Arbeit adelt

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 13 Uhr 30 Minuten

 

UngewöhnlICH

Ja, es ist ungewöhnlich, sich mit einem eignene Text in eine aktuelle Debatte einzuschalten. Aber als selbst in der Lotto-Toto-Annahmestelle beim Brötchenholen die morgendlichen Kaffeetrinker sich darüber das Maul zerreissen, warum es denn ein Minister nötig gehabt habe, abzuschreiben, ist klar, dass dieses Thema nicht mehr das einer Einzelperson ist, sondern, das dieser Einzelfall für eine ganz andere Art von gesellschaftlicher Befindlichkeit steht, die bislang trotz der vielfältigsten Stellungnahmen, Kommentare und Diskussionen überhaupt noch nicht mit ans Licht gefördert wurde.

StaatlICH

Was die meisten Menschen in den geführten oder mitgehörten oder publizierten Gesprächen immer wieder verwundert hat, ist die Frage, warum es denn "so jemand" wie der Freiherr von Guttenberg überhaupt nötig gehabt habe, zu promovieren. Mehr noch: Selbst die Bundeskanzlerin hat ja frank und frei zu Protokoll gegeben, dass sie sich den Mann wegen seiner politischen Qualifikationen ins Kabinett geholt habe und nicht, weil er promoviert sei.

AdelICH

So weit, so "gut". Bleibt es zu klären, was des Volkes-Stimme fragt: Warum muss sich eine Mann aus dem Adelsgeschlecht neben seinem aus der Geschichte seiner Familie ererbten Titel noch einen weiteren erwerben wollen, zumal ihm das angeblich nur in so mühevoller Kleinarbeit und unendlich viel Stress möglich gewesen war? Dass dieses notwendig war, um auf diesem Wege einen gültigen Ersatz für das nicht abgelegte zweite Staatsexamen zu erhalten, macht Sinn, kommt aber als Argument nicht wirklich an.

StattlICH

Anno dazumal war es allein der Adel, der die staatstragenden Figuren stellte. Als der Stände-Staat die Macht übernahm, war damit aber der Abschied vom Adel als der mentalen Leitungsmacht nicht wirklich vollzogen worden. Keine Revolution, keine Aberkennung von Titeln, keine Enteignungen, keine Vertreibungen... es bedurfte vielmehr des Krieges und des DDR-Staates, dass ein Teil jener Macht-Mittel zum Einsatz gebracht wurden, die das Volk gegenüber ihrer Herrschaft nie voll zum Einsatz gebracht hatte.

UnglaublICH

Und jetzt geschieht das Unglaubliche: Ein Adelinger strebt nach einer jener Kronen, die die bürgerliche Welt noch zu vergeben hat. Und entledigt sich dieser dann selbst, als in der Öffentlichkeit festgestellt wird, dass sie aus Falschgold gefertigt wurde. Schliesslich sind seine ererbten Prädikate von anderer Natur als das, was er sich erarbeitet hat (oder sich hat erarbeiten lassen?).

BürgerlICH

Es ist eine Binsenweisheit, dass der deutschen Titel-Wahn (der nur noch in Österreich übertroffen wird) damit zusammen hängt, dass sich die Individuen einer bürgerliche Gesellschaft Prädikate zusprechen und öffentlich ausstellen lassen, die sie sich durch ehrliche und anständige Arbeit und zum Wohle der wissenschaftlichen Erkenntnis erworben hat.
Die gelungene Promotionsabsicht eines Adelligen hat zwar kein "Geschmäckle", kann aber doch dahingehend interpretiert werden, dass es jemand geschafft hat, durch diese Art der formal anerkannten wissenschaflichen Qualifikation aus seinen historischen und familären Traditionen heraus zu emanzipieren.

VoraussichtlICH

Dass der Mann seinen Titel verlieren und sein Amt als Minster behalten werde, ist ja schon an früherer Stelle behauptet worden (als die Entwicklungen so noch nicht absehbar gewesen waren - sic). Und auch alle Anfeindungen, die ihm heute im Bundestag entgegenschlagen, werden an dieser Entwicklung nichts mehr ändern. (Es sei denn, es findet sich ein Lohnschreiber, der öffentich zu Protokoll gäbe, dass er im Auftrag des Adeligen als Lohnschreiber die Arbeit verfasst habe. )
Geschieht dies nicht, bleibt der Mann unanfechtbar: Denn es gelingt ihm das Gesetz des Handels in der Hand zu behalten, jenseits aller Usancen. Jeder weiss, dass man einen Doktortitel nicht von sich aus zurückgeben kann. Aber, da er es getan hat, hat der seine Alma Mater in den Stand versetzt, ihm den Titel kurzerhand abzuerkennen, ohne noch länger nach den Gründen und weiteren Begründungen suchen zu müssen. [1]

UntauglICH

Mit der Rückgabe des Doktortitels ist die Emanzipation des Adelige in die bürgerliche Gesellschaft aber nur vordergründig gescheitert.
Dass er mit seinem Tun ("Wir schummeln doch schliesslich alle mal") und mit seinem Reden ("Was wollen sie denn, er hat sich doch aufrichtig entschuldigt") nach diesem Desaster noch mehr Zuspruch erfährt als je zuvor macht klar, dass diese unsere Gesellschaft selbst immer noch nicht jene Emanzipation erfahren hat, von der sie selber sagt, wie sehr sie sie bräuchte - bräuchte, um auf Dauer vor jenen Gefahren gefeiht zu sein, die sie einst mit dem "Dritten Reich" ins Verderben getrieben hat.

GlücklICH

Wir sollten glücklich sein, so jemanden wie den Frei-Herren auch in der bürgerlichen Welt zur Geltung kommen zu lassen. Seine Fehler (als Plagiator) machen ihn menschlich. Seine Rede (vom Krieg in der Fremde) klingt ehrlich. Seine Verfehlungen (im Wissenschaftsbetrieb) sind nicht tödlich. Oder sind sie es - in seiner Rolle als Bundesminister der Verteidigung - doch?

WS.

NachträglICH

Dieser Text ist in Unkenntnis einer Reihe von anderen Meinungsäusserungen verfasst worden, auf die der Autor in der Folge der Veröffentlichung dieser Zeilen aufmerksam gemacht wurde.

Hierzu vier ausgesuchte Quellen:

I.

Nachsatz von Thomas Hartung in: 10 Emotionalien zur Causa Guttenberg. Eine plagiierte Empörung im Leser-Artikel-Blog von Zeit-Online vom 23. Februar 2011, 23.24 Uhr:
"Der Autor möchte sich noch bei zwei Personen bedanken: bei Dieter Wonka für sein engagiertes Auftreten in der BPK und bei Lutz Hachmeister, der dazu aufrief, den eigenen „Dr.“-Titel so lange nicht zu führen, wie Guttenberg noch als Minister dieses Land vertritt. So sehr der Autor diese Haltung bewundert, so sehr beansprucht er das Gegenteil: Jetzt gerade werde ich meinen Titel in die Wagschale werfen."

II.

Die Blogseite mit dem Namen "Forschungsmafia.de" und auch Über den Promotionsbetrug der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder… einiges zu sagen hat.

III.

Das Promo-Video der Universtität Bayreuth [2], in dem der ehemalige Student und Absolvent erklärt:
"Sie stehen vor zwei Entscheidungen: Die Erste: Was soll ich studieren? Jura. Es lohnt sich. Die zweite: Wo? Fraglos nur ein Ort: Bayreuth. "


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Zuletzt vorgeführt in der Sendung von Harald Schmidt in der ARD am Donnerstag, den 24. Februar 2011

IV.

Die heute-Show vom 18. Februar 2011 mit einem eigenen Beitrag aus Anlass der Presse-Erklärung des (Selbst-)Verteidigungsministers vom gleichen Tag.


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V.

Am 6. März 2011 erscheint in der Welt ein Text von Henryk M. Broder unter der Überschrift

Guttenberg und das "Drama des begabten Kindes" und das "Drama des begabten Kindes"

zitiert aus dem Vorwort seiner Dissertation

Wie oft wurde der Kairos der Fertigstellung durch freiberufliche wie später parlamentarische ,Ablenkung’ versäumt, bevor die Erkenntnis dieses traurigen Faktums einer bemerkenswerten Mischung aus eherner professoraler Geduld (wie Liebenswürdigkeit), sanftem, aber unerbittlichem familiären Druck und wohl auch ein wenig der beklagenswerten Eitelkeit weichen durfte.

Und kommentiert:

So hört es sich an, wenn ein begabtes Kind zugibt, dass es eigentlich keine Lust hatte, eine Arbeit zu schreiben, und eigentlich viel lieber mit anderen Kindern auf der Straße spielen wollte. Selbst in solchen Momenten bewahrt Guttenberg die Contenance der gebildeten Stände und spricht von einem „Kairos der Fertigstellung“, obwohl er ebenso gut auf das altgriechische Wort verzichten und einfach „Zeitpunkt“ sagen könnte.

Interessanter aber noch das auf der Welt-Online-Seite ebenfalls zur Darstellung gebracht Foto einer Demonstration, in der ein weisses Plakat mit dunkelroter Schrift hochgehalten wird auf dem steht:

"GUTTENBERG MUSS KAISER WERDEN"


VI.

Am Abend des 11. Mai wird im Rahmen der Sendung FAZIT ein Beitrag zum Thema Titelsucht ausgestrahlt, nachdem es eine weitere Kanditatinnen gibt, die nunmehr ebenfalls des Abkupferns bezichtigt werden: Frau Veronica Saß, geborene Stoiber, die 2008 zur Frage der "Regulierung im Mobilfunk"am Fachbereich für Rechtswissenschaften der Uni Konstanz promovierte, und Frau Silvana Koch-Mehrin. [3]

Der Beitrag macht mit den folgenden Zeilen auf:

Der Mensch ist bekanntlich ein Säugetier aus der Ordnung der Primaten und wird zu den Trockennasenaffen gezählt. Weshalb es sich aufdrängt, die abnorme Titelsucht gerade im Biotop Deutschland - einst der natürliche Lebensraum von Dichtern und Denkern - evolutionsbiologisch zu erklären. Und das ist gar nicht so schwer.

Indem sich die Trockennasenaffen Karl-Theodor zu Guttenberg, Veronica Saß, geborene Stoiber, und wohl auch Silvana Koch-Mehrin ihre Doktortitel ermogelt haben, haben sie sich äußerlich zu dem gemacht, was sie der Substanz nach gerade nicht sind: Nämlich zu akademisch-intellektuell hervorragenden Wesen, begabt mit geistiger Schärfe und Originalität, standfest bei der Arbeit am Text, seriös in der Methodenwahl, und so weiter.

Und er schliesst mit den Worten:

Dass die Uni Bayreuth als lange Zeit stolze akademische Heimat von zu Guttenberg jetzt offiziell bestätigt, was seit Monaten jeder bei WikiPlag nachlesen kann, erscheint redundant; dass die Wissenschaft ihre Selbstreinigungskräfte feiert, geradezu komisch.

Dass das GuttenPlag-Wiki jedoch für den Grimme-Online-Award vorgeschlagen wurde, ist konsequent und wenig überraschend. Die kulturelle Evolution belohnt die Sieger halt schneller als die biologische.

Karl-Theodor zu Guttenberg indessen darf sich brüsten, in der Geschichte der Mimikry der Trockennasenaffen mehr zu sein als eine bloße Fußnote. Vielleicht wird man einst sagen: Er war der letzte Prominente seiner Art, der es mit dem ganz billigen Plagiat versucht hat. Danach war keiner mehr so blöde.

Arno Orzessek in "FAZIT", DeutschlandRadioKultur, 11. 5. 2011

 [4]

Anmerkungen

[1Hier der Wortlaut des Schreibens der Verteidigungsminister zu Guttenberg*) an die Universität Bayreuth, so wie er von der FAZnet am 22. Februar 2011 online zur Verfügung gestellt wurde:

Mit diesem Schreiben möchte ich Sie bitten, die Verleihung meines Doktorgrades zurückzunehmen. In den letzten Tagen habe ich meine Dissertation nochmals gründlich überprüft. Dabei kam ich zu dem Ergebnis, dass mir bei der Erarbeitung gravierende handwerkliche Fehler unterlaufen sind, die ordnungsgemäßem wissenschaftlichen Arbeiten widersprechen. Die Arbeit besitzt nach meiner Überzeugung dennoch einen wissenschaftlichen Wert. Eine Ursache für mein Fehlverhalten ist darin zu sehen, dass ich über einen zu langen Zeitraum, über sieben Jahre hinweg mit zahlreichen Unterbrechungen an der Arbeit geschrieben und offensichtlich den Überblick über die Verwendung von Quellen teilweise verloren habe. Eine abschließende Stellungnahme kann ich im Moment leider noch nicht abgeben. Aber festhalten will ich doch, dass ich zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht habe. Dieser Schritt ist für mich besonders schmerzhaft, aber er ist eine Konsequenz aus meinen Fehlern. Er ist auch notwendig, um bereits eingetretenen Schaden für den hervorragenden Ruf der Universität, für meinen überaus honorigen Doktorvater und für meinen so geschätzten Zweitkorrektor zu begrenzen. Zum anderen verlangt mein Amtsverständnis, das ich mich mit ungeteilter Aufmerksamkeit den großen Herausforderungen meines Ministeriums annehme. Aus den genannten Gründen bitte ich die Promotionskommission der Universität Bayreuth, meiner Bitte um Rücknahme der Verleihung meines Doktorgrades zu entsprechen und danke Ihnen sehr für Ihre Bemühungen.
Karl-Theodor zu Guttenberg

*) Nach den vorliegenden Informationen ist dieses Schreiben auf einem Briefbogen des Ministeriums gedruckt und versandt worden. Auch dies ist: Unglaublich, aber wohl wahr...

[2Hier das Original:

Sie stehen vor zwei Entscheidungen...
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[3Ein Umstand, der vom Medienwissenschaftler an der TU-Berlin, Prof. Dr. Norbert Bolz am 12. Mai im Gespräch mit Friedbert Meurer vom Deutschlandfunk als insgesamt keine so überraschende Entwicklung gekennzeichnet wird.

Denn nicht nur Guttenberg und Koch-Mehrin seien getrieben "von dem Wunsch, dieses Statussymbol Doktor sich an die Brust zu heften" aber wie sie hätten auch viele Andere keine Zeit, "um tatsächlich selbstständig wissenschaftlich zu forschen".


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