CampusParty (Day Four)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 19. Januar 2015 um 17 Uhr 29 Minuten

 

0.

Beginnen wir auch diesen letzten Bericht mit dem Link auf jene Online-Publikation, mit der wir auch gestartet sind: SPIEGEL ONLINE.
Dort findet sich am 26. August 2012 ein Kommentar von Judith Horchert der alles andere als freundlich mit der ganzen Chose umgeht. Ihre Forderung ist zugleich auch der Titel ihres Beitrages:

Ein freies Netz braucht freie Partys [1]

Und wenn schon, soll dann schon auch auf den Artikel von Hakan Tanriverdi verwiesen werden, der sich den gleichen Titel ausgesucht hatte als der Autor, damit aber schneller war und dem daher dieser Link gebührt:

Freiheit statt Freibier [2] [3]

Der eigene Bericht ist von einer abschliessende Bewertung noch weit entfernt, wird sich auch diesem Vortrag "nur" mit einigen ausgesuchten eigenen Fotos und einem Link begleiten und danach einer anderen ganz und gar unvorhergesehenen Begebenheit zuwenden.

Doch: lesen Sie selber.

1.

Kein Tag dieses mentalen Marathons gleicht dem vorangegangenen.

Jetzt, wo sich die Veranstaltung dem Ende zuneigt, haben auch die traditionellen "grossen" etablierten Medienadressen begriffen, dass man über Ereignisse wie diese nicht länger hinwegsehen kann.

Insofern war es letzendlich "egal", dass im Vorfeld dieser Veranstaltung nur wenige in der hiesigen "Szene" gewusst haben, was hier in dieser Woche abgehen würde. [4]

Schon gestern, in dem auch hier eingestellten Interview mit Don Tapscott, ging es um das Thema der "Post-Industrial-Age-Democracy".

Und eigentlich hätten diese vier Tage intensiv dazu genutzt werden müssen, um auch das eigene Leitmotiv nochmals stärker in die Debatte einzubringen:
Die Frage nach dem, was nach der Digitalisierung kommen wird [5]

Dann aber kommt auch dies ganz anders als geplant.

2.

Zunächst geht einem durch den Kopf, dass mehrere Redner auf der Bühne immer wieder davon sprechen, dass und wie sie es geschafft hätten, trotz der begegneten Herausforderungen diese zu überstehen - und zu überleben [6]

Daraus leitet sich die positive Erfahrung ab, dass hier nicht nur zum Widerstand gegen alte und zum Schaffen neuer Modelle der Kooperation und Mehrwertleistung aufgerufen wird, sondern dass mehr und mehr Menschen auf der Bühne stehen und davon berichten (können), wie es ihnen / in ihren Communities gelungen ist, diese Herausforderungen anzunehmen.

Dann kommt es zu dem wirklich bewegten und bewegenden Vortrag von TBL.

Und dann kommt es zu einem ganz und gar unerwarteten Höhepunkt am Ende dieses Tages.

3.

Beim Auschecken am Sicherheitsschalter ist es in den letzten Tagen usus geworden zu lernen, dass die an dem Identifikationsbändchen eingetragene Ident-Nummer (die Journalisten bekommen, wie schon berichtet, keine Badges sondern Bändchen) mit jener identischen Nummer vergleichen werden muss, die als Sticker auf dem Laptop beim Registrieren angebracht wurde.

Nun steht während dieses Verfahrens auf der gegenüberliegenden Seite ein bärtiger Mann mit kurzen Hosen und bunten Socken, in dessen Koffer ein Rechner entdeckt wird, der keine solche Nummer trägt - und der daraufhin von den Sicherheitskräften festgesetzt und um eine Erklärung gebeten wird.

Und es kommt zu dem, was im Französischen so schön "dialogue de sourds" - oder auf Englisch "dialogue of the deaf" genannt wird. Aber obwohl sich beide Seiten in ihrem jeweils eingeübten Englisch um eine Verständigung bemühen, kommen sie in der Sache nicht weiter.

Schliesslich versucht der so Festgesetzte mit seinem Smartphone jemanden von den Organisatoren anzurufen, schliesslich sei er von diesen eingeladen worden, er sei für diese Regeln nicht verantwortlich, würde sie nicht kennen, und haben derzeit nur ein Ziel, sein Flugzeug nach Stockholm nicht zu versäumen.

Aber dieses Wunderteil, das ja manchmal auch noch als Telefon da sein sollte, stellt keine Verbindung her. Also wird von Dritter Seite angeboten, diese Nummer über eine deutsches Mobilnetz ohne Roaming direkt anzuwählen, was dann auch funktioniert.

Dann bricht aber auch auf diesem Gerät die Verbindung zusammen, weil - wie sich später herausstellt - sich die so um Hilfe gerufene Person schon auf den Weg gemacht hat, um das Problem vor Ort lösen zu helfen. Im Telefon hört man nur noch die eilenden Schritte, weiss aber zu diesem Zeitpunnkt noch nicht, wohin diese Person eilt...

... um diese noch lange Geschichte - die bis zur Androhung eines Polizeieinsatzes geht - auf den Punkt zu bringen: Die Lösung des sich auch nach dem Eintreffen der Konferenzverantwortlichen fortsetztenden Konfliktes konnte schliesslich dadurch hergestellt werden, das dem in Flagranti erwischten ungelabelten Computer von der Verantwortlichen ein solcher Badge aufgeklebt und dieser damit zur Ausfuhr aus dem Gelände autorisiert wurde.

4.

Das Ganze ist natürlich, wie die Berliner sagen würden "Quatsch mit Sosse". Will sagen: Der Computer hätte damit genau so gut gestohlen sein können wie ohne dieses nun angeklebte Stickerchen - allein, die Sicherheitskräfte konnten nun von sich behaupten, ihren Job gemacht zu haben. Genau: Ihren Job. Dass sie damit letztendlich Ihrer Aufgabe dennoch nicht entsprochen, sondern sich lediglich gegenüber ihren Vorgesetzten abgesichert haben, scheint letztendlich keinen wirklich gestört zu haben.

Die Kuh war vom Eis, der Mann konnte mit seinem Gepäck zum Ausgang eilen, das Aufsichtspersonal hat seinen Alibi-Sticker bekommen... und doch ist in dieser kleinen Geschichte das nicht bewältigte GROSSE GANZE exemplarisch zum Vorschein gekommen, das aber - wieder einmal - niemanden wirklich zu interessieren vermocht hat.

Und so stehen wir dann, der Rückreisewillige und der Autor, gemeinsam vor der Eingang des ehemligen ZENTRALFLUGHAFEN, warten auf seinen Fahrer und reflektieren nochmals die Situation.

"Die Menschen denken genauso hier wie dieser Flughafen gebaut ist", sagt er "gradlinig und genaus rechteckig wie die Muster, die hier das ganze Gebäude ausmachen". Und nachdem er in seiner Anlayse diesen Zustand nochmals ausführlicher beschrieben - und auch beklagt - hat, ergänzt er plötzlich: "Und doch hat all dieses auch eine sehr eigentümliche Form von Schöheit...".

5.

Bis der Fahrer kommt haben wir Gedanken und unsere Namen ausgetauscht. Und während der Verfasser mit ihm noch über die Konzeption seines als Triptychon angelegten schriftlichen Werkes spricht, holt sein Gegenüber seine mit einem Koautor bereits fertiggestellte Arbeit aus eben jenem Koffer, der noch kurz zuvor Gegenstand der Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften war.

THE FUTURICA TRILOGY heisst das Buch in dem die Arbeiten "The Netoctats" | "The Global Empire" | "The Body Machines" 2012 zusammengefasst worden sind. [7]

Und, wie es der Zufall so will, auch sein Gegenüber hat ein für dieses Jahr publiziertes Buch zur Hand, das er ihm als Gegengabe offeriert.

Und wir sind uns einig: dieses ist keine Zufall, dieses ist ein typischer Fall von Serendipity.

Anmerkungen

[1Die auf dem Link noch als Referenz verwertete Überschrift lautetete:
" campus-party-europe-warum-der-technik-treff-in-berlin-zu-brav-ist"

[2Das ist es dann aber auch schon: Die ersten Leser-Reaktionen legen auch gleich den Finger in die Wunde:
Dort wurde zunächst in der Bildunterschrift Tim Berner-Lee als Erfinder des Internets tituliert - was dann auch nach diesem Kommenar alsbald korrigiert wurde.
Und im vierten Beitrag ist davon die Rede, dass ein "weniger dünner Beitrag auf dem Heise Newsticker zu finden sei.
Kein Wunder, wenn sich an dieser Stelle der geschätzte Kollege Dr. Stefan Krempl mit ins Zeug gelegt hat.

[3Im Nachgang zu dieser Publikation noch der Hinweis auf den Artikel von Michael Moorstedt in der Süddeutschen Zeitung vom 27. August 2012, 14:46:
Start-up-Szene sucht das nächste große Ding
Programmieren, kampieren und derweil stagnieren
.

[4Und so ganz nebenbei wurde dabei offensichtlich, dass so manche der Lokalmatatore nicht unbedingt gebraucht wurden, um die vielfältigen und vielfarbigen und vielgestaltigen Diskussionen weiter am Laufen zu halten...]
Und irgendwann wird sich das gleiche Phänomen auf dem wirklich internationalen Feld nochmals wiederholen und die Europäer werden erfahren können - und müssen -, dass an vielen Stellen der Erde die Frage nach der Zukunft von Netzen und ihren Nutzwerten auch ohne sie weitergehen wird.

[5Nachdem die Telefonica ja "ThinkingBig" als Motto herausgestellt hatte, hätte die Frage dann in etwa lauten müssen "What will be the next big thing after digitasation?"]
und die Antwort, die in den Büchern "Das digitale Manifest" | "Die postglobale Gesellschaft" | "Beyond Vision" zur Darstellung gebracht werden wird.

[6Don Tapscott spricht von seinem Vortrag in Wall-Street, den er gerade - "wie Ihr hier sehen könnt" noch lebend verlassen habe und Julien Fourgeaud zeigt sogar Bilder aus dem Krankenhaus als Ergebnis eines Skiunfalls...

[7Vielleicht sollte also auch der eigenen Sammlung der drei verfertigten Titel noch ein Oberbegriff zugeeignet werden, etwa der eines TRANSMEDIALEN TRIPTYCHON’s ?


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