Allerheiligen

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 16 Uhr 04 Minuten

 

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Gestern Reformationstag. Heute Allerheiligen [1]. Das bedeutet für viele Menschen in dieser Republik, sich zwei extra Feiertage gönnen zu können. Sie seien ihnen gegönnt.

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Wer in Berlin lebt, muss sich entscheiden, ob er sich aus eigenem Entschluss - und zu seinem eigenen finanziellen Nachteil - einen solchen zeitlichen Freiraum einräumen will.

Gestern wie heute ist klar, dass eine Reihe von Büros in diesen Tagen nicht oder nur unterbesetzt sind.

Hier im Büro wird ein anderer Weg gewählt. Bei hellem Sonnenschein ein ausführliches Frühstück. Und die Entscheidung, an diesem Tag einen diesem Tag angemessenen - und damit persönlicheren - Beitrag zu publizieren.

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Dieser besteht aus einem Foto des New Yorker Fotografen Mark Forman, das im goldenen Oktober-Monat dieses Jahres an der Familien-Grabstelle entstand...


© Mark Forman

... und 2 Verweisen auf 2 all-morgendliche DLF-Programme:

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Ein Bericht von Thomas Klatt: "Tote sollten nicht entsorgt
werden. Die Bestattung als heilsamer Übergangsritus" vom Sendeplatz "Tag für Tag" über die Veränderung der Bestattugsrituale.

Darin wird der Totengedenktag zum Anlass genommen, um über die Rituale der Totenbestattung und des Totengedenkens zu sprechen. Um zuzuraten, sich diesen Ritualen nicht ganz zu entziehen sondern sich vielmehr ihrer positiven Wirkungsmächtigkeit zu bedienen.

Und es wird mit Skepsis darauf verwiesen, wie aus den Trennungsritualen Bleiberituale werden: So zum Beispiel durch die Annahme und Umsetzung des Angebots, aus der Asche des/der Verstorbenen einen Diamanten zu machen, der dann als Schmuck immer mit sich geführt werden kann.

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Und ein Zitat aus dem Kalenderblatt-Text von Armin M. Brandt, wonach heute vor 100 Jahren von einem italienischen Leutnant mit Namen Gavotti erstmals mehrere "Bomben" aus einem Flugzeug abgeworfen worden seien. [2]

Bei dem Flugzeug handelt sich sich um eine sogenannte "Ettrich-Taube", benannt nach dem österreichischen Flieger und Entwickler Ignatz Etrich. Es war - in Kisten und Kästen verpackt - per Schiff Mitte Oktober in Tripolis angekommen und dort wieder zusammengebaut worden. Nur der einhundert PS starke Motor war aus Metall, der Rumpf war aus Holz, die Flügel aus Bambus und die Bespannung aus - angeblich baumwollenen - Stoff.

Bei den "Bomben" handelte es sich um drei Granaten, die auf ein Lager an der Oase von Tagiura nach ihrer Zündung im Flugzeug abgeworfen wurden - und eine vierte, die auf das Militärlager Ain Zara auf dem gleichen Wege zum Einsatz kam.

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Diese hier vorgestellten Elemente dieses Tages stehen in einem engen Zusammenhang: das Grab des Grossvaters, der sich eben der Weiterführung dieses besonderen Innovationsgeistes in der noch frühen Luftfahrt verschrieben hatte. Das Grab des Vaters, auf dem es immer noch nicht möglich ist, eine weitere Steele zum Angedenken aufzustellen. [3]

Also wird dieser Tag nicht als Feiertag genutzt, sondern ein weiterer Versuch unternommen, hier doch noch bei der Frage nach der Ausgestaltung des Familiengrabes eine Wende herbeiführen zu können. Schliesslich sind ja die Angestellten in der berliner Verwaltung heute nicht im Urlaub - oder doch: Bei diesem schönen Wetter???


© Mark Forman

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Als es Abend geworden ist und in vielen Haushalten die Fernsehgeräte angeschaltet worden sind, wird auch der lange Bürotag mit den Anschalten des Fernsehers abgeschlossen.

Dort gibt es auf 3sat in der Reihe Vis-à-vis ein Interview mit Nicolas Berggruen, "Investor und Philantrop", wie es in der Ankündigung heisst. Und es ist, als wenn die eigene Familiengeschichte sich in der Figur eines Anderen widerspiegelt. In der es eine Identität aus drei Kulturen gibt: der US-amerikanischen, der französischen und der deutschen [4] - und die sich so deutlich und nachdrücklich forschend in den Ostasiatischen Raum ausweiten will.
Berggruen zuzuhören ist so, als wenn man einen Menschen denken hört. Er ist auf überzeugende Weise "naiv", von einer Weisheit, die mit einer unendlichen Neugier durchtränkt ist und von einer Bescheidenheit, so einem eklatanten Gegensatz zu all dem steht, was - selbst in der Ankündigung zu diesem Interview - zu lesen war.
Denn sein Reden ist keine Befreiung von einer Last, die jetzt kurzfristig vor der Kamera in die Audiovision projiziert werden kann, sondern sie ist eigentlich so etwas wie ein notwendiges Übel, das es anzunehmen in diesem gesellschaftlichen Spiel anzunehmen gilt - auch dann, wenn eigentlich jedes der gesprochenen Worte dieses Interviews nach der Ruhe ruft, derer es Bedarf, um nach-denken zu können.

Wer sich selber einen Eindruck verschaffen will:

http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=27706&mode=play

Anmerkungen

[1In der ersten Ausgabe dieser Seite, war diese Zeile um die Worte "auch ’Volkstrauertag’ genannt" erweitert.
Diese Formulierung war falsch, wie zu Recht in einem Leserbrief mit Hinweis auf einen Eintrag in der Wikipedia bemerkt wurde:
"Er wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem Ersten Advent begangen und erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen".
Vielen Dank für das interaktive Mitlesen! WS.

[2Wie aus einer entsprechenden Nachricht des Senders zu erfahren ist, darf dieser Beitrag aus Urheberrechtsgründen nicht mehr als Podcast zur Verfügung gestellt werden:

[3Und die Frage des Urheberrechts, die dem Bemühen zum Aufschlüsseln und Vermitteln des Historischen im Weg steht und die dennoch zugleich mit der zunehmenden und zeit- und ortsunabhängigen Zurverfügungstellung einer geistigen Leistung der Nutzung eben dieser neue Regeln unterwirft.

[4Ja, wenn dieses Wort nicht eine so schlimme Konnotation hätte, wäre es sogar erlaubt, an dieser Stellen von der deutschstämmigen Identität zu reden.


 An dieser Stelle wird der Text von 14235 Zeichen mit folgender VG Wort Zählmarke erfasst:
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