Ein Erpresser in der Presse

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 19. Januar 2015 um 12 Uhr 30 Minuten

 

Hier nachfolgend:
- einige Auszüge aus den Publikationen in den bundesdeutschen Presse"organen" vom Dienstag, den 3. Januar 2012, über das Verhalten des Bundespräsidenten anlässlich der bevorstehenden Publikation der Bedingungen, zu denen er sich seinen Hauskredit hat finanzieren lassen
- die Zusammenfassung des Gesprächs mit der Politikberaterin Gertrud Höhler im Ortszeit-Interview des Deutschlandradio Kultur ab 7:50 Uhr [1].
- einige Zeilen aus Sicht der Redaktion
- eine Stellungnahme von Ursula von der Leyen, einst für die Position der ersten Bundespräsidentin avisiert
- Leserpost


Die FREIE PRESSE aus Chemnitz:
"Vertrauenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit sind das wichtigste Kapital. Beides hat Wulff nach seinen vielen Unwahrheiten und taktischen Manövern verspielt - und damit auch das Recht, im Amt zu bleiben."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:
"Was über Wulffs Äußerungen in diesem Anruf kursiert, passt zu den öffentlichen Bekenntnissen freilich so wenig wie die Finanzierung eines Hauskaufs mittels eines rollierenden Geldmarktdarlehens zur schwäbischen Hausfrau. Es passte nur zu einem Staatsoberhaupt, das von allen guten Geistern verlassen worden ist. Wie sonst sollte man sich vorstellen, dass ein Bundespräsident über die Entscheidung, ’Krieg zu führen’, räsoniert und einen Strafantrag sowie den ’endgültigen Bruch mit dem Springer-Verlag’ androht, falls ein missliebiger Artikel über ihn, Wulff, erscheine? Um zwei Tage später wegen des Tons und des Inhalts seiner Äußerungen persönlich um Entschuldigung zu bitten? Warum das Blatt über diese wahrhaft exklusive Geschichte nicht sofort berichtete, gehört zu den Mysterien der Affäre"

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU:
"Der Bundespräsident hat im Bürger das Vertrauen in die Rechtlichkeit des Staates zu wecken und wachzuhalten. Es war dumm von Wulff, seine Drohungen, mit denen er im letzten Augenblick die Veröffentlichung über seine ominösen Darlehensverträge verhindern wollte, auf die Mail-Box des Bild-Chefredakteurs zu sprechen. Das wäre ihm zu verzeihen. Aber die Drohungen selbst, sein Versuch, die Arbeit einer Zeitung durch Druck auf die Führung des Hauses zu unterbinden, sind unentschuldbar"

Der GENERAL-ANZEIGER aus Bonn:
"Noch-Bundespräsident Christian Wulff wird wissen, was jetzt zu tun ist. Er mag noch zögern, er mag sich noch falschen familiären Ratschlägen beugen. Aber ein Staatsoberhaupt, das sagt, es gehe um ’Vertrauen in mich und meine Amtsführung’, muss erkennen, dass er dieses Vertrauen jetzt verspielt hat. Durch die Umgebung, in die er sich begeben hat, durch Bussi und Boni. Rien ne va plus."

Die KIELER NACHRICHTEN:
"Der Präsident soll Hüter der Verfassung sein, mithin auch für die Freiheit der Presse einstehen. Sollte der erste Mann im Staate tatsächlich auf dreiste Weise interveniert haben, wäre die Entgleisung unverzeihlich und ein Rücktritt unausweichlich."

Die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG:
"Es hat sich gezeigt, dass die Popularität des Amtes, der Glanz seiner Gattin, die Sehnsucht vieler Bundesbürger nach einem erklärenden ruhenden Pol, ein Präsidenten-Paar nicht immunisiert. Dabei kann es ganz einfach sein: Manches macht man nicht. Wir brauchen einen Bundespräsidenten, der weiß, was wichtig ist und der relativ instinktsicher agiert. So wie jetzt geht es nicht weiter."

Die NORDSEE-ZEITUNG aus Bremerhaven:
"Nun auch noch das! Ein ganz persönlicher präsidialer Wutanruf auf den Anrufbeantworter des Bild-Chefredakteurs, Drohungen mit dem Rechtsanwalt und mit dem medialen Bruch, falls die Kredit-Story veröffentlicht werde - das ist auf Niveau Berlusconi. Das ist unterste Schublade, jedenfalls in Deutschland und für dieses Amt."

Der MANNHEIMER MORGEN:
"Mit Lippenbekenntnissen lobt Wulff die Presse- und Informationsfreiheit als ’hohes Gut’. Es ist jedoch unerträglich zu wissen, dass er in eigener Sache versucht hat, Journalisten daran zu hindern, mögliche Missstände aufzudecken. Hier hat er die Nerven verloren. Wulff ist zum Rätsel geworden, auf seine nächste Erklärung darf man gespannt sein."

Die NEUE PRESSE in Hannover:
"Wulff hat als niedersächsischer Ministerpräsident immer gerne Doppelpass mit dem Boulevard gespielt. Ob Scheidung oder neue Liebe, ’Bild’ durfte stets exklusiv teilhaben und revanchierte sich mit imagefördernder Berichterstattung. Doch das scheinbar simple Geben und Nehmen kann auch ein schnelles Ende haben. Wenn die politische Stimmung kippt. Oder wenn es eine Geschichte gibt, die sich noch besser verkaufen lässt als die vom jungen Glück eines aufsteigenden Politikers"

Die NÜRNBERGER NACHRICHTEN:
"Christian Wulffs politisches Schicksal hängt ausschließlich von der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden ab. Geht Angela Merkel zu ihm auf Distanz, dann kann er sich nicht mehr länger als ein paar Tage halten. Er sollte sich auf ihre bisherigen Vertrauensbekundungen nicht allzu sehr verlassen. Die Kanzlerin verfügt über ein sehr feines Sensorium, wann ihr ein Parteifreund mehr schadet als nützt. Ist der Punkt erreicht, dann wird der Betreffende fallen gelassen. Und sei es auch der Bundespräsident."

Die OSTSEE-ZEITUNG aus Rostock:
"Jeder Mensch kann einmal aus der Haut fahren, jeder macht mal Fehler. Im Fall Wulff ist es die Kette der Fehler, seiner Kontakte und Geschäfte mit einem Geschmäckle, der Instinktlosigkeiten und nachgeschobenen Wahrheiten. Das alles wird immer peinlicher. Hörbares Unwohlsein breitet sich inzwischen auch in der schwarz-gelben Koalition aus. Für die bisherige Standard-Forderung, es müsse Schluss sein mit der Debatte, weil alles gesagt und das hohe Amt nicht beschädigt werden dürfe, mochte sich gestern keiner mehr hergeben"

Die STUTTGARTER ZEITUNG:
"Mit jedem neuen Detail, das über die Amigo-Affäre des Bundespräsidenten ans Tageslicht kommt, wird es schwerer, Christian Wulff zu verstehen und was diesen Mann eigentlich umtreibt. Sein Krisenmanagement ist stümperhaft, ja geradezu katastrophal. Es offenbart zudem ein höchst problematisches Amtsverständnis."

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ín München:
"Jeder Lokaljournalist weiß, dass Abgeordnete oder Bürgermeister gerne anrufen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Doch die Mischung aus Naivität und Dreistigkeit, mit der Wulff agiert hat, bestürzt. Er ist nicht der Landrat von Osnabrück und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu groß. Die Sicherungen, die bei einem Präsidenten im Falle einer - politischen wie privaten - Krise funktionieren sollten,
funktionieren bei ihm nicht. Wulff will, so hat er kundgetan, sein Amt auch künftig ’mit ganzer Kraft ausfüllen’. Doch die Kraft, dieses Land, diese Gesellschaft zusammenzuhalten, hat
er vermutlich nicht mehr
"

Die SÜDWEST PRESSE aus Ulm:
"Wie lange will er sich das weiter zumuten? Einstweilen handelt es sich zwar weder um eine irreparable Beschädigung des Amtes noch gar um eine Staatskrise. Doch höchst unerquicklich ist die unendliche Angelegenheit allemal, für Wulff sowieso, aber zunehmend auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel."

DIE WELT in Berlin:

"Was für ein Menschenbild muss ein Bundespräsident haben, der ernsthaft glaubt, missliebige Journalisten könnten von der Suche nach der Wahrheit durch Intervention des Präsidenten beim Chef gebremst werden? Wer so denkt und handelt, interessiert sich nicht sonderlich für die Meinungsfreiheit und das mitunter unangenehme Wühlen einer unangepassten, freien Presse, sondern hat ein hierarchisches Verständnis von Gesellschaft. Er missachtet die Regeln der offenen Bürgergesellschaft, die sich nicht auf eine respektlose Hackordnung und Ansagen von oben reduzieren lässt. Wulff scheint in der kleinbürgerlichen Welt eines ’Strombergs’ zu leben - nicht in der des souveränen Bürgers, der die Würde der anderen für ebenso unantastbar hält wie seine eigene und der sich dementsprechend verhält. Für das Amt des Bundespräsidenten geeignet erscheint im Idealfall nur der Politiker, dessen natürliche Autorität der wuchtigen Aura seines Amtes gerecht wird. Davon kann bei Christian Wulff nicht die Rede sein"

Der TAGESSPIEGEL aus Berlin:
"Das Amt auch deshalb, weil sich die Frage stellt, wer es nach Wulff denn noch bekleiden wollte, und welcher Politiker, welcher Mensch nobel genug wäre, es zu übernehmen. Wenn Christian Wulff zurücktritt, kann die staatspolitische Krise darin liegen, dass auch das Amt von seiner Bedeutung zurücktritt. Und das Amt wird gebraucht."



Die Politikberaterin Gertrud Höhler hat dem Bundespräsidenten vorgeworfen, er habe mit dem Anruf beim Chefredakteur von "Bild" sein Amt besonders schwer beschädigt. Die Presse insgesamt habe in der Affäre bisher "großartig" agiert.

Höhler sagte im Deutschlandradio Kultur, Wulffs Anruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann sei eine selbstzerstörerische Handlung gewesen. Als Politikberaterin hätte sie dem Staatsoberhaupt von Anfang an zu einer brutalen, offensiven Offenheit geraten und nicht zu Pfuschereien und Tricksereien mit Daten.

"Offenheit bewegt die Deutschen", sagte Höhler, "wenn ich wirklich mich als Sünder offenbare, dann werde ich wieder angenommen." Wulff hätte sofort vollständige Auskünfte geben müssen, vor allem, weil sein Amt auf dem Spiel stehe. Die Politikberaterin sagte, Wulff sei von einer "moralfrei agierenden Kanzlerin" ins Amt des Bundespräsidenten gehoben worden und habe das Amt unterschätzt. "Er hat an seine persönliche Karriere, auch bei seinem Missmanagement, mehr gedacht an das Amt. Und dann muss das daneben gehen, weil dabei das Amt dann besonders schwer beschädigt wird."

Höhler lobte die Rolle der Medien in der Wulff-Affäre. Schon in der Guttenberg-Affäre habe die Presse auf Verhaltensformen richtig reagiert, die zu einer demokratischen Kultur nicht passten. "Ich habe das schon damals als großartig empfunden und ich kann feststellen, es wiederholt sich jetzt", sagte sie. Der Bild-Chefredakteur Kai Diekmann habe klug agiert. "Bild hat erst bestätigt, nachdem andere aus anderen Häusern darüber geschrieben hatten. Hier ist auch eine Diskretionsleistung zu bestaunen", sagte sie.

Aber der Bundespräsident habe wissen müssen, dass alles herauskomme. "Wenn denn Wulff ein Taktiker war, ein kalkulierender Partner in dieser Auseinandersetzung, dann war das die Presse auch", so Höhler. Die heftige Reaktion des Deutschen Journalisten-Verbandes auf die Anrufe von Wulff zeige: "Wir haben hier eine schwerste Störung des Verhältnisses von Politik und Presse, verursacht durch einen, der sich eigentlich zu rechtfertigen hätte."

Gertrud Höhler auf der Ortszeit des Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Ute Welty



Das Erschreckende an dieser Affäre ist, dass

— es eigentlich um Dinge geht, die in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben: selbst wenn jemand seine Karriere nach dem Bussi- und Boni-Prinzip aufgebaut hat, ist daran nichts auszusetzen, solange er sich damit nicht in Abhängigkeiten bringen lässt, die ihn in der Möglichkeit einschränken, gegenüber Dritten als vertrauenswürdiger Gesprächspartner auftreten und handeln zu können

— hier ein Mensch in seinem Amt gefordert ist, seine persönlichen Stärken, ja, seine Persönlichkeit als Stärke unter Beweis zu stellen. Würde ihm dies gelingen, so wäre auch das "allzu Menschliche" seines Verhaltens kein Grund, ihn dafür öffentlich tadeln oder gar aus dem Amt werfen zu müssen

— hier die Ebenen verwechselt werden, mehr noch: die Dialektik zwischen dem Persönlichen und dem auf die Person als Projektion Fixiertem nicht verstanden worden ist. Die Zeichen der Bewältigung einer solchen Aufgabe kann man sich zwar von Ghostwritern immer wieder neu in seine Manuskripte schreiben lassen - aber wehe, wenn die eigenen Worte losgelassen werden

— der Wunsch eines Faustus "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein" [2] für jene, die nicht diese Grösse haben, zu einem Fluch werden kann. Der Versuch, andere mit diesem Fluch zu belegen, in dem die persönliche Be-/Getroffenheit zum Gegenstand eines öffentlich verifizierbaren Handelns gemacht wird, kann immer dann nach hinten los gehen, wenn dieses Verständnis von solcher Art der Öffentlichkeit nur mit juristischen Formeln und Formularen, nicht aber mit einem Verständnis von den Menschen geprägt wird

— die Inszenierung der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten im "Kreise seiner Lieben", will sagen im Kreise jener Menschen, die tatkräftig Nächstenliebe geübt haben, angesichts dieser besonderen Bedingungen, unter der sie inszeniert wurde - begleitet von der Frage, ob er darin auch von seinem eigenen Fall reden werde oder nicht - zur Verkehrung der Absicht einer solchen Dramaturgie führt: Keiner von diesen zu Statisten degradierten Gutmenschen hätte den Mut noch die Möglichkeit gehabt/genutzt, der Presse zu drohen, wenn diese etwas "Schlechtes" über sie zu schreiben gewusst hätte

— mit dieser Drohung gerade jene Journalisten und Verlage aufgewertet werden, denen intern besonders gerne und häufig die Verletzung der genre-eigenen Kodizes vorgeworfen wird: von Lesern und Betroffenen, vom Deutschen Presserat und den Journalistengewerkschaften, von Bloggern und medienkritischen Publizisten. Jetzt, plötzlich, sitzen sie alle im gleichen Boot - und nur der Präsident aller Deutschen rudert noch gegen den Strom.





Ursula von der Leyen im Mittagsmagazin des Deutschlandfunks um 12:24 Uhr: "Das kommentier’ ich nicht".






Nach der Publikation dieses Textes stellt sich heraus, dass der hier in der Überschrift eingesetzte Begriff des Erpressers auch schon an anderer Stelle seinen Platz gefunden hat - so ein Leserhinweis, der damit auf die aktuelle Ausgabe des TITANIC-Satire-Magazins mit dem hier zitierten Startcatoon hinweist:


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Ein weiterer Hinweis bezieht sich auf die Blogger-Webschau mit Andreas Noll zum Thema: Bundespräsident und Meinungsfreiheit auf D-Radio Wissen.

Andreas Noll liest aus dem Netz zum Thema: Bundespräsident und Meinungsfreiheit