Berlinale: Das Archiv lebt

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 13 Uhr 28 Minuten

 

Christoph Mücher, Pressesprecher der "Goethe-Institut" Zentrale in München und Stefanie Schulte Strathaus vom "Arsenal – Institut für Film und Videokunst" haben für den heutigen Tag eine gemeinsame Presse-Erklärung aufgesetzt [1]. Anlass ist die Einladung zu einer Gesprächsrunde im Rahmen des Berlinale-Programms „Forum Expanded“ im Arsenal mit Vertreterinnen des „Arsenal – Institut für Film und Videokunst“ und des n.b.k. Video Forums, um mit Filmemachern und Künstlern unter dem Titel „Open Archives“ über die Bedeutung und Perspektiven von künstlerisch ausgerichteten Film- und Videoarchiven in der Gegenwart zu diskutieren. [2]

In diesem Zusammenhang ist es gut und nützlich auf der entsprechenden Berlinale-Seite nochmals den kurzen Rückblick auf die Entstehungs-Geschichte des Forums selber nachzulesen.

Was dort nicht nachzulesen ist, dass sich im Jahr 1988 von diesem nun schon selbst zu einer Institution gewordenen Internationalen Forum des Jungen Films wiederum ein eigenständiges Nebenprogramm abgespaltet hat: das VideoFest. Damals ging es - kurz gesagt - um die Frage, ob auch die elektronischen Medien Teil des Berlinale-"Film"-Festivals sein könntenn. Die Antwort war damals derart zurückhaltend, dass sich die "medienoperative berlin e. V." (mob). [3] dieses Themas annahm und daraus nach und nach eines der weltweit grössten VideoFilmFestivals entwickelte.

Nach einem Jahrzehnt "VideoFest" ward die "transmedia" und dann die "transmediale" geboren - und 2012 wird dieses Festival zum 25. Mal , sodann erneut unter neuer Leitung [4] ausgerichtet werden.

In diesem Zusammenhang wäre es spannend nachzufragen, ob dieser Rückblick zugleich Anlass geben könnte, um gemeinsam mit der Berlinale in die transmediale Zukunft der Film-Medien-Kunst schauen zu können.

Nicht ohne Grund sind ja die Veranstaltungstermine der "transmediale" wieder in den zeitlichen Vorhof der Berlinale zurückverlegt worden. Und nachdem nun endlich das Thema des Film in der digitalen Welt angekommen ist, könnte es von hohem Reiz sein, hier Brücken zu schlagen zwischen zwei Welten, die sich scheinbar so nah und doch von ihrer Geschichte nach wie vor so fern sind.

Der Vorschlag: Anstatt die Berlinale Keynotes so sang- und klanglos einschlafen zu lassen - als Themen der letzten Jahre wurden angesprochen: "Die Zukunft der Filmwirtschaft im digitalen Zeitalter, die kreativen und strategischen Allianzen zwischen Film, Games und Web 2.0 sowie das Kino der Zukunft" - wäre es doch reizvoll, dass sowohl von Seiten der transmediale als auch von Seiten der Berlinale diese virtuelle gemeinsame Schnittstelle nochmals von beiden Seiten untersucht würde. [5]

Dabei sollte berücksichtigt werden, das die in den letzten Jahren nun auch in der Filmwirtschaft um sich greifenden Digitalisierung auf der transmediale so schon gar nicht mehr ein Thema ist. Dort werden vielmehr eine Reihe von Fragen untersucht, die sich erst dann und für jene stellen, für die die Digitalisierung bereits Vergangenheit ist, die seit jeher (fast) nichts anderes mehr kennengelernt haben als die Welt im digitalen Zeitalter.

Das würde doch Sinn machen:
- mit den Mitteln der Digitalisierung den Zugriff auf die historischen Sammlungen und Archive verorten und öffnen helfen
- und den "digital natives" einen Zugang zu jenen Er-Lebens-Welten eröffnen, die es von ihnen jenseits der Fraktalisierung und vollständigen Zersplitterung von Kontinuitäten, Geschichten und Geschichte erst noch zu entdecken gelten wird.


Dieser obenstehende Text wurde vor Beginn der Veranstaltung verfasst und wird nach dem Besuch der Veranstaltung um die folgenden Zeilen ergänzt:

[Fortsetzung folgt]

Anmerkungen

[1Fast 50 Jahre nach seiner Gründung hat das „Arsenal – Institut für Film und Videokunst“ nicht nur eine 10.000 Titel umfassende Filmesammlung vorzuweisen. Das Archiv spiegelt ein halbes Jahrhundert internationaler Kinogeschichte jenseits des Kommerziellen. Unter der Überschrift „Living Archive“ widmet sich das Arsenal mit mehreren Projekten der Aufarbeitung dieses einzigartigen Archivs. Eines dieser Projekte ist ein Stipendiatenprogramm des Goethe-Instituts für Film- und Videokuratoren aus dem Ausland. Die erste Stipendiatin, Madhusree Dutta, ist Filmemacherin sowie Gründerin und Direktorin eines interdisziplinären Kunst- und Forschungszentrums in Mumbai. Sie beginnt im März mit ihrer Arbeit in Berlin.

Es gibt Filme, die weltweit nur im „Arsenal – Institut für Film und Videokunst“ überlebt haben. Filmkopien altern jedoch. Das gesamte Archiv mit hohem Aufwand zu digitalisieren, ist jedoch nicht zu leisten; dies hieße komplizierte Material- und Rechtefragen zu klären, den filmhistorischen und sammlungsspezifischen Kontext herzustellen und die jeweiligen Filme in ihrer Bedeutung für die Gegenwart zu untersuchen. Um seine Schätze trotzdem so weit wie möglich zugänglich zu machen hat das Arsenal unter der Überschrift „Living Archive“ zahlreiche Aktivitäten geplant. Begonnen hat es mit der Veröffentlichung einer Filmdatenbank (http://films.arsenal-berlin.de/), die zunächst einmal Einblick in die Bestände gibt. Ab der zweiten Jahreshälfte 2011 ist das Teilprojekt „Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis“ geplant: Es sieht vor, Künstler und Kuratoren einzuladen, aus ihrem Interessensgebiet heraus Projekte zu realisieren, die von den Beständen des Arsenal ausgehen. Außerdem sind Kooperationen mit der Ruhr-Universität Bochum, der J.-W.-Goethe-Universität Frankfurt sowie der Freien Universität Berlin geplant [...].

[2OPEN ARCHIVES in Kooperation mit: NBK. Talk mit/with Kathrin Becker, Mathilde ter Heijne, Constanze Ruhm, Stefanie Schulte Strathaus. Moderation: Anselm Franke. Samstag, 19.2., 12:30 Arsenal 1

[3ab 1994 "Mediopolis e.V."

[5Dabei ist nicht gesagt, dass dabei das bisher gepflegte "klassische" Format der Key-Note-Sessions so beibehalten werden muss. Spätestens, seitdem im Verlauf dieser Berlinale-Woche eine Diskussion über das YouTube Angebot für "Celebrity-Created Content" öffentlich gemacht wurde ist klar, dass auch in diesem Sektor kein Stein mehr auf dem anderen liegen bleiben und sich den Veranstaltern eine Reihe neuer Möglichkeiten eröffnen wird.


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