"Das Web ist ein Netz von Menschen"

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 14 Uhr 24 Minuten

 

Im Rahmen einer ganztägigen in den Räumen des Gastgebers, der Technischen Universität Berlin, geführten Diskussion brachte eine Teilnehmerin einen Artikel mit, den sie aus dem aktuellen Lufthansa Exclusive Magazin 06/11 ausgerissen hatte: als Lektüre-Empfehlung.

In der Mittagspause wurden die Seiten 48, 49, 50 und 52 kopiert und an alle verteilt [1]

Ob dieses auch so geschehen wäre, wenn in dem zur Verfügung stehenden Raum ein freies W-LAN-Netz hätte genutzt werden können?

Im Nachgang zu diesem Vorgang wird mit einem individuellen Netzzugang über eine Web’n Walk - PCMCIA-Karte eine solcher Netzzugang am Notebook hergestellt und über die Suchmaschine nach einer Online-Ausgabe dieses Heftes gesucht und diese auch gefunden.

Auf der Seite, die sowohl als "App" als auch Online zur Verfügung gestellt wird, gibt es zwei weitere Suchmöglichkeiten: die, nach einer Anzeige zu suchen oder die, nach einem Artikel zu suchen.

In dem zur freien Texteingabe bereitgestellten Kästen wird die Überschrift des Artikels eingegeben: "Die Gedanken sind frei (verkäuflich)". Und unter den vielen Möglichkeiten, den richtigen Artikel zu diesem Stichworten zu finden findet sich auch der Link auf die SeiteN
www.lhm-lounge.de/beitrag_3552384.html
und
www.lhm-lounge.de/beitrag_3552393.html


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Das Ganze ist im Header mit dem Logo "Lufthansa Media Lounge" gekennzeichnet und mit der Textzeile untertitelt:
"Inspirations Geistiges Eigentum
Fotos:AFP/gettyimages, Text :Jürgen Drommert
"

Ausserdem wird das Ganze als PDF-Dokument zum Herunterladen angeboten und daher auch den Leserinnen und Lesern von "DaybyDay" auf dieser Seite an dieser Stelle zur Verfügung gestellt. Sowohl als PDF-Dokument...

PDF - 747 kB
Inspirations. Geistiges Eigentum. LE 06/11 S.48-52

... als auch als Fliesstext-Version: In der Annahme, dass dieses im stillschweigenden Einverständnis mit dem Autor und der Redaktion geschieht. [2]

Die Gedanken sind frei (verkäuflich) Biotech - Unternehmen lassen menschliche Gene patentieren, Pharmakonzerne die Nutzung von altbekannten Heilpflanzen, Technologie-Firmen blockieren Innovationen mit Trivialpatenten – doch während hier der Kampf um die immateriellen Güter tobt, verschenken andere einfach ihr geistiges Eigentum

Eigentlich war sie ja schon auf dem richtigen Weg, Anfang der Neunziger in Kalifornien. Als Spezialistin für Urheberrechtsschutz in der Sozietät Fenwick & West LLP war sie damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um mitzumischen im großen Geschäft mit dem geistigen Eigentum, ihren Schnitt zu machen bei dessen Vermarktung. Aber dann muss sie sich doch gefühlt haben wie Mitch, der Held in John Grishams Roman „Die Firma“, der als junger Jurist zu Top-Konditionen von einer Kanzlei angeworben wird, von der er kurz darauf erfährt, dass sie im Dienst der Mafia steht: gründlich deplatziert.

Außerdem hätte Mitchell Baker, die Frau mit dem fuchsroten, asymmetrisch getrimmten Haarschopf, nie diesen tollen Titel tragen können, wenn sie ganz klassisch Karriere und Profit gemacht hätte: Chief Lizard Wrangler. Denn als „Oberste Eidechsen- Bändigerin“ steht sie heute der Mozilla Foundation vor, wobei dieser Titel eine ironische Anspielung auf das Dinosaurier- Logo von Mozilla ist. Die beiden Positionen Bakers – anfangs Anwältin für Urheberrechtsschutz, heute Chefin der Mozilla Foundation – markieren einen radikalen Seitenwechsel: Erst die Verteidigung von vermarktbaren Rechten an geistigem Eigentum, dann deren Freigabe. Schließlich ist die Mozilla Foundation die treibende Kraft hinter dem populären Web-Browser Firefox und dem E-Mail-Programm Thunderbird, und bei beiden handelt es sich um „Freie Software“. Solche Programme dürfen für jeden Zweck verwendet, analysiert, bearbeitet und in ursprünglicher oder veränderter Form weiterverbreitet werden, ohne dass dabei Lizenzgebühren anfallen. Für die meisten Nutzer von Firefox zählt nur, dass sie einen hochentwickelten und elegant erweiterbaren Web-Browser kostenlos aus dem Netz laden und auf ihren Computern installieren können – tatsächlich wird zu jeder Version dieser Software aber auch der sogenannte Quellcode veröffentlicht, der Bauplan des Programms also. Das ist ein bisschen so, als würde die Coca-Cola Company nicht nur kostenlos ihre braune Brause ausschenken, sondern der interessierten Allgemeinheit auch gleich noch die begehrte Rezeptur zugänglich machen.

„Die wichtigsten Technologien müssen für jeden frei zugänglich und interoperabel sein“, bringt Mitchell Baker ihre Mission auf den Punkt. In Zeiten, da selbst die Trinkwasserversorgung weltweit zunehmend privatisiert wird, klingt das beinahe kommunistisch. Ist es aber nicht, es hat sehr wohl mit den marktwirtschaftlichen Kerntugenden Wettbewerb und Innovation zu tun. Die waren nämlich im Bereich der Web-Browser weitgehend abgemeldet, als Firefox im Jahr 2004 an den Start ging. Damals beherrschte Microsoft mit seinem Internet Explorer als Quasi-Monopolist den Markt und wäre so über kurz oder lang in der Lage gewesen, die technischen Standards für Websites zu diktieren. Außerdem war der Browser des Riesen aus Redmond zu einem schwerfälligen und höchst unsicheren Stück Software geworden – die US-Regierungs-Organisation CERT (Computer Emergency Readiness Team) riet 2004 gar wegen der zahlreichen Sicherheitslücken grundsätzlich vom Einsatz des Internet Explorer ab. Im November desselben Jahres wurde die Version 1.0 von Firefox veröffentlicht, und schon nach 30 Tagen war die Schwelle von zehn Millionen Downloads erreicht.

Angesichts dieses Husarenstücks wurde die Firefox-Frontfrau 2005 vom Time Magazine zu den „100 einflussreichsten Menschen der Welt“ gezählt. Statt sich allerdings auf solchen Ehrentiteln auszuruhen, blieb und bleibt Mitchell Baker kämpferisch. Offene Standards sind ihr Anliegen – und die werden allerorten durch proprietäre Lösungen bedroht. So etwa, wenn Apple mit seinem App Store einen umzäunten Bereich in der digitalen Welt einrichtet, in dem der kalifornische ITKonzern die Regeln bestimmt, mit großem Eifer auch die moralischen. Da hält man sich unliebsamen Wettbewerb gern vom Leibe. „Das Unternehmen kann es sich leisten, Firefox nicht zuzulassen, vielleicht um Konkurrenz zu verhindern“, kommentiert Baker denn recht trocken.

Auch ein anderer Verfechter offener Standards sieht die Gefahr, dass Oligopole sein Werk unter ihre Kontrolle bringen. Vor rund 20 Jahren schuf der Brite Tim Berners-Lee mit dem Hypertext Transfer Protocol HTTP, dem Universal Resource Identifier URI und der Hypertext Markup Language HTML die Basis für einen globalen Informationsraum, den er World Wide Web taufte. Damit schaffte er die Voraussetzung für eine Revolution, die durchaus vergleichbar ist mit den Folgen der Erfindung der Druckerpresse mit beweglichen Metalllettern durch Johannes Gutenberg.

Doch während zu dessen Zeiten der Schutz geistigen Eigentums kaum durchsetzbar war, verzichtete Berners-Lee bewusst auf Rechte, die ihn zum reichen Mann hätten machen können – und unweigerlich die Verbreitung der Schlüsseltechnologie unserer Zeit ausgebremst hätten. „Das Web hat sich zu einem mächtigen, allgegenwärtigen Werkzeug entwickelt, weil es auf egalitäre Prinzipien gegründet wurde und weil Tausende von Individuen, Universitäten und Unternehmen sowohl gemeinsam als unabhängig am World Wide Web Consortium mitgearbeitet haben, um die auf diesen Prinzipien beruhenden Möglichkeiten auszubauen“, fasst Berners-Lee die Entwicklung zweier Jahrzehnte zusammen.

Doch zum 20. Jubiläum des Web war seinem Erfinder nicht nur feierlich zumute: „Das Web, wie wir es kennen, ist trotzdem auf verschiedene Weise bedroht. Einige seiner erfolgreichsten Bewohner haben angefangen, seine Prinzipien zu unterminieren. Große ,Soziale Netzwerke‘ errichten Mauern um die von ihren Nutzern eingespeisten Informationen gegenüber dem Rest des Web. Mobilfunkanbieter sind versucht, den Traffic zu Webseiten zu drosseln, mit denen sie nicht im Geschäft sind. Regierungen – totalitäre wie demokratische – forschen das Online-Verhalten der Menschen aus und gefährden so wichtige Menschenrechte.“ Sir Timothy – im Jahr 2004 wurde er von der Queen geadelt – mag manchen bei all seiner analytischen Brillanz als kühler Technokrat erscheinen. Er selbst wird indes nicht müde klarzustellen, welches Leitbild ihn antreibt: „Das Web ist kein Netz von Computern, das Web ist ein Netz von Menschen.“ Und dieses Web der Menschen, betont er beharrlich, funktioniert nur auf einer universellen Basis – die aber sei in Gefahr, etwa durch abgeschottete „Container“ wie Facebook, LinkedIn oder Friendster. Es ist nicht so, dass die Revolution ihre Kinder frisst, macht Berners-Lee klar – vielmehr drohen ihre erfolgreichsten Kinder die Revolution gründlich zu ruinieren.

Eigentumsrechte an immateriellen Gütern, verbrieft durch Patente und Urheberrechte, machen Innovation erst möglich, so die vorherrschende Auffassung. Wer würde denn schon seine Kompetenz und Kraft in eine Entwicklung stecken, wenn er sie hinterher nicht erfolgreich vermarkten könnte? Die Antwort: Hunderttausende der hellsten Köpfe weltweit. „Freie Software“ ist in aller Regel das Gemeinschaftswerk von zahlreichen Anwendungsentwicklern, von denen die meisten honorarfrei an dem jeweiligen Projekt arbeiten. Was sie antreibt, ist der Reiz der Aufgabe, die Zusammenarbeit in einer Community von Experten, Anerkennung von Gleichgesinnten. Geld oder Titel sind nicht so wichtig. Da wird die triviale Auffassung, dass nur Eigennutz Gemeinwohl schafft, mal locker vom Kopf auf die Füße gestellt: Auch und besonders Gemeinsinn schafft Gemeinwohl. Dabei müssen sich kommerzielle Interessen und Idealismus keineswegs im Weg stehen.

Besonders in der frühen Phase von Firefox unterstützten auch große IT-Unternehmen das Mozilla-Projekt, um eine Monopolstellung von Microsoft zu verhindern, sogar noch heute gehört der IT-Gigant Google zu den Förderern. Im Kern des proprietären Apple-Betriebssystems OS X wirkt Free BSD, eine freie, unixartige Software. Apache, als weitestverbreitete Webserver- Software quasi Industriestandard, wird als Open-Source-Software von einer ehrenamtlich arbeitenden Community von Entwicklern produziert. Die Liste solcher Beispiele ließe sich endlos fortsetzen, und würde man aus unserem digitalen Alltag auf einen Schlag alle „Freie Software“, alle ungeschützten Standards eliminieren, käme es zu einem sofortigen Kollaps des Lebens, wie wir es kennen. Alle Internet- und Telefonverbindungen würden zusammenbrechen, alle Computer- oder Smartphone- Displays wären in einem Sekundenbruchteil schwarz. Auch dort, wo man es nicht so leicht vermuten würde, wäre der Schaden immens – etwa bei medizintechnischen Geräten oder Kraftwerkssteuerungen, aber auch bei den elektronischen Handelsplattformen der Börsen.

Ein Mann, der Gewinnstreben und Gemeinsinn elegant zu verbinden weiß, ist der südafrikanische Milliardär Mark Shuttleworth. Zu Reichtum kam er mit Thawte Consulting, einem IT-Unternehmen, das er ursprünglich in der elterlichen Garage gegründet hatte und kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase für annähernd 600 Millionen US-Dollar verkaufte. Mehrere Millionen davon legte er für einen Abstecher ins All an, als er 2002 als Mitglied einer Gast-Crew die Raumstation ISS besuchte. Aber er sponsert seit 2004 auch die Entwicklung von Ubuntu, der mittlerweile gängigsten und wohl benutzerfreundlichsten Variante unter den freien Linux-Betriebssystemen. Sein persönliches „Ubuntu“ (was in der Sprache der Zulu und Xhosa so viel wie Gemeinsinn oder Menschenfreundlichkeit bedeutet) lässt Shuttleworth sich nach eigener Auskunft „einige Millionen Dollar im Jahr“ kosten, um angemessen Dank abzustatten für seinen unternehmerischen Erfolg.

Denn auch der hatte damit zu tun, dass andere ihr geistiges Eigentum zur allgemeinen Verfügung stellten, statt es rechtlich zu schützen und kommerziell auszuwerten: „Linux gab mir die Möglichkeit, mit den besten Firmen der Welt zu spielen, ohne Hindernisse zwischen mir und dem Erfolg. Das hat mich zum Milliardär gemacht; dadurch konnte ich in das Weltall fliegen und viele andere wundervolle Dinge tun.“

Als Nachklapp zu diesem Text steht der oben schon angekündigte Satz:

Der Autor schrieb diesen Beitrag mit LibreOffice, dem freien Software-Paket der Document Foundation (http:// challenge.documentfoundation.org/de/).

Daher sei an dieser Stelle noch nachgetragen, dass die hier entstandene Seite auf der Basis von SPIP 2.1.10 [17657] geschrieben und publiziert wurde - auch dies eine freie Software im Sinne der GNU Public License. [3]

Anmerkungen

[1Zunächst fehlte eine Seite, so dass der Kopierer nochmals in Betrieb gesetzt werden musste.
Die Seite 51 dagegen "fehlt" auch weiterhin, da auf ihr offensichtlich eine Anzeige geschaltet war...

[2Zumal davon ausgegangen werden darf, dass er diesen Text zwar mit einer freien Software der Document Foundation (s.u.) geschrieben, aber nicht für "Umme" dem Verlag zum Abdruck bereitgestellt haben wird - im Gegensatz zu all den Artikeln dieser seit dem 1. Januar 2004 gestarteten Online-Publikation.

[3Weitere Information dazu unter http://www.spip.net.de.


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