Das Theater der Zukunft

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 4. Februar 2015 um 15 Uhr 06 Minuten

 

"Wer sich die Zukunft künstlerischer Bildung fürs Theater zur Aufgabe macht, muss mit dem Paradox zurechtkommen, der er für ein Theater bildet, das es noch nicht gibt." Das schreibt der neue Präsident [1] der Bayerischen Theaterakademie August Everding, Prof. Hans-Jürgen Drescher, zur Einleitung des Jahrbuchs für die Spielzeit 2014/2015.

Und er implementiert in diesem Satz sowohl die Frage, wie die Ausbildung für die Zukunft des Theaters auszusehen habe, als auch die Frage, ob das Theater überhaupt noch eine Zukunft hat.

Wenn aber am heutigen Tag der offenen Akademie zu erfahren ist, dass selbst in diesem nachfrageschwächeren Jahr immer noch mehr als 300 Bewerbungen für gerade mal 10 Ausbildungsplätze eingegangen sind, könnte man der Meinung sein, dass nicht die Zukunft des Theaters in Frage stünde, sondern die im Vordergrung steht, wie das Theater in Zukunft aussehen werde.

Das beruhigt - zumal wenn an diesem Tag live und leibhaftig zu erleben ist, was alles heute noch geht und wie gut DAS geht - allemal. Aber der betörende Moment des Augenblicks, die Dramaturgie der Inszenierung, die Kraft und Qualität des jungen Personals lassen einen schnell vergessen, dass die Frage nach der Zukunft auch durch Augenblicke und Lichtblicke dieses Tages nicht auf Dauer an die Wand gespielt werden kann.

Dennoch bleibt die Unruhe gross: angesichts der "Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse" und der "digitalen Revolution", wie Prof. Drescher schreibt. Da hilft auch die Aufrüstung der Theater-Theorie nicht wirklich weiter. Ihr Versuch, neue Ordnungsrahmen zu bestimmen und zu erörtern allein wird nicht ausreichen, um die Frage nach der Zukunft des Theaters beantworten zu können. Denn diese wird nicht von Büchern beantwortet, sondern auf der Bühne. Und mit dem Publikum - wenn es denn kommt.

"Das erste Mal..." Schlussapplaus und PublikumPanScan
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Wenn auch noch so viele junge Leute ans Theater wollen, wer von den jungen Leuten geht denn heute noch ins Theater?

Dass diejenigen, die als Fernsehpublikum zu hause geblieben sind, auch schon - statistisch gesehen - in ihrem Altersschnitt jenseits der fünfziger Grenze liegen, ist wahrlich kein Grund dafür, sich für diese Klientel bessere Chancen zu versprechen.

Und dass das Theater immer mehr die Mittel der mutimedialen Darstellungsmöglichkeiten in Anspruch nimmt, ist allein auch noch nicht DAS Rezept zur Bewältigung dieser Herausforderung.
Gleiches gilt auch für Vorschläge wie jenen von Tim Renner, nach dem Absetzen des ZDFtheaterkanals die Aufführungen nun als Streamingangebote "im Netz" zu verbreiten [2].

Aber wenn sich wirklich im Verlauf dieses Jahres ein Master-Studiengang für das nächste Studienjahr etablieren will - und wenn die neuen Herausforderungen des Theaters auch in Formaten bearbeitet werden sollen, die über die nationalen Grenzen hinausreichen, dann wird es not-wendig sein, nach Positionen zu suchen, die "eingedenk ihrer politischen und utopischen Dimensionen die Macht des Faktischen erschüttern können" - so nochmals Prof. Drescher am Schluss seines Vorwortes.

Merke: Diese "Macht des Faktischen" wird aber heute schon immer mehr von Elementen geprägt, die nicht mehr in jenen Zusammenhängen entstehen, die früher die "reale Welt" genannt wurden. Schon jetzt kommt es in Folge des Einsatzes der digitalen Medien zu einer so nachhaltigen Vermischung des "Realen" und des "Virtuellen", zu einer Amalgamisierung der Existenz vermittels Netz und Screen, dass in deren Folge eine immer grössere Sehnsucht nach einer neuen Form von Bezüglichkeit, von Verbindlichkeit, von Handhabbarkeit, von Vertraulichkeit, von Authentizität, von Verortung in Zeit und Raum besteht, so dass sich gerade für die vergegenständlichenden Kultur-Träger-Medien wie die der Bühne neue Chancen ergeben. [3]

Diese gilt es zu entdecken, zu erproben und immer wieder neu zur Anwendung zu bringen. Eine ebenso reizvolle wie gesellschaftlich not-wendige Aufgabe.


Dieser Text ist dem ab diesem Wochende in San Francisco verstorbenen (auch) Autor Carl Djerassi gewidmet, der in der Folgewoche am 3. Februar nochmals im Deutschlandfunk in dem Interview mit Denis Scheck zu hören ist (und den Karin Steinberger in ihrem Nachruf am 2. Februar in der Süddeutschen einen "männlichen Feministen" genannt hat). Hier ein kurzer Auszug aus dem Interview, in dem er darauf eingeht, dass er erst im Rentenalter mit dem Schreiben begonnen habe:


Anmerkungen

[1wie neu, das zeigt der Name der URL dieses hier aufgerufenen Links: "http://www.theaterakademie.de/de/kontakt_team/das_team/prof_klaus_zehelein.html". Mehr über die Rolle des Everding-Nachfolger Zehelein findet sich zum Beispiel in dem Hintergrund-Bericht der Abendzeitung aus München vom 7. Mai 2013: Bayerische Theaterakademie Wird Hans-Jürgen Drescher Nachfolger von Klaus Zehelein?.

[2Siehe dazu als pars pro toto die Diskussion zu diesem Thema, die das Maxim Gorki Theater ba Mitte Oktober 2014 auf facebook.

Hier einige Kommentare vom ersten Tag, dem 15. Oktober 2014:

Mizgin Bilmen: omg !

Rainer Glaap: Sinnlos!
Theater ist ein live Event. Da will ich live dabei sein. Hören. Spüren. Sogar riechen! Das ist nicht einzufangen. Es gibt gelegentlich einigermaßen erträgliche Verfilmungen von 3Sat, da macht das Team von Wolfgang Bergmann oft einen guten Job - aber es ist sehr aufwändig und nicht mit Totale und je einer Kamera links und rechts getan.

Ersan Mondtag: Man sollte nicht nur Theaterpremieren live streamen, man sollte ein eigenes Theater für das Netz Publikum erfinden und für die Kamera neue Formate suchen.

Hendrik Elkenhans: Für alle, die außerhalb von Berlin ihr karges Dasein fristen, wärs genial! Natürlich nur in 3sat/Arte-Qualität und dann auch gern gegen Bezahlung. Als Landbewohner ist man ja sonst vollständig von den meisten kulturellen Entwicklungen abgeschnitten.

Mizgin Bilmen: genau... immer alles neu machen, updaten, hochladen und niemals verschnaufen oder mal inne halten.... so lange etwas nachjagen, bis man nicht mehr weiß, was oder wem man da eigentlich nachjagt..... na dann: Glück Auf* und wozu überhaupt noch rausgehen???

Марина Френк: Genau, dann braucht man gar nicht mehr hingegen. Einfach streamen.

Andreas Bln Olstowski: Dann kann er auch die Theaterkarten teurer machen, sind ihm ja wohl zu preiswert und das Land buttert seiner Meinung nach zuviel dazu. Dann kommt gar keiner mehr. Herr Renner sollte sich lieber mal Gedanken zu den Steuerkarten machen. Braucht man sowas? Verdienen die Empfänger dieser Karten zu wenig?

Annika Stadler Gildet: diese schöne Regel "what happens in the darkroom stays in the darkroom" nicht auch für die Bühne? Was halten Schauspieler davon, ihre Körper, Ideen und Stimmen weltweit auf Bildschirmen für immer kursieren zu lassen? Gibt es nicht auch, vielleic...See More

Ersan Mondtag: Die Fotografie hat die Malerei ebenso wenig abgeschafft, wie das Kino das Theater oder das Fernsehen das Kino. Netz-Theater ist ein spannendes Format, das bereits von einigen wenigen praktiziert wird. Vor einem Jahr beispielsweise hat Anta Helena Recke eine 24 Stunden Performance in einer hildesheimer Turnhalle ausschließlich für das Netz-Publikum konzipiert und alle Mittel von Partizipation bis Diskussion integriert. Solche Formate konkurieren nicht mit dem konventionellen Theater, wie denn auch? Und seitdem die Sportstadien Liveübertragungen haben bleiben die Stadien auch nicht leer, oder? Es sollte nicht dabei bleiben, dass Theater sich nur mit ihren PR-Abteilungen im Netz engagieren, da wird ein Medium völlig unterschätzt. Wenn ich mir heute Inszenierungen auf DVD anschaue wünsche ich mir oft, sie live sehen zu können. Das eine ersetzt das andere nicht.

Mizgin Bilmen ....nein es erzieht nur zum Massenkonsum... alles ist immer und überall zu holen... es gibt nichts was du nicht zu jeder zeit sofort haben kannst.... es geht nicht darum, dass das eine das andere ersetzt... es geht darum, dass Kunst (ich hasse dieses Wort allmählich immer mehr !) dadurch massenkompatibel wird und selbst nur noch den Zweck des Mehrwerts verfolgt... somit nicht mehr sich selbst bestimmt und somit nur noch Ausdruck einer Kultur der Ökonomie abbildet... Internet und Streaming-Geschichten können allerdings einen eigenen künstlerischen Ausdruck finden -das mein ich nicht... Nur Live-Streaming für Theaterinszenierungen ist mehr als beknackt und Audruck einer Gesellschaft mitten im unendlichen spass*

Ersan Mondtag (Live) Stream, baby. Is nich alles überall sondern zu einem festgelegten Zeitpunkt und ich sehe keine (zwingende) Verbindung zum Massenkonsum, das ist lediglich un-differenzierte Hysterie wie so oft bei Erneuerungen. Einfach mal ausprobieren, wenns scheiße läuft kann man ja wieder aufhören damit.

Mizgin Bilmen ...jedem das seine, Baby*

Hartmut Becker ...die absurden Ideen von Herrn Renner nehmen langsam und sicher zu! Und das ist NICHT gut so.

Maskeund Mantel: dem Mann ist langweilig

Sylke Marquardsen: für kranke oda alte menschen eine jute möglichkeit ’dabei’ zu sein, wenn sie nich mehr in die vorstellungen gehen können !

Johanna Rosenstern NICHTS!

Malte Beckenbach: find ick jut !

Rob Erto: Super!

Gabriele Dietz: Life is live in real life not in a livestream...oder bleib daheim Renner und hör deine alten Platten.Berlin ist nicht Moskau oder New York und die Provinzler finden übrigens auch alle den WEG hierher - notfalls im Bus.

Elke Neu: live is live

Und hier noch der nächstnachfolgende Beitrag von Isa Kathrin Edelhoff vom 17. Oktober:
Das habe ich mal gemacht, war ein Projekt für BühnenHalle. In alle sozialen Netzwerke und live aus der Premiere getwittert etc. Ist technisch aufwändig und dauerhaft personalintensiv. Ansonsten: Toll. Wenn Renner die notwendigen zusätzlichen Stellen an den Theatern finanziert, ist das eine super Sache...

[3Der lange Diskurs darüber, wie das Theater bislang Text und Noten dechiffriert hat und das Theater der Zukunft lernen muss, die virtuellen Welten des Netzes zu dechiffrieren, wird an anderer Stelle ausgeführt werden müssen.


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