Wozu das Ganze?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 19. Januar 2015 um 15 Uhr 50 Minuten

 

Hier wird der sonntägliche Beitrag von Michael Gessat aus der Reihe "Wissenschaft im Brennpunkt" vom 29.04.2012, der in der Zeit ab 16:30 Uhr gesendet wurde, nochmals aufgegriffen:

Die Sendung war angekündigt unter dem Titel:

’’Was du ererbt von deinen Vätern’’
Deutschlands kulturelles Gedächtnis auf dem Weg ins digitale Zeitalter

und bezieht sich u.a. auf die folgenden aktuellen Projekte [1]
- die vom Bundestag beschlossene Digitalisierungsoffensive [2]
- die Digitalisierung der Bundestagsprotokolle [3]
- die "Deutsche Digitale Bibliothek" [4]
- das "Theseus"-Projekt [5]
- das "nestor"-Projekt zur Langzeiterhaltung digitaler Publikationen [6]

Allein, die in diesem Zitat aufgeworfene Frage, ja Forderung nach einer nutzenstiftenden Verwendung des Archivmaterials wird in diesem Beitrag nicht wirklich beantwortet.

Dargestellt werden aus unterschiedlichen Facetten Sichtweisen und Verfahren der Öffnung der Archive durch die Digitalisierung ihrer Inhalte.

Dabei wurde deutlich, dass wir noch ganz am Anfang dieser Entwicklung stehen, dass ein weiteres Abwarten nicht länger toleriert werden kann, dass aber der Verzicht auf ein weiteres Zuwarten auch bedeuten könne, dennoch zu früh begonnen zu haben und damit mit den zukünftigen Standards - und Anforderungen - nicht / oder nicht mehr kompatibel zu sein.

Geht es doch nicht nur darum, ein reales Gut aus der "alten Zeit" in sein digitales Abbild zu verwandeln. Es geht darum, wie und inwieweit dieses als "Original" anerkannt und von Dauer sein kann. Und worin es sich dennoch - und nach wie vor - von jenem Material unterschiedet, das von vornherein nur noch in einem digitalen Format hergestellt und zur Auslieferung gebracht worden ist.

In der Ankündigung dieses Programms war zu lesen:

Mit der Digitalisierung sollen die Bibliotheksschätze nicht nur transportabel werden und damit weithin verfügbar. Sie werden nicht nur lexikalisch verschlagwortet, sondern mit neuen, automatischen Computerverfahren semantisch aufbereitet; erschlossen und bewahrt für die heutigen wie für die kommenden Generationen.

Also nicht nur die Überführung von einem alten in einen neuen Aggregatzustand, sondern auch die Nutzung neuer Potenziale, die sich dadurch ergeben könnten.

Als eine der Referenzen wird im Verlauf dieser Sendung auf die Wikipedia verwiesen - und eben damit auch aufgehört darüber nachzudenken, was dieser Verweis wirklich bedeutet.

Dass sich aus einer solchen Erfolgsgeschichte auch methodologisch eine Menge für die eigene Arbeit als Archivar und Dokumentalist ableiten lässt. Sicher. Um nicht zu sagen "geschenkt".

Dass aber nicht begriffen wird, welche Folgen sich aus einer solchen Setzung ableiten lassen, das ist das nach wie vor offenes Feld.

Geht es doch nicht nur darum, dass die klassische Branche daran gescheitert ist, ein solches Werk wie den Brockhaus online anzubieten [7], sondern darum, dass eine solches Werk nicht nur in seiner jeweils aktuellen Form in dieser digitalen Welt repräsentiert sein sollte, sondern auch mit einer ausgewählten Anzahl der vorausgegangenen Auflagen.

Nur dann nämlich wäre es erst möglich herauszufinden, wie ein bestimmter Begriff nach und nach einem Bedeutungswandel unterzogen war, ganz verschwunden ist oder auch von neuen Begriffen abgelöst wurde. Mehr noch: Begriffe könnten dann auch in dem Duktus ihrer Zeit erklärt und wieder zum Leben erweckt werden und nicht mehr nur in der historisierenden Verfremdung des Blicks von heute dargestellt.

Was in der Darstellung des Bemühens um die aktuelle Zugänglichkeit von Archivbeständen "vergessen" wird, ist die Frage, wie und zu was der Zugang zu diesen neu erschlossenen alten Quellen wirklich nutzbar gemacht werden kann und soll.

Jetzt klingt Vieles von dem Gehörten so, also ob sich der öffentliche Dienst darum bemühen würde, dem latenten Vorwurf zuvorzukommen, nicht auf der "Höhe der Zeit" zu sein.

Damit ist aber das eigentlich Unerhörte dieses Problems noch nicht wirklich in den Fokus der Darstellung gerückt worden. Denn die Zukunft ist nicht dadurch definiert, dass digitalisiert wird. Die Zukunft beginnt erst mit den neuen Nutzungsmöglichkeiten dieser digitalen Desiderate.

Als Nutzer der Zukunft sollen aber nicht länger nur Jene angesprochen werden, die in den Bereichen von Wissenschaft und Forschung tätig sind. Sondern all jene, die Interesse haben, über den Tellerrand ihres Alltags in der Jetzt-Zeit hinaus zu schauen.

Gerade mit der Digitalisierung wird ja die klassischen Wahrnehmung von Linearität und Kontinuität in Zeit und Raum aufgebrochen und schliesslich aufgehoben.

Das erlaubt, viele neue interdisziplinäre Zusammenhänge aufzudecken. Und zu diesen muss auch die Wiederentdeckung des Historischen und des Gesamtheitlichen erfolgen.

In dem als Faust-Zitat vorangestellten Titel-Text wird auf die Notwendigkeit der Vernutzung des Bereitgestellten verwiesen. Aber zugleich vergessen, dass die strebende Suche nach dem, "was die Welt zusammenhält" als mentales Movens und Motivation heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt.

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Oder doch?

Die Könige mit der vergoldeten Welt-Kugel in der Hand, als Zeichen ihrer Macht: sind das heute wirklich WIR?


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