Das Treffen in Schmöckwitz

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 14 Uhr 07 Minuten

 

Wenn es etwas gibt zwischen einer Akademie-Tagung und einem Extra-Universitären-BarCamp, dann ist es dieses Treffen in Schmöckwitz

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Die Kurzfristigkeit der Einladung hatte dabei auch ihr Gutes: zur Improvisation gezwungen zu sein, Risiken eingehen zu müssen - und sich selbst mit den eigenen Thesen auf den Prüfstand stellen zu müssen.

In diesem Fall ging aus eigenem Willen die Herausforderung so weit, dass mit Beginn des sogenannten Impuls-Vortrages und anch der Installation von Rechner und Beamer das im Geviert sitzende Publikum gefragt wurde:

"Power-Point-Präsentation oder ’ohne’".

Und als sich die Mehrheit der Anwesenden tatsächlich dafür entschied, diesem Vortrag lieber ohne den Einsatz dieser elektronischen Präsentationsvorlagen folgen zu wollen, gabe es zugleich eine weitere Entscheidung:
— den Rechner zuzuklappen
— eine weisse Seite aufzurufen und diese im Verlauf der Darstellung nach und nach mit Stichworten auszustatten.

Die Entscheidung, letzteres zu tun, fand zunächst einmal die Zustimmung des "Überraschtseins", denn das hätte man sich jetzt nicht gedacht, dass eine solche elektronische Folie auch interaktiv und sozusagen "on-the-fly" würde genutzt werden können.

Und dennoch war diese Entscheidung zwar clever, aber letztendlich nicht wirklich konsequent.

Konsequent wäre es gewesen, den Projektor auszuschalten, von seinem Platz aufzustehen und sich mit den dafür vorbereiteten Fragen und den aus den zu erwartenden Antworten abgeleiteteten Thesen an sein Publikum zu wenden.

Dieses nicht getan zu haben, war ein Fehler. Und es war zugleich ein grosser Vorteil dieser Veranstaltung, diesen machen zu können.

Der Vortragende als Dialogpartner, der sein Reden aus den Konsequenzen dieses Dialoges ableitet und das alles in 15 Minuten: eine wahrlich interessanten Herausforderung.

Wichtig wäre es aber gewesen, dafür eine Form zu finden, die nicht "einfach" auf die Rituale des klassischen Vortrages zurückverfällt, sondern die es ermöglicht, diesen Dialog so zu organisieren, dass zunächst einmal geklärt wird, ob für die Anwesenden die eigene Fragestellung überhaupt nachvollziehbar ist. Ob der Funke der Neugier nach einer Antwort überhaupt auf diese überzuspringen vermag. Und: Ob eine solche Antwort zu einer so komplexen Frage und so kurzer Zeit überhaupt vermittelt werden kann.

Und so war es gut, dass beim Abendessen das Gespräch in kleiner Runde weitergeführt werden konnte. Und dabei von einem der Teilnehmer ein wunderbares Bild für die scheinbare Verkehrung von Privatheit und Öffentlichkeit zur Sprache gebracht wurde.

Von einem Radiosender ausgesucht, mit seiner Frau einen ganzen Tag lang in einem Schaufenster eines berliner Kaufhauses als lebende "Schaufensterpuppen" platziert zu werden, machen die beiden hinter der Scheibe während dieses Tages die auch für sie selber überraschende Erfahrung eines hohen Grades an Privatheit und persönlicher Nähe: Endlich haben sie - im Angesicht des Strassenpublikums - einen ganzen Tag Zeit für sich "allein" sein und von den Kindern ungestört einander zuhören zu können, wannimmer im Verlauf dieses Tages dem Anderen zu Reden zu Mute ist. [1]

Was für eine wunderbare Geschichte: Dass im Lichte der Öffentlichkeit eben durch dieses Arrangement einer öffentlichen Darstellung zugleich der Rahmen für eine Art der Nähe und Privatheit zur Verfügung gestellt wird, wie er sich sonst im alltäglichen Miteinander nicht anbieten würde.

Anmerkungen

[1Der Hintergrund dieses Ereignisses ist in der folgenden Meldung des 21. berlinhochzeit.de Newsletter vom 26.01.2009 festgehalten:
Seit einigen Tagen wird das Stadtbild von Berlin um ein Plakat bereichert, auf der eine boxende Braut mit wild entschlossendem Blick posiert, untertitelt mit "Die Braut, die sich was traut". Als "Berlins verrückteste Radio Aktion" angepriesen, möchte sich der Radiosender 94,3 rs2, wieder mehr ins Bewusstsein der Radiohörer bringen.
Zehn Brautpaare machen Sich morgens in einem zum Studio umgebauten Schaufenster der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz zum Kasper und eines davon gewinnt eine Hochzeit im Wert von 10 000 Euro
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