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VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 13. Januar 2015 um 01 Uhr 36 Minuten

 

An die Überlebenden von Charlie Hebdo: Eintragungen in das Kondolenzbuch von Reporter ohne Grenzen am Freitag, den 9. Januar 2015, ca. 18:30 Uhr:


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Katja Griesenbeck, vor 1 Minute
Unfassbar...mir fehlen die Worte.

Wolf Siegert, vor 1 Minute
Oft bedarf es der Übertreibung, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Ein Mord aber ist in Wahrheit die Unfähigkeit, vor der Wahrheit standzuhalten. Wir brauchen Euch, Ihr, die mutigen Kolleginnen und Kollegen - und das mehr den je. Soyez courageux!

Heribert Böger, vor 1 Minute
Mein Beileid den Angehörigen und Freunden der Ermordeten und Hochachtung vor den Märtyrern für die Freiheit.

PS.

Hier der bemerkenswerte Kommentar aus der taz von Deniz Yüzel

Jede Menge falsche Freunde

Hier der bemerkenswerte Text eines Lesers [1], der sich damit an den Herausgeber gewandt hat - und der Aufmerksamkeit verdient:

Ich bin nicht Charlie.
Charlie lesen, statt Charlie sein.

Ich mag Charlie nicht.

Die Freiheit der Meinungsäußerung, so lange sie nicht zur Gewalt aufruft, ist absolut, ohne „wenn“ und „aber“ und „nicht heute“. Wer daran rührt, ist ein Brandstifter von der übelsten Sorte, der auch Bücher verbrennt, wenn man ihn lässt. Aber Charlie hat und hatte aber einfach nie meine Art von Humor. Verletzend, geschmacklos, aber das immerhin unparteilich und niemals rassistisch. Vor Charlie sind alle gleichermaßen spottwürdig, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Religion. Aber dennoch: nicht meine Zeitung. Und da die Auflage zuletzt unter die – wohl wirtschaftlich notwendige – Auflage von 50.000 pro Woche fiel, scheine ich nicht alleine dieser Meinung gewesen zu sein.

Ich habe nicht die menschliche Größe, Charlie zu sein.

Das jetzige Büro wurde bezogen nach einem Brandanschlag 2006, bei dem wohl nur durch Zufall, einige der Opfer von vorgestern mit ihrem Leben davon gekommen sind. Seit Jahren mehr Todesdrohungen als Werbung in der Eingangspost, Polizeischutz und der konstante erhobene Zeigefinger der „demokratischen Mitte“ doch ein wenig verantwortungsvoller mit der Meinungsfreiheit umzugehen. Wer braucht das in seinem Leben und wer hat dann auch noch die Kraft, trotzdem jede Woche aus Überzeugung eine Zeitung abzuliefern, die immer weniger Menschen lesen wollen? Ich nicht, aus demselben Grund, aus dem ich auch nicht in einer Mädchenschule in Kabul unterrichte oder in einer Ebola Klinik in Afrika aushelfe: mir fehlt die menschliche Größe dazu. „Je suis Charlie“ suggeriert, dass dem nicht so ist und das wäre gelogen. Die Leute, die in dem wohl inspirierenden Film aufstanden und „Ich bin Spartakus!“ riefen, trugen die Konsequenzen und wurden mit ihm gekreuzigt. Ich möchte das Schicksal von Charlie nicht teilen.

Ich mag keine selbstgerechte Solidarität

Sich mit einem Pappschild auf die Straße zu stellen und das eventuell noch in direkter Nähe zu Leuten wie Herrn Hollande oder Frau Merkel, die noch vor Tagen genörgelt haben, dass das doch alles zu extrem sei, und nun die Leichen für ihre eigenen politischen Ziele schänden, macht für mich keinen Sinn (ganz zu schweigen von Frau Le Pen und den Freunden von PEGIDA). Im besten Falle stehe ich mit dem Schild auf der Straße, um mir das wohlige Gefühl zu verschaffen, solidarisch zu sein mit Leuten, die meine Solidarität zu Lebzeiten nicht hatten und das beruhigt mein schlechtes Gewissen nicht.

Je m‘abonne Charlie

Der einzig sinnvolle Ausdruck der Solidarität für mich ist, die Opfer zu ehren durch Hilfe für die Überlebenden und das ist fast noch billiger als das Pappschild: Für 59,90 Euro bekomme ich 6 Monate lang Charlie Hebdo in Deutschland frei Haus, Woche für Woche. Ich glaube immer noch nicht, dass ich mögen werde, was ich dort zu lesen bekomme, aber wenn die letzte Kerze verloschen, das letzte Pappschild kompostiert sein wird und die Welt sich neuen Gräueln zugewandt hat wird mein bescheidener Beitrag, hoffentlich dazu beitragen, den Tätern den Triumph zu verweigern, Charlie getötet zu haben. Ich denke, das wäre im Sinne von „Charb“ und all den anderen.

Charlie lesen, statt Charlie sein.

P.S.: Und weil auch andere lokale Vertreter der Meinungsfreiheit zu Lebzeiten meine Solidarität verdient haben, folgte ein Abstecher zur „Titanic“ und dem „Eulenspiegel“

Anmerkungen

[1Der Autor dieser Zeilen hat sich ausdrücklich damit einverstanden erklärt, auch seinen Namen an dieser Stelle zu nennen, was denn auch auf Nachfrage gerne geschehen mag.
Grundsätzlich aber werden in dieser Publikation alle Beiträge Dritter anonymisiert und damit in der Verantwortung des Herausgebers mit-publiziert, auch wenn dieser gelegentlich nicht deren Meinung teilen sollte.


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