MedienTage: Die Qual der Wahl

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 19. Januar 2015 um 17 Uhr 49 Minuten

 

Heute der dritte von drei Medientagen. Und einmal mehr die Qual der Wahl.

Rückblickend auf die vergangenen zwei ist jetzt schon zu sagen, dass trotz des vollen Einsatzes an Zeit und Planungskompetenz es unmöglich war, alle gewünschten Kontakte herzustellen und alle gesuchten Themen abzuarbeiten.

Vorschläge, diese Veranstaltung auf zwei Tage zusammen zustreichen, werden sich wohl kaum durchsetzen lassen, auch wenn wohl immer wenige Dreitagestickets gekauft werden. Die meisten, so scheint es, bleiben zumindest zwei Tage: diejenigen, die eine Einladung zur „Nacht der Medien“ zu erhalten oder sich ihren Zugang zu dieser Veranstaltung erkauft haben – und dafür ist der Kauf von mindestens zwei Anwesenheitstagen Voraussetzung – kommen vom Mittwoch auf Donnerstag. Oder es gibt auch eine Reihe, die erst zum zweiten Tag kommen und dann das Wochenende in München und der weiteren Umgebung des Landes verbringen.

Die Entscheidung, alle drei Tage zu verbleiben und erst am Samstag zurückzukehren, zehrt schon eine gewaltig grosses Loch in das Zeitbudget – und doch ist festzustellen, dass dieses Investment es wert ist.

Bei aller Kritik und allen Mängeln, die es die Veranstalter immer noch nicht geschafft haben in Griff zu bekommen – von der fehlenden Stromversorgung bis zur Möglichkeit, sich mit Kommentaren in den Verlauf der Paneldiskussionen einzuschalten – ist und bleibt diese Veranstaltung – nach wie vor – die Nummer eins im bundesdeutschen Markt.
Wichtiger noch als diese Positionierung ist aber der Umstand, dass der breit aufgefächerte Themenkreis es ermöglicht, wichtige Leute aus dem eigenen thematischen Umfeld zu begegnen. Vor allem aber, sich dort einzuklinken und schlau zu machen, wo man im Verlauf des Jahres nicht genügend Aufmerksamkeit investiert hat.

Als pars pro toto sei hier das Pay-TV-Thema angesprochen, das Gott-sei-Dank nicht zu den zeitlich gekürzten Veranstaltungsplätzen gehörte. Und von Marcus Englert so souverän ausgeleuchtet und mit den anwesenden Podiumsgästen erläutert wurde, dass man aufgrund der einsichtigen Nachfragen und teils wohlgelaunten frechen Contern des Moderators in diesem Falle auch gut und gerne auf die Twitter-Wall hat verzichten können. Und dennoch: am Ende der wie im Fluge verstrichenen 1 ½ Stunden waren immer noch eine Reihe von Themen – neben den Schwerpunkten „Inhalte“ und „Distribution“ – offen geblieben: die Frage nach dem Einsatz von 3D-Angeboten etwa oder nach dem (interaktiven?) Zuschauerdialog.

Nachdem aber zum Ende dieser drei Tage zu alsbald allen Veranstaltungen auch zusammenfassen Beichte aus der veranstaltereigenen Redaktion zur Verfügung gestellt werden, solle die noch für diese Schreibarbeit zur Verfügung stehende Zeit eher für Beobachtungen, inhaltliche Aussagen und Kommentare verwandt werden, die anderer Stelle nicht wieder aufkommen werden.

Dabei ist das Ganze einem Zufall geschuldet – auch wenn es vielleicht übertrieben wäre, hier (einmal mehr) von Serendipity zu reden.
Als kleines Intervall zwischen der Pay-TV und dem sogenannten „Content-Gipfel“ kam es zu einem kurzen Auftritt – oder besser „Aufsitz“ – des Tele 5 Geschäftsführers Kai Blasberg: ein echter Hammer, was da in gerade Mal 13 Minuten zwischen einem Prominenten und zwei, die dafür gehalten werden möchten, abgegangen ist.

Es war, als wenn irgendwo in diesem ganzen verkrusteten Laden es jemand zugelassen hat, dass irgendwo und irgendwie mal Dampf abgelassen werden kann – und darf. Genutzt wurde diese Gelegenheit denn auch. Und dass in einer Art und Weise, die zeigt, wie viel Druck da schon im Kessel sein muss. Das spricht für dieses Format, wenn gleich sich auch die beiden Moderatoren an ihrer eigenen Aufgabe so sehr erfreut haben, dass es kaum vermochten, das Gesagte und darüber hinaus Erlebbare in einen funktionalen Zusammenhang zu bringen.
Es ist wahrlich bedauerlich, dass diese kurze Episode im Vergleich zu vielen anderen öffentlichen Auftritten nicht aufgezeichnet wurde, so dass den LeserInnen hier konkret kaum vermittelt werden kann, was da so abging [1].

Aber da gehört schon einiges dazu, sich zunächst und sogleich über das mangelnde Interesse an dem eigenen Erscheinen zu beschweren, bei den Moderatoren ebenso wie auch lauthals gegenüber dem erschienenen Publikum, einen später noch eintretenden Konferenzteilnehmer von der Couch aus mit lautem Beifallsklatschen ob seiner Entscheidung zu kommen zu begrüssen - um sich dann in einer Mischung von Krömer und blauem Sofa in den Mangel nehmen zu lassen.

Viel Aufwand war dazu allerdings nicht notwendig, um dieses ebenso eitle wie wahrlich gescheite EnfentTerrible der Szene zum Sprechen zu bringen. Und das mit Sätzen, die gleich zu Anfang wahrlich aufhören liessen: Nein, dieses sei der allerletzte Besuch auf den Medientagen, das sei hiermit geschworen. Nein, man wolle nicht länger seine Zeit an einem Ort vertrödeln, der nur noch von all den Krawattenträgern in Beschlag genommen werden würde, die sich mit ihrem Geld zwar keine Sendezeit, wohl aber die Hoheit auf den Podien einkaufen würden. Nein, eine Veranstaltung wie diese würde für einen Medienmacher wie ihn keinen Sinn mehr machen, da er dort kaum noch Kollegen und Kolleginnen („Frauen sind meine Schwäche“) treffen könne um sich mit ihnen auszutauschen.

Und als wenn all das noch nicht reichen würde, kommt es danach zur Ankündigung, am liebsten mit seiner Zentrale die münchner Vorstadt verlassen und nach Berlin ziehen zu wollen - sobald der berliner Bürgermeister Wowereit sich seiner Firma gegenüber noch etwas spendabler zeigen würde. Der Einwand der Moderatoren, dass dieser doch gerade dabei sei, sich mit „seinem Flughafen“ total zu verausgaben, führt zu einer ausführlichen Beschreibung des Anfahrts- und Abfahrtsweges in der münchner Vorstadt, die nicht gerade schmeichelhaft klingt – und von daher hier auch als Lappalie abgetan werden mag…

… wenn es denn nicht so wären, wie es in der Öffentlichkeit vielleicht so auch noch nicht gesehen wird: Auch die Medientage haben ihren Zenit längst überschritten. Entstanden in jenen Jahren, in denen die neuen „Privatfunker“ nach einer Plattform gesucht haben, sind sich diese heute mit den Öffentlich-Rechtlichen weitgehend darüber einig, dass es nicht mehr so sehr zwischen ihnen knirsche, sondern es vielmehr um die Einflussmöglichkeiten der neuen „Player“ in diesem Markt gehe: der Online-Programm-Anbieter und Plattformbetreibern.

Gewiss, es ist gelungen, die sogenannte „Elefantenrunde“ endlich zu verkleinern und auch thematisch zu verschlanken. Und es ist inzwischen auch gelungen, in einem vergleichbaren Format, bis hin zum „Contentgipfel“ am Schluss dieses letzten Tages, eine Reihe von weiteren „Gipfel-" Veranstaltungen an die Seite zu stellen: einen Infrastruktur-, einen "Online"- und einen "Publishing"-Gipfel. Aber ihnen allen gemeinsam ist nach wie vor die durchgängige Besetzung aus den Reihen der alten Garde – und dazu noch nach wie vor zumeist nur mit Männern – um ihnen dann jeweils einen oder maximal zweien von jenen advocatus diaboli hinzuzugesellen.

Was die Veranstalter offensichtlich immer noch nicht begriffen haben ist, dass diesen Kräften allein längst ein eigener „Gipfel“ zuzuschreiben wäre, auch wenn sich die meisten von ihnen nicht mehr aus dem Umfeld der Bundesrepublik Deutschland generieren und in vielen Fällen auch nicht den hier herrschenden rechtlichen Regelungen unterworfen sind.
Wenn überhaupt etwa im nächsten Jahr Sinn machen würde, dann ein internationaler Showcase mit den Apples und Samsungs, mit den Googles und Microsofts dieser Welt. Und zwar ohne sie mit Geld zu locken, sondern einzig und allein das offen umzusetzen, was sie eh – jeder auf seine Weise – seit langem Tun: „die Besetzung Deutschlands in grossem Stil“. Mit dem Auftakt der Medientage 2013 haben sowohl im Land Bayern als auch in der BRD Wahlen stattgefunden: es gäbe keinen besseren Moment eines qualifizierten Dialoges zwischen der Politik und jenen Kräften, die sich ausschliesslich der Aus-Wahl durch den Konsumenten zu stellen haben. [2]

Anmerkungen

[1Und die eigene Aufzeichnung einiger Passagen wird ausschliesslich als Mittel der „Beweissicherung“ als Nachweis der journalistischen Sorgfaltspflicht in den Giftschrank eingeschlossen werden.

[2Das Motte – in Abwandlung des in letzter Minute noch geänderten Slogans der Veranstaltung „Weichen stellen. Die neuen Gesetze der Medienwelt“:
„Die Weichen sind gestellt:
Von welchem Gleis fährt der Zug nach Hogwarts?“


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