Komparu-Ensemble: Nō (能) - Me - Tangere

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 13 Uhr 18 Minuten

 

Kannitverstan

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Eigentlich ist das alles ziemlich ungeheuerlich, was da an diesem Abend zu erleben ist. Zumindest müssen all jene, die nie zuvor Nō-Theater gesehen haben, mit grossen Erstaunen, wenn nicht mit Befremden wahrnehmen, was sich da vor ihren Augen abspielt. Und was sie dann erst zu hören bekommen... keine Notation könnte schriftlich vorführen, was das auf der Bühne an Tönen und Geräuschen produziert wird. Die Tradition dieses Theater in unseren Breiten und Zeiten vorgeführt - ist und bleibt ein Abenteuer von Geist und Seele.

3 Versuche

Der Versuch, über diesen Abend sogleich nach dem Ende der Veranstaltung zu schreiben, misslang. Zu heftig waren die Schwingungen, die sich da nach nicht einmal einer Stunde Spielzeit auf den Betrachter übertragen hatten. Und zu schwach waren die Worte, die vermocht hätten, diesen besonderen Charakter des Geschehens auf eine Art und Weise zu vermitteln, die sich über den Text hätte transportieren lassen können.

Auch der zweite Versuch, über diesen Abend zu schreiben, findet kein adäquates Ende. Den die Chance eine wirklich sach- und fachgerechte Kritik zu schreiben, ist nach den vielen Jahren „Abstinenz“ vom japanischen Theater, vom Kabuki (歌舞伎), vom Bunraku (文楽) - oder Ningyō Jōruri (人形浄瑠璃) - und insbesondere vom Nō (能) zu gering, als dass es vertretbar gewesen wäre, die dazu gemachten Ansätze an dieser Stelle zur Kenntnis zu bringen.

Und dann der dritte Versuch. Ganz ohne Programmheft. Und ohne Online-Zugang. Und ohne jegliche Referenz zu anderen Quellen. Nur das Nachschwingen im Kopf und in der Seele, das über die ersten Momente des intensiven Erlebens geblieben ist.

Aber es gibt einige Fotos, die vielleicht helfen können zu übersetzten und zu übersehen, was sich dort an diesem Abend im Haus der Kulturen der Welt zugetragen hat.

Das Set(ing)

Wie aus dem Eintrag vom 19. Januar 2011 zu entnehmen ist, gab es zwei Aufführungen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit zwei unterschiedlichen Themenstellungen. Am vorangegangen Tag gab es sozusagen die Aufführung für die „Offiziellen“ und all jene, die zuvor am Empfang in der japanischen Botschaft teilgenommen hatten.

Die Aufführung vom 20. Januar 2011 war gewissermassen die „privatere“ und vielleicht auch die „entspanntere“, auch wenn ein direkter Vergleich Mangels eigener Anschauung nicht möglich ist.

Aber das Thema selbst spricht schon Bände. Ein Prinz der seiner Frau ebenso wie eine zweite Frau von Adel geliebt und dadurch einen schweren Konflikt ausgelöst hat. Ein Konflikt, den nicht er auszutragen hat, sondern in dem die beiden Frauen gefangen sind. Die Gemahlin erkrankt schwer und die Künste aller Ärzte versagen, dass sie offensichtlich von einem Geist besessen ist. Und eben dieser Geist repräsentiert die Geliebte, die aus ihrem Verliess aus den Bergen an den Spielort kommt um ihrem Zorn, ihrem Hass und ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen.

Im Zentrum des Spiels steht die Begegnung der beiden Frauen. Und der Ruf nach Hilfe: repräsentiert durch einen Priester und Zauberer, der es wagen soll – so der Wunsch des Ministers selber – gegen diesen Geist zu kämpfen und so die Kranke von ihrem Leiden zu befreien. Es kommt schliesslich zu einem harten und langen Kampf zwischen Priester und Geist. Und erst, als sich der Geist der Geliebten des Prinzen schliesslich im Ringen seiner Waffen entledigt, kommt es zu dem „guten Ende“. Die Seele der Gequälten kann in den Himmel aufsteigen und die todkranke Prinzessin kann genesen.

Ich sehe/höre was, was Du nicht siehst/hörst

Es ist unglaublich, und hat doch seine eigene Wahrheit. Es gibt kaum etwas auf der Bühne zu sehen, was den Fortgang der Handlung wirklich aus der Darstellung heraus glaubhaft machen würde. Nŏ ist alles andere als naturalistisches Theater. Die kranke Prinzessin tritt als Person überhaupt nicht auf. Sie und ihre Lagerstatt wird durch eines dieser wundervollen Kostüme repräsentiert, das zu Beginn des Stückes im Vorderraum der Bühne zwischen Zuschauern und Schauspielern/Sängern ausgebreitet und am Ende des Stückes von dort wieder weggeräumt wird.

Aber wer glaubt, dieses Kunstwerk von Kostüm wirklich erblicken zu können, wird sich in der Tradition der alten Samurai der Weisheit ertüchtigen müssen, dass es reicht, zu wissen, dass es dieses Meisterwerk eines gewissen Akira YAMAGUCHI wirklich gibt. Und dass es auf der Bühne in seinem goldschimmernden Glanz nur wahrgenommen werden kann, als es vor den Augen des Publikums zum Niederlegen auseinandergefaltet und zum Wegtragen wieder zusammengefaltet wird. – Und auch bei den Handlungsträgern ergeht es einem nicht viel besser. Es bedarf schon einer Kniebeuge, damit man zumindest an den Punkten oberhalb der weissen Schlurfstrümpfe erahnen kann, welche Pracht sich noch unter dem Übergewand verbergen könnte.

Es gibt auch in dem Sprech-Gesang keine einzige Passagen, die wirklich verständlich wäre – und, wie mehrere Japaner unabhängig voneinander berichten, auch ihnen beim besten Willen nicht wirklich verständlich sei (und sie sagen dies mit einem fast schelmischen Lachen und sind dann ganz erstaunt zu erfahren, dass ihr Gesprächspartner schon eine ganze Reihe solcher Aufführungen gesehen – und mit nicht enden wollendem Interesse wahrgenommen – habe.). – Umso hilfreicher die Projektion der Texte, die im Verlauf dieser Darstellungen „versungen“ werden (und deren Herstellung sicherlich ebenso mühevoll war wie der Versuch, an diesem Abend diese auch wirklich synchron mit den Darbietungen auf der Bühne vorzeigen zu können).

Das Geschehen als Gateway

Alles das, was das Äussere ist, ist so un-wichtig, wie es ist. All die Arbeit und Mühe beim Verfertigen von Maske und Kostümen, all das jahrelange Trainieren all der gutturalen Laute und Klänge, der Haltungen und Bewegungen, der Übersetzung von Empfindungen in Gesten… all die Disziplin und Tradition verwandelt sich dennoch in einer Art von Freiheit, die irgendwo zwischen all dem seit Jahrhunderten immer wieder Einstudierten zum Ausdruck kommt.

Gerade weil die Rahmenhandlung einfach ist, das Grundthema in Japan ebenso verstanden wird wie in Deutschland, damals und auch heute noch, ist es möglich, sich auf das Eingehen zu können, was zunächst ganz und gar unmöglich erscheint: die unheilbar Kranke, der Geist der die Lebende quält, der Kampf von „Gut“ gegen „Böse“ und zugleich das Ein- und Zugeständnis, dass die Urasche für alle diese Leid und seine Aus-Wirkungen alles andere ist, als einen böse Tat.

Keine der drei an dieser Dreiergeschichte beteiligten Personen ist auf der Bühne zu sehen. Der Prinz glänzt durch Abwesenheit, seine Frau nur in Stellvertretung ihres Kostüms und die Geliebte in Gestalt ihres Geistes.

Nicht nur, dass in allen Mitteln der Darstellung und des Dargestellten die Reduktion als Grundprinzip gegenüber allem Zufälligen und Nebensächlichen obsiegt, die drei wichtigsten Repräsentanten des Grundkonfliktes treten nicht auf, und machen daher den Konflikt selbst zum Gegenstand.

Und damit entsteht Schönheit – durch Abstraktion. Nicht nur das Individuelle, das Individuum selbst rückt in den Hintergrund. Und gibt damit den Weg frei auf den Blick hinter die Maske: Wer genau hingeschaut hat, wird entdeckt haben, dass die Maske selber verschiedene Ausdrucksformen annehmen kann. Das liegt vordergründig daran, dass sie nach Stellung und Kopfhaltung im Ensemble mit Licht und Körperspiel tatsächlich den Eindruck zu vermitteln scheint, dass sich der Gesichtsausdruck auf den lackfarbenen Flächen des vorgefertigten Gesichtes zu verändern scheint. Das hintergründig Beeindruckende ist es aber, das es so scheint, als wenn wir durch die Maske hindurch in die Seele der von den Darstellern verkörperten Personen sehen könn(t)en.

Die Seele lebt

Eigentlich macht das Betrachten des Nō-Theaters, so gesehen, keine Mühe. Ein Minenspiel, das uns im Nachvollzug weissmachen will, was wir doch eigentlich nicht wahrhaben wollen, Keine Körperfiguren, die uns bedeuten wollen, welche Bedeutung wir dem jeweiligen Zustand der von ihr repräsentierten Person zuzubilligen haben. Gerade der Verzicht auf das vordergründig „Natürliche“ erlaubt es uns nach und nach, der Natur der „Sache“ - ja der Natur selbst - nahe zu kommen. Die Fichte als einziger dekorativer Bühnenhintergrund ist eben nicht nur Dekor. Sie ist Sinn-Bild für das, was nur durch eine solche Art von Spiel zum Ausdruck gebracht werden kann. Je mehr die Zivilisation den Schwertadel in seine Pflichten und Schranken verweist, desto mehr gilt es Formen zu er-finden, in denen zum Ausdruck gebracht werden kann, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Die Natur des Menschen und der Mensch in der Natur stehen nach der Massgabe solcher artistischer Vorgaben nicht länger im Widerspruch, sondern das Eine drückt sich in der Setzung des Anderen aus. Dass am Ende des Schauspiels die beleidigte und rebellierende Seele der Geliebten zur Ruhe kommt wird in dem Sinne inszeniert, dass sie in Lage ist, in den Himmel aufzufahren. Ihre „Niederlage“ im Kampf gegen den Geistlichen ist zugleich die Voraussetzung für ihre „Auferstehung“.

Aus Sky wird Heaven

Jetzt konnte doch etwas von der Aufführung den damit verbundenen Erfahrungen und Reflektionen mitgeteilt werden. Und es ist, als wenn im Verlauf dieser Spiel- und Gesangs-Stunde plötzlich der Himmel aufgebrochen ist, als wenn all der Glanz der Kostüme und die Reflektionen von Trommel, Flöte und Gesang zu nichts anderem eingeübt worden waren, um den Weg freizugeben auf all das, was auf einer noch so tollen Bühne mit noch so tollen Schauspielern nicht gezeigt und vertont werden kann.

Das Theater in seiner höchsten Artistik als die Kunst, das Wahr-Nehmbare tatsächlich begreifen zu können, obwohl es ganz und gar jenseits der Welt der Waren und zivilisatorischen Glücksversprechen angesiedelt ist: Das selbst im „normalen Leben“ eines Samurai Unsichtbare bekommt plötzlich Kontur und Referenz.

Und als nach dem Ende der Aufführung - ein nochmaliges Auftreten des Ensembles zur Entgegennahme des Applauses ist ihnen versagt - wenn die Versatzstücke der Bühne in wenigen tatkräftigen Aktionen Stück für Stück auseinandergenommen werden, bleibt doch etwas von dem, was die Bühne in dieser Stunde zu vermitteln in der Lage war – jenseits all dieser Versatzstücke und der in ihnen interagierenden Schauspieler, Sänger, Musiker und Helfer – erhalten.


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Nō wirkt.
Nō wirkt nach und nach.
Nō wirkt nach.