Der schüchterne Schnapp-Schiesser: 100

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 19. Januar 2015 um 15 Uhr 44 Minuten

 

0.

Nein, es geht heute nicht um die Fotos von Wim Wenders, die nunmehr erstmals in Hamburg ausgestellt werden [1] sondern um das Lebenswerk des heute vor einhundert Jahren geborenen Robert DOISNEAU.

Und es geht auch nicht um die Diskussion, warum der Fotodienst Instagram für den Betrag einer schlappen Milliarde Dollar aufgekauft und dem facebook-pool eingemeindet wurde [2]

1.

In diesem Falle wird ausdrücklich die Kalenderblatt-Sendung von Björn Stüben im Deutschlandfunk empfohlen, da sie sich durch eine Reihe von Originalzitaten des Mannes auszeichnet, der vor allem durch jenes Foto aus dem Jahr 1950 bekannt wurde, auf dem sich eine junge Frau und ein junger Mann auf der Rue de Rivoli innig küssen.

Dabei sind vor allem die Zitate des Mannes interessant, der sich zunächst zum Graveur und Lithografen hatte ausbilden lassen, bevor er sich als Werksfotograf für 5 Jahre bei Renault Billancourt verdingte [3], um dann ab 1952 freischaffend zu arbeiten.

Er spricht nämlich in diesem Beitrag davon, dass er ein eher schüchterner Typ gewesen sei:

"Ich habe oft gedacht, dass mich meine Schüchternheit beim Fotografieren behindert hätte und dadurch weniger gute Fotos entstanden wären."

Aber dass eben diese Haltung für seine Arbeit auch von Vorteil gewesen sei:

"Aber im Rückblick stimmt das nicht. Dass ich mich aus Respekt nicht viel näher an die Personen heranwagte, führte dazu, dass ich heute die vielen kleinen Details der Umgebung, die ich durch meinen Abstand mit aufgenommen hatte, viel stärker hervortreten sehe. Sie erscheinen mir heute ebenso wichtig, wie das Hauptmotiv."

Aus dieser Haltung heraus kommt es dann auch, dass der Mann nicht sein Können, sondern den Zufall als einen wichtigsten Freund und Helfer bezeichnet:

"Warten und immer wieder warten. Dadurch entsteht bei mir das Gefühl, dass ich mich von der Masse der Menschen um mich herum abhebe. Wenn ich immer an derselben Stelle - manchmal bis zu zwei Stunden - fast starr ausharre, dann kommen die Leute auf mich zu und wollen wissen, auf was ich denn warte. ’Ich weiß es nicht’, ist dann meine Antwort. Ich glaube, die Qualität eines Fotografen besteht darin, auf ein Wunder zu hoffen, den Glauben zu haben, dass der Zufall einem irgendetwas auf dem silbernen Tablett serviert."

2.

Diese Aussage wiederum steht in einem deutlichen, ja krassen Widerspruch zu dem, was uns von der Entstehung des oben verbal skizzierten Bildes gesagt wird:

Für das amerikanische Magazin LIFE war er den Verliebten auf den Fersen gewesen. Ein Schnappschuss war der "Kuss" dennoch nicht. Doisneau hatte die beiden Schauspielschüler zufällig auf der Straße getroffen und mit ihnen spontan das Foto inszeniert

Hier bleibt der Beitrag stehen - und gerade hier wird die Geschichte erst spannend.

Fakt ist, dass die „Life“ einen Bildbeitrag bestellt hatte, der unter dem Titel „Verliebte in Paris“ publiziert werden sollte. Fakt ist auch, dass "Baiser de l’Hôtel de Ville" mit zwei Schauspielstudenten inszeniert worden war: Françoise Bornet und ihr Freund Jacques Carteaud. Und dass sie für dieses Foto ein Honorar erhalten hatten.

Das macht Sinn - und trifft sich mit einer Aussage aus einem Interview aus dem Jahr 1992, das auf der BBC-Seite: Classic Kiss shot sold at auction vom 25. April 2005 21:29 Uhr wie folgt zitiert wird:

"I would have never dared to photograph people like that. Lovers kissing in the street, those couples are rarely legitimate."

3.

Dessen ungeachtet bleibt die Frage spannend, wann und wie es gelingen kann, dass der Zufall als Freund und Helfer genutzt wird, um in einem zunächst unbestimmten Moment das Eigene mit in jenes Sujet integrieren, implementieren zu können, was sich sodann urplötzlich und an keine Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit ohne Vorwarnung dem Fotografen anbietet.

Eine Symbiose, die nur scheinbar jenseits des eigenen Willens ist: Sie ist vielmehr der gelungene Moment, in dem der Augen-Blick in die Welt und die Welt der Milliarden von Augenblicken jenseits des Zufalls eine Allianz eingehen; ein Moment, dem dem das Individuum mit seiner Welt in einer in einer Sekunde fixierbaren Identität mit der Realität befindet.

Ein "gutes Foto" verrät etwas von dieser einmaligen Projektion und ihrer Entsprechung und ist in der Lage, diesen "flow" in seiner Darstellung zu Reproduzieren und im Blick des Betrachters auf das Bild zu reanimieren.

Die Chance, dieses zu ahnen, zu spüren, und sodann auch aktiv zu befördern als Regisseur des Theaters der Realität, das ist das Zeichen des Vermögens des Fotografen, über den eigenen Schatten springen zu können. Und das, ohne von "der Welt" etwas abzufordern, was sie nicht wie von selbst vor-zu-zeigen bereit gewesen wäre.

Die Bilder von Robert DOISNEAU sind diesem Geheimnis auf der Spur.
Auch der Alltag wird zu einem Märchen, ohne dass seine Sujets dadurch verklärt werden würden. Er ersetzt Kitsch durch Können: Durch Warten-Können, durch Entscheiden-Können, durch das Auslösen - und damit Einfangen - können.
In der Gefangenschaft seiner Bilder gelingt es den Sujets, sich zu befreien. Und das ist es, was grosse Fotografie ausmacht.

4.

Fakt ist auch, dass das Foto aus dem Besitz von Françoise Bornet im Jahr 2005 mit einem Einstiegswert von heute umgerechnet ca. 10.000 Euro zur Versteigerung angeboten wurde - um dann zu einem Preis von über 150.000 Euro in die Schweiz verkauft zu werden.

5.

Robert DOISNEAU, am 14. April 1912 in der banlieue rouge in Gentilly geboren, verstarb am 1. April 1994 in Paris.

Anmerkungen

[1Siehe / Höre dazu den Beitrag von Anette Schneider über Vergängliche Spuren der Zivilisation aus der Sendung Fazit vom 13. April 2012 auf Deutschlandradio Kultur.

[2Markus Beckedahl hat dazu am Nachmittag dieses Tages in der Sendung Markt und Medien eine ganze Reihe von Gründen - insgesamt 4 - genannt.
Es gibt aber noch einen weiteren, der zuvor in der Sendung Breitband auf Deutschlandradio Kultur zu Sprache kam und in der Zusammenfassung nur kurz mit den Stichwort der "Retro-Optik" gestreift wurde.
Ein Thema, das sicherlich an anderer Stelle nochmals einer ausführlicheren Betrachtung Wert sein sollte. Nach einer Einführung in das Thema von Moritz Metz spricht Moderator Marcus mit dem Medienwissenschaftler Jens Schröter von der Uni Siegen:

... entgegen den Erwartungen, die man vielleicht mal hatte gibt es ein starkes Verlangen, sein eigenes Leben, oder Teile davon in idealisierter Form sichtbar zu machen für andere. Und auch den alltäglichen Vollzug den man hat sichtbar zu machen für andere.

[Frage:] "Ich fotografieren, also bin ich?"
Ja, das scheint eine Art von Selbstversicherung zu sein, von Aufbau einer Art visuellen Erinnerung an das eigene Leben, das ist eine Selbstpraxis.

[Frage:] "Und dass diese Bilder die eben auch eine Art Archiv des eigenen Daseins sein wollen gerade bei instagram durch diesen Retro-Effekt durch dieses künstliche Altern der Bilder, diese künstliche Simuation von einer vergilbenden Materialität ... dass dort ein Erinnerungseffekt, eine Erinnerungssimulation erzeugt wird?"
Ja, das könnte sein. Also dass genau dieser Look der Fotografie der siebziger und vielleicht sogar der sechziger Jahre, das quadratische Bildformat, diese Vergilbungsfilter - da gibt es sogar Filter die wirklich so eine Art der Bildlichkeit erzeugen wie wir sie von alten Analogkameras kennen, von Lomos und so - dass das natürlich auch so ein bisschen die Vergangenheit zitiert: nicht nur in der Weise, in dem, was das Bild darstellt sondern auch in der Form wie das Bild es darstellt - so sehe ich das als eine Art der Erinnerungsästhetik, der Vergangenheitsästhetik, der Nostalgie, der Techniknostalgie.

[3Hier nochmals zu sehen in einem Fernsehbericht von Antenne 2 bei einem Ausstellungsbesuch in La Villette, gemeinsam mit einem Facharbeiter aus seiner Generation, Philippe BOUYSSOU (links im Bild)
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