NEITHER

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 19. Januar 2015 um 17 Uhr 04 Minuten

 

Dass Samuel Beckett mit seinen Arbeiten Platz bietet, sich auch auf dem Hintergrund aktueller Erfahrungen mit seinem Werk neu zu beschäftigen, ist schon mehrfach überzeugend unter Beweis gestellt worden.

Und sie werden nach wie vor Anlass sein, neue Fragestellungen zu entwickeln: etwa zu dem Problem, wie sein Einakter Krapp’s Last Tape, auf deutsch: "Das letzte Band", angesichts der neuen datenträgerlosen Welt neu interpretiert werden könne...

Heute nun ist der zweite Tag der Aufführung des Beckett Librettos NEITHER in der 1977 von Martin Feldman musikalisch umgesetzten Interpretation.

Auf der Webseite von IOSONO 3D heisst es dazu:

„Neither“, the world’s first 3D audio opera, is heading to Germany’s capital. After the successful and highly acclaimed premiere in Dresden this March, the production staged by German artist group phase7 is now playing in Berlin’s Radialsystem for three dates in July.

Neither, written by Morton Feldman and Samuel Beckett, offers a one-of-its kind sound and visual experience. Phase7 uses state-of-the-art technology to translate the piece into the digital now of 2012. Artistic director Sven Soeren Beyer says: “We create cross-media-productions that open up classical theatre to the complexity of modern life. With IOSONO we get the chance to use a new language and really grab the audience. I am pretty sure Feldman and Beckett would have used IOSONO if they would have had that chance.” Norwegian soprano Eir Inderhaug, placed inside a light sculpture, is the only person on stage. She is singing to a physically absent orchestra, whose instruments and sounds are travelling through the room, creating a fascinating play of perception.

With the positive audience feedback following the premiere, Berlin won’t be the last stop for “Neither”. In November, the opera will be part of the New Vision Arts Festival in Hong Kong. Olaf Stepputat, CEO of IOSONO, says: “We’re proud to be a part of this innovative production and see it going international. With our audio processor, we’re able to perfectly adapt the sound to each venue, so the audiences will always get the best listening experience.” For “Neither”, IOSONO’s audio processor and 72 Yamaha DSR 112 speakers placed in a circle around the audience, create a very precise sound reproduction across the whole listening area, letting the audience enjoy a special opera night from a new perspective.


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Was da auf der Bühne passiert ist von einer Qualität und einer Konzentration, die für die Beschäftigung mit so einem schwierigen Stück beispielhaft ist.

In der „Anmod“ zu diesem Text war von der Interpretation des Einakters „Krapp’s last Tape“ die Rede. Und um die Frage, wie diese angesichts der bahnbrechenden Veränderungen in neuer Gestalt zur Darstellung gebracht werden kann.

Bei diesem Werk geht es in gewissem Sinne noch radikaler zu: hier wird nicht nur der Tonträger ersetzt, sondern der gesamte Klangkörper. Hier spielt kein Orchester mehr, sondern ein vergleichbar grosses Ensemble an Lautsprechern. Und der Dirigent, er/sie wird durch ein Set von vier Monitoren ersetzt.

Die Musik wurde elektrifiziert und zu einer neuen Dynamik entfaltet nachdem sie offensichtlich bis in die kleinste Verästelung der Komposition hat auseinandergenommen werden müssen. Wurde sie auch nicht neu komponiert, so wurde sie doch neu gesetzt. Der Tonsetzer von heute ist Kopist und Kollaborateur des Komponisten: Indem er sich seiner völlig zuwendet, ihn in die digitale Welt transkribierend Schritt um Schritt erobert, und ihm letztendlich am Ende dieses Prozesses eine neue musikalische Gestalt verleiht.

Dieses Ensemble von musikalisch wie verbal meandernden Tonkaskaden und Bedeutungskonnotationen wird dadurch in einer neuen Form – und in diesem Fall auch Qualität – zur Geltung gebracht, in dem in einem offensichtlich langwährenden und wohl auch langjährigen Prozess das Werk bis in seine letzten Moleküle seziert und dann wieder neu zusammengesetzt worden war.

Und uns heute dem Publikum in einer ebenso konzentrierten wie dynamischen Form zur Teilnahme und Teilhabe angeboten wird. Und dieses geschieht in einer Art und Weise, die uns im Verlauf der gesamten Präsentation nicht mehr loslässt, trotz aller Pausen und all den ruhenden Momenten, die zur Dynamik eher beitragen als dass sie sich ihrer widersetzen würden.


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Die singende Protagonistin steht inmitten des Publikums, erhöht auf einem bühnengleichen Kubus, in der Luft umgrenzt von einem ebenfalls quadratisch gehängten Kubus von Lichtpanelen, auf denen – zusammen mit einer Reihe von Lichtprojektoren – das „Bühnenbild“ mit eingespielt wird.

Aber weder diese Panels noch die Lichtstrahler werden als dominant empfunden, sondern immer in einem der Interpretation dienenden, wenngleich auch eigenständigem, der Musik ebenbürtigen Modus.
Im Mittelpunkt steht eine Frau, eine Sängerin, eine den Text vortragende Protagonistin eines Kampfes, mit den Worten, ihrem Kontext, mit sich selbst, ihrer Stimme, mit dem Raum voller Musik und Licht, und auch mit der Technik selbst.

Aber selbst wenn sie mehrmals an ihrem Ohr herumnestelt um den dort angebrachten Monitorlautsprecher wieder zu richten, so wirkt das nicht wirklich als störend. Denn ihr gesamter Auftritt ist Aussage bis zum Äussersten und Kampf bis zum Letzten, von grenzgängerischem Wagemut und wohlkalkulierter Haltung.

Wir erleben also nichts anderes als eine im Mittelpunkt der Gruppe stehende Sängerin. Wir beobachten sie und hören ihr zu, wohlwissend, dass sie mit uns in einem solchen Setup nicht direkt kommunizieren kann. Sie steht nahe bei uns und ist in diesem Setting doch weit von uns abgerückt. Sie steht über uns und ist doch mit ihrer Stimme tief in unserer Seele eingedrungen. Sie ist im ständigen Dialog mit der Musik – und sich selbst – und lässt uns daran in einer Art und Weise teilhaben, die fasziniert. Und das jenseits von jeglicher vordergründigen Attraktionshascherei.

Diese Aufführung wird gefallen – gerade wegen ihres entschiedenen und konsequenten Bemühens nicht uns gefällig zu sein, sondern allenfalls jenen die sie einst erschaffen haben.

Diese Aufführung nimmt uns mit, ohne uns zu verführen, führt uns vor, ohne ein Exempel zu statuieren, weist auf uns zurück, ohne von der Kraft des Erlebten verführt zu werden.


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PS.

Dieses ist lediglich die Kurzform einer sehr viel ausführlicheren Beobachtung, die im Nachgang zu dieser Aufführung dem Ingenieur, dem Tonsetzer, dem Lichtdesigner, dem Regisseur und später auch mit dem IOSONO-GF auch im persönlichen Gespräch hat mitgeteilt werden können. Dennoch wird an dieser Stelle nicht dieses Gespräch wiedergegeben, sondern jener Eindruck der sich schon zuvor im Verlauf des Erlebens dieser Aufführung festgesetzt hatte.
Dass sich dabei im Nachherein so manche Kongruenz hat feststellen können, war sicherlich für alle Beteiligten aufschlussreich und erhellend, zumal es mit allen der anwesenden Kunstschaffenden zuvor noch keinerlei persönlichen Kontakt gegeben hatte: Im Gegensatz zu den oft eher all(ge)fälligen Abendmahlen, in denen viel gespachtelt und getrunken, aber letztendlich doch nur wenig gesagt wird, war hier die Beschränkung auf einen verglasten Betonraum, eine Bar mit der grossen Kühlung und netter Bedienung im Hintergrund, auf wenige Stehtische und eine eher spärlichen Beleuchtung ein ganz anderes Design, das letztendlich zu einer sehr viel offeneren und im gewissen Sinne sogar herzlicheren Begegnung geführt hat.

Nein, gemütlich war es dort nicht, weder in der Aufführung noch danach. Aber das Gemüt ist dabei dennoch sicherlich nicht zu kurz gekommen.


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