"Ihr Glücklichen an und vor der Front!"

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 30. Dezember 2014 um 23 Uhr 41 Minuten

 

Mit dieser Überschrift beginnen die Eintragungen des Majors Wilhelm Siegert vom Flugzeugpark 7. Armee, Baden- Oos, den 12. August 1914.

"Ihr Glücklichen an und vor der Front!"

Niemand macht sich auch im entferntesten einen Begriff, wie es in meinem Inneren aussieht. - Ich habe die preußische Fliegerei aus der Taufe gehoben, ich bin ihr Lehrer gewesen. Die mobilen Abteilungen, welche seit 10 Tagen gegen den Feind fliegen, sind mein ureigenstes Werk in Bezug auf Zusammensetzung an Personal, Material, sowie Führungs- und Verwendungsgrundsätze."

Die Eintragungen aus diesem Kriegstagebuch [1] werden den Autor - und ab heute auch die LeserInnen - immer wieder an die Zeit von vor 100 Jahren erinnern.

Da es in den letzten Jahren sowohl der Publizistik als auch "den Medien" vor allem darum ging, die "Stimme des Volkes" in all ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit (wieder) zu Wort kommen zu lassen, wurde sehr schnell deutlich, dass einem solchen über die ganzen vier Jahre hindurch geführten Tagebuch mit viel Skepsis, ja Ablehnung begegnet werden würde.

Auf der Pressekonferenz am 6. März 2014 in den Räumen des Deutschen Historischen Museums in Berlin, als das ARTE-Projekt mit den verfilmten Zeugnissen der Kriegsveteranen jener Zeit vorgestellt wurde, war auf der Bühne sehr deutlich zu hören, dass man ganz bewusst Stimmen aus den Leitungsebenen dieses Krieges habe ausblenden wollen - und müssen: Dort habe man sich eh’ nur selber in die eigene Tasche lügen wollen. Solche Zeugnisse seien für die Geschichtswissenschaft nicht von Bedeutung - und für eine populärwissenschaftliche Darstellung wie in diesem "Doku-Drama" erst recht nicht. [2]

Selber als Historiker, Kunsthistoriker und in der - inzwischen trimedialen Kunst der - Medienpraxis ausgebildet, wäre es vielleicht notwendig gewesen, dazu eine eigene Stellungnahme zu formulieren.

Aber hier ist es ein ganzes - vielseitiges - Konvolut mit Texten des Grossvaters, das zur Disposition steht. Und da scheint eine Zurückhaltung der ganz besonderen Art auch ganz besonders angebracht zu sein.

Diese Texte aber - 100 Jahre danach - wieder zu lesen und gelegentlich mitlesen zu lassen, erscheint nach dem Abwägen aller Argumente und Umstände nicht nur legitim, sondern auch sinnvoll.

WS.

PS.

Hier der Beginn eines Features aus dem Jahr 1983 aus der Sendereihe "Passagen" des SFB, Redaktion Marianne Wagner, mit dem Titel:
"Fragen an einen Flieger"

Anmerkungen

[1Sie können als Faximile in der Europeana eingesehen werden.
Ausserdem gibt es zum Nachhören eine Radiosendung aus dem Jahr 1983, die damals in der "Passagen"-Reihe des Senders Freies Berlin produziert wurde.
Mehr dazu auf Anfrage, da sie in den Archiven des Senders nicht mehr gefunden werden konnte.

[2Die Produktion seht inzwischen unter dem Titel: 14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs. Doku-Drama von Jan Peter und Yury Winterberg als Blu-ray- Produktion zum Verkauf.


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