... noch lange nicht angekommen

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 12 Uhr 56 Minuten

 

Die bereits am 2. Dezember 2010 vorgestellte Studie „Die digitale Gesellschaft – sechs Nutzertypen im Vergleich“ der Initiative D21 brachte es - einmal mehr - an der Tag: 63 Prozent der Deutschen sind noch nicht oder nur "wenig souverän im Umgang mit der digitalen Technik und ihren Medien“.

Dass dabei die Tendenz "insgesamt positiv" sei, führt zu der Aussage des Herrn Staatssekretärs Hans-Joachim Otto " dass unsere [die des BMWi - WS.] Aktivitäten zur Erhöhung der Internet-Kompetenz in der Gesellschaft greifen, aber noch viel Arbeit vor uns liegt“.

Die Herausgeber der Studie, die Initiative D21, sagt es noch weitaus deutlicher und behauptet, die Digitale Gesellschaft lasse weiter auf sich warten.

Am besten, Sie schauen selbst einmal herein in „Digitale Gesellschaft in Deutschland – Sechs Nutzertypen im Vergleich“

PDF - 2.2 MB
Digitale Gesellschaft Deutschland 2010

Hans-Joachim Otto sorgt sich vor allem um die sogenannten „Digitalen Außenseiter“ und die „Gelegenheitsnutzern“. Hier solle es "Ermutigung, Begleitung und Anleitung geben, damit sie das Medium Internet optimal für sich nutzen können. Dies haben wir auch als festen Bestandteil in der IKT-Strategie der Bundesregierung „Deutschland Digital 2015“ verankert.“

Dieser Blick auf die Nutzung und die Nutzergruppen macht klar, dass die Bereitstellung von Netzkapazität und Bandbreite allein nicht ausreichen wird, um die evidenten Wettbewerbsnachteile der deutschen Volkswirtschaft zu kompensieren oder gar zu beseitigen.

Und wenn D21-Gesamtvorstandsmitglied und Geschäftsführer der Wolters Kluwer Deutschland GmbH, Dr. Ulrich Hermann, die Herausforderungen besonders im Bildungssystem sieht und sagt: „Eine moderne Volkswirtschaft benötigt eine Bevölkerung auf hohem Bildungsniveau. Dabei ist die digitale Kompetenz von gleicher Bedeutung wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Denn ohne Internet ist heute kaum noch ein Entwicklungs- und Forschungsprojekt umsetzbar. Das Bildungssystem steht hier in der Verantwortung, allen Bevölkerungsschichten maßgeschneiderte Angebote bereitzustellen und die digitalen Medien als selbstverständliches Lernwerkzeug in die Wissensvermittlung zu integrieren“ dann ist damit immer noch nicht erklärt, warum heute mehr und mehr die "10-Finger-Schreiber" von der "2-Daumen-Schreiber" Generation abgelöst werden...

Will sagen, allein die Nutzung von Diensten wie Youtube oder Facebook allein gibt überhaupt noch keine qualifizierte Orientierung über das wirkliche Verhalten und wie wirklichen Kompetenzen jener, die in dieser Studien so gerne als die "Digitalen Souveräne" gekennzeichnet werden.

Die weitgehende Nutzung von Kommunikationsangeboten im Netz sagt noch gar nichts darüber aus, wie "souverän" der Nutzer dadurch eingeschätzt werden kann.

In sofern enthüllt die Studie ein doppeltes Dilemma: das, worüber sie spricht - und das, wie sie "darüber" spricht. Mit der Digitalisierung allein wir allenfalls ein Anschluss an die Zukunft erreicht, aber noch lange nicht die Bewältigung der neuen Aufgaben und Herausforderungen, die sich nunmehr stellen werden.

Die nur auf den ersten Blick "verrückte" Frage: "was kommt eigentlich nach der Digitalisierung" wird immer drängender. Und - wenn man sie einmal verstanden haben wird - könnte es sein, dass die Antwort schon ein "Heulen und Zähneklappern" sein wird.

Um es auch an dieser Stelle nochmals deutlich zu sagen: Hier geht es nicht darum, die bislang geleistete Arbeit diskreditieren oder in ihrer Bedeutung schmälern zu wollen. Hier geht es vielmehr darum, darauf aufmerksam zu machen, dass wir dabei sind, einmal mehr über eine jener Technologiefallen zu stolpern, von der immer so gerne benauptet wird, dass wír sie längst überwunden hätten.

Ja, man habe doch dazu gelernt, so heisst es, dass es nicht mehr nur um die Technologie und deren Fortschritte an sich gehe sondern um den Menschen, um den Nutze, der für ihn "gestiftet" würde.

Und während wir diese Erkenntnis allerorten als Fortschritt verkündet wird, ist zugleich ununterbrochen davon die Rede, dass wir vor allem ein Mehr an Hochleistungstechnologie im Netz brauchen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Das stimmt, aber das ist eben nur die eine Seite dieser Medaille - auf deren anderer dunklen Seite jene Faktoren verborgen sind, die von viel nachhaltigerer Wirkkraft sein werden: eine Impertinenz der Neugier etwa, oder der Wunsch "Das Digitale" als sinnfällig und sinnstiftend erleben zu wollen, oder die Einsicht, gewonnenes Vertrauen nicht durch kurzfristigen Niessnutz an die "Netzgeier" verspielen zu dürfen, oder die Bereitschaft, jenseits von ad-hoc-Meldungen und -Entscheidungen Zeit-Räume und über die Aktualität hinaus gültige Kompetenzen zu erschliessen, oder, oder, oder...

Wer die Chance hat, sich wirklich einmal ausführlicher in den Gefilden jener sogenannter "Digital Souveräne" aufzuhalten und dort als Kommunikationspartner und Leistungsträger akzeptiert zu werden wird auf Wertvorstellund und Paramerter für das eigene Denken und Handeln stossen, bei denen mehr und mehr auf Tugenden Wert gelegt wird, die anscheinend mit der Digitalisierung der Welt längst über Bord gegangen sind.

Die Wahrheit, so die Forderung, solle wieder "zum Anfassen" sein.
Oder: Die Technik "ein Spiel"-Zeug: um durch sie besser den Ernst des Lebens erfahren und erfassen zu können.

Menschen, die in den Computerspielen ständig wieder auferstehen, werden irgendwann ebenso ihre Glaubwürdigkeit verlieren, wie Autos, denen man auch nach noch so schweren Unfällen den Schaden nicht ansehen kann.

Die Behauptung, "unkaputtbar" zu sein, wurde noch von der Coca-Cola-Company schon zu analogen Zeiten auf Plakatwänden als USP [1] propagiert - und erfüllt.

In der digitalen Welt, in der all diese - also Alles - möglich werden kann, kann zugleich nichts mehr so gewichtet werden wie in der Alten: Die Schwerelosigkeit des Avatars mit dem man sich fliegend durch Zeit und Raum bewegen kann, ist einhundertprozentige Wunscherfüllung und weckt zugleich die Sehnsucht, sich wieder etwas wünschen zu könnnen.

Wie sagte doch der neue D21-Präsident Hannes Schwaderer zu Beginn des Jahres 2009 mit Bezug auf die Bewältigung der Aufgaben seiner neuen Agenda:
"Es ist so, als ob wir versuchen würden unser Ziel ohne Wegweiser oder Navigationssystem zu erreichen.“ [2]

Anmerkungen

[1USP = Unique Selling Proposition

[2Der vollständige letzte Absatz seiner Erklärung lautet: "Das Medien-Nutzungsverhalten hat sich in den letzten Jahren durch den Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) mit einer unglaublichen Geschwindigkeit positiv gewandelt. Was wir aber bis heute noch nicht ausreichend reflektiert haben, ist die Tatsache, dass wir diesen Prozess zwar tagtäglich erleben, aber die tief greifenden Veränderungen nicht vollständig erfassen."


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