History, Memories & Serendipity

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 13 Uhr 42 Minuten

 

I.

Als einer der ersten Nutzer der neu eröffneten Staatsbibliothek zu Berlin ist es ein ganz besonderer Moment, wenn es einen neuen Anlass gibt, an diesen alten – und damals ganz neuen – Ort des eigenen Wirkens zurückzukehren.

Sicher, vieles hat sich seit jenen ersten Jahren verändert, nicht so sehr die Architektur selber, wohl aber die Nutzung des Gebäudes und seiner Liegenschaft. [1]

Hier der Anlass: die Eintragung auf der Webseite www.europeana1914-1918.eu als Teilnehmer am Projekt: „Europeana – Erster Weltkrieg in Alltagsdokumenten“ unter Anerkennung der folgenden "Europeana Bedingungen für Benutzerbeiträge"

" Benutzern, die Inhalte und Metadaten auf der Website der
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Falls Sie mit diesen Grundsätzen nicht einverstanden sind, fügen Sie bitte keine Inhalte und/oder Metadaten zu Europeana hinzu."

II.

Schon vor dem Eingangsbereich war im Aussenbereich in einer Glasvitrine ein Plakat ausgehängt, das auf das Projekt und diesen heutigen Tag verwies. Und gleich am Eingang waren Hinweistafeln aufgestellt, die den Besucher auf einen durchaus ausladenden und von der ersten Anmutung nicht gerade einladenden Raum im Souterrain verwiesen.

Dort waren am Eingang – für Besucher (rechts) und Presse (links) - zwei Tische aufgestellt, an denen die Neueintreffenden hätten begrüsst werden können – wenn denn dort jemand gesessen hätte. Aber es hatte gerade erst zehn Uhr geschlagen und man war offensichtlich noch mit dem Aufbau und der Einrichtung der notwendigen Installationen beschäftigt.

Etwas unschlüssig und mit neugierigem Blick vor einigen hinabführenden Stufen stehend, wurde der Berichterstatter von einem aufmerksamen Mitarbeiter entdeckt, angesprochen und als „early bird“ an einen der weiten inzwischen schon aufgestellten Tische im inneren des Raumes zum Gespräch eingeladen.

III.

So sitzen sich alsbald Mitarbeiter und Nutzer des Europeana-Angebotes gegenüber und beginnen, sich auszutauschen. Das Anliegen wird am Beispiel der mitgebrachten Unterlagen belegt und konkretisiert, diese werden gesichtet, kommentiert und in einem Fragebogen erfasst. Darin werden die Daten des Eigentümers der Sachen festgehalten, die Sache selber beschrieben und kommentiert – so dass aus diesen schriftlich festgehaltenen Hinweisen später auch die Legende für das im Netz Auszustellende erstellt werden kann.

Der Nutzer erklärt sich mit einem Kreuz und seiner Unterschrift bereit, die Nutzerbedingungen anerkannt zu haben [2]

Und er gibt mit einem weiteren Kreuz und derselben Unterschrift seine Zustimmung, dass die Gespräche zur Sache und zu dem Hintergrund des Mitgebrachten nach ihrer Aufzeichnung auch – zumindest in Ausschnitten – mit ins Netz gestellt werden können. [3]

Soweit, so gut. Alles verläuft nach Plan. Und so gar noch besser als dieser, da das Gespräch über den formal gesetzten Rahmen deutlich hinausgeht. Und auch das ist gut so.

Schliesslich werden aus dem mitgebrachten ersten Band des insgesamt fünfbändigen Konvoluts die jeweils ersten und die letzten zehn Seiten von einem Fotografen aufgenommen – und damit digitalisiert. [4]

Das Ergebnis ist heute zu sehen unter dem Link:
http://www.europeana1914-1918.eu/de/contributions/998

IV.

Damit ist der erste Teil der Mission – die als Zielperson und Nutzers dieses neuen Angebotes - abgeschlossen. Und ein zweiter beginnt, der Journalist befragt ein Mitglied der Frankfurter Generaldirektion der Deutschen National Bibliothek und wird ausführlich und mit deutlichem Engagement in der Sache über das Projekt und seine bisherige Entwicklung unterrichtet.

Eigentlich sei man ja mit den ersten Publikumstagen in Frankfurt vor zwei Tagen und jetzt in Berlin noch ganz am Anfang. Man wolle das weiter ausbauen und habe vor, später auch andere Orte ausserhalb von Deutschland zu besuchen.

Bereits an diesem Punkt vermischt sich das Interesse des Journalisten mit dem des Historikers und findet in der Sache Zustimmung. Diese inter-nationale Orientierung des Projektes erlaube es, auch in anderen Ländern „des Feindes“ solche Dokumente zu sichten, zu dokumentieren und zu publizieren – um diese sodann auf einer gemeinsamen Plattform aus- und zur Verfügung zu stellen.

Und – im Gegensatz bzw. in Ergänzung eines zweiten Projektes zum gleichen Titel, in dem eine Reihe von Bibliotheken mit ihren eigenen Beständen aus jenen Jahren eingebunden würden – sei es hier die ausgewiesene Absicht aller Beteiligten, sogenannten „user generated content“ aufzusuchen, zu erfassen und nach den Regeln der Creative Commons Lizenz auszustellen – und damit im Netz über die Grenzen hinweg zur Verfügung zu stellen.

Schon der erste Publikumstag in Frankfurt habe gezeigt, dass dieses Angebot von der Bevölkerung offensichtlich angenommen würde – und der der mehr als dreistündige Aufenthalt in der Zeit von 10 bis 13 Uhr lässt vermuten, dass sich Gleiches auch für Berlin wird sagen lassen können.

V.

An all den nach den umfangreichen Erläuterungen besuchten Stationen – in der zwei- wie dreidimensionale Objekte erfasst werden, mit einem Scanner oder mit einer Kamera – treffen immer wieder neue aus der eigenen Familiengeschichte freigegebene Dinge und Dokumente ein, die zur Veröffentlichung freigegeben werden.

Dabei wird ganz offensichtlich von den MitarbeiterInnen grosse Mühe darauf verwandt, sowohl mit den Menschen ausführlich über das von Ihnen beigebrachte Material zu sprechen, als auch das Material selber mit grosser Sorgfalt und Achtung zu behandeln.

Eine der Mitarbeiterin aus Oxford berichtet, sie habe sogar extra in Vorbereitung für diese Aufgabe noch einen Deutschkurs belegt, um diesen Dokumenten zumindest im Ansatz her gerecht zu werden.

Es ist wird aber auch deutlich, dass mit aller Sorgfalt für die Menschen und das Material auch die Frage der Urheberrechte nicht ausser Acht gelassen wird.

So gibt es einen „Fall“ in dem eine Reihe von Fotos beigebracht werden, die sich zwar im Familienbesitz befinden, aber von Dritter Seite erworben worden waren, Ansichtspostkarten zum Beispiel. Und in einem solchen Fall – so wurde im Kreis der MitarbeiterInnen entschieden – würden diese Art der Dokumente nicht mit erfasst werden können.

VI.

Je länger die Anwesenheit an diesem Ort währt, desto spannender wird das ganze Projekt. Es kommt nach und nach zu immer weiteren Gesprächen mit immer weiteren Mitarbeitern, auch aus England, von wo aus die ganze Initiative ausgegangen ist. Und je länger die Gespräche andauern, desto weniger wird an dieser Stelle darüber berichtet werden. Zumal auch nicht verheimlicht wird, mit welchen grossen Schwierigkeiten sich dieses Projekt gegenüber anderen „etablierten“ Ansätzen in diesem Umfeld zu erwähren hat, unter welchem öffentlichen Druck dieser neue Ansatz steht – gerade weil er sich der Öffentlichkeit ausdrücklich gegenüber öffnen und den institutionellen Rahmen ein gutes Stück weit verlässt – ohne dabei auf die besonderen Qualitäten und Erfahrungen eben dieser Arbeit in den Institutionen verzichten zu wollen – im Gegenteil.

Es ist ganz offensichtlich zu spüren, wie mit den Herausforderungen der Digitalisierung viele andere Herausforderungen einhergehen, die sich nicht länger nur Eins-zu-Eins in dem Rahmenplan der bisherigen Arbeit abbilden und bewältigen lassen. Und es ist besonders angenehm verspüren zu können, dass hier nicht auf die aktuellen Buzzwords von „user generated content“ bis „social networks“ ad hoc reagiert sondern ein sehr sorgfältig ins Leben gerufener Plan inszeniert wird, der auf diese neuen Entwicklungen nicht nur reagiert, sondern ihnen einen eigenen Stempel aufzudrücken in der Lage sein könnte.

VII.

Eben dieses Engagement weckt eine Reihe von neuen Fragen, die aber an dieser Stelle zunächst einmal zurückgestellt werden müssen, um das eh’ schon grosse Engagement nicht zu überfordern. Dennoch bleibt die Hoffung und die Frage, ob und wie es gelingen könnte, die jetzt erfassten Bilder und Textdokumente so zu analysieren, dass sie auch für eine weitere vergleichende Forschung zur Verfügung gestellt werden können.

Diese Fragen richtet sich sowohl an jene die sich mit der Mustererkennung in den bildlichen Darstellungen beschäftigen, als auch an jene, die sich darin versuchen wollen, sich den oft nur schwer „lesbaren“ Texten mit einer dafür geeigneten OCR – Spracherkennungssoftware – nähern zu wollen. Aufgaben, die bei vielen handschriftlichen Eintragungen ganz offensichtlich derzeit noch scheitern müssen, die aber selbst bei der Erfassung und Auswertung von maschinenschriftlichen Texten schnell an ihre aktuellen Grenzen stossen.

VIII.

Zum Ende der Aufenthalts kommt es dann zu einer Begegnung mit der eigenen in diesem Dokumenten aufgehobenen Geschichte der ganz besonderen Art. Daher auch der dritte mit Serendipity überschrieben Teil dieses Artikels.

Die selbst mit eingebrachten Seiten waren Textauszüge aus dem maschinenschriftlich erstellten Tagebuch des Grossvaters Wilhem Siegert, der massgeblich zur Entwickung und Durchführung der Militärluftfahrt im ersten Weltkrieg beigetragen hatte.

Und dann, als Beobachter an einer der Scannerstationen, wird dort Material eines Fliegers eingescannt, der offensichtlich eben diesen Mann zum Vorgesetzten gehabt hatte. In einer der beigebrachten Dokumente ist sein Name als Autor wieder zu finden.

Nichts hätte ferner gelegen, als eine solche Koninzidenz an diesem Ort und mit diesem Dokumenten erwartet zu haben. Sie hat sich ergeben – „nur“ durch Zufall?

IX.

Hierzu etwas zu schreiben, wäre schon wieder einen eigenen, weiteren Text wert gewesen. Er muss warten, angesichts der unmittelbar bevorstehenden Reise in die USA [5]

Vielmehr wurde die Gelegenheit gesucht – und gefunden – diese eine Seite eingescannte und damit für die Nutzung freigegebene Seite schon vor ihrer demnächst anstehenden Veröffentlichung in der Europeana dem eigenen Lesepublikum dieser Publikation an dieser Stelle vorab vorstellen zu können.

X.

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"Flugregeln" von W. Siegert

Anmerkungen

[1Auch der einst allen früh eintreffenden Nutzern noch zur Verfügung stehende Parkplatz vor dem Haus ist heute mit eine Schranke versperrt und steht nur noch behinderten Personen zur Verfügung, die mit ihren Wagen ankommen. Und das ist gut so.
Die Möglichkeit, gegenüber zu Parken, war dann allerdings schon am frühen Morgen kostenpflichtig – und musste, ersatzweise, auf diese Art und Weise finanziert werden. [Anlage folgt].

[2Es hat aber an diesem Ort keine Möglichkeit, diese selber einsehen zu können. Der Hinweis, dass man diese ja „im Netz“ einsehen könne, ist hilfreich, aber nicht ausreichend. Auch dann nicht, wenn voraussichtlich keiner an diesem Tag gerade an diesem Punkt irgendwelche Bedenken anmelden wird. Und in diesem konkreten Fall nicht von Bedeutung, da die Bedingungen sehr wohl einige Tage zuvor schon „im Netz“ eingesehen worden waren.

[3Was in diesem Falle nicht geschieht. Vielmehr gibt es Überlegungen, ob ersatzweise dazu eine bereits vor Jahren für den SFB produzierte Radiosendung an dieser Stelle als Audio-File eingebracht werden könne.

[4Hier dazu zwei Fotos, die diesen Vorgang dokumentieren:

JPEG - 19 kB
Vorbereitungen zur Aufnahme von Tagebuchseiten aus den Aufzeichnungen des Wilhelm Siegert
JPEG - 29.9 kB
Eine Doppelseite aus dem Tagebuch von Wilhelm Siegert wird abfotografiert

.

[5Wo dieser Text auch erst in dieser ersten vorläufigen und noch unbebilderten Fassung fertiggestellt werden konnte. WS.


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