveley Books, Jetzt neu: watchreading.de | was-lese-ich.de | rezi-suche.de (Blogger gesucht!) | vorvorablesen.de (Beta-Leser gesucht) | selfpublishingakademie.de | selfpublisher-verband.de (Vertreter von Indies)
Insgesamt wird sich der Zugang zum Buchhandel noch weiter öffnen.

Maria Koettnitz: Akademie für Autoren spricht: Das Tages-Seminar kostet 125 Euro,

Wie sieht so ein Exposé aus?

Anschreiben: Name des Lektors / des Agenten (sehr zu empfehlen - 15% Provision auf den Gewinn, das ist wahrlich vertretbar. Sonst landet man auf dem Stapel der unverlangten Manuskripte.) Aber nichts Wichtiges.

— Vollständiger Name
— Buchtitel (Arbeitstitel. Den Titel bestimmt der Verlag)
— Genre (so genau wie möglich) ("scheuen Sie sich, auch nicht Worte wie ’Liebesroman’ zu verwenden, wenn es einer ist") ("Wenn Sie das Genre nicht benennen können, hat es keine Chance")
— Alters/Ziel/Gruppen (möglichst nach den Sinus-Studien-Profilen) [2]
— Seitenzahl (wieviel sind schon fertig, wie viel sind noch geplant) nach NORM-Seiten-Zahl (ein historischer Roman mindestens 400-600 Seiten) ("jedes Genre hat seine Normen") ("Je mehr Sie schreiben, desto teurer wird das Buch")
— NIEMALS sagen, dass man ein Projekt auf drei Bände plant... Wenn Verlage den Autor noch nicht kennen, machen sie ein Buch als Taschenbuch. Und wenn sich das gut verkauft. Dann geht es vielleicht weiter.
— NIEMALS sagen, man würde was "ganz Neues" erfinden. Das gibt es nicht und das geht nicht.
— Sagen, bis wann man fertig sein wird.
— Der Kurztext ist das Allerwichtigste: in 10 Zeilen maximal. Das ist zu schreiben wie ein Werbetext aber immer mit einem Ende. Neugierig machen alleine reicht nicht. DAS ist die Eintrittskarte in den Verlag.
— Der Langtext, in der Regel zwei bis 3 Normseiten (mit möglichst simpler Schrift, aureichend Rand...) dieser Text soll keine Fragen offen lassen. Wahr. Klar. Überzeugend. Darin muss der Leitgedanke, die Prämisse, aufscheinen und sich erklären lassen. Achtung: die Prämisse ist NICHT das Thema, sondern das Leitthema.
Ggf. kann ein Rollenverzeichnis beigelegt werden (zum Beispiel bei einem Fantasy-Roman). Alles so kurz wie möglich, aber so lang als nötig. Entscheidend ist die Qualtität dieser Texte. Jeder Satz muss "glassklar" sein. Wenn die erste Frage kommt, stimmt was nicht.
— Die Kurzbiografie mit maximal 5 Zeilen. Und darin steht nur das, was für das Buch relevant ist. Sagen, dass man Journalist ist, denn dann weiss man, dass der Autor zu schreiben gelernt hat. Altersangabe? Ist nicht zwingend. Für ein Sachbuch zumindest. Wichtig ist ein gutes Foto (auf ein Web-Format runtergerechnet), natürlich, Portrait, keine Druckqualität notwendig, kein Anzug notwendig.
Sich nicht selber loben. Aber wenn man einen Lit.Preis gewonnen hat: Ja. Und wenn man was erreicht hat, dann auch das sagen.
— Konkurrerenzanalyse. Was ist in den letzten 3 Jahren erschienen. Was in der letzten Zeit selber gelesen. Und warum. Wer nicht viel liest, der ist nicht gut.
— Marketing. Ein Absatz reicht. Sagen, wen man kennt:Buchhändler, VHS’s, und andere Multiplikatioren. Als Anfänger MUSS man Selbstmarketing machen. Auch wenn man bei einem grossen Verlag ist.
— Textprobe: 30 - 40 Seiten. Nach den Vorgaben der Verlages verfassen.
— Eigene Publikationen verfassen.
— Bei einem Sachbuch eine Literaturliste und ein Inhaltsverzeichnis beifügen.

Stefan Weidle, Verleger und Vorstandsvorsitzender der Kurt Wolff Stiftung

Wie funktioniert es bei den unabhängigen Verlagen (die in der Kurt Wolff Stiftung organisiert sind). Und ihr Forum ist einer der Schwerpunkte des Interesses der Messeveranstalter.

Für die Belletristik sollte man bei den grossen Verlagen bleiben. Mehrere sehr gute Romane sind bei ihm verlegt worden. Und dennoch kein einziger Durchbruch. Wir haben nicht die Möglichkeiten einen Autoren gross zu platzieren.

Aber wir können ein Entrée in den Markt anbieten - wenn es denn klappt. Um dann darüber entdeckt zu werden. Denn nur 2% aller Autoren können von ihrer Arbeit leben. Daher sind die Autorenpreise so wichtig - und not-wendig.

Die jungen Leute, die schreiben, die machen auch Musik, die sind gut vernetzt mit ihrer (potenziellen) Leserschaft. Wie kann man eine besondere Idee in einen Form bringen, die ihr adäquant ist? Das kann man nur lernen.

"Wir investieren sicherlich mehr Zeit in den Autor als ein Grossverlag. Aber das sind dann auch nur 3 Titel pro Halbjahr. Mehr als das wären "Weglasstitel". Die werden sogar als solche produziert. Auch die Remittenten sind ein grosses Problem.

Eines der tollsten Bücher, das verdammt wenige LeserInnen gefunden hat:
Berlin Diptychon von John Yau
1995, 95 Seiten, Maße: 23,1 x 23,3 cm, Gebunden, Deutsch, Verlag: Weidle Verlag GmbH, ISBN-10: 3931135101, ISBN-13: 9783931135102

Stichworte einer sehr ausführlichen Fragen-und-Antworten-Runde: Warum entscheidet der Verlag über den Titel? Gründe sind Titelschutz. Die Stimmen der Verlagsvertreter. Die Selbstbehauptungsinteressen der Lektoren. Oder deren Bemühen zu zeigen, dass sie toll sind, indem sie zu viel machen. "le mot just" - zu finden, das ist die Kunst des Lektorates. "Man sollte nie eitel sein." Im gehobenen Sachbuchbereich kommt es auch vor, dass sie von Anfang an mit dabei sind. Wichtig ist der Zugang zu DEM Rezensenten, der das Buch toll findet. Und da wollen dann die anderen nicht hintanstehen. Wenn ein kleiner Verlag 2000 Exemplare abgesetzt hat, dann ist das schon gut. Auch die grossen Verlage fangen kaum mit mehr als 5000 Exemplaren an. Die Belletristik-Bücher gehen immer weiter zurück - und die Verkaufszahlen sinken am schnellsten. Wenn ein No-Name-Autor 1000 Exemplare verkauft hat, dann ist das schon ein Erfolg. Eine Werbeaktion kostet pro Werk um die 5tausend Euro. Aber da hilft es nicht, eine Anzeige zu schalten. Es sei denn, dass eine Anzeige dafür Voraussetzung ist, dass eine Rezension erscheint (Psssst....). "Auf in die Literaturseiten der ZEIT zu kommen, das ist für uns kleine Verlage fast ganz unmöglich." Was uns von denen vor allem unterscheidet, das ist der "pädagogische Anspruch". Wir wollen mehr, als nur Geld verdienen.

Elisabeth Ruge: über das ERA-Agentur-Konzept.

In den 30 Jahren hat sich sooooooo... viel verändert. Es geht um die Bedeutung des Lektorats: damals und heute. Damals waren das die genuinen Programm-Macher. Und heute gibt es eine Schieflage in den Verlagen. Heute sind Vertrieb und Marketing bestimmend und sehr viel dominanter als zuvor. Die Lektorate werden heute ausgedünnt und es gibt "outsourcing". Und damit nimmt man dem Verlag die Seele!

Wie kann man heute noch "neue Stimmen" erfolgreich suchen, Debuts auch dort fördern, wenn die Scripte noch nicht perfekt sind. Heute müssen die Agenturen dieses Vorlektorat leisten. Der Umfang dieser Arbeit wächst immer mehr. Bei den Sachbuchautoren übernimmt man ebenfalls Verlagsaufgaben, der Ideefindung, des "Ventilierens". Nur ein Lektor, der Zeit hat, ist ein guter Grund für eine gute Verlags-an-bindung. Heute sind die Autoren immer mehr "auf Wanderschaft".
Um diese Aufgaben heute noch leisten und erfüllen zu können, werden immer mehr Schreibkurse angeboten. Um damit den Manuskripten eine bessere Startchance zu geben. Auf der Basis der Fabor-Academy-Angeboten in England soll ein Haus gegründet werden, in dem es viele, viele Türen gibt - und neue Möglichkeiten.
Viel zu oft wird das Digitale zu defensiv angegangen, viele Chancen, auch für die Autoren, werden nicht oder nicht ausreichend genutzt.

Die Agentur bekommt 15% bei erfolgreicher Vermittlung.
3 Monate Kurs des Schreibenübens kostet - early bird - ca. tausend Euro. Das gilt vor allem für Autoren, die an grossen Texten arbeiten. Man muss sich für einen solchen Kurs bewerben. Wir müssen erst einmal lernen, dass ein Genie eben nicht vom Himmel fällt. Es geht auch um Personen, um Leerstellen, um viel Handwerkliches. Zum Teil ersetzten sogar diese Schreibkurse diese Lektorate.
Es gibt einige Bücher, die sehr viel einbringen, um die anderen zu fördern, "die wir lieben". Wie die Bücher von Matthes und Seitz, die von ihnen betreut werden.

"Wir leben in einer Zeit der Erschöpfung" - und unter diesen Voraussetzung müssen auch schon die Verkaufsargumente vorgelegt werden. Es könnte sein, dass in Zukunft die neue Heimat der Autoren wird, und nicht mehr der Verlag.

"Wenn Verlage in Zukunft noch Bestand haben wollen, dann müssen diese wieder ihre Lektorate aufstocken." Das Ziel ist weniger - Follow-me-Produkte anzubieten.

Tobias Witt: Bundesverband Junger Autoren.

Der neue Normen-Vertrag für Autoren (Beim Verband deutscher Schriftsteller und beim Börsenverein zum Download bereitgestellt).. Das sind die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Verlages: Als Angebot. Hier ist es aber not-wendig ZU VERHANDELN. Hier ist der Normvertrag die Basis.
Wichtig: Texte, die nicht verständlich sind: nachfragen.

Was sind die wesentlichen Punkte?

— Die Rechteübertragungen. Nach dem neuen Vertragsrecht gibt es KEINE Haupt- und Nebenrechte mehr. Es gibt nur noch Hauptrechte.
Alle Nutzungsrechte an den Verlag abgeben? Nein! Was ist mit dem eBook? Was ist mit den Bühnenrechten? Und den Filmrechten? Und den Hörspielrechten?

Die Honorare

— Die Basis ist der Netto-Laden-Preis. Und nichts anderes. Gemäß den gemeinsamen Vergütungsregeln: unter 8% nicht. Hardcover: ab 10%, gestaffelt nach Auflage. Bei Taschenbüchern ist eine Staffelung möglich. Bei grösseren Auflagen auch mehr.
— Die Erstauflage sollte in Stückzahlen benannt werden. 1000 Stück sind ok.
— Die ehemaligen Nebenrechte sollten 30 - 40% erzielt werden. Für Film, TV, Radio: 50%.
— Wenn die Autoren was für die Autoren bezahlen müssen: Hände weg!
— Wenn die Autoren einen Rabatt bekommen: der gleiche Preis wie der Buchhändler, also um die 50%
— Freiexemplare? Verhandlungssache: Ca. 1% der Auflage ist die Richtschnur. Ein Weiterverkauf auch dieser Exemplare ist zu gestatten.
— Besprechungsexemplare? Dazu ist der Verlag - im Prinzip - verpflichtet. Man kann auch was konkret vereinbaren.
— Die einfachen Nutzungsrechte dürfen nicht beim Verlag verbleiben, auch nach den 70 Jahren.
— Die "Bewerbung des Buches" im Börsenblatt... ist selbstverständlich.
— Haftung: Wenn was verheimlicht wurde, dann gibt es eine eigene Haftung. Wenn der Verlag über die Bedenken schriftlich unterrichtet wurde, dann nicht. Die Info hätte in Schriftform erfolgen müssen (eine Mail reicht nicht, es sei denn, es gibt eine Korrespondenz, aus der hervorgeht, dass die Post angekommen sei. Kommt keine Antwort, ist hier nachzufragen.)
— Verramschen? Ja: Wenn weniger als 100 Exemplare im Jahr verkauft werden. Nachdem der Autor informiert wurde und ihm die Bücher angeboten werden.
— Abrechnung: zweijährig, also halbjährlich, lt. Normvertrag (mit 3 Monaten Verzug)

Jeden Tag werden in Deutschland 3 Literaturpreise vergeben. Leider kein nachhaltiges Fördermittel, das oft eher dem Preisgeber nützt.
Viele Wettbewerbe haben Bedingungen, die oft nicht fair sind. Vor allem die, die schon vorab alle Rechte an den eingereichten Texten einfordern. Im Schnitt sind das ca. 1000 Euro. Diese Geld ist steuerfrei. Aber es erhöht ggf. die Progression.
Besser sind Arbeits-Stipendien, schlimmer sind die Stadtschreiberstellen. Und dabei muss die Residenzpflicht erfüllt werden. Für die Arbeits-Stipendien der Landeskultur-Stiftungen (in Berlin vom Senat) gibt es nur selten eine Alumni-Kultur.
Die Lektoren gucken nach den Stipendien, nach den Credits, die schon von anderen gekommen sind. Die Texte sollen luftig und lesbar sein. Und müssen orthographisch gut sein. Ggf. sogar an einen Korrektor geben.
Die Literaturveranstaltungen ... werden zumeist nur mit einem Anteil bis zu 50% gefördert. Am Ende darf man keinen Verlust machen, für den man selber aufkommen muss, und keinen Gewinn, der einem dann von der Förderung abgezogen würde. Aber Bewirtungen oder Repräsentationskosten dürfen nicht in Ansatz gebracht werden. TiPP. Am besten schon im Frühjahr beantragen, da ist zumeist (noch) mehr Geld da.
Die privaten Sponsoren wollen vor allem eine besondere, nachweisbare Sichtbarkeit.

Anmerkungen

[119%, da eBooks nach wie vor nicht als "Bücher" im klassischen Sinne gelten, die dann nur 7% erheben dürfen.

[2Der eigenen Altersstrufe gemäss... so die Empfehlung. Fragen: Warum können denn die Alten nicht für die Jungen schreiben?


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