Waren wir Papst?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 15 Uhr 52 Minuten

 

Der Papst hat zum Ende des jetzt vergangenen Sonntags mit (s)einem Flugzeug seine Heimat Deutschland wieder verlassen und wird in dieser Nacht schon wieder im Vatikanstaat bei Rom in seinem eigenen Bett geschlafen haben - derweil hatten die Redakteure sich schon aufgemacht und u.a. das Folgende in "ihren" Presseorganen (sic!) verfasst und publiziert [1]

Der DONAUKURIER:

"Längst befindet sich ein beträchtlicher Teil der Katholiken in Deutschland in der inneren Immigration. Sie fühlen sich als Teil der Kirche Christi, aber längst nicht mehr von allen Bischöfen und schon gar nicht mehr vom Papst vertreten. Für sie ist der Umgang der Kirche mit den Missbrauchsfällen eine persönliche Qual, für sie geht die theologische Auseinandersetzung um das gemeinsame Abendmahl mit den evangelischen Schwestern und Brüdern und um die Rolle der Frau an der Wirklichkeit vorbei. Vor diesem Hintergrund hat Benedikt durchaus recht: Die größte Gefahr droht der Kirche, wie er sie sich vorstellt, von innen"

Der MANNHEIMER MORGEN:

"Dabei hat der Papst in seiner vielgelobten Bundestagsrede den ’Schrei nach frischer Luft’ gewürdigt, dem die Umwelt-Bewegung in Deutschland Gehör verschafft habe. Dieser Schrei ertönt auch innerhalb seiner Kirche, doch Benedikt stellt sich taub. Für die Katholiken verbindet sich damit keine Zukunft."

Die Würzburger MAIN-POST:

"Das Motto der Reise ’Wo Gott ist, da ist Zukunft’ hat er ausschließlich aus konservativer Sicht beleuchtet: Kritik an ’lauen Christen’ und an der ’Weltlichkeit’ der Kirche geübt. Am schärfsten in der Rede im Freiburger Konzerthaus. Was aber bietet die katholische Kirche denen, die die neokonservative Wende nicht anspricht? Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt sind? Die sich vor Ort engagieren und nur allzu oft sehen, wo es fehlt in den Großgemeinden? Die Reformen fordern? Ihnen hat Benedikt XVI. eine klare Absage erteilt."

Die NORDWEST-ZEITUNG:

"Viele Gläubige haben den Papstbesuch als Fest erlebt. Die großen Gottesdienste mit Gleichgesinnten sind Gemeinschaftserlebnisse, die nachwirken. Auch konservative Kräfte werden von den Bildern zehren. Viele Verantwortliche in den Pfarreien dagegen resignieren. Für sie hat der Besuch - wie befürchtet - kaum Impulse gebracht."

Die STUTTGARTER NACHRICHTEN:

"Der Papst verharrt im Unkonkreten, weil er Reformen für falsch hält. Für ihn sind die evangelischen Kirchen keine vollwertigen Kirchen. Es gab bei diesem Besuch schöne Bilder und Gesten, aber kein Aufbruchsignal. Benedikt will den Katholizismus trotz Krise nicht liberalisieren. Wer auf Reformen hofft, wird weiter warten müssen - bis zum nächsten Papst, vielleicht sogar länger"

Die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND:

"Damit können die evangelischen Christen herzlich wenig anfangen. Der Papst hat die Distanz sogar zementiert, indem er den Wunsch nach mehr Miteinander als Missverständnis bezeichnete. Und indem er der Spitze der evangelischen Kirche vor Augen führte, dass die orthodoxe Kirche der römischen sehr viel näher steht. Theologisch mag das stimmen. Aber trotzdem werden viele Katholiken das mit Befremden zur Kenntnis nehmen"

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

"Ähnlich wie seine Regensburger Rede konnte man auch seine Rede im Bundestag so lesen, dass es letztlich der Protestantismus ist, auf den die liberalen Verirrungen zurückgehen. Man mag das für unzutreffend oder eine Überschätzung des religiösen Moments halten. Aber es erklärt, warum der Papst im Verhältnis zu den evangelischen Kirchen nicht die Übereinstimmung, sondern die Abgrenzung sucht"

Die DRESDNER NEUESTEN NACHRICHTEN:

"Noch vor wenigen Tagen herrschte eine regelrechte Papst-Euphorie in Deutschland. Nun aber, am Ende des viertägigen Aufenthalts, macht sich allenthalben der große Papst-Kater breit. Doch die Größe der Enttäuschung bemisst sich an der Fallhöhe der Hoffnung. Der Pontifex ist nicht als Reformer angereist, sondern als Bewahrer. Wer anderes erhofft hatte, muss sich im Nachhinein Blauäugigkeit bescheinigen lassen"

Die PASSAUER NEUE PRESSE:

"Kein ökumenisches Signal?" [...] "Doch - ein ganz gewaltiges: die Anerkennung Luthers als Bruder im Gottesglauben. Und ein noch radikaleres: die wörtlich geäußerte Hoffnung, ’dass der Tag nicht zu ferne ist, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern können’ - formuliert freilich in Richtung Orthodoxie. ’Wer sind schon die Orthodoxen?’, mag man da fragen. Ach, nur ein Vorbild für das, was einmal auch für Protestanten gelten kann. Die vorgefertigten Urteile über den ’Reformverweigerer’ Benedikt standen wohl längst fest, als der Papst seinen Fuß auf deutschen Boden setzte."

DIE WELT:

"Viele konservative Bischöfe verachten das Kirchenvolk als lau und liberalistisch. Umgekehrt hat sich in zahlreichen Gemein- den die Haltung verfestigt, die höheren Geweihten bis hinauf zum Papst seien so kalte Knochen, dass man ihnen keine wärmeren Gefühle entgegenbringen könne. Jetzt aber, nach diesem Besuch, haben beide Seiten allen Grund, ihre eigenen Vorurteile zu überprüfen. An der Basis muss man sich sagen: Tatsächlich, der Papst mag uns, und wir mögen ihn. Und die konservativen Bischöfe müssen begreifen, dass das Kirchenvolk voller guter Katholiken ist, die innig und interessiert die katholischen Glaubenswelten von Maria bis zur Caritas durchmessen"

LA STAMPA:

"Letztendlich hat der Pontifex die Dinge gelassen, wie sie sind. Trotz seiner bewegenden Reaktion auf den Missbrauchskandal dürfen wir von Benedikt keine theologischen Erneuerungen erwarten. Denn die tiefe Krise der Kirche in der westlichen Welt erfordert nach seinen Worten zwar eine ’Erneuerung im Glauben’, aber keine Änderung der Doktrin. Der Dialog zwischen den Kirchen in der westlichen Welt bleibt ein langer, steiniger Weg"

LIDOVE NOVINY:

"Und nur drei Millionen von ihnen gehen laut Satistik regelmäßig in die Kirche. Das hängt nicht nur mit den Missbrauchs-Affären und der Haltung Roms zum Zölibat zusammen. Die Austrittswelle hätte sich wohl auch fortgesetzt, wenn der Vatikan sich ’fortschrittlicher’ verhalten hätte. Denn der deutsche Katholizismus ist gegenüber der Autorität des Papstes traditionell extrem reserviert bis offen kritisch"

DE VOLKSKRANT:

"Wenn die katholische Kirche über ewige Werte redet, meint sie nur allzu oft eine Sexualmoral, die sie anderen aufzwingen will. Natürlich hat eine Kirche das Recht, Richtlinien herauszugeben, denen Gläubige sich freiwillig unterwerfen können. Aber in Westeuropa denken die meisten Menschen anders über Themen wie Schwangerschaftsabbruch, aktive Sterbehilfe und Homosexualität"


Im Deutschlandfunk, der am Morgen diese nationalen und am Mittag die internationalen Pressestimmen hat vorlesen lassen, hatte am Tag zuvor, am Sonntagmorgen bzw. am Vormittag zwei Programme angeboten: Das erste in der Verantwortung der katholischen Kirche das zweite in der Verantwortung der evanglischen Kirche.

In der Sendung "Am Sonntagmorgen" wurde ab 8:35 das Religiöse Wort gesendet unter der Überschrift: "Sehen wir uns im Himmel
wieder? Bilder vom Jenseits"

Darin sprach die Pastoralreferentin Angelika Daiker und bezog sich vor allem auf ihre Erfahrungen in der Arbeit in einem Hospiz.

Die Sendung kann unter dem vom Deutschlandfunk - wie lange? - bereitgestellten Link nachgehört werden.

Ihre Erfahrung in einem Satz zusammengefasst: Menschen, die daran glauben, dass ihr Leben nach dem Tod in einer anderen Form im "Jenseits" eine Kontinuität haben würde, hätten es durchaus leichter, sich aus dem Hier und Jetzt zu verabschieden. Auch denn, wenn auch sie sich keine Vorstellungen davon machen könnten, wie es um sie nach dem hiesigen Leben bestellt sein würde.

Ab 10:05 Uhr wurde dann ein Gottesdienst aus der Sankt Lamberti-Kirche in Oldenburg live übertragen.
Auch dieser kann unter diesem Link nachgehört und in Teilen nachgelesen werden. [2]

Bei aller Unterschiedlichkeit der gewählten Formen und Inhalte der Vermittlung:
— Die Unsterblichkeit der Seele und also die Wiederauferstehung nach dem Tod ist in beiden Kontexten eines der dominierenden Themen
— Jede und Jeder der Ausübenden war bemüht, offen und mit Achtung über sich selber und die Anderen zu sprechen
— Widersprüche wurden nicht ausgeklammert, sondern versucht, in das eigene Meinungbild zu intergrieren.

Diese Dokumente der all-täglichen Kirchenarbeit waren - selbst wenn man nicht Mitglied der jeweils sendenden Religionsgemeinschaft ist - ansprechender als das, was in den Radio- und den TV-Programmen bis dahin von dem Besuch des Papstes berichtet worden war.


War es wirklich notwendig, im Verlauf seiner Fahrten in seinem Mercedes-Wagen ihm immer wieder kleine Kinder anzureichen, die dann von ihm liebkost und geküsst wurden...?

Kurz zuvor hatte ein Gespräch in einem griechischen Restaurant stattgefunden, in dem es um die Bedeutung eines Zeichens, eines Symbols, eines Mals, eine Menetekels und eine Piktogramms gegangen war.

Als dieses nach den drohenden Anzeichen allzugrosser Müdigkeit abgebrochen werden musst, stand dennoch fest. An einen solchen Abend konnte mehr Erkenntnis produziert werden als es eine ganze Synode zu diesem Thema hätte leisten können.

An diesem Abend waren die beiden Geprächspartner weder päpstlicher als der Papst noch dass sie die Absicht gehabt hätten, die Kirche nicht im Dorf stehen zu lassen.

Es reichte die Bereitschaft einander zuhören zu wollen, um besser verstehen zu können, wie man jeweils selbst bei der Betrachtung der Bedeutung dieser Begriffe aufgestellt ist.

Anmerkungen

[1Keine Berücksichtigung findet an dieser Stelle die BILD-Zeitung, der es ja gelungen war, mit einer überdimensionalen Abbildung eines ihrer Zeitungstitel an der [Fensterwand des Pressehauses>http://www.bild.de/politik/inland/benedikt-16/begeistert-vom-riesen-plakat-am-axel-springer-haus-20122534.bild.html] in diesen Tagen wieder mehr als genug von sich reden zu machen:


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Sieh dazu im Vergleich:


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Und:


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[2Nur zu dem Thema eines in der Predigt für 2012 angekündigten Zukunftskongresses kann auf den hier als Link ausgewiesenen Seiten nichts gefunden werden.


 An dieser Stelle wird der Text von 10346 Zeichen mit folgender VG Wort Zählmarke erfasst:
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