Hochkaräter im Nirwana

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 19. Januar 2015 um 15 Uhr 45 Minuten

 

Die Ankündigung

Die Bayerische Wirtschaft – in Gestalt des vbw, vertreten durch seinen Chef Bertram Bossardt und seinen „Leiter Strategie und Politischer Dialog“ Dr. Peter J. Thelen – hatte eingeladen und alle waren gekommen, die in diesem Bundesland Rang und Namen haben, wenn es um „irgendwas mit Medien“ geht.

Das Ziel: gemeinsam nicht nur darüber zu diskutieren, was ist, sondern auch darüber „welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und die künftigen Herausforderungen zu bestehen“ - so nachzulesen in der Einladung.

Closed shop?

Allerdings nur auf dem Papier. Wer versucht war, sich vorab die Namen und Themen aus dem Internet abzurufen, wurde enttäuscht. Nein, ein Zugang zu diesen Informationen sei nur möglich, wenn man sich auf der Website dieser Vereinigung mit Namen und Mailadresse angemeldet habe. [1]

Dennoch, diese Hürde waren nicht hoch genug, um nicht doch nach München zu reisen [2]. Denn wo sonst – jenseits der Medientage München – wäre es möglich, an einem Tag in einem so komplexen wie themenübergreifenden Zusammenhang fast alle Entscheidungsträger aus der Film- und Medienbranche zur Sache reden zu hören?

The Who is Who

Vom Bayerischen Staatsminister, dem Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien, dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks und dem Präsidenten des Verbandes Privater Rundfunk- und Telemedien bis hin zu den Vorständen und Geschäftsführern von ARRI, ASTRA, BAVARIA, Kabel Deutschland, KATHREIN, LOEWE, der Produzenten Allianz und einer Reihe von weiteren hochkarätigen Vertretern aus Politik Wirtschaft und Wissenschaft – und wieder einmal nur einer einzigen Frau, der neuen Produktions- und Technikdirektorin des BR, Brigit Spanner-Ulmer… allein die Liste der Namen war Anreiz genug, sich auf einen wirklich spannenden und ergiebigen Tag des Dialoges zu freuen.

Die Themen reichten vom dualen Rundfunksystem über Highspeed-Netze und Hybrid-TV bis zur digitalen Filmproduktion und den Veränderungen in der digitalen Gesellschaft – mehr als genug Stoff um die Stärken heraus- aber auch zur Diskussion zu stellen.

Verblüffend gleich zu Beginn: Die geringe Zahl der Teilnehmer. Die Voranmeldung hatte ebenso wenig funktioniert wie der vor Ort vermisste W-LAN-Anschluss, und auch zu den meisten FachkollegInnen [3] hatte sich die Veranstaltung, trotz der hochkarätigen Besetzung, offensichtlich nicht herumgesprochen.

Die Chance…

Wenn es – wie schon zu Beginn der Veranstaltung offensichtlich wurde – nicht darum ging, die Medientag München im Kleinen zu wiederholen, was war dann der rote Faden, das innere Konzept der Veranstaltung?

Wäre es darum gegangen, sich in einer kleinen Runde von hochvermögenden Referenten wirklich mit der Frage nach dem „Quo vadis“ des Medienstandortes zu beschäftigen, dann hätte dies eine Veranstaltung von ausserordentlicher Qualität und Performanz werden können: ein vermittlungsstarkes Symbol für die Bereitschaft, es mit einer mehr als ungewissen Zukunft aufnehmen zu wollen.

… vertan

Diese Chance, ganz bewusst nicht nach dem Publikumserfolg zu schielen, sondern sich der Tatsache zu stellen, dass die Kapitäne der Branche derzeit nur „auf Sicht“ fahren, dass ihnen der Blick auf die Zukunft noch voll und ganz verstellt sei - wie zur Eröffnung der Veranstaltung mehrfach fast wie ein Leitmotiv verkündet - diese Chance wurde vertan.

Die Wirkung…

Und zwar mit solch bitterem Nachgeschmack, dass der mehr als lobenswerte, weil notwendige Versuch, hier vor allem aus den Kreisen der Wirtschaft zum Thema Medien und Medienstandort der Zukunft Stellung zu nehmen, dass dieser Versuch gleich mit diesem ersten so gut gemeinten Aufschlag wohl nachhaltig Schaden genommen hat: Noch einmal werden sich die „Hochkaräter“ jedenfalls ohne eine innere Agenda, eine stringente Leitung des Ablaufs und eine nachhaltige Ergebnisorientierung nicht die Zeit nehmen bzw. stehlen lassen.

… und die Folgen:

Von daher wird auf eine detaillierte Darstellung des an diesem Tag Gesagten verzichtet. Dieses soll dem Veranstalter selbst auf seiner eigens dafür eingerichteten Internet-Seite vorbehalten bleiben.

Dort wird - aller Voraussicht nach - kaum etwas zu finden sein, was nicht schon zu anderen Gelegenheit und/oder an anderen Orten öffentlich zu diesem Thema gesagt wurde. Man mag es dem Gastgeber zu Gute halten, dass es ihm mit dieser Veranstaltung gelungen ist, dass all diese - sorry - Binsenwahrheiten nochmals an einem Ort und an einem Tag so kompetent und eloquent vorgetragen werden konnten.

Gewiss: Für Nordlichter, die sich nicht so gut mit den Verhältnissen vor Ort auskennen und die Gelegenheit gesucht hätten, sich endlich mal mit DEN VIPs der bayerischen Medienszene auf kurzem Wege verständigen zu können, für die wäre dieser Tag ein voller Erfolg gewesen – wenn sie denn gekommen wären.

Was wäre gewesen, wenn...

So aber blieb das Ganze ein Panoptikum der grossen Namen und kleinen Attitüden, mit denen oft nur mühsam die mangelnde Bereitschaft verschleiert wurde, was so ungeheuer wichtig gewesen wäre an diesem Tag: Tacheles zu reden und endlich die Herausforderung einer zunehmenden Orientierungslosigkeit einer ganzen Branche zum Thema zu machen.

Es wäre besser gewesen, man hätte uns im Publikum in den Dialog einbezogen, dafür zuvor noch mehr "gesiebt" und hätte die dann noch Verbliebenen ein NDA, ein nondisclosure agreement unterschreiben lassen, um so off-the-record reden zu können.

Dann wäre auch dieser Text zu dieser Tagung heute nicht erschienen, aber die Hochkaräter hätten nicht einen ganzen Tag lang pfeifend in einem "Wald" herumlaufen müssen, in dem sie sich vor so vielen nachwachsenden Bäumen schon gar nicht mehr zu verorten in der Lage sahen.

Anmerkungen

[1Gelesen - getan: Zumindest in diesem Falle ist die notwendige Freigabe nicht zur Verfügung gestellt worden. Ob das in anderen Fällen anders war, kann an dieser Stelle weder bestätigt noch verneint werden.

[2... zumal der Berichterstatter bei der telefonischen Anmeldung auch als "Nordlicht" freundlich begrüsst und aufgenommen wurde.

[3... mit Ausnehme der BR-Redaktion des Medienmagazins, das in seinem abschliessenden Beitrag über diese Veranstaltung am Sonntag, den 22. April 2012 berichten wird.


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