Leonard Cohen in Concert

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 12 Uhr 27 Minuten

 

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L ove and Hate, Songs of - heute Live in Stuttgart.

E inzigartig - und doch nicht allein. Als der Sänger die Bühne betritt, sind alle seine Musiker schon da. Sie sind alle schon eingestimmt. Alle Regler sind gesetzt. Alle Regeln sind gesetzt. Alle Register sind gezogen. Kein Stimmen der Instrumente mehr. Der Abend beginnt mit dem ersten Takt. So, als wenn eine Platte aufgelegt worden wäre, oder eine CD zum Spielen gebracht. Aber Live.

O hhh… es bleibt keine Zeit, warm zu werden mit den Musikern. Es ist noch keine Minute vergangen und das offene Staunen macht sich auf den Weg durch den eigenen Körper. Das, was körperlos zu uns herüberkommt, all die Wellen aus Ton und Licht, finden eine Resonanz, die wunderbar ist. Klug kalkuliert und dennoch nicht kalt gespielt. Klug inszeniert und doch inmitten der Freiheit des Profis ausgelebt. Zurückhaltend vorgetragen und doch die Barrieren falschen Schams und jeglicher Diskretion ausser Acht lassend.

N ever say no. Die Lieder berichten über all das Erleben das geschieht, wenn man im Leben „Ja“ gesagt hat. Von Traurigkeit - keine Spur. Keine Spur auch von Reue, oder Zorn. Und doch geben diese Gesänge die Kraft, auf das Vergangene zurücksehen zu können, auch aus den verlorenen Momenten des Lebens einen Gewinn zu ziehen. Ganz ohne Eitelkeit und Selbstbetrug.

H [1]

A lter. Alles kann an diesem Abend in Frage gestellt werden, aber nicht der Sieg des Menschen über sein Alter. Dieser Erfolg ist kein Pyrrhus-Sieg. Er ist alles als ein vermessener Sieg. Es ist alles andere als die Missachtung der Spuren des Lebens und der Endlichkeit der Existenz. Dieser Erfolg ergibt sich aus der Mit-Teilung eines ganzen Lebens. Im vollem Bewusstsein um seine Vorläufigkeit und in der vorläufigen Annahme, dass einem immer noch ein neuer Tag geschenkt werden möge.

R eden kann der Mann auch. Er setzt seine Stimme so und so bewusst ein, dass es manchmal so klingt, ab ob es fast egal sei, was er sagen würde, so sehr nimmt einen sein Timbre, sein Vibrieren der Vokale gefangen: Selbst dann, wenn der von die Freiheit der Menschen preist, die sich die Freiheit nehmen, in Stuttgart auf die Strasse zu gehen und die Bäume zu besetzen, die ihm Rahmen des Umbaus des Bahnhof in einen der modernsten Europas, „ja der Welt“ (so der Bahnchef), gefällt werden sollen.

D o, Re, Mi, … in all den Liedern dieses Abend gibt es keinen einzigen Totalitätssprung. Damit ist das oft übliche Mittel gemeint, einen bestimmten Teil des Songs dadurch eine besondere Spannung zu verleihen, in dem man ihn in einer benachbarten Tonlage als Wiederholung zum Besten gibt. Auch Cohens Musik – die meisten der Songs dieses Abends sind von oder mit ihm komponiert worden – lebt von Wiederholungen. Aber wann immer er diese einsetzt, setzt er damit nicht nur sein Gemüt in Szene sondern vertreibt all jene Gemütlichkeit jenes schnell einmal darüber Hinweghörens. Seine Wiederholungen, die Refrains sind Aufforderungen zum Denken. Und auch das funktioniert, inmitten all dieser Musik.

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C ohen. Wo kommt dieser Name her, wo geht dieser Mann hin? All dass nachzufragen oder gar nachzuforschen ist im persönlichen Angesicht seiner Selbst-Darstellung an diesem Abend nicht wichtig. Aber es gibt ein flash-back an eine der letzten Israel-Reisen. Dort waren zwei der zunächst avisierten Gesprächspartner nach der Anreise aus Berlin vor Ort nicht anzutreffen. Der Grund: Sie hatten noch Tickets für das Cohen-Konzert in Berlin bekommen und sich kurzfristig ins Flugzeug nach Deutschland gesetzt, um aus diesem Anlass dann Cohen live in Concert erleben zu können.

O hhh… Alles an diesem Abend stimmt, ist stimmig. Jeder Ton macht die Musik. Die Musiker sind zu loben in den höchsten Tönen. Im Leonard Cohen Ensemble ist – jeder für sich – ein Könner. Sie alle wissen, dass sich ohne ihn nicht das spielen würden, was sie an diesem Abend auf der Bühne vortragen. Ist es auch Spiel, so ist es doch das Beste, was sie zu geben bemüht sieht. Immer wieder das Gleiche und doch immer wieder gleich neu. Sie wiederholen spielend, was viele von uns oft schon mehr als einmal gehört haben. Und doch ist das, was wir hören und sehen so neu, als wenn es uns zum ersten Male erreichen würde. Die Erinnerung verblasst vor der Einmaligkeit des Unmittelbaren, mit dem uns die Bühnen-Musiker erreichen: routiniert und wie „runderneuert“ zugleich.

H eimat? Kann die Musik eine Heimat sein? Wenn wir am Ende des Konzertes die Halle wieder verlassen und jeder seinen eigenen Weg geht, haben wir dennoch einen Moment lang ein Schicksal geteilt, das nicht das unsere war. Ohne Prätention, ohne jegliche Usurpation oder Okkupation. Wir haben an dem Erleben eines Menschen teilgehabt, das wir als Erlebnis konsumieren und zugleich als eine Mitgift haben versehen können, unsere eigen Heimat nicht mehr so absolut zu nehmen. „Ein Lied geht im die Welt?“ Cohen geht mit seinen Liedern um die Welt. Und öffnet sie uns jenseits von jeder Heimat, die wir jeweils für uns in Anspruch zu nehmen wünschten.

E nergie. Die Musik ist getragen, aber nie elegisch. Die Lieder klingen sanft, aber sind alles andere als zart besaitet. Die Musiker spielen mit hoher Disziplin und nehmen sich doch die Freiheit, sie selbst zu sein. Jeder hört auf die Lieder von Cohen und doch sind die back-up-vocals eigenständige Stimmen. Jedes der Lieder signalisiert einen Dammbruch, der dann aber nie stattfindet. Aber die Energie bleibt nicht aufgestaut: Sie spricht uns alle an, einen ganzen Abend lang, Mit jedem noch so all(t)bekannten Song. Immer wieder neu.

N ichts währet ewiglich. Wenn sich der Musiker von seinem Publikum nach mehreren Zugaben schlussendlich unwidersprochen mit „See you down the road“ verabschiedet, wissen wir alle, dass „down the road“ für jeden von uns ein anderer Weg sein wird. Und dass doch alle diese Wege hinabführen werden an die Böschung des Flusses Hades. Und wird von dort aus ins Nirvana übersetzt, der wird – im besten Falle – an einen Fährmann geraten sein, der auf seinem Weg über das Wasser noch eines jener Lieder auf den Lippen haben wird, die wir heute haben live hören können.

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Wer lieber eine "richtige" Besprechung des Konzerts mit dem 75jährigen Cohen lesen will, dem sei die Besprechung aus der Stuttgarter Zeitung von Michael Werner vom 2. Oktober 2010 anempfohlen.

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Oder auch von Wolfgang Nußbaumer aus der Schwäbischen Post vom 3. Oktober 2010.

Und wer nicht mit dabei war, der wisse, dass sich die Cohen Lieder nach wie vor auch einfach nur anhören lassen: So dokumentiert in Benoîte GROULTs 1988 erstmals bei Grasset in Paris veröffentlichten Roman "Les Vaisseux du Cœur", zuletzt in der deutschen Übersetzung von Irène Kun bei Knaur in Müchen erschienen unter dem Titel: "Salz auf unserer Haut" - S. 299:

Vorerst sitzen wir eng umschlungen auf dem Sofa und schauen in die Flammen, die uns freundlich zuzüngeln. Leonhard Cohens karge Stimme harmoniert mit unserer Gemütsverfassung und scheuert unsere Seele wund.

Anmerkungen

[1ard… Gewiss: Leonard Cohen, der Vorname wird ohne ein „h“, der Nachname mit einem „h“ geschrieben. Ausser auf der Lichttafel in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Da seht der Name „Leonhard Cohen“ angezeigt. Klar doch. Schliesslich können sich die Baden-Württemberger alles zu schreiben leisten – ausser das Hochdeutsche.


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